Zeugen Jehovas berufen sich auf ihre Rechte

Älteste von Zeugen Jehovas berufen sich auf das Beichtgeheimnis, damit sie sich vor Gericht nicht dafür verantworten müssen, einen bekannten Pädophilen jahrelang gedeckt zu haben.

Das beweisen zahlreiche Fälle auf der ganzen Welt, wie der eines jungen Zeugen Jehovas, der gegen einen Ältesten vor Gericht zog und die Sektenführung der unterlassenen Hilfeleistung anklagte.

Religiöse Gruppe beruft sich in einem Fall von sexuellem Missbrauch auf ihre Rechte

Jehovas Zeugen berufen sich in ihrer Verteidigung zu einer Klage, die die Kirche für sexuellen Missbrauch durch ein Mitglied verantwortlich macht, auf ihr verfassungsmäßiges Recht.

Von Steven G. Vegh

Die Klage, die Bryan Rees beim Cumberland County Superior Court einreichte, fordert Schadensersatz in nicht genannter Höhe für sexuellen Missbrauch, den er, so Reed, zwischen 1989 und 1992 erlitt. Sie nennt Larry Baker als den Mann, der ihn missbrauchte. Die Klage nennt auch die Religionsgemeinschaft, formell Watchtower Bible and Tract Society of New York Inc., Alan Ayers, Stiefvater von Rees und Kirchenführer, und Patrick LaBreck und Robert Wells, die, sagt Rees, Leiter in seiner Versammlung waren.

Rees behauptet, die Leiter der Kirche in Augusta, in die er als Teenager ging, hätten gewusst, dass Baker früher schon ein Kind belästigt hatte, hätten die Kirchenmitglieder aber nicht gewarnt oder Baker ausgeschlossen. Durch dieses Versäumnis sei Rees der Gefahr des Missbrauchs ausgesetzt gewesen, so die Klage. Rees ist heute 23 Jahre alt und lebt in Portland.

Der erste Verfassungszusatz enthält mehrere Schutzklauseln, von denen eine den Kongress daran hindert, die freie Religionsausübung zu verbieten. Die Art und Weise, in der die Wachtturm-Gesellschaft ihre Führer auswählt und Kirchenmitglieder bestraft, ist Teil ihrer Religionsausübung, sagt Bruce Mallonee, der Anwalt, der Wells, LaBreck und die Gesellschaft vertritt. „Wenn verlangt werden kann, dass sie zum Prozess erscheinen und ihre Handlungsweise verteidigen ... werden sie ihre Entscheidungen nicht auf das gründen müssen, was ihre Gebete und die Bibel ihnen sagen, sondern auf das, was sie denken, dass die Jury von ihnen verlangen würde“, sagte Mallonee. Mallonee hat bei Gericht den Antrag gestellt, die Klage abzuweisen. Eine Entscheidung über diesen Antrag wird für den Sommer erwartet.

Rees’ Anwalt sagt, dass Kirchen und Kirchenführer für die Fehler der Führer verantwortlich gemacht werden sollten. „Der Gedanke widert einen an, dass ihr Interesse, wie sie die eigenen Leute beherrschen, in irgendeiner Weise höher steht als das Interesse des Staates und unser eigenes Interesse, sicherzustellen, dass (Missbrauchsfälle) nicht vorkommen“, sagte Michael J. Waxman. Gemäß der Klage war Baker Wohnungsnachbar von Rees in Jefferson, Lincoln County, und Mitglied der Versammlung der Zeugen Jehovas, zu der die Familie Rees gehörte.

In der Klage heißt es, dass Ayers, Wells und LaBreck Älteste in der Versammlung waren und in einer Kirchenkommission dienten, die Baker vor 1989 bestrafte, weil er einen Jungen belästigt hatte. Die Kommission verbot Baker, Kontakt mit Kindern in der Kirche zu haben, und degradierte ihn von seiner Stellung als Ältester. In der Klage heißt es, man habe der Versammlung nichts über Bakers Handlungsweise erzählt, womit Rees der Gefahr des Missbrauchs ausgesetzt gewesen sei. Gemäß Rees begann Baker im Jahre 1989, ihn zu missbrauchen, und das ging so bis 1992. Die Klage besagt, in dieser Zeit habe Baker seinen Führungsposten als Ältester wiedererlangt.

Später berichtete Rees einem Therapeuten von dem Missbrauch, und der Fall ging an die Polizei. Baker wurde 1993 des gesetzwidrigen sexuellen Kontakts und Missbrauchs an einem Minderjährigen für schuldig befunden. Von Anwältin M. Michaela Murphy zugunsten von Baker eingereichte Stellungnahmen leugnen den Großteil der Beschuldigungen von Rees. Als wir am Montag mit Murphy Kontakt aufnahmen, war sie zu keiner Stellungnahme bereit.

