Oreste Wernli - aus künstlicher Welt in reale Freiheit

Ich wurde am 25. Februar 1958 in Frauenfeld als drittes und jüngstes Kind der Familie Wernli geboren. Meine Schwester ist sechs, mein Bruder fünf Jahre älter als ich.

Mutter stammt aus einer streng protestantischen Familie. Sie wuchs in einem kleinen Dorf in der russischen Republik Moldawien am Schwarzen Meer auf. Mein Vater erlebte seine Kindheit in Bukarest. Kurz nach dem Krieg heirateten die Eltern und flüchteten vor den heranrückenden Kommunisten in die Schweiz.

Dietikon 1961. Ich war drei Jahre alt. Erstmals besuchten uns Mitglieder der Zeugen Jehovas. Nach einem Bibelstudium traten meine Eltern dieser Gemeinschaft bei. Als kleiner, etwa 4jähriger Junge begleitete ich meinen Vater erstmals im Predigtdienst von Haus zu Haus und von Tür zu Tür. Dies war der Anfang meiner "Predigtdiensterfahrungen". Das Predigen war nie meine Sache, hatte ich doch oftmals Angst, etwa Schulkameraden zu begegnen, die mich beim "Missionieren" ertappten. Während des Dienstes in den Nachbarquartieren war ich auf vieles gefasst: Beschimpfungen, verachtende Bemerkungen und zuknallende Wohnungstüren. Positive Augenblicke erlebte ich eigentlich selten. Auf dem Lande zu predigen hingegen war weniger stressig. Da kannte mich niemand. Ausserdem trafen wir die Leute fast nie zu Hause an.

Meiner Mutter entging nicht, dass ich nur widerwillig den Predigtdienst leistete. Sie hielt mir vor, ich hätte "Menschenfurcht".

"Menschenfurcht" zu haben sei eine schlechte Eigenschaft, eines echten Christen unwürdig, wurde den Verkündigern in der Versammlung gelehrt. Auch ich entdeckte diese "Schwäche" an mir: Hemmungen, Verkrampfungen, Angsterscheinungen, die mich vor allem vor und während des Predigtdienstes belasteten und im Laufe der Zeit natürlich auch mein ganzes Alltagsleben bestimmten. Ich war wirklich überzeugt, dass alles mein Problem war. Ich könnte diese "Menschenfurcht" schon überwinden, wenn ich nur wirklich wollte. Wenn ich nur wirklich an Jehovas "wunderbare Hilfe" glauben würde. Vielleicht betete ich zu wenig um Hilfe.

Jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr trafen wir uns zum Felddienst. Da arbeiteten wir jeweils in unseren zugeteilten Gebieten: In einem Stadt-Quartier oder auf dem Land. Als Sekundarschüler gab ich meinem Lehrer einmal "Zeugnis der guten Botschaft", will sagen, wollte ihm Wachtturm-Literatur abgeben, und lud ihn gleichzeitig zu einem öffentlichen Vortrag zu uns in die Versammlung ein. Der Lehrer wies mich aber ziemlich harsch ab. Komischerweise machte es mich kurze Momente glücklich, eine Demütigung dieser Art zu erfahren. Ich hatte es für Jehova und sein Werk getan. In einer Anwandlung religiöser Gefühle glaubte ich tatsächlich, Jehovas Gegenwart gespürt zu haben, wie er mich belohnte für meinen Effort. Erniedrigende Erfahrungen im Predigtdienst schienen viele Zeugen glücklich zu machen. Es gab Brüder, die oft und gern von solchen Erlebnissen berichteten, denn dieses Verhalten erntete meist breite Bewunderung in der Gemeinschaft und wurde als vorbildlich gepriesen. Es hiess dann: Wer immer für die Wahrheit einstehe, würde halt Ungerechtigkeiten auf sich nehmen müssen. Schon Jesus und seine Jünger hätten dies erfahren. Das Leid und das damit verbundene Opfer eines Zeugen Jehovas würde ihn ja letztlich nur bestätigen, im Besitze der Wahrheit zu sein.

