Ende des Schweigens - Sexueller Missbrauch bei den Zeugen Jehovas

Zeugen Jehovas - ein Paradies für Kinderschänder? Immer wieder hört man diesen Vorwurf, und genauso häufig betont die Sektenführung mit Verweis auf ihre Lehren, dass sie Kinderschänder in ihren Reihen nicht dulde.

Nach Auffassung der Zeugen Jehovas ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Tat eine schwere Sünde. Doch welche Unterstützung erfährt ein Kind der Zeugen Jehovas, wenn es vom Missbrauch berichtet? Welche Regeln müssen Zeugen Jehovas in einem solchen Fall beachten? Und welche Folgen haben diese? Ein Fernsehteam des WDR (Deutschland) ist im Februar 2003 diesen Fragen nachgegangen.

0’11 – 0’30 Off-Ton/O-Ton Teda

"Ich war acht, er war erwachsen, ein erwachsener Mann, ein Zeuge Jehovas, und wir sind hier von Tür zur Tür gegangen. Und dann ist er mit mir da oben hingegangen und hat sich dann eben bei mir sexuell vergriffen. Ich hab also nur noch Angst gehabt."

0’35 – 0’57 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Meine Familie gehört den Zeugen Jehovas an, und mein Vater hat mich über mehrere Jahre, von dem dritten Lebensjahr an, soweit kann ich mich erinnern, sexuell missbraucht. Mein Vater ist nicht zur Verantwortung gezogen worden. Er ist immer noch ein Zeuge Jehovas und ist immer noch angesehen."

1’00 – 1’ 21 Off-Ton Ruth

"Es war so, dass ich von meinem Vater über Jahre hinweg missbraucht und vergewaltigt worden bin. Es fing in einem Alter von neun Jahren an und ging bis ins Alter von 16, 17. Meine Mutter hat versucht, Hilfe über die Ältesten zu bekommen. Sie hat sie eingeschaltet. Es wurde nichts getan. Es wurde unter den Teppich gekehrt."

1’23 (Sprecherin:)

Die Männer, die Teda, Ewelina und Ruth missbrauchten waren Mitglieder der selben Religionsgemeinschaft: den Zeugen Jehovas. Sexueller Missbrauch – weltweit ein gesellschaftliches Problem. Doch der Umgang der Zeugen Jehovas damit ist einzigartig.

1’49 – 2’54 O-Ton Teda

„Ich musste von Tür zu Tür gehen wie auch andere Kinder als Zeugen Jehovas. Es war Pflicht. Und es war immer als Begleitperson ein Erwachsener, ob Frau oder Mann spielte keine Rolle. Und ich war mit einem erwachsenen Mann wurde ich dann eingeteilt. Und er tat auch alles, damit ich immer mit ihm mitgehe. Und dann fing es ganz harmlos an, dieser sexuelle Mißbrauch. Ich bekam also immer mehr Angst, weil es immer öfter und häufiger wurde und immer mehr und hab es dann irgendwann meiner Mutter erzählt, daß ich also mit ihm nicht mehr von Tür zu Tür gehen möchte. Und sie glaubte mir. Und dann wurde der Ältestenrat einberufen. Und meine Mutter und ich und dieser Mann, der sich also an mir verging, wie saßen denn, also so sind meine Erinnerungen noch, in einem kleinen Raum, und dann wurde darüber gesprochen, und er gab es auch zu. Und die Strafe für ihn war, daß er mit mir nicht mehr von Tür zu Tür gehen musste."

2’54 (Sprecherin:)

Drei Mal die Woche versammeln sich die Zeugen Jehovas im Königreichs-saal. Jede Versammlung wird von Männern, sogenannten Ältesten geleitet. Frauen sollen sich gemäß der Bibel unterordnen. Sie können kein Dienstamt erhalten. Konflikte und moralische Verfehlungen wie Kindesmissbrauch werden von den Ältesten intern, in eigenen Rechtskomitees verhandelt. Laienrichter ohne psychologische Schulung befragen Kinder und fällen Urteile.

3’23 (Sprecherin:)

„Gebt acht auf euch selbst und die ganze Herde" heißt das interne Lehrbuch für Älteste. Es besagt:

3’30 Zitat (Sprecher:)

„Gewisse Streitigkeiten zwischen Brüdern sollten nicht vor weltlichen Gerichten ausgetragen werden."

