Er besiegte schließlich die Harmagedon-Angst

Ich bin 1966 geboren worden, in einem kleinem Dorf in der Schweiz wuchs ich auf. Meine nächsten Verwandten sind noch heute Zeugen Jehovas.

Meine Mutter ist Pionierin, meine beiden Brüder und mein Vater sind allesamt Älteste. Meine Lebensgeschichte schreibe ich nicht aus Rachegefühlen, sondern weil ich mit diesem Thema abschließe. Ich bin jetzt 37 Jahre alt.

Ich bin als Kind gerne in den Königreichssaal gegangen. Wir waren eine kleine Ortsversammlung, wo die Hälfte miteinander verwandt war. Versammlung war für mich auch spielen mit meinen Cousins und Cousinen.

Alles in allem erlebte ich eine behütete Kindheit, ich wurde selten „gezüchtigt“. Mein „Abseitsstehen“ in der Schule, bei Weihnachten, Ostern oder sonstigen kirchlichen Gebräuchen, brachte mir erst mein „Anderssein“ ins Bewusstsein. Meine Schulkameraden erzählten von Geschenken, die ich nie annehmen durfte. Das war alles „heidnisch“.

Ich kann mich erinnern, dass ich als 5–jähriger Knabe zu Gott gebetet habe, dass er Harmagedon möglichst schnell kommen lasse. Mir grauste nämlich vor dem Kindergarten, wo ich plötzlich aus meiner Geborgenheit herausgerissen werden könnte.

Die Zeit verging. Ich lernte, dass ich „anders“ war. Ein klein wenig war ich auch stolz drauf. Wir hatten doch die „Wahrheit“. Und für die Wahrheit kann man auch einiges erdulden.

Als ich 12 Jahre alt war, entschloss sich meine Mutter, in den Pionierdienst zu gehen. Sie war nicht mehr ausgefüllt, mit den täglichen Pflichten einer Hausfrau. Sie fragte mich, ob ich damit einverstanden wäre. Ich meinte dazu, o.k., wenn’s Jehova ist und nicht eine weltliche Arbeit, dann habe ich nichts dagegen. Meine Stellungnahme dazu, wurde bei einem Kongress wörtlich wiederholt. Das war mir peinlich, aber ich war auch stolz drauf, dass meine Mutter den göttlichen Weg noch mehr vollziehen wollte.

Ich lernte, alleine zu sein. Ohne Vorwurf an meine Eltern. Das fühlte sich halt einfach so an. Als gottgewollt.

Ich war ein Aussenseiter in der Schule, womit ich aber eigentlich auch ganz gut zurecht kam. Ich fand auch in dieser Situation einen Freund, der mir bis heute geblieben ist.

Die Probleme fingen erst mit meiner Lehre an (jetzt nachträglich gesehen natürlich schon viel früher, aber offensichtlich erst da). Ich kam da einfach nicht zurecht. Außerdem war meine Sexualität voll erwacht. Wie sollte ich denn im Geiste „rein“ bleiben, wenn ich ständig Frauenphantasien hatte ?. Ich onanierte natürlich auch ... wie auch anders möglich. Damals kam mir das als schwerer Misstritt gegenüber der heiligen Schrift vor. Aber ich schaffte es einfach nicht, dagegen anzukämpfen. Natürlich hätte ich meinen Eltern was sagen könne, aber wer tut das schon im Alter von 16, wenn man sich auch nur schämt, wenn sich „unten“ was rührt?

Es kamen mehrere Sachen zusammen. Ich fühlte mich als Diener Jehovas völlig ungeeignet. Ich kam in der Lehre wegen meines weltfremden Aufwachsens nicht zur Ruhe. Ich litt an Depressionen (was ich erst heute, im Nachhinein realisiere. Diese Tiefs von geballter schwarzer Kraft, die mich einfach lähmten...)

Ich versuchte mir das Leben zu nehmen. Das war nicht plötzlich, sondern geplant. Ich hielt mich in meinem Leben nur noch über Wasser, weil ich immer wieder daran dachte: „Ich kann mir immer noch das Leben nehmen“, sozusagen als Notausgang. Meine Schwermut wurde zwar bemerkt, aber nicht richtig ernst genommen.

Ich schluckte Tabletten, als meine Eltern und Brüder in die Versammlung gingen. Ich stellte mich krank (körperlich). Krank war ich ganz anderswo.

Eigentlich wollte ich nur der Situation entfliehen. Ich kann mich erinnern, dass ich versuchte, die Tabletten wieder auszuwürgen. Das klappte aber nicht. Also sagte ich mir, o.k. so soll es ein. Und so bin ich voller Ängste eingeschlafen.

Ich erwachte trotzdem wieder. Ich fiel die Treppe runter und mein Bruder checkte überhaupt nicht, was los war. Ging aufs Klo. Dann zu den Eltern. Überall habe ich blackouts. Kann mich nicht mehr genau dran erinnern.

Ich erwachte am nächsten Tag um vier Uhr nachmittags, völlig schusselig.

2 Tage später wurde ich wieder in die Arbeit geschickt. Immer noch völlig k.o. Ich musste nach Hause, und wir gingen zum Arzt. Der schrieb mich für 2 Wochen frei, nachdem ich bestätigte, dass ich klarkomme ... Er telefonierte dem TOX – Zentrum und sagte mir, dass die Dosis mal gerade so nicht gereicht hätte.

Sorry für diese ausführliche Schilderung, aber es nimmt mich noch heute mit, wenn ich davon erzähle. Wieso meine Eltern nicht den Arzt in der Nacht anriefen, nachdem sie die leeren Tablettenpackungen gefunden hatten, habe ich ihnen lange nachgetragen.

