Martina - der lange Weg in die Freiheit

Mit der öffentlichen Bekanntgabe in der Zusammenkunft, dass mein 2. Mann Aaron und ich die Gemeinschaft verlassen haben endete im Dezember 1995 meine 11-jährige Ära als Zeugin Jehovas. Dazu kommen noch die Jahre meiner Kindheit.

Wie konnte es nur so weit kommen? War ich nicht mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Sinn Jehova ergeben? War ich nicht mit Liebe und Inbrunst in der Wahrheit und hat sich nicht während dieser Jahre meine Liebe, meine Erkenntnis und mein festes Vertrauen zu Gott vertieft? Doch - ich meine zu 100%. Nur verlief alles anders als es mir bekannt war, ja als es einem Zeugen Jehovas durch die Belehrung der Organisation vermittelt wird.

In dem ich meinen persönlichen Bericht niederschreibe denke ich an die vielen traurigen Gespräche zurück, im freundschaftlichen Rahmen, mit den “kleinen” Verkündigern, den “umhergestoßenen Schafen”, den Mitschwestern und -Brüdern. Damit fließen auch deren Gedanken und Gefühle mit ein, die offiziell nicht bestehen (dürfen). Der Sinn dieses Berichts bedeutet für mich nicht den Glauben unterwandern zu wollen, sondern denen, die sich heute noch quälen eine Hilfestellung anzubieten.

Denjenigen aber, die sich in der Organisation “trotz Unvollkommenheiten” wohl fühlen, denen möchte ich sagen, dass ich weiß, dass dieser Bericht immer ein Stein des Anstoßes für sie sein wird, “der Versuch einer Abgefallenen, Gläubige zur Abtrünnigkeit zu bewegen!”. Trotzdem wage ich diesen Schritt. Warum? Ich bin überzeugt davon dass jeder, der mit seinen Gefühlen kämpft, das Recht auf Hilfestellung hat.

Selbst habe ich über 5 Jahre lang gelitten und einen schweren Ablösungskampf gekämpft. Heute weiß ich, dass es vielen anderen auch so ging, die von der Organisation jetzt als “böse” und “ein in die Welt Satans zurück” bezeichnet werden. Damals war ich um jede liebevolle Hilfestellung (z.B. auch in Form von er- und aufklärenden Büchern) und Erfahrungswerten dankbar, froh um jede gutgemeinte Geste, und empfand immer wieder wohltuende Erleichterung nicht hilflos der Angst vor “Abtrünnigkeit” bzw. der “Vernichtung in Harmagedon” preisgegeben zu sein.

Danken möchte ich dabei dem Schöpfer, der mich bis heute begleitet hat, mir Führung angedeihen ließ und lässt, und mir nach wie vor zeigt, dass ich von IHM nicht verlassen bin, und das trotz aller gegenteiliger Prophetie, ohne die “geistige Mutter” (nämlich der “einzigen von Gott geleiteten Organisation Gottes auf Erden”, die Organisation der Zeugen Jehovas) jetzt führungs-- segen- und gottlos zu sein...- ein Teil der Welt Satans, und preisgegeben zur Vernichtung in Harmagedon. Nein, ER hat mich nie verlassen und ich ihn nicht! Gott hält sich an sein Wort aus 2.Chron. 15:2: “Jehova ist mit euch solange es sich erweist dass ihr mit ihm seid und wenn ihr ihn sucht wird er sich von Euch finden lassen...”

Im Rahmen einer losen Gruppe versuchen wir “Ehemaligen” uns gegenseitig sowohl neue Sozialkontakte zu schaffen, als auch unsere seelischen Verletzungen und teils tiefen Verwundungen zu “verbinden”, zu verarbeiten. Doch wäre es uns in dieser Gruppe niemals eingefallen, zerstörerisch und destruktiv alles und alle zu verurteilen. “Hört auf zu richten ... hört auf zu verurteilen ... übt euch im Geben.... Denn mit dem Maß mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden.” (Luk6:37, 38).

Jeder der hier mitgeholfen hat, hat seinen eigenen harten Ablösungskampf - oft sehr bitter gekämpft - und brachte seine Erfahrungen, aber auch neue Wege mit. So mancher ist dabei - gerade durch diese schlimmen Erfahrungen - eine reife und starke Persönlichkeit geworden. Das sei hier zum Trost erwähnt.

Geistige Freiheiten wurden schon zu allen Zeiten gerne von Menschen im Namen Gottes geraubt. Die Organisation der Zeugen Jehovas macht hierbei keine Ausnahme - nur geht alles viel subtiler und es bedurfte meinerseits viele Jahre “Insidertum” um das zu erkennen.

Meine Erfahrungen in diesen Jahren war, festzustellen dass Gott und die Organisation “2 Paar Stiefel” sind, und dass die Bibel durchaus auslegbar ist.

(Bibelzitate, die ich selbst hier einbringe, geben wieder, wie ich diese heute verstehe. Damit stelle ich jedoch jedem Einzelnen völlig frei, diese so zu verstehen wie er/sie das verstehen kann und möchte.)

Außerdem stellte ich immer wieder fest, dass sich besonders um “den Strohhalm im Auge der anderen Religionsgemeinschaften” gekümmert wird, “der Balken jedoch im eigenen Auge (in der eigenen Organisation) interessanterweise kaum bzw. selten bemerkt wird, und unter den Teppich gekehrt wird”... ungewollt oder absichtlich...? Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben, aber dies mit einem Auszug aus einer sog. “Heiligen Schrift” untermauern. (Verlag “Das Wort GmbH im “Universellen Leben”), aus dem der Leser für sich selbst entscheiden kann.

“Das ist mein Wort Alpha und Omega,” das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung welche die Welt nicht kennt. S.349-351:

”Ihr habt gelesen: Gedanken, Worte und Handlungen sind Magneten. Wer seinen Nächsten in Gedanken und mit Worten richtet und verurteilt, der wird also Gleiches oder Ähnliches an sich selbst erfahren. Erkennet: Eure negativen Gedanken, Worte und Handlungen sind eure eigenen Richter. “Mit welchen Maß ihr messt - ob in Gedanken oder in Worten und Handlungen -, so werdet ihr selbst gemessen werden. So wie ihr euren Nächsten abwertet, um euch selbst aufzuwerten, werdet ihr entwertet werden. ... Nur der Mensch spricht beständig über den Splitter im Augen seines Nächsten, der des Balkens im eignen Auge nicht gewahr wird ...“

Die für mich erarbeitete Essenz des Evangeliums ist : “Die gelebte Liebe (dazu gehören Toleranz und Mitgefühl) d a s ist die wichtigste christliche Eigenschaft und die Einzige wirkliche Kraft ...”, wichtiger im Universum als jedes dogmatische Einhalten irgendwelcher sog. “Grundsätze”. Jesus, der Christus sprach zu ihnen: “Du sollst Jehova, Dein Gott lieben... dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite, Du sollst deinen Nächsten lieben...“ (Math.22:37-39).

Die ORGANISATION der Zeugen Jehovas, ist das goldene Kalb um das herumgetanzt werden muss, ... DAS ist Jehova, dein Gott, der dich aus dem Land “Ägypten” herausgebracht hat...!” (2.Mose 32:4). Wer dazu näheren Einblick haben möchte, möge sich dem Buch “Der Gewissenskonflikt” von Ray Franz widmen, der 9 Jahre lang als Glied der Leitenden Körperschaft gedient hat. Auch bei uns lautete bei unserem Weggang die alles entscheidende Frage - seitens der beiden Ältesten bei ihrem Abschlussbesuch nicht, ob es Jehova ist, dem wir loyal ergeben seien, sondern wie unsere Treue zur Organisation aussieht.