3’34 O-Ton Teda

Frage: „Ist je davon gesprochen worden, den Mann anzuzeigen?"

Antwort: „Nein nie, es wäre ja dann an die Öffentlichkeit gekommen."

3’43 (Sprecherin:)

Über den Missbrauch sollte auch in den eigenen Reihen Stillschweigen gewahrt werden.

3’50 – 4’45 O-Ton Teda

„Jeden Donnerstag und Sonntag hatten wir unsere Versammlung im Königreichssaal, so nennt sich das ja, und mußte diesem Mann die Hand immer geben. Und das war ja nicht nur Donnerstags und Sonntags, sondern wir haben uns auch Sonntags vormittags in einer kleinen Gruppe getroffen, und dann wurde dort immer eingeteilt. Und ihm war ja nicht mehr gestattet mit mir von Tür zur Tür, aber ich hab ihn jedesmal gesehen. Und meine Mutter hat diese Familie auch weiterhin besucht, und er hat es sogar zu Hause, bei sich selber versucht, indem er sagte: Tedachen, komm mal auf meinen Schoß! Oder wenn er uns zur Haustür brachte, abends im Dunkeln, hat er mich zurückgehalten, und in dem Alter von acht bis neun Jahren weiß man sich ja nicht zu wehren.

Frage: „Wie hätten die Ältesten reagieren sollen?"

Antwort: „Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Mensch bestraft wird."

4’47 (Sprecherin:)

Wachtturm und Erwachet – Werbebroschüren für Nichtmitglieder, Pflichtlektüre für die Zeugen Jehovas. In ihnen steht wie sich die Mitglieder zu verhalten haben. Die Richtlinien gelten weltweit einheitlich und werden von der Zentrale in den USA vorgegeben.

5’05 (Sprecherin:)

Die Zeugen glauben, dass wir in der Endzeit leben, Harmagedon, der Weltuntergang kurz bevor steht. Nur wer sich streng an die biblischen Regeln halte, sei ein guter Zeuge, werde nicht vernichtet, komme ins Paradies.

5’26 (Sprecherin:)

Ewelina ist achtzehn und Zeugin Jehovas, wuchs in diesem Glauben auf. Ihr Vater zerstörte ihre Kindheit.

5’35 – 6‘16 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Ich habe als kleines Kind öfters mit meinem Vater im Bett geschlafen, und mein Vater hat mich sexuell mißbraucht. Er hat mir Alkohol verabreicht. Der Mißbrauch hat stattgefunden seit dem dritten Lebensjahr, soweit kann ich mich jedenfalls noch erinnern. Und mit dem achten Lebensjahr sind wir dann umgezogen. Ich habe dann meiner Mutter nach einer Zeit erzählt, was er mit mir gemacht hat. Meine Mutter war schockiert und hat mir auch in diesem Moment geglaubt. Meine Mutter hat sich an die Ältesten gewandt, die haben es nicht geglaubt, und sie haben gefordert, daß wir schweigen, daß meine Mutter nicht vor Gericht geht, keine Anzeige, keine Öffentlichkeit mit einbeziehen, und das meine Mutter vergibt, und zwar für Gott"

6’18 (Sprecherin:)

Ewelinas Mutter stand ihrer Tochter immer zur Seite. Sie kämpfte innerhalb der Organisation, wollte nicht schweigen. Doch den eigenen Mann anzeigen? Vor der Kamera will sie dazu nichts sagen. Als sie erfuhr, dass auch ihre andere Tochter missbraucht worden war, wandte sie sich nicht an die Polizei, sondern an die Ältesten. Auch Ewelina suchte dort Unterstützung.

6’40 – 7’21 O-Ton Ewelina

„Die Ältesten sind die Ansprechpartner, denen man vertraut. Man geht zu den Ältesten, wenn man ein Problem hat, man wendet sich an die Ältesten bei jeglichen Problemen. Sie sind die Personen, die eigentlich über die Herde, sagen wir mal, die eigentlich die Herde hüten gemäß der Bibel, die die Aufsicht haben und denen man vertrauen kann, und man die Sicherheit hat, daß diese Person, also in dem Moment Ältesten helfen werden, dieses Probleme zu lösen, und einen unterstützen werden. Und deshalb geht man zu den Ältesten und wendet sich nicht, ja, an die Außenwelt, ja, an Beratungsstellen."

