Erlebnisse eines freiwilligen Kongresshelfers

"Vielleicht ist es der letzte Kongress 'vor Harmagedon'". Das war eine der Thesen, die auf dem Nürnberger Kongress von 1955 mit zum besten gegeben wurde, und über die Josy Doyon als aufmerksame Beobachterin, im Nachhinein in ihrem Buch auch berichtete.

Das war die Sicht der zu diesem Kongress aus allen Ecken "herangekarrten" Besucher. Indes gab es auch eine Vorgeschichte, namentlich den technischen Aufbau der Kongressanlagen betreffend. Einer der bei diesen Aufbauarbeiten seinen Frondienst für die WTG absolvierte, brachte später einmal seine diesbezüglichen Erfahrungen zu Papier. In der "Christlichen Verantwortung" vom Juli 1967 berichtete er darüber.

Ein Erlebnisbericht vom Nürnberger Kongreß 1955

Als einziger Bruder aus der DDR war ich 7 Wochen lang beim Aufbau und der Vorbereitung am Weltkongreß beteiligt Dort ging mir mit der Zeit so manches Nachdenkliche durch den Kopf. Da ich als gelernter Facharbeiter dringend benötigt wurde, hatte ich auch überall Zutritt.

Nach außen wird verkündet, bei den ZJ sind alle Brüder gleich, ob Präsident oder geringster Bruder, Unterschiede gibt es nicht. Hier lernte ich aber Unterschiede kennen. in ganz grober Form. Da schliefen und wohnten die Bezirks und Kreisdiener in der Villa am Dutzendteich, welche von der Gesellschaft gemietet war, mit ihren Frauen in schönen Einzelzimmern mit Betten. Wir als schwer körperlich arbeitende Brüder schliefen auf dem Boden in Massenlagern. Hätte das unser Herr und Meister auch getan? Denken wir an die Fußwaschung.

Zum Mittagessen gingen wir freudig und hungrig in die Massenspeisung. Bei der Massenabfertigung ließ sich ein längeres Warten nicht vermeiden. Wie war es aber bei den Bezirksdienern, Kreisdienern usw? Diese saßen im Dienerzeit an weißgedeckten Tafeln. Sie wurden von sehr nett angezogenen Schwestern bedient.

Während der Zeit des Aufbaues gab es zum Mittagessen in der Villa am Dutzendteich als Getränk Wald- und Wiesentee, welchen ein Bruder täglich frisch aus dem Walde sammelte. Er wurde in großen Kaffeekannen dargereicht. Aber auch Bohnenkaffee gab es. Ich fragte eine junge, nett angezogene Schwester mit einem weißen Kränzchen auf dem Kopf, hier muß es doch Bohnenkaffee geben. Sie bejahte es, ja, bei den leitenden Brüdern steht welcher. Sooo, sagte ich, ist das biblisch? Sie antwortete, ja, die Diener müßten ja auch geistig arbeiten. ich sagte, sooo, meinst Du, liebe Schwester, daß wir, wenn wir am Tage schwer arbeiten müssen, daß uns da ein Kaffee nicht auch gut täte? Die Schwester sagte darauf, sie bezahlen den Kaffee selbst. Eigenartig, sage ich, es wird doch immer gesagt, sie bekämen gar kein Geld, wie ist das da? Die Unterhaltung war damit beendet, und ich ging nun straks zu der Kaffeekanne, machte die Tasse voll und ging. Kein Diener sagte ein Wort aber man sah mich schief an. Sie haben es sich aber gemerkt, wie ich später erfuhr.

Bürokratismus auch unter Brüdern in der theokratischen Organisation

Zur Herstellung einer Sicherungstafel für die Leitung benötigte ich ein Brett. Selbiges wollte ich mir in der Tischlerei, welche im Keller eingerichtet war, zuschneiden. Die Sägen hingen in der Tischlerei an der Wand. Ich durfte mir aber keine von der Wand nehmen, dazu sollte ich nur erst einen Schein zur Entnahme bei dem leitenden zuständigen Bruder besorgen. Ich traf diesen aber nicht an, er war außerhalb und sollte am nächsten Tag wiederkommen und mir den Schein holen. Da bei einem so großen Aufbau jede Minute kostbar ist, ging ich zurück in die Tischlerei und nahm mir einfach die Säge von der Wand. Da gab es eine große Auseinandersetzung, und man wollte mir die Säge nicht geben. Die Begründung von seiten der dort Anwesenden war: Ohne Schein kein Werkzeug, weil man niemandem trauen kann. Ich war empört über solchen Bürokratismus und sagte: Ihr wollt Brüder sein in einer theokratischen Organisation? Schämen solltet Ihr Euch, so bürokratische zu handeln, da ist es ja unter Arbeitskollegen im Betrieb besser als bei Brüdern. Da hat man eher Vertrauen und hilft gern, wenn es einer gemeinsamen Sache dient, daran solltet Ihr Euch ein Beispiel nehmen. Solches Gebaren in der Theokratie kann niemals die Arbeitslust fördern, sondern nur hemmen.