So mancher mag jetzt über diesen vorangegangenen Absatz erschrocken sein, dies als gemeine Verleumdung und Lästerung empfinden, doch war es genau das, was ich über die Jahre hinweg und als “krönenden Abschluss” feststellen musste. Oben erwähntes Buch bestätigte mir, kurz vor unserem Verlassen der Organisation meine Beobachtungen. Heute weiß ich, dass - so gut wie jede existierende organisationsähnliche - Gemeinschaft (auch nichtreligiöser Natur) in etwa ähnliche Strukturen aufweisen, welche damit Autoritätsgläubigkeit und Abhängigkeit fördern. Aus diesem Grunde möchte ich jedes Urteil - vor allem allein über die Zeugen Jehovas - vermieden wissen. Doch will ich eines: Erlebnisse, die aber ja gar nicht anders als subjektiv gefärbt sein können, also erlebte Tatsachen ansprechen, und bin überzeugt davon, dass dies das Recht jedes Menschen ist.

Wenn man jahrelang im guten Glauben war, mit all der Hingabe, mit all dem Zeiteinsatz und all den Vermeiden von z.B. weltlichen und religiösen Feiern - mit dessen Verteidigungen nach Außen “zur Welt” - nämlich das Eine zu tun: Gott zu dienen, und stellt nach Jahren, oft erst nach Jahrzehnten (wie Ray Franz) fest, einer Organisation gedient zu haben, stürzt unter Umständen in einen tiefen Abgrund von Gefühlen des missbrauchten Vertrauens, Bitterkeit und destruktiven Gedanken. Dabei unterlaufen Fehler und ich schließe mich nicht aus. Das ist normal und menschlich, und muss dem Einzelnen gerechterweise genauso zugestanden werden, wie einer Organisation. “Denn allein Bedrückung (der Gefühle) kann bewirken, dass ein Weiser unsinnig handelt...” Prediger 7:7 (Neue Welt Übersetzung).

“Fehler gehören zum Leben. Was zählt ist, wie man auf Fehler reagiert”. (Nikki Giovanni).

Jeder Mensch muss und wird versuchen mit Enttäuschung des Lebens fertig zu werden. Jeder wird dabei in seiner persönlichen, ihm wesenseigenen Art, reagieren. Und wenn Menschen einmal zornig das aussprechen, was ihnen an Ungerechtigkeit bei den Zeugen Jehovas widerfahren ist, dann ist das noch lange nicht niveaulose, und/oder bösartige Abtrünnigkeit, wie ihnen oft seitens der WTG oder der einzelnen Zeugen unterstellt wird. Ein bisschen Unterscheidungsvermögen täte da schon gut. Erlebte Ungerechtigkeiten zerreißen die Seele, bis das erst oft nach langer Zeit vergeben werden kann. Zur Aufarbeitung desselben muss und wird die Person darüber sprechen oder schreiben.

Wichtig dabei ist, was letztendlich daraus gemacht wird. So mancher braucht dabei psychotherapeutische Hilfestellung, andere wiederum suchen neue Gemeinschaften christlicher oder esoterischer Natur.

Mein 2.Mann und ich, wir prüften, prüften, prüften... tage-, wochen- und monatelang. Suchten andere Gruppen auf, lasen alle mögliche Literatur, derer wir habhaft werden konnten und wir sprachen stundenlang über unsere Gefühle, tauschten unsere Gedanken aus und wurden in einem schier endlos scheinenden inneren Prozess so nach und nach wieder frei. Frei für Neues und Schönes, frei, den Glauben anderer zu respektieren, frei zu tolerieren, frei auch uns ein eigenes Denken aneignen zu dürfen und frei in unserer persönlichen Form der Liebe - die im Herzen besteht - zu handeln.

“Tut was ihr sagt, sagt was ihr fühlt, täuscht euer eigenes Gewissen nicht, indem ihr es vergewaltigt und Handlungen ausführt, die es nicht billigt” (Sathya Sai Baba). Diese Lebensweisheit spricht mir aus meinem tiefsten Inneren. Wer diesen Weg des oben genannten Sprichwortes geht, dabei geschieht dann genau das, was einem Ehemals-Zeugen als Abtrünnigkeit ausgelegt wird. Man verlässt die Organisation um seinem ureigensten Charakter, seiner so geschaffenen Persönlichkeit treu bleiben zu können, und um sein tiefstes inneres Ich nicht vergewaltigen zu müssen.

“Wer sich nach anderen richtet zersplittert und zerstreut seine Kräfte und verwischt seinen Charakter. Obwohl diese Tatsache offen zu Tage liegt, lassen sich die meisten Menschen die Augen verbinden und treten in die eine oder andere Meinungs-Gemeinde ein, wodurch sie von sich selber abkommen und sich selbst verfälschen und entwerten.” (Ralph Waldo Emerson).

“Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben. ”(Christian Morgenstern).

Jetzt, Jahre später kann ich guten Gewissens sagen, ist diese Bitterkeit - des so empfundenen Vertrauensbruches vorbei - und ich sehe so manches Gute und Sinnvolle in diesen Jahren. Heute bekenne ich mich zum sog.” Frei- bzw. Toleranz-Denkertum”, d.h. ich nehme mir all die guten Gedanken und Weisheiten aus allen möglichen Richtungen, pflege die Liebe zu Gott und meinem Mitmenschen in dem Maße welches meiner persönlichen Lebenssituation gerecht wird. Dabei fühle ich mich am Wohlsten. Niemals mehr würde ich mich einer menschlichen oder geistigen Führung und Anweisung unterstellen, sei es durch eine Person, eine Gemeinschaft, ein ganzes Gremium, auch nicht durch irgendeine heilige Schrift, wenn es dabei um Persönliches oder um meinen mir im Herzen liegenden Glauben an Gott geht.

“Glaubt nicht den Büchern, glaubt nicht den Lehrern, glaubt auch nicht mir, glaubt nur das was ihr für Euch und zum Wohl der Allgemeinheit geprüft und als gut erkannt habt” Mahatma Ghandi

In diesem Sinne verstehe ich heute den Text aus Jeremia 31:33,34: ”Der neue Bund ... wird völlig. anders sein: Ich werde mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben!” Weltweit gesehen trifft das vielleicht auf eine noch ausstehende Zeit zu, doch der Einzelne, der Gott bzw. Lebensweisheit sucht darf auch heute schon auf “seine Tafeln im Herzen hören”, ...denn der Inhalt des Gesetzes ist ins Herz geschrieben.” (vgl. Röm. 2:15).

Die Führung in meinem Leben und Belehrung kam immer in dem Maße wie ich es benötigte und auch ganz persönlich. Ich glaube immer noch an Gott, den Himmlischen Vater und Schöpfer aller Dinge und an Seinen Sohn, Jesus Christus. Doch hat sich mein Weltbild erheblich geändert. Ich habe eine “kleine Scheuklappenwelt mit dem Wissen um einen endlosen Kosmos getauscht”, und vergleiche ich es mit einem wissenschaftlichen Bild, dann sehe ich es heute folgendermaßen:

Im Mittelalter war man überzeugt, dass sich alles um die Erde dreht, heute weiß man, dass die Erde ein Staubkörnchen im endlosen Universum ist. So empfinde ich heute die Freiheit in Gott und das - nur in etwa Erahnenkönnen um seine Schöpfung - gegenüber der kleinen “Nur-so-und-nicht-anders-kann-es-sein-Welt” der Zeugen Jehovas.

Ein Zeuge ist nur nicht daran gewöhnt, dass es für jeden Einzelnen einen persönlichen Weg gibt.