7’22- 7’25

Frage: „Was hast du damals von Ältesten erwartet?"

7’26 – 7‘55 O-Ton Ewelina

„Ich habe erwartet, daß die Ältesten erst mal meiner Schwester und mir glauben, daß sie uns unterstützen und weiterhelfen, indem sie uns den Rat geben, uns an eine Beratungsstelle zu wenden, eine Therapie zu machen oder eine Anzeige zu machen. Ich hab mir erhofft, daß sie den Täter ausschließen, in dem Fall meinen Vater, damit auch andere Kinder geschützt werden. Aber kein Punkt wurde erfüllt."

7’58 (Sprecherin:)

Ewelina hielt den Druck nicht mehr aus. Zufällig erfährt sie von silentlambs, einer amerikanischen Organisation, die sich für Missbrauchsopfer bei den Zeugen Jehovas engagiert. Über Internet nimmt sie Kontakt mit Bill Bowen auf, dem Gründer von silentlambs.

8’16 – 8‘40 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Mir ging es die letzten Monate sehr schlecht, innerlich ging’s mir sehr schlecht, so daß ich eigentlich nur von Tag zu Tag vegetiert habe. Ich habe gesagt: So nur noch ein Tag, und dann schaust du, vielleicht wachst du ja nie mehr auf. Und leider ist es nicht eingetroffen, so wie ich es mir in diesem Moment erwünscht hätte. Und das ist auch so gut."

8’43 (Sprecherin:)

Der Kontakt mit silentlambs wird für Ewelina zur Wende in ihrem Leben. Zum ersten Mal traut sie sich, einem Außenstehenden vom Missbrauch zu berichten.

8’56 – 9’15 O-Ton Ewelina

„Als ich dann mit Bill gesprochen habe, er hat mir gesagt, diese drei Wörter: „Ich glaube dir!" Das hat mir noch nie jemand gesagt davor, mindestens nicht in diesem Stil, und das hat mich so glücklich gemacht, das hat mich wirklich glücklich gemacht, weil ich wusste, er glaubt mir."

9’21 (Sprecherin:)

Dieser Mann gab Ewelina wieder neuen Mut: Bill Bowen – 45 Jahre Zeuge Jehovas. Im September 2002 organisierte er einen Protestmarsch nach Brooklyn, zur weltweiten Zentrale der Wachtturm-Organisation. Einhundertzwanzig Zeugen brachen ihr Schweigen und forderten von der Organisation künftig mit dem Missbrauch in den eigenen Reihen offen umzugehen.

9’46 – 10’00 O-Ton betroffene Frau auf Demo silentlambs

9’47 (Sprecherin:) over voice

„Zu erfahren, dass es noch so viele andere Betroffene gibt, ermutigt uns an die Öffentlichkeit zu gehen, um so auch anderen Kindern zu helfen."

10’01 (Sprecherin:)

Bill Bowen will das Schweigen brechen. Er wurde deshalb aus der Organisation ausgeschlossen.

10’06 – 10’54 O-Ton Bill Bowen

10’10 (Sprecher:) over voice

„Im Jahr 2000 stieß ich in meiner Versammlung auf ein Problem: Ein befreundeter Ältester wurde des Kindesmißbrauchs verdächtigt. Ich wandte mich zehn Monate lang immer wieder an die Wachtturm-Organisation. Es stellte sich heraus, dass er früher bereits ein Kind missbraucht hatte. Das gab er auch zu. Aber während wir untersuchten, machte er offensichtlich weiter, mißbrauchte er ein anderes Kind in der Versammlung.

Nach acht ergebnislosen Anrufen beim Zweigbüro wandte ich mich an die Rechtsabteilung der Zeugen Jehovas und informierte sie über diesen Verdacht. Mir wurde gesagt, ich solle die Sache Jehova überlassen, solle den Bruder fragen, ob er es getan habe, und wenn er es abstreite, die Sache auf sich beruhen lassen."

10’58 (Sprecherin:)

Ewelinas Wunsch geht in Erfüllung. Bill Bowen kommt nach Deutschland, will sich für sie und andere Opfer einsetzen.

11’07 – 11’19 O-Ton Ewelina

„Also, ich fühle mich schon ein bißchen komisch ehrlich gesagt, ich bin schon aufgeregt, weil ich Bill sehr viel zu verdanken habe und weil ich mich sehr freue, daß er da ist, einfach, daß er mich unterstützen kann in dieser Zeit."