Wie man mit mittellosen Brüdern in brüderlicher Liebe umgeht

Mittellos ging ich als einziger Bruder aus der DDR als Handwerker zum Aufbau nach Nürnberg. Die Gesellschaft warnte uns, Geld aus der DDR mitzunehmen, um keine Schwierigkeiten zu haben wegen Devisenvergehen, und ich handelte danach. Da ich aber doch etwas Geld in der Aufbauzeit benötigte, um mir einmal was kaufen zu können, bat ich die 2 leitenden Kongreßdiener, welche nach Wiesbaden ins Bethel fuhren, doch dort mal anzufragen, ob ich nicht 50 Mark erhalten könne, welche ich dann nach dem jeweiligen Kurs wieder zurückzahlen wollte. Sie fragten in Wiesbaden angeblich Bruder Frost, der es aber ablehnte, Als sie ein zweites Mal hinfuhren, bat ich sie abermals, meinen Fall dort vorzutragen, was sie auch versprochen. Der Bescheid den sie mitbrachten, war wieder eine Ablehnung. Das alles gab mir zu denken, und ich frug mich, wo ist da die vielgerühmte Liebe und gegenseitige Hilfe? Als Bruder Frost selbst nach Nürnberg kam, frug ich ihn persönlich, warum er meine Bitte abgeschlagen habe. Er tat verwundert und sagte, da weiß ich ja gar nichts davon. Hole mir mal die beiden Brüder her, die mich gefragt haben wollen. Als sie vor Frost standen, gaben sie zu, daß sie gar nicht gefragt hätten. Sie hatten mich zweimal wissentlich belogen, und Frost sagte ihnen ordentlich Bescheid. Geld bekam ich aber trotzdem nicht mit der Begründung: Wir haben da schon sehr trübe Erfahrungen gemacht, denn das zurückückzahlen fällt immer sehr schwer, und deshalb geben wir nichts. Sonderbare Bruderliebe, erst belügen sie den Bruder, und dann gehts aber trotzdem nicht. Ich empfehle ihnen Kol. 3:9, Spr. 14:5, 25, Spr. 12:17 und Rö. 12:9, 10 zu beherzigen, nicht nur zu lesen.

Nach dieser Ablehnung fragte ich die leitenden Brüder vom Kongreß, weil ich ja mittellos war, ob sie nicht früh bei der Betrachtung des Tagestextes oder beim Mittagessen meine Lage den hier anwesenden Brüdern mitteilen können, daß ich um ihre Hilfe bitte. Es möchte ungefähr so gesagt werden, damit sie es recht verstehen:

Wir haben hier beim Aufbau einen Bruder aus dem Osten bei uns. Er hat die Anweisung der Leitung beachtet und hat kein Ostgeld mitgebracht. Er ist nicht in der Lage, sich etwas zusätzlich zu kaufen und bittet die Brüder und Schwestern hier, ihm behilflich zu sein.

Auch diese Bitte wurde abgelehnt von den Dienern ohne Erbarmen. Sie selbst verfügten ja über Geld und kannten keine Not. Ich bin sicher, wenn es bekanntgemacht wäre, hätte jeder von den kleinen Brüdern und Schwestern 20 Pfennig gegeben, das wären bei 160 Anwesenden 32 Mark gewesen, für mich eine große Hilfe, aber die Brüder der Leitung wollten es nicht und begründeten es: Wir sind doch kein Wohltätigkeitsverein, und außerdem ist dies auch unbiblisch. Die Bibel sagt aber doch: 1. Tim. 5:8, Hebr. 13:16, Luk. 6:33-38. Möchten dies die Brüder beherzigen, nicht nur lesen. Als Trost empfahl man mir dann, wende dich an die Gruppe Virnheim, welche Dich ja angefordert hat. Ich tat dies aber nicht, denn nach so vielen "Liebesbeweisen" durch die Brüder, welche sich zum Teil sogar zum Überrest zählten, war ich voll und ganz bedient. So sieht es innerhalb einer "göttlich" bezeichneten Organisation aus.