Es wird jedem der zuhört doch erzählt, dass die Belehrung über Gott und Lebensführung nur aus der Bibel und nur durch die Organisation der Zeugen Jehovas kommen kann. Ja, man muss sich schon an eine neue Art der Führung durchs Leben gewöhnen, doch ist es die Führung des Herzens, des eigenen Inneren (und so habe ich es lange noch praktiziert: im Verbund durch das Gebet mit dem himmlischen Vater. “Jeder der bittet empfängt, und jeder der sucht findet und jedem der anklopft wird geöffnet werden.” Math.7:8). Zur rechten Zeit fand ich immer die richtigen Bücher und Menschen, die mir weitergeholfen haben, oder denen ich selbst beistehen konnte.

Viele Religionen habe ich untersucht und in allen fand ich Menschen, die Gott ernst nehmen. Überall gibt es einzelne Menschen, die die Liebe leben, so wie ich sie heute - gemäß Jesu Worten verstehe.

“Haß als Minus und vergebens wird vom Leben abgeschrieben.

Positiv im Buch des Lebens steht verzeichnet nur das Lieben.

Ob ein Minus oder Plus uns verblieben zeigt der Schluss”. (Wilhelm Busch).

und ... noch etwas ...

...bei Gott gibt es keine Parteilichkeit! (Römer 2:11)

Tatsächlich erlebte ich ebenso wie Petrus, “daß Gott keine Unterschiede macht. Er liebt alle Menschen, ganz gleich zu welchem Volk (und auch Religionsgemeinschaft ) sie gehören, wenn sie ihn nur ernst nehmen und nach seinem Willen leben.” (vgl. Gute-Nachricht-Übersetzung, Agp. 10: 34,35).

Doch was ist Sein Wille? Ein Zeuge weiß darauf eine ganze Menge, doch Jesus Christus antwortete darauf mit nur einem Satz: “ Alles daher was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun. In der Tat, das ist es, was das Gesetz und die Propheten bedeuten.

Mein Weg - wie alles kam!

Schon als Kind studierte ich - weil meine Mutter dies so wollte - mit einer lieben alten Zeugin Jehovas das orangefarbige Paradiesbuch - meine erste Prägung. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich keine Lust hatte, eine Stunde lang stillzusitzen und zu lesen. Genauso empfand ich die Versammlungen: Langweilig! Doch blieb mir gar nichts anderes übrig als das zu tun was man von mir verlangte. Wichtig zu erwähnen ist mir, dass diese liebe alte Schwester in ihrem Leben die Liebe und die Toleranz gelebt hat bis zu ihrem Tod und mir auch nach meinem “Austritt” die Kommunikation nicht verweigert hat. Auch ich liebte und liebe sie - über den Tod hinaus noch - als eine Person die bescheiden und demütig ihr Leben Gott und dem Nächsten gewidmet hat.

In dieser Zeit, mit ungefähr 8 Jahren erlebte ich - als damals noch Evangelische -, dass sich katholische Kinder über uns lustig machten und uns als “die mit der verkehrten Religion” bezeichneten. Zuhause betete ich auf Knien, Gott möge mir doch in einem Traum zeigen, ob katholisch oder evangelisch das Richtige sei, ... ich wollte die Wahrheit ergründen. Als Erwachsene erinnerte ich mich an diese Begebenheit und brachte es mit meinem Kinderstudium in Verbindung. Damals jedoch empfand ich darin keine Antwort als von Gott kommend ... sehe es aber als bis jetzt anhaltenden lebenslange Fortsetzung.

1973 ließ sich meine Mutter taufen und ich erlebte somit ab meinem 12.Lebensjahr die großen “Prophezeihungen” für 1975. Damals studierte ein Ältester mit uns die Bibel im alten “Frieden- und Sicherheitsbuch” und brachte uns in sehr lebhafter Weise Gott und die Prophezeiungen näher. Ich erinnere mich noch gerne an diesen zwar alten, doch sehr temperamentvollen Bruder. In schwärmerischen und vielen bunten Bildern schilderte er uns all die wunderbaren Erfüllungen der Prophezeiungen, aber auch den Tag der Abrechnung Gottes mit der bösen Menschheit. dass - endlich - nach 6000-jähriger abgelaufener Menschheitsgeschichte der gerechte Krieg Gottes in Harmagedon dieses alte System beendet und das 1000-jährige messianische Königreich - das ersehnte Paradies einleiten würde. Der Höhepunkt und das Ziel jedes Zeugen Jehovas.

Meine Mutter sammelte damals (in ihrer erlernten Eigenschaft als Weltkriegskind ...!) Wasser- und Essensvorräte im Keller - zum Überleben. Ich weiß nicht, ob andere das ebenso taten, denn wir waren in der Versammlung irgendwie Außenseiter, und richtiger Austausch war nicht möglich. Richtige Integration fand nie statt. Doch erinnere ich mich noch an eine gleichaltrige Jugendliche. Diese sollte (auf Anraten ihrer Eltern) keinen Ausbildungsvertrag mehr abschließen, da sie den doch nicht mehr brauchen würde, denn Harmagedon stehe vor der Tür. Klugerweise lehnte diese sich dagegen auf, mit der Begründung, dass man ihr auch schon gesagt habe, sie würde nicht mehr aus der Schule kommen.

Ja, ein Zeuge Jehovas lebt stets in der Endzeitstimmung. 3 Jahrzehnte lang hörte ich, dass Harmagedon “kurz vor der Tür stehe”. Aber wie lang oder kurz ist “in Kürze”??? 1975 verging und ich erlebte somit den enttäuschenden Ausgang. Der temperamentvolle und wirklich erkenntnisreiche und liebe Bruder war bis in alle Tiefen enttäuscht und erschüttert. Ich erinnere mich nur noch dass er bald danach starb. Oft vermutete ich “aus gebrochenem Herzen”. Was wurde aus den Vorräten? 1995 - also 20 Jahre später - wurden z.B. aus den vielen eingelagerten Reispäckchen Vogelfutter.

Die Organisation wand sich daraus, indem daran “nur die paar” Menschen schuld waren, die sich davon zuviel erhofften. Wer damals die Organisation verließ war “Gott untreu”, hat IHM nur auf Zeit gedient und leider ließ ich mich später auch zu solcher Argumentation hinreißen. Im Gegenzug dazu hörte ich nicht einmal, dass der “treue und verständige Sklave” dieses Hoffen sehr gefördert hatte.

Enttäuscht, durch menschliche Lieblosigkeit seitens der Versammlung und von oben erwähnter Tatsache wandte ich mich von den Zeugen Jehovas ab- unter anderem auch weil ich endlich eine Clique gefunden hatte, die mich so akzeptierte wie ich war. Gott war mir nicht mehr wichtig, da “ER ja nicht gehalten hat, was die Zeugen versprochen haben”! Brauchte ich ihn? Nein, ich wollte mein Leben selbst in die Hand nehmen. So stellte ich mich zwischen meinem 18. und 20. Lebensjahr auf “eigene Füße”. Es ging mir gut - jedenfalls bis in mein 2.Lebensjahrzehnt.

Vom Teenager zum Twen

1980/81 holten mich dann die Probleme des Lebens ein. Mein Freund erlitt einen schweren Autounfall, der seine Persönlichkeit fast völlig veränderte. Zwar merkte ich das im Ansatz, aber schließlich liebte ich ihn und so heirateten wir (beide 20 Jahre alt), im guten Glauben alles würde schon bald besser werden. Leider nein, unsere Probleme verstärkten sich und nach 1 1/2 Ehejahren war ich mit meinem “Latein” am Ende.