Gemäß Waxman drückten sie die Zeugen Jehovas vor ihrer Verantwortung, Kinder zu schützen, als die Ältesten ihre Bestrafung von Baker vertraulich hielten. Doch Mallonee sagt, wenn der Fall vor Gericht komme, „dann bringt das das Gericht in die Lage, der Religionsgemeinschaft vorzuschreiben, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln habe.“

Rechtsanwälte sind unterschiedlicher Meinung, ob Kirchen in einem Fall wie diesem den Ersten Verfassungszusatz anführen können. „Zu sagen, dieser (Fall) solle abgewiesen werden ... weil sie eine Kirche und damit aufgrund des Ersten Verfassungszusatzes in einem Zivilprozess immun seien, ist ein eigenwilliges Argument“, sagte Cabanne Howard, die an der Rechtswissenschaftlichen Abteilung der Universität von Maine lehrt. Aber David Gregory, der ebenfalls zu der Fakultät gehört, sagte, die Sache falle wahrscheinlich unter den Grundsatz der Nichteinmischung in religiöse Angelegenheiten, indem Kirchen nicht nach gewöhnlichen Gesetzen zu behandeln seien.

Anwalt der Zeugen Jehovas vom Wachtturm-Zweig in Patterson, NY, schreibt eine Gegendarstellung:

LESERBRIEF, veröffentlicht am 23. Mai 1998, Seite: 8A ©1998 Guy Gannett Communications

Kirche hat keine Kontrolle über ihre Mitglieder

Es ist nicht üblich, dass ich außerhalb des Gerichtssaales einen Prozess führe, doch als Anwalt, der die Interessen der Zeugen Jehovas vertritt, muss ich auf die falschen Behauptungen erwidern, ein Ältester habe sexuellen Missbrauch verübt, wie aus Mr. Veighs Artikel vom 12. Mai hervorgeht. Jehovas Zeugen glauben, dass sie vor Gott die Verantwortung für den Schutz der Kinder in der Versammlung tragen. Die Wachtturm-Gesellschaft hat ihre offizielle Haltung im Wachtturm vom 1. Januar 1997 dargelegt: „Ein Mann, von dem bekannt ist, dass er ein Kind sexuell missbraucht hat, eignet sich nicht, eine verantwortungsvolle Stellung in der Versammlung zu bekleiden.“

Der Täter hatte zu keiner Zeit eine Führungsposition in der Kirche inne – nicht vor der Tat, nicht zur Zeit der Tat, nicht nach der Tat. Der Artikel vom 12. Mai irrt, wenn er sagt, er „habe seinen Führungsposten als Ältester wiedererlangt.“ Er war Wohnungsnachbar des Klägers und Gemeindemitglied. Der Kläger möchte die Kirche für Handlungen in Verantwortung nehmen, die im privaten Rahmen stattfanden, zwischen Nachbarn. Die persönlichen Handlungen von Kirchenmitgliedern liegen ganz eindeutig außerhalb der Kontrolle durch die Kirche. Der Anwalt des Klägers versucht, einer Kirche die Unantastbarkeit und die völlige Vertraulichkeit zu nehmen und sie für die Taten ihrer Mitglieder haftbar zu machen.

Wenn alle Fakten vorgelegt worden sind, vor dem gesetzlichen Richter und nicht vor dem Gericht der öffentlichen Meinung, wird deutlich werden, dass die Wachtturm-Gesellschaft und Kirchenälteste alles getan haben, was möglich ist, um den Kläger zu schützen.

Paul D. Polidoro, Patterson, N.Y.

Mann verliert bei dem Versuch, Jehovas Zeugen wegen sexuellen Missbrauchs zu verklagen

PORTLAND, Maine – Ein Mann aus Portland, der Jehovas Zeugen wegen sexuellen Missbrauchs durch ein Kirchenmitglied, den er als Teenager erlitt, verklagte, verlor im Wiederaufnahmeverfahren.

Von The Associated Press 21.10.1999

Bryan Rees, 24, erreichte die Verurteilung von Larry Baker, der sich schuldig bekannte, Rees sexuell missbraucht zu haben, aber Rees wollte auch drei Älteste der Kirche in Augusta sowie die Rechtskörperschaft der Religionsgemeinschaft gerichtlich belangen. Der Maine Supreme Court bestätigte am 18. Oktober in einstimmigem Urteil die Abweisung von Ansprüchen gegen die Kirchenführer und die Watchtower Bible and Tract Society of New York Inc. durch ein Untergericht.