Diener als Aufseher ohne Liebe und ohne Erbarmen

Beim Aufbau der Zelte hatten wir mal eine kleine Pause. Wir waren alle froh, daß der Lastzug mit den Masten mal etwas Verspätung hatte, es waren 15 Minuten. Ein Bruder als Aufseher, welcher nur auf- und ablief, verlangte, wir sollten die Zeit auskaufen und einstweilen etwas anderes nebenan arbeiten. Ich sagte ihm, höre mal, wir müssen auch mal ruhen, sonst können wir am Ende gar nichts mehr schaffen. Jedoch er blieb ohne Verständnis und versuchte uns anzutreiben mit unschönen Worten, welche mit Bruderliebe nichts gemein hatten. Ich trat vor ihn hin, und frug ihn, ob unser Meister Jesus Christus auch mit den Händen auf dem Rücken herumgelaufen wäre und seine Jünger angetrieben hätte? Ja, sogar angeschrien hätte? Er meinte, als Aufseher habe er zu beachten, daß alles zügig vonstatten gehe, denn, es müsse bis zum bestimmten Tage alles fertig, sein. Belehrung nahm er nicht an, dazu war er zu erhaben.

Der Arbeiter ist seines Lohnes wert

An einem Tage hatte ich 10 Stunden gearbeitet und 2 Stunden Wache gestanden auf der Zeppelinwiese. Ich kam schmutzig und hungrig in die Unterkunft zurück. Da ich aus diesen Gründen später kam, hatten die Brüder in der Unterkunft vor "Hunger" meine Ration mit aufgegessen (ist auch unbiblisch). Ich bat nun den Küchenchef, welcher auch ein höherer Diener war, er möchte mir etwas zu essen geben Er sagte, die Küche ist geschlossen. Er stand aber neben der Speisekammer. Soll ich denn hungrig zu Bett gehen? Ja, da sind deine Brüder daran schuld, welche deine Ration gegessen haben. Ja, sie waren aber so hungrig und glaubten, ich würde noch etwas bekommen bei der langen Arbeitszeit. Man kann diesen Brüdern keinen Vorwurf machen, für die Arbeit sind die Rationen zu klein, und ich hoffe, daß Du mir nun etwas holst aus der Speisekammer. Nach langem Hin- und Hergerede, wobei auch wieder Worte fielen die nicht christlich sind, holte er mir Brot, Käse und Butter 40 g, aber die Wurst, Banane und Apfelsine bekam ich nicht. Auch auf Vorhalt bekam ich nichts mehr. Die Schrift gebietet: 1. Tim. 5:18, Luk. 10:7, Jak. 5:4. Bitte die Diener, nicht nur lesen, sondern auch beherzigen. In einer "göttlichen Organisation" muß dies Grundsatz sein.

Hochmütige Diener

Laut Anordnung war von 17:00-19:30 Uhr Duschen für Brüder und von 19:30-22:00 Uhr für Schwestern. Ich kam aber erst um 21 Uhr von der Wache und Arbeit, Arbeitsbeginn war 7 Uhr früh. Da unsere Badezeit vorbei war, ging ich in das Schwesterzimmer (großer Saal) und frug sie, ob ich baden könne. Sie gaben mir die Erlaubnis, weil nur noch 2 Schwestern baden wollten, aber erst kurz vor 22 Uhr, und ich hatte somit 3/4 Stunde Zeit zum Baden. Als ich den Baderaum verlassen wollte, hielt mich der wachhabende Bruder, ein VD oder KD, an und sagte, ich hätte gegen die theokratische Ordnung verstoßen, denn es sei Badezeit für Schwestern. Ich erklärte ihm die Lage und sagte, daß die Schwestern es mir erlaubt hätten zu baden. Die Schwestern haben keinerlei Recht, dir das Baden zu erlauben, das gibt es nicht. Ich sagte ihm nochmals in Ruhe den Sachverhalt, aber er erkannte nichts an, der hochmütige Diener. Ich frug ihn, wie bist du bloß zu deinem Dienstamt gekommen, du hast ja keinerlei Erfahrung, weder biblisch noch arbeitsmäßig. Spr. 8:13.