Da ich in meinem Herzen die Bibel als Wahrheit behalten hatte und jetzt nach einem Halt im Leben suchte, fing ich wohl deshalb wieder an, die Bibel zu studieren mit einem Ehepaar, die in ihrer Art Herz und Gefühl haben und eher als “legere” Zeugen Jehovas zu betrachten sind. Ihre freundliche Zuwendung tat mir sehr gut. In dieser Zeit betete ich viel und intensiv und fand Gott wieder. Es entwickelte sich zu IHM eine tiefe Innigkeit und so nahm ich fast widerspruchslos alle Lehren der Zeugen J. an, da ich eine einfache Schlussfolgerung hatte: Gott musste doch - trotz allem vorangegangenem Erlebten - völlig hinter dieser Organisation stehen, damit einverstanden sein - so dachte ich, denn ER hatte sich mir seit dem Studium wieder zugewandt. Ich fand auch eine gastfreundliche Versammlung an meinem Wohnort und fasste dort so nach und nach Fuß.

Am 9.6.1984 ließ ich mich dann freudig taufen.

Es entstand ein sog. “geteiltes Haus”. Mein Mann war kein “Gegner” auch legte er mir nichts in den Weg. Das hatte trotzdem seinen Haken, denn er ging seiner Wege, und wir lebten uns trotz meiner Bemühungen auseinander. So ging ich in die Versammlung oder in den Predigtdienst und er in die Gaststätte.

Ich hatte aber die Auflage, mich so zu benehmen, dass mein Mann gewonnen würde. Inzwischen studierte auch mein Vater die Bibel und Mama wurde “als gute und treue Schwester” gelobt. So musste ich mir auch von ihr anhören, wie es machbar ist, einen Partner zu gewinnen und oft erlag mein sensibles Gewissen dieser Umkehrung. Wie?

Wer seinen Partner gewinnt, ist eine “gute und treue Schwester” - ergo in der Umkehrfunktion ... Du bist keine gute und treue Schwester sollte der Partner nicht nachziehen. Doch so wird Dir das offiziell nicht gesagt...! Das klingt, wer mit sensiblem Feingefühl aufpasst, nur zwischen den Zeilen ..., und wird - so vermute ich - genauso oft gedankenlos ausgesprochen. Wie auch immer, es versetzte mir jedes Mal einen Messerstich! Heute sehe ich dies als ein subtiles Untergraben des eigenen Selbstwertes.

Ein Beispiel: In der Literatur finden sich nur solche als Vorbilder, die in diese Richtung irgendetwas bewirkt haben. Wer dies nicht glauben mag, der passe nur mal darauf auf.

In der Versammlung hörte ich und las in der Literatur der Z.J. nur die mitreißendsten Erfahrungen, die erstaunlichsten Geschichten wie Menschen für “die Wahrheit“ gewonnen werden. Wer wie ich ein sensibles Gewissen hat, fühlt sich angesprochen selbst ebenfalls alles zu tun, nachzueifern, um ebenso vor Gott als ein “fleißiger Erntearbeiter” als eine gute Glaubensschwester erfunden zu werden. Das ist sehr mühsam, kostet viel Zeiteinsatz und seelische Kraft. Immer wieder las ich von den tapferen Schwestern, die nach 10, 20, 30 schweren Jahren ihre Ehepartner gewonnen haben, oft unter den übelsten Umständen. Das wollte ich auch - würde sich doch unsere Ehe verbessern - durch Anwendung biblischer Grundsätze ... - ergo unsere gesamte Lebenssituation.

Durch die vielen Berichte in der Literatur empfand ich es für mich immer wieder demoralisierend< und fühlte mich so wertlos. Ich schaffte es einfach nicht meinen Mann ganz für “die Wahrheit” zu gewinnen.

Der Druck war gewaltig, ständig wurde ich zum Durchhalten angeregt. Wie es mir dabei ging interessierte niemand wirklich und oft saß ich alleine zu Hause und heulte mir stundenlang die Augen aus. Meine Ehe wurde in all den Jahren nicht wirklich besser. Tief in mir wusste ich um deren Scheitern, doch so zu denken ist nicht erlaubt. Die Ehe soll aufrechterhalten bleiben, oft um den Preis der Ehrlichkeit nach Außen. Ich sah, und wusste um vieler unglücklicher Ehen, bei den doch sooo glücklichen Zeugen Jehovas. Aber: “Was nicht sein darf, das ist auch nicht...” eine oft praktizierte Devise.

Ob ich mir selbst diesen Druck auflegte? Diese Frage stellte ich mir noch so manches mal. Heute denke ich, dass beides zu gleichen Teilen geschah.

Ein Jahr nach meiner Taufe war ich zum ersten mal soweit mich aus dieser Ehe zutrennen und leitete diverse Schritte ein. Ein besorgtes Ehepaar aber besuchte uns und redeten mir und meinem Mann gut zu. Wohl aus Angst vorm Verlassen werden willigte er damals in ein Bibelstudium ein. Ich muss zugeben dass er sich damals bemühte ein besserer Ehemann zu werden. So sah ich wieder einen Weg, ihn zu gewinnen. Insgesamt studierte mein Mann dann 5 Jahre lang die Bibel, aber ohne größere “Erfolgsschritte” z.B. das Rauchen aufzuhören.

In diesen Jahren fühlte ich mich oft von der Organisation, von meinen Glaubensbrüdern und -schwestern alleine gelassen, besonders was meine Fragen - im Herzen - über den Sinn des Lebens betrafen. Sich anderswo Rat einzuholen wird ungern gesehen, und das schlechte Gewissen gefördert, dass es nicht gut sei sich um Rat aus “dieser Welt” zu bemühen. So sind die Zeugen auf die Organisationsbelehrung angewiesen.

So oft ich mit jemanden über mein Eheproblem sprach, ich stieß auf Unverständnis. Diese Art des geteilten Hauses war unüblich. Keiner wollte begreifen, auf was es mir ankam. “Dein Mann legt Dir doch nichts - was die Wahrheit betrifft in den Weg, im Gegenteil, er studiert doch...”. “Nein, in diesem üblichen Sinne sicher nicht ..., ... ja er studiert, aber...” Was tut man, wenn man nicht verstanden wird? “Es ist doch die Wahrheit ... hier muss es doch Antworten geben...” Doch wo? Ich durchsuchte die Literatur. Meine Suche war enttäuschend.

Dann endlich ... es erschien ein Wachtturmstudienartikel ... ich stürzte mich darauf. ... Weinend habe ich an diesem Vormittag die Versammlung vorzeitig verlassen, als dieser Artikel studiert wurde. (Wachtturm 1.11.1988, Studienartikel S.22 “Gründe für eine Trennung”).

Es fand sich für mich kein Rat... nein, ... er verweigert mir kein Haushaltsgeld, er schlug mich auch nicht, und legte mir nichts in den Weg, ich konnte ungehindert meinen Glauben ausüben. Das waren die 3 Kriterien die zur Trennung einer Ehe erlaubt waren. Damals war ich der Meinung GOTT verbietet mir meinem damaligen Fehler - einen Weltlichen geheiratet zu haben - wieder gut zu machend. Ich verstand noch nicht, dass dieser Artikel eine menschliche Auslegung der Organisation war, förderlich ein gutes Image zu wahren. Nein, Zeugen Jehovas haben im Gegensatz “zur Welt” kaum Scheidungen zu verzeichnen. Wer`s nicht aushält - “da stimmt was nicht“ - so hörte ich manches Mal Stimmen “hinter vorgehaltener Hand” - ... vielleicht mit dem Lebenswandel ...?!?... Wenn Jehova seinen Segen zurückhält ... irgendwas stimmt da dann nicht ...?!? ...“ offiziell wird das aber nicht so gesagt, doch las ich dies immer wieder zwischen den gesprochenen und geschriebenen Zeilen heraus.

War ich jemals zu empfindsam? Wenn ja, dann machte sich aber keiner die Mühe meine Kümmernisse darüber zu zerstreuen. Erwartete ich zuviel? Ich glaube in Anbetracht des ständigen Hörens, dass nur Zeugen Jehovas die einzig Wahren und von Gott anerkannten Christen sind war es nicht zuviel erwartet.