1968 haben sich meine Eltern nach langem Hin und Her in einer Kampfscheidung getrennt. Mutter weigerte sich aus Glaubensgründen lange, in die Scheidung einzuwilligen. Musste doch der Beweis eines Ehebruchs vorliegen, damit eine Scheidung in Jehovas Sinne Gültigkeit hätte. Eines Tages ertappte man schliesslich Vater auf frischer Tat beim Ehebruch. 1970 wurde Vater aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Nürnberg im Sommer 1969. Ich erlebte meinen ersten grossen Kongress der Zeugen Jehovas. 125.000 Zeugen kamen aus aller Welt her gereist und bevölkerten nun die Zeppelinwiese. Im eigenen Auto, im Reisecar, mit dem Flugzeug oder eben wie unsere Familie mit der Eisenbahn, bewegten sich die Massen auf das Kongressgelände zu. An Happenings dieser Art erlebte ich oft ein tiefes "Dazugehörigkeitsgefühl", erfuhr ich mich doch als Teil einer grossen Familie. Wenn 125.000 Stimmen Königreichslieder singen, singt die Welt, wenn 125.000 Menschen in die Hände klatschen, dann ist's wie das ohrenbetäubende Rauschen der Meeresbrandung, worin man das eigene gesprochene Wort nicht mehr verstehen kann. Dies waren machtvolle, gewaltige Momente, die mich mit der Masse zusammenschmelzen und eins werden liessen. Dieses "Gemeinschaftsgefühl", diese "Zusammen-sind-wir-stark-Power" sog ich in mich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. A propos applaudieren: Beim internationalen Kongress in München 1973 wurde ich erstmals stutzig, als ich bemerkte, wie die Zuhörerschaft während der Vorträge an den unpassendsten Stellen applaudierte. Ich und mein Bruder, der neben mir sass, machten daraus ein Spiel. Wir klatschten mehrmals völlig willkürlich in die Vortragsstille des Redners hinein. Sekunden später rauschte es dann im ganzen Stadion. Es klatschten 75.000 Menschen. Dieses Spiel belustigte, irritierte und beängstigte mich gleichermassen. War es wirklich so einfach, Massen zu bewegen? Dieses Ereignis liess mich fortan nicht mehr los.

Das Motto des Nürnberger Kongresses lautete: "Friede auf Erden - Tausend Jahre Frieden nahen!" Man wies voller Stolz darauf hin, dass auf dieser Steinbühne, wo die Zeugen Jehovas heute das 1000jährige Reich verkündigen, vor vielen Jahren ein gewisser Adolf Hitler das gleiche auch schon getan hätte. Hitlers Reich jedoch gäbe es nicht mehr, aber wir Zeugen Jehovas seien noch da, was zweifellos als Beweis göttlicher Vorsehung zu werten sei. Und ganz im Gegensatz zu Hitlers l000jährigem Reich würde unseres mit Bestimmtheit Wirklichkeit werden. Und zwar schon sehr bald! Man sprach damals konkret vom Jahr 1975 als Endzeittermin.

Mit 15 erwog ich erstmals den Schritt zur Taufe. Ein Buchstudlum anhand der Bibel sollte mir auf diesem Weg behilflich sein. Der Taufakt wurde zu einem wichtigen Aspekt in meinem Leben, wahrscheinlich weil ich glaubte, nur durch die Taufe zum vollwertigen Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Bei Bruder Staub, einem Ältesten in unserer Versammlung, studierte ich das Buch "Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt". Ich konnte mich dann allerdings nie zu diesem Schritt durchringen.

Das Jahr 1975 brach an. Die Zeichen des nahen Endes, wie sie von der Organisation in Brooklyn (USA) prophezeit wurden, schienen sich für die Zeugen Jehovas auf eindrückliche Weise zu erfüllen. Innerhalb unserer Versammlung herrschte damals eine ziemlich nervöse Stimmung. Ich hörte von Brüdern, die Hab und Gut verkauften und auf "Harmagedon", die Wiederkunft Christi, warteten. Andere gaben ihre Arbeitsstelle auf und leisteten "Vollzeltdienst". Auch meine Mutter tat äusserst geheimnisvoll und sprach vom nahen Paradies. Ich beobachtete das Treiben jedoch mit ziemlich gemischten Gefühlen, vermochte ich doch diese Endzeitstimmung nie wirklich zu meiner Sache zu machen, fühlte mich von dieser Dynamik einfach nie erfasst, auch wenn ich es echt wollte.

Ich empfand mich eher als Aussenstehender, der sich dummerweise der Tragweite des kommenden Ereignisses nicht ganz bewusst war. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie denn der "Machtwechsel" von den weltlichen Regierungen auf Jesus Christus ganz konkret vor sich gehen sollte. Mit Blitz und Donner etwa? Jesus als grelles, blendendes Licht am Himmel zwischen den Wolken sichtbar, zusammen mit seinen himmlischen Heerscharen? Wie musste ich mir denn dies vorstellen? Aufgerissene Erde, die um Hilfe schreiende Menschen verschluckt? So wie es in vielen "Wachtturm"-Darstellungen auch gezeigt wurde? Zusammenbrechende Hochhäuser? Not und Chaos, von Jehova inszeniert? Alle Zeugen würden sich dann an einem bestimmten Ort besammeln und auf der Stelle überleben! Wie aber würden sie sich in diesem Chaos denn überhaupt zurechtfinden? Und am anderen Morgen wäre dann der Spuk vorbei, das Paradies errichtet? Keine Trümmer? Keine Leichen? Schönes Wetter und Vogelgezwitscher? Und plötzlich, wie von Geisterhand gelenkt, stünde eines Tages mein verstorbener Vater vor mir, aufgestiegen aus dem Grab zum 1000jährigen Leben, um sich während dieser Zeit zu einem engelhaften Wesen zu verwandeln? Wäre ich nach 800 Jahren noch immer derselbe Mensch, oder wäre ich bereits Engel? Wollte ich überhaupt ewig leben? Wollte ich überhaupt Engel werden?