11’20 (Sprecherin:)

Zwanzig Jahre lang war Bill Bowen angesehener Ältester in den USA,

hatte tiefe Einblicke in die Organisation. Das Lamm – Symbol seiner Protestbewegung. Jetzt will er auch in Deutschland Zeugen Jehovas Mut machen nicht länger zu schweigen.

11’45 (Sprecherin:)

Bill Bowen ermutigt Ewelina von ihren schlimmen Erfahrungen zu berichten. Damit helfe sie anderen Kindern. Sie beschließen, sich an die deutsche Zentrale der Zeugen Jehovas zu wenden. Am nächsten Tag wollen sie nach Selters fahren.

12’02 (Sprecherin:)

Selters im Taunus - Sitz der Deutschland-Zentrale der Zeugen Jehovas.

Hier leben 1200 sogenannte Vollzeitdiener in einer ordensähnlichen Gemeinschaft. Vergreift sich ein Ältester an einem Kind, muss es hierher gemeldet werden. Wird man Ewelina und Bill Bowen hier empfangen?

12’20 (Sprecherin:)

Der erste Kontakt. Präsidiumssprecher Werner Rudtke ist bereit mit Bill Bowen zu sprechen.

12’26 O-Ton Bill Bowen

(Sprecher:) voice over

„Hallo, hier ist Bill Bowen aus Amerika. Ich vertrete die Organisation silentlambs. Wir unterstützen Opfer von Kindesmißbrauch."

12’37 (Sprecherin:)

Das Gespräch wird weitergeleitet. Ein anderer Mitarbeiter der Zeugen Jehovas soll Auskunft geben. In Deutschland gäbe es solche Fälle kaum, heißt es. Es sei ein amerikanisches Problem, Er solle sich an die amerikanische Zentrale der Zeugen Jehovas wenden. Damit endet das Gespräch.

12’59 (Sprecherin)

Werner Rudtke, einer der höchsten in der Hierarchie der Zeugen Jehovas, ist zunächst bereit, mit Journalisten zu sprechen und gibt ein Interview. Er bestätigt, daß es Fälle von Kindesmißbrauch bei den Zeugen Jehovas gegeben hat. Später untersagt er die Ausstrahlung in diesem Film.

13’17 (Sprecherin:)

Wenn Zeugen Jehovas sexuellen Missbrauch bei den Ältesten melden, gibt es ein internes Verfahren. Aus dem Ältestenbuch:

Zitat (Sprecher:)

„Es muß zwei oder drei Augenzeugen geben, ... gibt es nur einen Zeugen, kann nichts unternommen werden."

13’22 – 14’02 O-Ton Ewelina

„Mir wurde als Kind nicht geglaubt aus dem Grund, erstens das Alter, ich war ziemlich klein. Ich schien unglaubwürdig. Und zweitens, weil man bei Zeugen Jehovas eigentlich für solche Dinge zwei Zeugen braucht. Das bedeutet, um einen Missbrauch anzumelden oder Bescheid zu sagen braucht man zwei Zeugen zu einer Zeit. Und das war unmöglich, daß ich zwei Zeugen hatte, dass mein Vater mich sexuell mißbraucht haben soll."

14’03 – 14’53 O-Ton Bill Bowen

14’05 (Sprecher:) over voice

„Sie fragen den Täter, ob er es getan hat. Experten sagen, dass 90 Prozent der Missbraucher lügen. Doch die Führung der Glaubensgemeinschaft sagt, dass keine Anklage Bestand hat, wenn es nicht zwei Augenzeugen gibt.

Was passiert also, wenn der Täter es abstreitet? Dann wenden sie sich an das Kind, fragen, ob es Augenzeugen hat. Kinder haben keine Augenzeugen, wenn sie vergewaltigt werden. In 90 Prozent aller Fälle, die von der Wachtturm-Organisation untersucht werden, steht das Kind letztendlich als Lügner da."