“Das ist halt Deine Prüfung...”, das bekam ich zu hören, wenn ich mit jemanden sprach. Dass mein Mann auch in Studienzeiten fast täglich Alkohol trank, den er nach seinem Unfall nicht mehr vertrug und für mich damit nur noch körperlich anwesend war, wen kümmerte es? Oftmals sah er sich in diesem Zustand pornographische Filme an und reagierte sich danach an mir ab. Doch das interessierte niemanden wirklich. “Eheliche Pflichten” zu verweigern wird mit einem Bibeltext als nicht in Ordnung erklärt. “Entzieht es einander nicht ...” (1.Kor.7:5). “Das musst Du halt” ... so ein Ältester...! “Beten und ertragen”, das war die ganze Weisheit der Organisation, das war die “liebende Fürsorge” der “geistigen Mutter”.

Meine Gegenargumente aus Matthäus 5:27,28 wo auch Jesus Christus erwähnt, dass ein Mann in seinem Herzen schon Ehebruch begangen habe, wenn er fortwährend eine Frau ansieht um in Leidenschaft zu ihr zu entbrennen - in meinem Falle zählte dies nicht. Pornographie - so verschiedene Älteste - sie zitieren die Organisations- Literatur - damit sei ja keine tatsächliche Hurerei begangen worden, nein, es sei ja keine außereheliche Beziehung mit einer dritten Person entstanden. Somit liegt kein Grund zur Trennung, geschweige denn Scheidung vor.

Der “treue und verständige Sklave, der einzige Mitteilungskanal Gottes auf Erden”, hatte für mein Problem keinen göttlichen, liebevollen und befriedigenderen Rat außer “Beten und Ertragen.“

Dass die Wahrheit im Auge des Betrachters nämlich der Organisation liegt, das erfuhr ich erst viele Jahre später durch eine Gegenüberstellung der Ursprungsworte von Ehebruch und Hurerei aus Mathäus 19:9. Laut Organisation muss eine dritte Person beteiligt und der Ehebruch vollzogen sein. Dann erst ist eine biblische Scheidung berechtigt. Dass es in den Augen Gottes etwas anders aussieht spürte ich zwar tief in mir, doch durfte ich dies nicht wahrhaben, denn den eigenen Gefühlen ist nicht zu trauen ... das Herz ist ja trügerisch. (Auslegung aus Jeremia 17:9). So entstand eine geistig seelische Verstrickung zwischen tatsächlicher Situation, Gefühlsleben, und Bibelauslegung durch die Organisation im (vermeintlichen) besonderen Segen der leitenden Körperschaft, und das ganze dann im Namen Gottes.

Heute habe ich eine ganz persönliche Definition über Ehebruch: Ein Partner begeht dann Ehebruch, wenn er etwas tut, was in dem anderen einen Gefühlsbruch verursacht ... ganz gleich was derjenige tut. Damit ist für mich der Ehebruch vollzogen. Doch es dauerte noch lange bis ich selbst zu dieser Definition kam.

Ich geriet in einen totalen innerseelischen Strudel, der sich in tiefsten depressiven Verstimmungen äußerte. So wurde diese Ehe für mich zur absoluten Seelenqual (u.a. wegen meiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas) und viele Stunden meines jungen Lebens weinte ich mir die Augen aus.

Hätte ich damals gewusst, dass die in Math. 19:9 erwähnte Hurerei (porneia) eine geringfügige sexuelle Verfehlung darstellt und damit sehr wohl ein Scheidungsgrund ist ... vieles wäre mir erspart geblieben. (siehe Betrachtung dieses Themas von Ray Franz, in “Der Gewissenskonflikt”).

“Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“, diese Poesiealbum-Verslein bewahrheitete sich in diesen Jahren immer wieder und so überstand ich die ersten 5 Jahre meiner Zugehörigkeit - ich denke heute - durch die persönliche, nicht immer organisationsbefürwortete Führung des liebenden Gottes. Nach vielen tränenreichen Gebeten hatte ich einen Gedanken: ”Suche in deiner nächsten Umgebung nach den vielen treuen Schwestern, die ihre Männer gewonnen haben, die durch die Zugehörigkeit zu den Zeugen so glücklich geworden sind.” Ganz bewusst wurde ich - so glaubte ich von Jehova selbst - auf den Weg geschickt mir andere geteilte Häuser zu betrachten und ich staunte nicht schlecht als ich feststellte, dass ein “gewinnen” des Ehepartners eher die Ausnahme ist als üblich. So durfte ich Gespräche führen mit den oft seelisch kaputten Schwestern und empfand mich nun nicht mehr als Ausnahme.

Ich durfte auch z.B. eine Freundschaft mit einem Bruder erleben, der wie ich in einer tief unglücklichen Ehe steckte und für den auch niemand das rechte Verständnis aufbrachte. Viele Stunden verbrachten wir in tiefen Gesprächen, und er war immer dann da, wenn ich meinen Mann gebraucht hätte. Er war mir unschätzbarer Freund in diesen Jahren. Dies brachte mir zwar auch Probleme ein, doch waren es meiner heutigen Meinung nach höchstens aus der Sicht der Organisation gesehene “moralische” Fehler.

Auch durfte ich in dieser Zeit mit vier Kindern die Bibel studieren, eine Erfahrung, die mir viel Freude und geistigen Reichtum brachten. Mit vielen Menschen konnte ich über Gott sprechen, IHN ihnen nahe bringen, das Einzige was ich wirklich wollte. Es war mir nie wichtig, ob jemand zur Organisation kam oder nicht ... Hauptsache die geistige Ebene zu Gott wurde als Grundlage, als Samenkorn gelegt ... das entsprach einem tief in mir angelegten Gefühl, dem ich ruhig hätte trauen dürfen. Heute weiß ich in meinem Innern die Antworten zu suchen...!

Gott schenkt mir ein Kind, das vieles veränderte!

Viele Jahre schon kämpfe ich mit dem Gedanken an ein Baby. Das wird von der Organisation zwar nicht verboten, doch auch nicht befürwortet. “Jünger machen“ ... das ist das Motto und ein Kind behindert dabei. Wenn ich dazu meine Ehe anschaue, nein, ... lieber nicht.

Doch das Bedürfnis wurde so stark, und ich betete oft um Führung deshalb, bis ich eines Tages eine männliche Stimme in mir hörte - während der Versammlung, bei einem langweiligen Vortrag - als ich im Gebet versunken war: “Ja, o.k., genehmigt” und freudestrahlend denke ich an eine persönliche Antwort Gottes. Bis heute empfinde ich dies so. Doch es dauerte und dauerte und ich wurde nicht schwanger.

Unsere Ehe war während dieser Wartezeit auf den absoluten “Nullpunkt” angekommen. Ich verwarf den Gedanken an ein Baby und bemühte mich erneut um eine Trennung. Da stellte ich fest, dass ich schwanger war. Und ich rang schwer in und mit mir und gab den Gedanken an Trennung auf. Vielleicht brachte ja das Kind eine Besserung unserer Gesamtsituation. Ein relativ ruhiges Jahr begann, und ich nahm dies dankbar als “Verschnaufspause” an.

In diesem Jahr geschahen andere Dinge, die ich aber in dem gesonderten Kapitel - über meine Fehler, die ich nicht verschweigen möchte - berichten werde.

