Susanne - verregelte Kindheit in einer Zeugen Jehovas Familie

Alles, was ich hier zu Papier bringe entspricht der vollen, selbstredend subjektiven Wahrheit. Es geht hier um Vergangenheitsbewältigung und nicht um Verunglimpfung, Verleumdung oder Rache.

Bis circa zu meinem 10. Lebensjahr fehlen mir Erinnerungen, Bilder und Details, wahrscheinlich nicht ohne Grund. Erinnerungsblitze, Fetzen und einzelne Sequenzen, was diese „Löcher" anbelangt kommen manchmal an die Oberfläche, denn der Körper vergisst nie.

KINDHEIT IN EINER ZEUGEN-JEHOVAS-FAMILIE

Seit ich denken kann, war ich immer eine Einzelgängerin und Außenseiterin gewesen. Allein, isoliert, einsam, aber auch abgeschottet, „geschützt", etwas Besonderes und nicht von dieser Welt.

Mit der Muttermilch habe ich die Regeln, Doktrinen und Glaubenssätze aufgesogen und verinnerlicht.

Bis heute weiß ich nicht, warum ich nicht in den Kindergarten durfte und erst mit sieben Jahren eingeschult wurde. Doch mit dem Schuleintritt war ich schon mit den Lehren der Zeugen vertraut und „gewappnet" für die Weltmenschen, die zum Untergang verurteilt waren. Wenn ich nicht so viele Geschwister (damals noch drei Brüder und zwei Schwestern) gehabt hätte, wäre ich gänzlich ohne Spielkameraden gewesen.

Ein Teil in mir hat darunter gelitten, nicht dazugehören zu können, keine Geburtstage, nicht einmal ein Tag im Jahr wurde mir größere Beachtung geschenkt, kein Weihnachten, mit den dazugehörigen Vorbereitungen und der Vorfreude, die Kinderherzen höher schlagen lassen, mit dem Glanz in den Augen vor dem hellen, geschmückten Baum am Weihnachtsabend, kein Ostern mit Eiersuche, kein Sylvester, um ein vergangenes Jahr abzuschließen und mit anderen das neue zu begrüßen, kein Fasching, für Kinder die Möglichkeit in eine andere Rolle zu schlüpfen und Größenphantasien auszuleben und Wunschgestalten darzustellen.

Alles in allem eine, in Anbetracht der großen Kinderzahl kostengünstige Angelegenheit für meine Eltern. Es galt nach außen eine ordentliche, saubere, adrette und für die Welt „glückliche" Zeugin abzugeben.

Die Versagungen und der Verzicht waren der Preis für das erhabene Gefühl zu einem erlesenem Volk zu gehören, das nach diesen „Prüfungen" die Belohnungen und die Verheißungen Jehovas erhalten wird.

Die straffe Organisation und das nahezu tägliche Beschäftigt halten mit der „geistigen Nahrung" der Wachturmgesellschaft ließ den einzelnen Verkündiger schwerlich auf andere Gedanken kommen. Das hat natürlich System, denn das Fleisch ist schwach und alle unvollkommen. Ich habe als Kind einen strafenden Gott kennen gelernt, streng aber gerecht, so hoffte, und dachte ich. Ich bin an diesem Gott zerbrochen! Ich habe in allen Formen des Gebets um Beistand und Hilfe ersucht, bin an der Diskrepanz, Doppelbödigkeit und Heuchelei innerhalb meiner Familie und der damaligen Versammlung schier verzweifelt. Die einzige Erklärung und Reaktion damals für mich, warum er mich nicht erhört hat, war noch mehr von Haus-zu-Haus-Predigen, noch mehr Lesen in den Publikationen und Schriften der Zeugen, noch entschiedener die Weltmenschen meiden und die Gebote Jehovas befolgen. Ich habe doch an ihn geglaubt, er war meine einzige Hoffnung, mein einziger Halt, mein Hoffnungsträger, was habe ich falsch gemacht, was habe ich verbrochen? Ich muss ein grundauf schlechter Mensch und Sünder sein, dass Gott mich nicht erhört und mir keine Zuflucht gewährt.

Heute denke ich, dass mich der feste Glaube an die Religion weiterleben ließ, ansonsten kann ich mir nicht vorstellen was mich am Leben hätte erhalten können.