14’54– 16’04 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Meine Mutter hat von Anfang an sich bemüht mit den Ältesten zu sprechen, sie hat Briefe geschrieben, sie hat ihre Kraft investiert, damit meiner Schwester und mir geglaubt wird und damit auch andere Kinder geschützt werden. Ihr wurde ständig gesagt, sie soll es zurückhalten, sie soll schweigen, sie soll eher mit ihrem Mann zusammen bleiben für den Gott, als von ihm weg gehen. Also, ihr wurde keinerlei Hilfe gegeben, ihr wurde nicht geglaubt, genauso wie mir nicht und meiner Schwester. Man hat gar keine Unterstützung bekommen. Es war eigentlich nur ein ständiger Kampf von meiner Mutters Seite aus, denn sie wurde eigentlich auch erpreßt, sie wurde gezwungen zum Schweigen. Und auch nicht ans Gericht zu gehen, auch nicht an die Öffentlichkeit. Ihr wurde klar gemacht, daß, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen wird, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wendet, daß sie gar keine Chance hat auch vor einem Gericht, weil die Zeugen Jehovas genug gute Anwälte haben, die den Fall vom Tisch räumen werden."

16’07 (Sprecherin)

Hier in Bayern, in einem kleinen Dorf in der Nähe von München lebt Ruth, eine ehemalige Zeugin Jehovas.

Sie wuchs in einer Zeugen Jehovas Familie auf. Wie ihre Schwestern wurde sie jahrelang vom Vater sexuell missbraucht.

16’25 – 17’45 Off-Ton/O-Ton Ruth

„Meine Mutter hat versucht, Hilfe über die Ältesten zu bekommen, sie hat sie eingeschaltet, wo das bekannt wurde, dass das meinen älteren Schwestern das auch widerfahren ist. Und die Ältesten kamen dann auch zu einem Gespräch. Und dann wurde mein Vater nur gefragt, ob er bereut, meine Mutter wurde gefragt: Verzeihst du ihm? Ja, und das war’s im Grunde genommen. Es kamen keine weiteren Schritte. Also war es ihm dann möglich, sein Unwesen in der Familie weiter zu treiben, d.h. er ist immer einen Schritt weiter gegangen und hat letztendlich dann auch mich mißbraucht und vergewaltigt und dann halt bei meiner kleinen Schwester es auch probiert."

"Warum wurde nicht die Polizei eingeschaltet?"

„Ja, es ist ja immer so, das gesagt wird, das man keinen Schmach auf Gottes Namen und die Organisation Gottes bringen sollte. Und das wäre natürlich voll Schmach gewesen, grad zur damaligen Zeit auch. Und das war auch Hauptgrund, daß niemand eingeschaltet wurde, weil, dann wäre ja dieser Schein der da herrscht, daß so was nicht vorkommt bei ihnen, in diesen Reihen, die haben ja so was nicht, das wird ja auch in ihren Zeitschriften, Publikationen auch immer erwähnt, daß das in der Welt so der Fall ist, die so entartet ist. Die tun das ja ganz weit von sich weisen, dass in ihren Reihen überhaupt auch passiert."

17’57 (Sprecherin:)

Die Gefahr kommt immer von außen – so wird es vermittelt. Das sie auch ein Teil dieser Welt sind, passt nicht in die Lehre vom auserwählten Volk.

18’09 Zitat aus „Erwachet" (Sprecher:)

„Die sexuelle Belästigung von Kindern ist eine häßliche Realität in unserer kranken Welt."

18’16 (Sprecherin:)

In München lebt Paul Kuberek. 45 Jahre lang Zeuge Jehovas. Mehr als zwanzig Jahre ein angesehener Ältester. Er kennt den internen Umgang mit dem Missbrauch und die Haltung der Wachtturm-Organisation.

18’33 – 19’22 O-Ton Paul Kuberek

„Ich kenn‘ einige Fälle, ich war als Ältester damit auch betraut und hab‘ versucht zu helfen. Die Organisation selber möchte das vertuschen und möchte möglichst, das nicht nach außen geht. Es soll keine Anzeige gemacht werden. Da gab es einmal bei einer Ältesten-Schulung einen Vortrag, der kam dann eine Zeitlang später als offizielles Schreiben an die Ältesten. Es ist auch eins der Schreiben, das nur die Ältesten bekommen haben, wo also klar gesagt wurde, daß wir möglichst keine Anzeige machen, das wir, wenn so etwas passiert, versuchen, demjenigen zu helfen, das er sogar eventuell sein Dienstamt als Ältester behalten könnte, wenn das passiert. Das ist dann später abgeschwächt worden."

Frage: „Wird denn der, der seine Kinder sexuell mißbraucht, nicht automatisch ausgeschlossen?"