Als 1998 unsere Tochter zur Welt kam, lag ich mit einer sehr netten jungen Mami, einer Katholikin, in einem Zimmer. Wir unterhielten uns oft und ich staunte über ihren aufrichtigen Glauben an Gott und über die Fähigkeit sich über kleine Dinge zu freuen und Schönes wahrzunehmen. Ich erwähne das nur deshalb weil ich mich darüber so angenehm verwundert habe. Die Schulung der Zeugen dagegen lautet, dass nur Zeugen Jehovas so feinfühlig denken und handeln können, weil sie allein im einzig wahren Glauben mit der rechten Führung Gottes durch den “Treuen und verständigen Sklaven” sind. Fasste nur ich alles so einseitig auf? Oft dachte ich so, doch in Gesprächen mit anderen Glaubensbrüdern- und -schwestern wurde mir während der Endphase unserer Ablösungszeit bewusst immer wieder vor Augen geführt, dass auch sie ähnlich oder noch einseitiger dachten.

Ein Umzug brachte die Notwendigkeit einer neuen Versammlung mit sich und schon das erste Erscheinen dort war eine kalte Dusche für mich. Der Vorsitzführende Aufseher forschte dezent und doch für mich spürbar nach, ob ich nicht eine Ausgeschlossene sei, die sich einfach in einer neuen Versammlung Eingang verschaffte. Zur damaligen Zeit war der Sekretär der vorhergehenden Ortsversammlung im Urlaub und so konnten die Unterlagen dort erst 4 Wochen später “inspiziert" werden.

Denise war nie ein typisches Versammlungskind und schrie vom ersten Tag an stundenlang aus Leibeskräften. So wurden die Versammlungen “Kellerstunden”. Letztendlich nahm mich kaum jemand wirklich wahr bis auf Einzelne, oft selbst Randerscheinungen und “Kellerkinder”. Viele, viele Stunden verbrachten ich im Untergeschoss, weil oben Kindergebrabbel nicht erwünscht war. Alles in allem war ich durch Kind und ungläubigen Ehepartner nicht besonders einsatzfähig und damit kein Vorbild.

Wie oft kam ich mir vor wie ein minderwertiges Gefäß im Hause Gottes (vgl. 2.Tim.2:20)! Wieder verwechselte ich die Organisation mit Jehova. Doch ist das nicht verwunderlich, denn so wie die Organisation denkt, ... “so denkt ja auch Gott”. Die Gleichung stimmt immer: Gott=Organisation, Organisation=Gott. Da gibt es keinen Unterschied und was ich in der Versammlung höre ist gleichbedeutend wie wenn Gott mit mir spricht. Ein Zeuge Jehovas sitzt immer “am reich gedeckten Tisch Jehovas” = das Programm der Organisation...!

Einzigst ... ich spürte den himmlischen Vater immer wieder anders. Er zeigte mir - von der Organisation ungenannte und unbekannte Wege mein Christsein zu gestalten, z.B. meinen Predigtdienst.

Ich kam mit Menschen zusammen, Andersgläubige wie z.B. Christen der freikirchlichen Richtung und ich wunderte mich über deren Bibelwissen, ihr liebevolles Verhalten, ihr feines Gewissen und ihre christliche Lebensart. Interessante Argumente bezüglich der Bibelauslegung ließen mich immer wieder staunen. Ich begann deren Literatur zu lesen und konnte nicht verstehen, wie es möglich sei, so gut biblisch argumentieren zu können, wenn doch bei diesen Christen der Segen Jehovas fehlte.

Eines Tages traf ich mit einer jungen Frau zusammen und während wir unsere Kinderwagen schoben fragte sie mich wie ich zum Glauben gekommen sei, und ich erzählte ihr. Im Gegenzug berichtete sie mir über ihre erste Begegnung mit der Bibel, durch einen jungen Mann, den sie vorher als Punker kannte. Dieser berichtete ihr über seinen neuen Glauben an Gott und die Bibel, hatte ordentliche Kleidung an, die Haare geschnitten, das Rauchen aufgehört ect. Er lud sie in deren Zusammenkünfte ein, wo gerade die Apostelgeschichte Absatz für Absatz gelesen und besprochen wurde. Sie hatte gefunden wonach sie gesucht hatte: Gott, die Bibel und den Sinn des Lebens. Viele Anfechtungen seitens ihrer Familie hatte sie durchzustehen und schließlich wurde sie durch untertauchen getauft.

Ich staunte nicht schlecht, denn meiner Beobachtung gemäß führte sie ein anständiges Leben und sah die Welt kritisch. Es war mir wie eine Erfahrung aus dem Wachtturm. Ich fragte mich wie es denn kommen könne, dass solche Menschen in Harmagedon vernichtet werden sollen, nur weil sie keine Zeugen Jehovas sind? Wie kommen sie zu dieser Erkenntnis und einem Leben in der Liebe innerhalb der Gebote Gottes und das ohne die Organisation? Wir trafen uns ab und zu und vor allem verschlang ich deren Literatur - die Bibel aus einer etwas anderen Perspektive gesehen und ich lernte immens dazu.

Trotz alledem konnte ich das was mir Gott zeigte nicht gleich annehmen. War ich doch immer noch überzeugt, dass nur die Organisation der Zeugen Jehovas “echtes” Lebenswasser hat.

In dieser Zeit lernte ich auch eine junge moslemische Frau kennen, und wir begleiteten uns eine Zeitlang in unseren schwierigen Lebenssituationen. Wir führten wunderbare Gespräche über Gott und die Welt. Durch sie lernte ich den Koran kennen und ich bewunderte auch deren Wissen, ihren Scharfsinn und ihre Menschlichkeit. Zum anderen beobachtete ich in etwa zeitgleich , die Tochter der eingangs erwähnten liebenswerten alten Schwester. Diese war vor Jahren durch ihre Heirat mit einem persischen Mann deshalb moslemisch geworden, weil dieser ihr tätige Nächstenliebe vorlebte (ganz im Gegensatz zu deren eigene Erfahrungen mit Z.J.) Ein sauberes Herz - so sagen Moslems - danach beurteilt Gott. Marille betreute ihre Mutter mit Liebe und Hingabe bis zu ihrem Tod und immer wieder hörte ich in dieser Zeit von der fehlenden Zuwendung durch Glaubensbrüder und -Schwestern der Z.J.

In diesem Zusammenhang dachte ich oft über das Gleichnis der Schafe und Böcke nach und auf was geachtet würde, wenn gerichtet wird durch Jesus Christus. Ich las mir alles genau durch und sah, dass es ganz normale “Liebesdienste” am Nächsten waren, die der Sohn Gottes hier aufzählte. “Zu essen geben, zu trinken geben, bei Krankheit zu besuchen, bekleiden ...ect. und er sagt dann, dass alles was für den geringsten seiner Brüder getan würde, ihm getan worden sei. Im Gegenzug alle Unterlassung am ihm unterlassen worden seien. Nein, hier steht nichts vom Predigtdienst, und nichts von einer Hilfestellung zum Überrest. Ganz alltägliche und doch so wichtige Hilfestellungen, werden angesprochen und nach meinen Beobachtungen von den Zeugen an ihren Glaubensbrüdern - jedenfalls hier in Deutschland beobachtbar - oft aufs Gröbste unterlassen.

Mir kam auch Jakobus 2:15-17 in den Sinn. Wie oft hörte ich im übertragenen Sinne so ähnliches wie “halte dich warm und wohlgenährt” und es wird nicht daran gedacht, das Nötige mitzugeben? Schau nur näher hin ... beobachte und höre Dir all die Außenseiter der Versammlungen an und Du wirst Selbiges wiederfinden. Leider...!