St. Gallen 1975. Ich entschied mich, gegen den Rat einiger Brüder, die Kunstgewerbeschule zu besuchen, um danach eine Ausbildung als Grafiker beginnen zu können. Dieser Entscheid missfiel. Man warnte mich vor diesem Schritt, würde ich doch dadurch das "geistige Paradies auf Erden", die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas, verlassen und mich den Versuchungen Satans aussetzen. Trotz allem machte ich die Aufnahmeprüfung und bestand. Während der Kunstgewerbeschulzeit eröffneten sich mir tatsächlich völlig neue Welten. Es gefiel mir. Ich wollte eindeutig mehr. Es war, als zöge mich eine unsichtbare Kraft weg von der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Damals schrieb ich meiner Freundin Miriam einen Brief, worin ich ihr meine kritische Situation schilderte. Darauf antwortete mir ihr Vater, ein angesehener Ältester einer Zürcher Versammlung, in einem Schreiben: "Oreste, ich frage Dich, würdest Du Deiner Tochter, die berechtigt Hoffnung auf ewiges Leben auf Erden hat, gestatten, weiterhin Kontakt mit einem Mann zu pflegen, der im Begriff ist, sein junges Leben für die Welt Satans wegzuwerfen?" Damit endete eine gut zweijährige Freundschaft.

Ich zog mich allmählich zurück. Meine Taufabsichten waren mittlerweile verflogen. lch besuchte die Zusammenkünfte nur noch selten, dann schliesslich gar nicht mehr. Mir gefiel es anfangs in der Welt draussen besser, spürte weder Gott noch Satan und fürchtete auch kein "Harmagedon". Mit der Zeit merkte ich aber auch, dass es nicht ganz so einfach war, eine Gemeinschaft zurückzulassen, die mir bis zu einem gewissen Grad dennoch ein Nest, Geborgenheit und ein soziales Nest geboten hatte. Ich marschierte geradewegs auf eine Welt zu, in der ich mich nicht zu bewegen wusste. Langsam wurde mir auch klar, dass ich in einer Kunstwelt aufgewachsen war. Einer Welt, wo ich als Mensch nichts zählte und ausschliesslich an meinem Äusseren und meinem Leistungsvermögen gemessen wurde. Einer Welt, wo es nur Gebote und Verbote gab, Bestrafung und Belohnung, ewigen Tod und ewiges Leben, Schwarz und Weiss, Himmel und ewige Vernichtung. Jedoch nichts dazwischen. Ich erlebte selten menschliche Wärme, noch weniger Liebe, auch wenn täglich in penetranter Weise davon gesprochen wurde.

Am 19. Januar 1996 starb meine Mutter 78jährig in einem Pflegeheim in Herisau. Die Abdankungsrede hielt gemäss ihrem eigenen Wunsch ein Mitglied der Zeugen Jehovas. Rund die Hälfte der anwesenden Trauergäste waren Zeugen. Der Redner sprach ungefähr 30 Minuten, über den Tod als Feind des Lebens, über das "Ende dieses Systenns der Dinge", über Satan, der auf Erden wütet, über die Auferstehung, über das ewige Leben - aber keine 5 Minuten über meine Mutter, um die es ja schliesslich ging. Die Rede richtete sich eigentlich an seine Mitzeugen, nicht an uns Angehörige. Bei der Verabschiedung drückte uns der Redner noch ein kleines Traktat in die Hand und wollte auch noch gleich ein Buch mitgeben. In diesem Moment geschah etwas Eigenartiges: Ich erlebte mich irgendwie "schizophren": Als Oreste Wernli, der ich heute bin und der ich schon seit 20 Jahren nicht mehr Mitglied der Zeugen Jehovas ist, aber - für einige Sekunden zumindest - gleichzeitig auch als jener Zeuge Jehovas von damals, der jede sich bietende Möglichkeit nutzte, einfach zwanghaft nutzen musste, um die "gute Botschaft vom Königreich" unter die Leute zu bringen.