Antwort: „Nein, wenn er bereut nicht."

19’26 (Sprecherin:)

Einige Frauen fanden den Mut, in diesem Film über ihre schmerzhaften Erfahrungen zu berichten. Andere bestätigten diese Aussagen, waren aber noch nicht bereit, vor die Kamera zu gehen – aus Angst von den Zeugen Jehovas ausgeschlossen zu werden. Für viele ist das Internet eine Möglichkeit zum ersten Mal anonym über ihre Erfahrungen zu berichten, den Mißbrauch auszusprechen, Trost und Unterstützung zu finden. Die Zahlen sind erschreckend. Betroffene aus aller Welt meldeten sich bisher bei silentlambs.

20’01 O-Ton Bill Bowen

20’04 (Sprecher:) voice over

„Silentlambs weiß von 60 bis 70 Missbrauchsfällen in Deutschland. Das scheint zunächst keine hohe Zahl zu sein. Aber die Zahl ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das Thema hier noch nicht in den Schlagzeilen war. Deshalb glaube ich, das Problem existiert auch hier."

20’31 (Sprecherin:) voice over

"Was ist anders als in Amerika?"

20’35 (Sprecher:) voice over

„Nun, der Umgang damit ist genau der gleiche wie in Deutschland. Sie setzen das Opfer unter Druck, indem sie zwei Augenzeugen fordern. Sie schützen den Missbraucher, indem sie dem Opfer und den Angehörigen nicht erlauben, andere Mitglieder über den Missbrauch zu informieren.

Wenn du zur Polizei gehst, stellt sich meistens die ganze Versammlung gegen dich, weil der Missbrauch für sie nicht bewiesen ist. Das hat Methode. Es gibt Tausende solcher Geschichten auf meiner Website. Mehr als 5000 Betroffene haben sich an mich gewandt und mir erzählt, dass sie von Zeugen Jehovas sexuell belästigt worden sind."

21’19 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Ich kenne sehr viele Missbrauchsfälle bei den Zeugen Jehovas, sehr junge Personen auch, mit einigen hab ich Kontakt, von anderen hab ich nur gehört. Es sind so viele Fälle, wo ich mir sage, das haut mich einfach um. Weil ich mir sage, wenn ich die Einzige gewesen wäre, wäre mir mein Leben egal. Mir wäre in diesem Moment egal, ob ich das sage oder ob ich irgendwann dann damit gar nicht mehr klar komme, daß ich ne andere Lösung finde und gar nicht mehr da bin. Aber weil mich das schockiert hat wie vielen Menschen es passiert ist und immer noch passiert. Kindern! Ich kenne Kinder, die sind zwei Jahre, andere sieben, das andere Mädchen ist um die fünfzehn und die werden mißbraucht, und die Ältesten, die Versammlung weiß es, und da wird nichts unternommen."

22’09 (Sprecherin:)

Dass es solche Fälle gibt, bestreiten die Zeugen Jehovas. In einer allgemeinen Stellungnahme vom Sommer 2002 heißt es:

Zitat (Sprecher:)

„Die Unterstellung, unsere Vorgehensweise sei dem Problem des Kindesmißbrauchs nicht angemessen, ist uns bekannt. Dieser Vorwurf trifft jedoch absolut nicht zu."

22’31 Zitat (Sprecher:)

„Jeder in verantwortungsvoller Stellung, der sich des Kindesmissbrauchs schuldig macht, wird unweigerlich seiner Verantwortlichkeiten enthoben."

22’40 Zitat (Sprecher:)

„Falls ein Beschuldigter nicht bereut ..., und er nicht fest entschlossen ist, ein solches Verhalten künftig zu unterlassen..., wird ihm der Verbleib in der Christenversammlung nicht gestattet."

22’51 O-Ton Ewelina

„Es reicht nicht nur, jemanden auszuschließen, denn der Mißbrauch findet weiter statt. Und wer kann das verantworten, von denen die schweigen? Wenn man schweigt, macht man sich auch mitschuldig"

23’04 (Sprecherin:)

Aus der Stellungnahme der Zeugen Jehovas:

Zitat (Sprecher:)

„Unter den Religionsgemeinschaften sucht die konsequente Vorgehensweise von Jehovas Zeugen in Fällen von Kindesmissbrauch ihresgleichen."