Das Wunder beginnt..., die Trennung wird wahr

Trotz aller Beobachtungen und mir gereichten Denkanstöße konnte ich das alles noch nicht wirklich annehmen und begreifen. Zu sehr waren mir die Lehre der Organisation in “Fleisch und Blut übergegangen”. Ich glaubte das mit Inbrunst, dass es nur diese eine von Gott geleitete Organisation auf Erden gibt und nur dort konnte ich doch wahre Grundsätze, Ratgeber und Freunde finden. Nur hier bekam ich doch die reine und unverfälschte biblische Wahrheit übermittelt, die die Zeugen Jehovas weltweit predigen - es konnte doch gar nicht anders sein! Mit allen Fasern meines Seins war ich davon überzeugt. Von jedem Kongress erhoffte ich mir “Neues Licht” (=neue Erkenntnisse) für mich und meine Probleme, “Speise zur rechten Zeit”, die ich so dringend gebraucht hätte um wieder atmen zu können. Immer unbefriedigter, und unglücklicher ging ich von den Kongressen und Versammlungen nach Hause. Es war eigentlich nur immer und immer wieder dasselbe zu hören. Hatte mich Gott doch vergessen? Oder gab es für mein Problem tatsächlich keine Lösung außer ertragen, beten und auf ein Wunder warten?

Von den vorhin benannten Personen u.a. Marille und Melek, bekam ich liebevoll gemeinte Ratschläge, ja in langen und ernsten Gesprächen wurde mir immer wieder nahegebracht, diese Ehe doch sinnvollerweise zu beenden. Meine moslemische Freundin sagte einmal zu mir: ”Tina, Du kannst doch nicht alles nur biblisch sehen, manchmal muss man einfach nur seinen klaren Menschenverstand benutzen!” Und wie recht sie hatte.

Schließlich wurde ich schwerst seelisch krank. Diese inneren Zwiespälte rieben mich auf. Ich spürte immer und immer wieder, dass Gott mit mir ist und mir Hilfe anbot, die ich nur zu nehmen brauchte, aber ohne die Unterstützung “seiner” Organisation. Konnte das wirklich so sein? Immer wieder und wieder stellte ich mir diese Frage im Herzen.

Die tief unglückliche Ehe lähmte mich so sehr, dass ich mich kaum noch um mein Kind zu kümmern vermochte. Oft saß ich stundenlang apathisch da und starrte in eine Ecke. Ich war leer, ausgebrannt und ohne Hoffnung auf eine Besserung und Lösung meines Problems. Ich weiß nur noch, dass ich eines Tages nur noch beten konnte “Vater, hilf mir, hilf mir, hilf mir und beende Du mir diese meine Ehe...” und ein tiefer Friede legte sich damals um mein Herz.

Der mir so oft verheißene “echte Ehebruch” seitens meines Mannes - mein ersehntes Wunder - blieb aus, so dass endlich diese Scheidung mit Genehmigung der Organisation möglich gewesen wäre. Es sollte ganz anders kommen, aber wie? Wie sollte jemals sich etwas ändern.? Schließlich begab ich mich - aus Verantwortungsgefühl meiner Tochter gegenüber in ärztliche und therapeutische Behandlung.

Die Therapeutin war eine Frau, die Liebe ausstrahlte und mich einfach so nahm wie ich war. Es war eine völlig neue und wunderschöne Erfahrung ohne “wenn” und “aber” angenommen zu sein. Es begann eine schöne, und doch sehr schwere Zeit. Irgendwie begriff ich langsam aber dennoch, dass all die lieben Kontakte mit anderen Nichtzeugen dazu da waren, mir etwas zu zeigen. Ich sollte einen Lernschritt gehen und selbst aktiv werden, nicht nur auf ein Wunder warten.

Als der Entschluss, auf eigenen Füßen etwas zu tun in mir durchgedrungen war, ging alles relativ schnell. Ich fand Arbeit und die Eltern meines “Noch-Ehemannes” waren zu meinem großen Erstaunen bereit, auf Denise - die damals 2 Jahre alt war - in den erforderlichen Arbeitszeiten aufzupassen. Die Trennung war nun finanziell möglich geworden.

Monate vorher war ich im freundschaftlichem Rahmen per Predigtdienst zu Gast in einem Mutter-Kind-Heim. Immer wieder boten mir diese jungen alleinstehenden Mütter an, doch hierher zu ziehen und obwohl mir der Entschluss sehr schwer fiel - es war ein nur 14qm Raum - nahm ich schließlich doch die Gelegenheit wahr, mit meinem Kind in dieses Heim zu ziehen.

Eine von der Organisation genehmigte Scheidung wurde mir egal und eine Trennung mussten sie einfach hinnehmen. Ich bekam die Kraft zu mir zu stehen und siehe da, es kamen so viele Menschen auf mich zu, die mir jeder irgendwie ein Stückchen weiterhalfen, mir seelische und anderweitige Stütze waren.

Mit dieser “Rückenstärkung” wagte ich mich an viele Bücher, Andersgläubige, Andersdenkende und ich nutzte jede Gelegenheit darüber zu sprechen.

Während dieser Trennungs- und Scheidungsphase akzeptierten die Ältesten der neuen Versammlung meine Entscheidung und ich hatte Gott sei Dank keine weiteren Probleme damit. Ich atmete jeden Tag für Tag besser durch und mit Mut wollte ich so weitergehen. Keine Sekunde bereue ich jemals, diesen Schritt getan zu haben, hin zu meinem neu begonnenen Leben. Nach einem Jahr wurde ich glücklich geschieden und die dazu gehörigen gesetzlichen Regelungen wurden im christlich friedlichen Sinn abgewickelt. Es hat sich alles in ein positives Neues umgewandelt.

Ja, dieser eigene Schritt wurde mir zum Segen und es war eine besondere und sehr intensive Erfahrung mit Gott dem Vater, der für jeden einen ganz persönlichen Weg, eine ganz individuelle Lösung hat. Und eigentlich ist das ganz logisch, da doch jeder Mensch eine eigene von Gott erschaffene Persönlichkeit darstellt und er jeden in seiner Eigenheit auch liebt, wenn diese in der Liebe gelebt wird. Doch genau das hört ein Zeuge Jehovas nicht.

Ehebruch

Während dieser Trennungsphase passierte mir auch ein sog. Fehler: Ehebruch, bzw. Hurerei. Ich möchte das deshalb erwähnen, einerseits aus Ehrlichkeit, andererseits, weil ich damals dachte: “Jetzt lässt Dich Jehova bestimmt fallen, denn jetzt hast Du selbst gesündigt.”

Aber, es kam ganz anders. Ich blühte auf, meine Dinge regelten sich und ich fragte mich oft, wie denn das nach der Organisationslehre sein könne. Und ich lernte ein weiteres Mal kennen, dass Gott die Herzen sieht, und sich nicht an dogmatische menschliche “Reinigungspflichten” hält.

Vor meiner 2.Ehe bereinigte ich dies aus Ehrlichkeit bei den Ältesten, und auch da kam keine öffentliche Zurechtweisung, oder etwa Ausschluss. Dafür bin ich diesen Ältesten heute noch dankbar und sie haben, was Menschlichkeit anbetrifft einen großen Pluspunkt bei mir, denn ich weiß heute, dass das leider nicht den Üblichkeiten entspricht. Ich war auch Gott dankbar, weil er mehr, weil er größer, weil er liebevoller ist, als all das was ich durch die Organisation erfahren habe.

Loslösungsprozess

Ich fand auch eine Wohnung und richtete mich ein. Ein Jahr später heiratete ich einen Zeugen Jehovas, und es begann eine Zeit, in der wir in vielen Gesprächen uns unsere Zweifel an der Organisation erzählten. Zwar versuchten wir noch einmal zu zweit neu “in der Wahrheit” anzufangen, aber der Versuch misslang, insofern, ... in der vorangegangenen Zeit war etwas zerbrochen: “Die Autoritätsgläubigkeit an die einzig von Gott geleitete Organisation auf Erden!”.

Immer mehr verließ ich mich auf mein mir inneliegendes Wissen, die Intuition, und konnte jetzt die Wege annehmen, die Gott mir vorher gezeigt hatte.