Heute weiß ich, dass sie erstens von der Situation völlig überfordert waren und sie Angst hatten, dass „man“ sieht, was los ist, wenn mitten in der Nacht die Ambulanz ins eigene Haus kommt.

Mit dieser Sache habe ich auch heute noch Mühe.

Ja, wie ging's denn weiter?. Wir hatten drauf viele Gespräche, die mir halfen, die aber nicht auf den Grund gingen. Ich liess mich dann mit 18 taufen.

Das war ein grosses Trari-tratra im Hallenbad von Oerlikon. Jedermann wünschte mir Gottes Segen, aber ich fühlte mich wie betäubt und fragte mich, muss sich das wirklich so anfühlen ? Leer und hohl kam mir das ganze Prozedere vor, aber ich gab die Schuld mir, ich war nicht gottesfürchtig genug...

In meinen Ferien dachte ich, o.k. mal sehen, ob Jehova seinen Segen über mich ausschüttet, und meldete mich für den Hilfspionioerdienst an. Bei der Bekanntgabe in der Versammlung haben alle geklatscht. Mir war noch nie so elend, wie in diesem Monat ... 60 Stunden ... hmmmmmm ... Es war nicht die Anzahl der Stunden, die mir zu schaffen machte, sondern, das ungewollt sein bei den Leuten. Die wollten mich nicht hören.

Man kann mir da auch zuwenig Gottvertrauen unterstellen, aber ich fand es einfach furchtbar.

Ich lernte Gleichaltrige kennen, die einen ganz anderen Weg verfolgten: Spass! Den wollte ich aber auch haben...

Ich fing zu rauchen an und wollte nicht aufhören, benutzte das als Vorwand, um die Gemeinschaft zu verlassen. Heute denke ich, es wäre einfacher gewesen, es nicht drauf anzulegen, rausgeschmissen zu werden.

Meine Lehre ging dem Ende zu. Mein Vater legte mir mit dem Ausschluss nahe, dass ich von zu Hause ausziehen solle. Was ich auch tat. Ich nahm eine Stelle im Berner Oberland an und war gleichzeitig auf mich alleine gestellt.

Um es abzukürzen, es ging mir nicht gerade gut. Ich kam nicht zurecht mit dieser erzwungenen Isolation. Ich kiffte was das Zeug hielt und fühlte mich einfach nicht lebenstauglich...

Ich blende wieder ein, wo es wichtig wird ... nach vier Jahren „weltlichen Lebens“ hatte ich einfach die Schnauze voll.

Ein paar Gedankenfetzen dazu: Weil ich nicht mehr bei den Zeugen war, betete ich zu Satan. Ich fühlte mich von Jehova verworfen. Vielleicht konnte Satan mir helfen.?

Ich hatte Angst vor Harmagedon. Mein Leben war ganz einfach nicht planbar, da ich immer damit rechnete, dass Harmagedon kommt.

Es kam, wie es wohl kommen musste: Ich geriet an meine Belastbarkeit. Ich stellte mir ein Ultimatum: Entweder geh ich zurück zu den Zeugen, oder ich nehme mir das Leben. Ich sah einfach keinen anderen Ausweg.

Ich wollte mich nicht mehr umbringen. Also ging ich zurück. Das heißt, ich kroch zurück, auf allen Vieren.

Sie nahmen mich wieder auf, nachdem meine Heimatversammlung etwas Stunk gemacht hatte. Aber sie nahmen mich. Ich wohnte bei meinen Eltern, aber in einer eigenen Wohnung.

Ich dachte: „Ja, jetzt hab ich s aber wirklich. Ich bin zurück ... fühlte sich gut an, nach Hause zu kommen. Fällt einem da nicht unweigerlich das Gleichnis des verlorenen Sohnes ein?

So kam ich mir auch vor.

Nach einiger Zeit bemerkte ich aber, dass, nicht alles sooooo gut war. Lag das denn wieder an mir?

Was ich bei meinem ersten Hinauswurf versäumt hatte, das tat ich jetzt:

Ich hinterfragte.

Ich hätte da einige Beispiele zu nennen, aber mein Punkt, der entschied, war das Jahr 607 v.u.Z.

Ich fand so grundlegende Tatsachen, dass dieses Jahr einfach nicht stimmen kann, das ich die ganze Lehre zu hinterfragen begann.

Was tat sich mir da für ein freiheitliches Gefühl auf? So was hatte ich noch nie gefühlt.

Ich dachte.

Wie kommt man sich vor, wenn man in Westsahara aufgewachsen ist und plötzlich sieht, dass es noch so viel anderes gibt...?

Mein wirklicher Ausstieg war dann ziemlich schnell. Ich schrieb einen Brief an die Ältesten meiner Versammlung, dass ich ihre Zusammenkünfte als geistige Einengung sehe. Ich habe den Brief leider nicht mehr.

Damals war ich 25. Heute 37. In diesen 12 Jahren ist doch einiges passiert.

Woran ich heute glaube?

Das ist wohl die schwierigste Frage...;-)

Woran ich immer geglaubt habe: Dass es einen Gott gibt. Komischerweise fühlte ich mich nie zu atheistischen Denkweisen hingezogen.

An Reinkarnation habe ich mal geglaubt, da bin ich aber wieder mal am überarbeiten.

Sagen wir’s mal so: Ich glaube an Gott, an eine Seele und an ein Leben nach dem „TOD“. Aber in Details mag ich mich nicht ergehen.