Eine arme theokratische Organisation

Bruder Frost sagte bei einer Unterredung zu mir: Bruder schreibe in deinen Heimatort an die Versammlung, es möchte niemand von dort zum Kongreß nach Nürnberg kommen, es wird der Gesellschaft zuviel Geld kosten. Ich war erstaunt, denn es wurde doch gesagt, es dürfe für uns kein Hindernis geben, den Kongreß zu besuchen. Da es ein Weltkongreß sein sollte, wären die Geschwister aus Amerika und Afrika auch eingeladen, und für diese dürfe es doch kein Hindernis geben. Wenn es der Gesellschaft nun zu teuer würde, hätte sie ja nicht so viele einladen dürfen, meinte ich. Und die Wenigen, die aus dem Osten kommen werden, das dürfte doch nicht ausschlaggebend sein. Ist die Organisation wirklich so arm? Ich bezweifle das, wenn ich hier den Aufbau sehe, müssen Kapitalien da sein. Was die Handarbeit anbelangt, so arbeiten die Brüder und Schwestern ja alle umsonst und wird eine Menge Geld eingespart und mit der Verpflegung wird auch gespart, nur nicht nach außen hin, da ist Geld da. Da ich überall offen meine Auffassung aussprach, wurde ich bald als schwarzes Schaf bekannt bei den höheren Dienern, und man ging mir möglichst aus dem Wege.

Wie die "arme" Organisation mit Material umgeht

Als wir die großen Zelte aufgebaut hatten, sagte ich zu dem jungen Bruder Reuter, Leiter des Kongresses, wir müssen nun gleich ehe wir weitere Zelte für ca. 100 Betten bauen, einen Wassergraben, um die Zelte ziehen und in den Bach leiten. Er gab mir zur Antwort, das geht dich gar nichts an. In derselben Nacht kam ein Unwetter, und die Hunderte von Strohsäcken im Zelte, welche die Schwestern mit großer Mühe gestopft hatten, alle ersoffen und verdorben. Am Morgen sagte ich zu dem Leiter, da hast du die Bescherung. Er gab aber immer noch keine Anweisung, Gräben zu ziehen. Ich habe ihm dann, Meinung gesagt und auf die Armut der Gesellschaft hingewiesen und wie man mit dem Geld umspringt und es vergeudet. Nach heftigem Wortwechsel ging er. Ich handelte dann mit anderen, Brüdern. Wir zogen die Gräben. Er getraute sich dann nichts mehr zu sagen. Damit hatte ich abermals einen Stein des Anstoßes geschaffen für mich. Mir taten die Schwestern leid, welche wegen der Unterlassung des Bruders von der Leitung nun die Arbeit nochmals machen mußten. Durch ihre Autoritätsanmaßung richten sie nur Schaden an, das habe ich in Nürnberg zur Genüge kennengelernt.

"Vorbildliche" Harmonie in der Leitung

Auch meine Frau hatte sich zum Aufbau gemeldet, jedoch konnte sie erst 14 Tage nach Aufbaubeginn kommen. Der Kongreßleiter Bruder Reuter, sagte mir, ich solle meiner Frau abschreiben, sie möchte nicht nach Nürnberg zum Aufbau kommen, da sie nicht mehr benötigt werde. Nach ein paar Tagen fragte mich der Leiter des Aufbaues, wo meine Frau bliebe, Es ist untheokratisch, sich nicht pünktlich einzustellen. Bei einem solchen Aufbau würde mit jeder Person gerechnet, und es ist unverantwortlich, sein Versprechen nicht einzulösen. Ich sagte ihm, daß ich vom Kongreßleiter Reuter aus nach Hause schreiben mußte, meine Frau solle nicht kommen, würde nicht mehr benötigt. Nach Feststellung, daß ich auf Anweisung des Kongreßleiters so gehandelt hatte, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden Brüdern, aber so, daß ich glaubte, an einem anderen Ort zu sein und nicht dort, wo sich Brüder in einer "theokratischen Organisation" begegneten. Einer beschuldigte den anderen irgendeiner verkehrten Handlung, und einer wollte mehr zu sagen haben als der andere. Hier kann man wirklich nicht mehr von Harmonie sprechen, denn ein einträchtig Beieinanderwohnen gab es nicht. Solche Fälle gab es noch mehr, man kann das nicht alles schildern. Die Worte aus Psalm 133:1 sollten beherzigt werden. Ebenfalls 1. Joh. 2:9-11, 3:16. Wie kann unter solchen Zuständen die Bruderliebe bleiben, oder sich festigen? Bei mir kam durch diese Erlebnisse vieles ins Wanken.