Was ich bisher noch nicht erwähnt habe war, dass mein Vater nach meiner Scheidung sehr plötzlich, während eines Krankenhausaufenthaltes starb. Der diagnostizierte Darmkrebs im Anfangsstadium wurde unter Zuhilfenahme des Blutkomitees an einen Chirurgen delegiert, der ohne größere Rücksprache die Blutfrage akzeptierte. Mein Vater hat das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen. Später erfuhr ich, dass dieser Chirurg per Unterschriftensammlung seitens des Krankenhauspersonals das Krankenhaus verlassen sollte, denn er habe Alkoholprobleme und operiere auch im alkoholisierten Zustand..., so eine Glaubensschwester, die sich nach der OP mit blauen Flecken übersät sah.

Angeblich wusste das Blutkomitee davon und strich auch diesen Arzt nicht von der Liste derer, die ohne Blut operieren. Buchstäblicher konnte die WTG gar nicht mehr beweisen, dass sie ihre Glaubensbrüder wegen des Blutdogmas ans Messer liefern.

Dieser Tod meines lieben Papas, der mittlerweile 6 Jahre getauft war, warf neue Fragen in mir auf: Ist Tod tatsächlich die Nichtexistenz? Der Gedanke daran war so furchtbar für mich, dass ich mich mit dem neugewonnenen Vertrauen auf einen persönlichen Weg von und durch Gott an Schriften traute, die sich mit Tod auseinander setzten. Zuerst die christlichen Schriften der freikirchlichen Vereinigungen. Aber ich bemerkte wieder die Auslegbarkeit der Bibel. Dann wandte ich mich den Todesnäheerlebnissen zu. Irgendwann kam ich nicht mehr drum herum, dass es eine Seele gibt, die den Körper beim Tod verlässt.

Dann klopften Mormonen an unserer Tür. Und obwohl ich keine Lust auf ein Gespräch hatte, unterhielt ich mich doch mit Ihnen. Wir prüften deren “Heilige Schriften”, besuchten deren Kirche. Ich las ihre anderen Schriften und staunte nicht schlecht, dass es Berichte zu lesen gab, wie Menschen zu Gott finden, tja, im Wachtturm wär's nicht viel anders gestanden. Es war eine wichtige Phase zur Ablösung. Ich wuchs in meinem Denken über das Zeugen-Denken hinaus. Es gab mehr als diese kleine Welt, und die wollte ich weitererforschen. Ca. 8 Monate beschäftigten wir uns mit ihnen.

Aber ich erkannte in dieser Zeit, auch in dieser Organisation dasselbe “Strickmuster” der Führung wie bei den Zeugen Jehovas.

Es waren liebevolle Menschen, mit Ausstrahlung. Aber diese durften angeblich vom selben Gott aus Dinge tun, die einem Z.J. verboten sind, (z.B. Bluttransfusionen annehmen), dafür durften sie keinen Alkohol trinken. Wieder und wieder stellte ich diese “Gebote” einander gegenüber, und dachte über den Grundsatz nach, dass Gott immer der Gleiche bleibt. Er ändert sich nicht. Warum dann in aller Welt so unterschiedliche Ge- und Verbote? Eines Tages fiel das Zehnerl: Es waren menschliche Auslegungen der jeweiligen Führungsspitzen der Organisationen.

So erkannte ich, dass Gott wahrscheinlich Organisationen gebraucht, dass Menschen überhaupt zum Glauben kommen, bessere Menschen werden, dass Ihm aber dieser “Kleinkram”, das entspricht den Lasten die auch schon die Pharisäer zu Jesu Zeiten auf die Schultern der Menschen legten, nicht wichtig ist. Das ist den dogmatisch denkenden Menschen wichtig, die “den Zehnten geben von der Minze und dem Dill, ..., aber die gelebte Nächstenliebe vergessen!”

Wieder war Kongress, und es war mein Letzter im August ‘95. Als wieder nur das selbe kam, und sich auch nicht darüber geäußert wurde, wie denn das jetzt mit der zu Ende gehenden Generation, die 1914 schon erlebten, bzw. in dieser Zeit geboren waren, aufzufassen sei, war mir klar: “Dort kann ich nie wieder hingehen.”

Wenig später erschien ein Wachtturmartikel, der diese Menschen, die endlich auf Harmagedon warteten, wieder enttäuschte. Die Lehre mit der Generation wurde geändert, und alle die aus den persönlichen - oft großen Opfern - gehofft hatten, das mit der Generation wäre jetzt die Zeit der Erfüllung der Prophezeiung wurden wieder einmal angeprangert “sich zuviel Hoffnung gemacht zu haben!” Keine Entschuldigung seitens der Führungsspitze in Brooklyn, dass sie erneut falsche Hoffnungen gesät hatten. Während ein Charles T. Russel es fertig brachte zu sagen, er habe sich lächerlich gemacht durch die Prophezeiung mit 1914, stellte sich diese Wachtturm-Organisation nur selbstgerecht hin und schiebt den “kleinen Verkündigern” eine falsche Erwartung in die Schuhe.

Das Buch “Der Gewissenskonflikt” von Ray Franz tat dann noch das Seinige, innerlich mit dieser Religionsorganisation abzuschließen.

Es dauerte noch 3 Monate bis ich bereit war unseren Abschiedsbrief zu schreiben.

Es erschienen 2 Älteste, und die Quintessenz ihrer Fragen war, wie wir zur Organisation stehen.

Das war es also ... wie wichtig ist dir die Loyalität zur Wachtturmgesellschaft.

Wir haben unseren Ausstieg nie bereut.

Unser Lebens- und Lernweg hat damit nicht aufgehört. Viele Wogen des Lebens haben uns hin- und hergeschaukelt, so manche hat uns arg überschwappt, ... so ist nun mal das Leben, aber es kam immer wieder irgendwoher ein Lichtlein, so dass es weiterging.

D i e Wahrheit gibt es auf dieser Welt nicht, aber aus allen Ecken immer irgendwelche Anregungen um mit dem Leben und seinen Problemen fertig zu werden. Man muss sich nur an die Lösung herantrauen wollen, und auch mal “heiße” Eisen anfassen.

Das Herausgehen aus der vermeintlichen Sicherheit der WTG hat uns zu reifen Menschen werden lassen, die “das Unterscheidungsvermögen durch Gebrauch geschult haben”. Heute lassen wir uns nicht mehr sagen, was wir zu tun oder zu lassen haben.

Jeder hat auf dieser Welt seine ureigenste Persönlichkeit und seinen ureigensten Lebensweg, man muss ihn nur finden und gehen wollen. Das ist auf den “Tafeln des Herzens geschrieben”, und das “innere Ich” weiß über den eigenen Weg sehr viel mehr, als alle gesammelten Weisheiten dieser Welt.

Wir Menschen haben nur verlernt darauf zu hören. Das wieder zu erlernen, erspüren und erkennen, das halte ich heute für den wirklichen Weg “in der Freiheit der Söhne und Töchter Gottes!”.

Martina Liebhart

Ich vermeide es eine Kirche und Religionsgemeinschaft in ihrem Glauben irre zu machen. Für die Mehrzahl der Menschen ist es sehr gut einer Kirche und einem Glauben anzugehören.

Wer sich davon löst, der geht zunächst einer Einsamkeit entgegen, aus der sich mancher bald wieder in die frühere Gemeinschaft zurücksehnt.

Er wird erst am Ende seines Weges entdecken, dass er in eine neue, große, aber unsichtbare Gemeinschaft eingetreten ist, die alle Völker und Religionen umfasst.

Er wird ärmer um alles Dogmatische und alles Nationale, und wird reicher durch die Bruderschaft mit Geistern aller Zeiten und aller Nationen und Sprachen.

Hermann Hesse aus “Lektüre für Minuten”