Rees’ Anwalt sagt, die Entscheidung gebe den Kirchen praktisch Rechte, die Einzelpersonen oder Körperschaften nicht zugestanden werden. „Wenn wir jemanden sexuell belästigen, zieht man uns dafür zur Verantwortung. Wenn sie jemanden sexuell belästigen, können sie das Schild ‚Erster Verfassungszusatz’ hochhalten und man gewährt ihnen Immunität“, sagte Michael J. Waxman, der gelobte, vor dem U.S. Supreme Court Berufung einzulegen.

Bruce Malonee, Anwalt der Wachtturm-Gesellschaft aus Bangor, sagt, die Art, in der die Wachtturm-Gesellschaft ihre Leiter auswähle und Kirchenmitglieder bestrafe, sei Teil der von der Verfassung geschützten Religionsfreiheit. Er sagt, die Entscheidung erlaube Mitgliedern, religiöse Entscheidungen zu treffen, ohne sich sorgen zu müssen, dafür von einem weltlichen Gericht im Nachhinein kritisiert zu werden.

In seinem Prozess stritt Rees gegen Führer der Kirche in Augusta, in die er als Teenager ging. Sie hätten gewusst, dass Baker früher schon ein Kind belästigt hatte, hätten die Kirchenmitglieder aber nicht gewarnt oder Baker ausgeschlossen. Rees wurde als Teenager von 1989 bis 1992 sexuell missbraucht, während er in Jefferson, Lincoln County, direkt neben ihm wohnte. Baker, der wegen gesetzwidrigen sexuellen Kontaktes mit einem Minderjährigen und sexuellen Missbrauches eines Minderjährigen sechs Monate im Gefängnis saß, sagte in einer eidesstattlichen Erklärung, er habe etwa 30-mal sexuelle Handlungen mit Rees vorgenommen, so Waxman.

Rees musste schließlich nach den Taten, die begannen, als er 14 Jahre alt war, stationär in ein psychiatrisches Krankenhaus aufgenommen werden, sagte Waxman. Rees erstritt 1,2 Millionen Dollar gegen Baker, aber er erhielt keinen Schadensersatz, sagte der Anwalt. In der Klage von Rees wurden die Beschuldigten des Bruches ihrer Treuhänderpflicht, die sie ihm als Mitglied der Versammlung schuldeten, und der Herbeiführung seelischen Schadens bezichtigt. Er klagte auch gegen seinen Stiefvater, einen der Kirchenältesten, wegen Nachlässigkeit. Gemäß Anordnung des Hohen Gerichts degradierten die Ältesten Baker, tadelten ihn privat und verboten ihm zeitweilig, mit Minderjährigen Kontakt zu haben, nachdem sie Kenntnis von der ersten Episode erlangt hatten. Die Ältesten machten jedoch nicht die Versammlung auf die Episode aufmerksam, und später erlaubten sie ihm, wieder seine Tätigkeit als einfaches Mitglied der Kirche aufzunehmen.

Richter Leigh Saufley wies die Ansprüche wegen seelischen Schadens ab und schrieb dazu, die Kirche dafür verantwortlich zu machen, erfordere, sich in Dinge wie Erlösung und Vergebung zu vertiefen, „eine Untersuchung, die eine weltliche Nachforschung in Dingen erfordere, die vom Wesen her fast gänzlich kirchlich sind.“ „Staatliche Gerichte dürfen sich nicht in Dinge einmischen, die religiöse Lehren oder Organisationen betreffen“, schrieb Saufley.

Waxmann sagt, die Haltung des Staates in bezug auf Kirchen sei fast die konservativste im Lande. Er sagt auch, der gesunde Menschenverstand bedeute einem, dass die Kirche etwas hätte tun sollen, um Kinder vor Baker zu schützen. „Das Dogma der Kirche hätte ein vernünftiges und angemessenes Vorgehen nicht ausgeschlossen“, sagte Waxman.

Malonee sagte, seinen Klienten täte es leid, dass Rees zum Opfer wurde, doch sie glaubten, das Gericht habe die richtige Entscheidung getroffen.

Und Rees? Er sagt, er habe sein Leben in Ordnung gebracht, nachdem er nach dem sexuellen Missbrauch eine schwierige Periode durchgemacht hatte. Er habe jetzt eine Tochter und eine Arbeitsstelle als Sicherheitsbeamter. Er sagte, er glaube, die Justiz habe ihn mit ihrem Urteil enttäuscht, und er fügte hinzu, er habe die Nase von organisierter Religion voll. „Ich stimme mit Gouverneur Ventura überein, dass die Religion ein Schwindel für ungefestigte Menschen ist“, sagte er, und bezog sich damit auf neuere Bemerkungen des der Reform Party angehörenden Gouverneurs von Minnesota, die dieser in einem Interview mit dem Playboy gemacht hatte.

Quelle: Associated Press, 1998-1999