23’17 – 24’02 O-Ton Bill Bowen

24’05 (Sprecher:) over voice

„Wenn man das liest, fragt man sich, wo liegt das Problem? Aberdie Stellungnahme ist so formuliert, dass die Hauptprobleme im Umgang der Zeugen Jehovas mit dem Missbrauch verdeckt bleiben. Sie verschweigen viel. Sie reden nicht über die Art der internen Untersuchung durch die Ältesten, über die zwei Augen-Zeugen-Regelung.

Ich finde, diese Stellungnahme stimmt nicht mit ihrem tatsächlichen Umgang mit Kindesmissbrauch überein. Sie behaupten zwar, sie verabscheuten Kindesmissbrauch, sie tolerierten so etwas nicht innerhalb des Organisation. Aber da man die Täter schützt und die Opfer zum Schweigen bringt, ist diese Stellungnahme eine Lüge."

24’07 (Sprecherin:)

Seit 1991 klagen die Zeugen Jehovas vor deutschen Gerichten auf Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts. Sie pochen auf Gleichstellung mit den Amtskirchen. Im Erfolgsfall könnten sie z.B. auch Kirchensteuer bekommen. Ein guter Ruf, ein positives Image sind ihnen gerade jetzt wichtig.

24’35 – 25’26 O-Ton Bill Bowen

24’43 (Sprecher) over voice

„Ich werde immer wieder gefragt: Sind Zeugen Jehovas schlechter als andere Religionsgemeinschaften? Die Antwort ist: Ja! Die Amtskirchen führen keine internen Untersuchungen durch und verlangen vom Kind Augenzeugen für die Belästigung. Sie führen keine geheimen Dateien, in denen sie Täter - auch vor der Polizei - verstecken. So etwas macht eine Religionsgemeinschaft nicht. Wenn du Katholik, Baptist oder Protestant bist und dein Kind missbraucht wird, würden die Verantwortlichen sagen: Zeig ihn an! Jehovas Zeugen machen das nicht. Sie sagen: Lass uns das erst mal untersuchen, sehen, was wir herausfinden. Wenn du nicht der Anweisung der Ältesten folgst, sondern Anzeige erstattest, stellt sich die ganze Versammlung gegen dich."

25‘27 O-Ton Ewelina

„Vor kurzem hat mir ein Ältester klar und ausdrücklich betont, dass ich darauf achten sollte, welche Vorwürfe ich gegen meinen Vater oder überhaupt in solch einer Angelegenheit vorbringe, da ich vor den weltlichen Gerichten wegen Verleumdung und Lügen zur Verantwortung gezogen werden könnte, aber auch innerhalb der Organisation der Zeugen Jehovas."

25’52 – 26’17 O-Ton Bill Bowen

26’55 (Sprecher:) over voice

„Das passiert in Deutschland, in Amerika, das ist weltweit die gleiche Politik, die verhindern soll, dass sexuelle Belästigung korrekt untersucht und bei den Behörden angezeigt wird. Ich kann betroffenen Eltern bei den Zeugen Jehovas nur den Rat geben: Wird euer Kind sexuell belästigt, geht nicht zu den Ältesten, geht direkt zur Polizei."

26’19 (Sprecherin:)

Ewelina hat sich dazu entschlossen, den Vater anzuzeigen. Es ist ihre eigene, freiwillige Entscheidung. Für sie ein weiterer Schritt auf dem Weg, das Schweigen zu brechen.

26’31 - 26’54 Off-Ton/O-Ton Ewelina

„Ich habe mich entschlossen, weil ich mir dessen bewußt bin, dass wenn ich schweige, ich kein reines Gewissen für mich haben kann, weil ich andere Kinder nicht schütze und indem ich darüber rede, versuche ich, den anderen klar zu machen in der Organisation der Zeugen Jehovas, daß es wichtig ist die Kinder zu schützen und über Missbrauch offen zu sprechen."

27’56 (Sprecherin:)

In den USA wurden Missbrauchsopfer aus der Organisation ausgeschlossen, weil sie den Mut hatten, vorGericht zu gehen. Ewelina glaubt weiterhin an Jehova, will Zeugin bleiben. Den Glauben an die Ältesten und die Wachtturm-Organisation aber hat sie verloren.

27’16 (Texttafel)

Die Zeugen Jehovas waren zu keiner Stellungnahme bereit.

Copyright by Gaby Fuest & Monika Schuck, WDR