Ich merke beim Schreiben, dass ich immer mehr abschweife, mir die Worte fehlen, das Unfassbare, das Unmenschliche und Grausame, was einer unbedarfen Kinderseele angetan wurde, festzuhalten. Die Gefühle von damals kommen bruchstückenhaft wieder hoch. Mir tut das Kind leid und gleichzeitig bewundere ich auch, wie es in dieser Zerrissenheit und Ambivalenz so viele Leben lebend bestehen konnte. Es klingt sehr pathetisch, tragisch und unglaublich und dennoch ist es wahr und so gewesen. Vieles musste ich ausblenden, verdrängen und aus meinem Gedächtnis streichen. Bis heute habe ich noch nicht alles erinnert. Die Psyche lässt nur so viel, peu a peu ins Bewusstsein wie ich verkraften und ertragen kann, sonst hätten meine Kinder keine Mutter mehr, die das heutige, jetzige Leben und den Alltag bewältigen möchte.

Zurück zu damals:

Montags: Vorbereitung für das Wachturmstudium für kommenden Sonntag. Abschnitte laut lesen, dazugehörige Fragen laut lesen, entsprechende (schon vorgegebene!) Antworten im Text rot unterstreichen! Keine eigenen Worte, keine Interpretation, geschweige denn persönliche Meinung.

Dienstags: Buchstudium. Die Verkündiger wurden nach Stadtteilen Privatwohnungen zugeteilt. Mein Vater als Ältester hat das Buchstudium bei uns zuhause geleitet. Ein bestimmtes Buch, von der Wachturmgesellschaft vorgegeben, wurde im gleichen Stil wie der Wachturm besprochen. Ale in Klammern angegebenen Schriftstellen wurden in der Bibel der Zeugen Jehovas nachgeschlagen und damit wurden die Interpretationen der Publikationen untermauert.

Mittwochs: Vorbereitung auf das Buchstudium, mein Vater hat kontrolliert, ob wir die Antworten im Text auch unterstrichen haben.

Oder Verabredung zum Predigtdienst.

Oder Vorbereitung auf Freitag: Theokratische Predigtdienstschule

Donnerstags: Vorbereitung auf Freitag: alle 4 – 6 Wochen eine Aufgabe auf der Bühne: Ein bestimmtes Thema musste erarbeitet werden und der Versammlung vorgetragen werden. Männer durften alleine vor dem Rednerpult auf der Bühne stehen, Frauen nur zu zweit (Frau als schwächeres Gefäß, dem Manne untertan, demütig, und sich nicht über ihn stellend!)

Eine Frau spielte die Wohnungsinhaberin, die andere die überzeugende Verkündigerin.

Mein Vater war der Leiter der Predigtschule und vergab für bestimmte, zu beachtende Kriterien, wie Pausen, Lautstärke, Aussprache, etc. entweder ein „Gut" oder ein „Arbeite daran"; dann musste bei der nächsten Aufgabe dieser Punkt wiederholt werden.

Freitags: Theokratische Predigtdienstschule. (eine Stunde), danach Behandlung es Königreichdienstes; monatlich wechselnde Themen, wenn es galt „neue Erkenntnisse", wenn das „Licht wieder heller schien" zu vermitteln (eine Stunde).

Samstags: Für diesen Tag stand der Haus-zu-Haus-Dienst im Mittelpunkt.

Man traf sich in der Versammlung, instruierte nochmals die Verkündiger, betete und schwärmte aus mit dem erhabenen Gefühl, etwas für Gottes Werk zu tun.

Sonntags: Öffentlicher Vortrag (während der vergangenen Woche galt es Außenstehende dazu einzuladen) von einer Stunde.

Wachturmbesprechung, ebenfalls eine Stunde.

Daneben: Saalreinigung, durchlesen der neuesten Zeitschriften Wachturm & Erwachet (erscheint 14-tägig), Kreis- und Bezirkskongress mit Herausgabe neuer Bücher.

Das ist lediglich der äußere, gut strukturierte Rahmen, welcher mir damals auch Orientierung und Halt gab. Das war jedoch nur der Schein, die Fassade, das Aufrechterhalten von oktroyierten Verhalten- und Benimmregeln.

Doch hinter dieser Fassade sah es in unserer Familie ganz anders aus. Von christlicher Nächstenliebe war nichts zu spüren.

Keine Wärme, kein liebes und aufmunterndes Wort. Körperkontakte und Zuwendung im negativen Sinne in Form von Prügel und Übergriffen.

Meine Mutter, die immer nur Mitläuferin war, in den Zusammenkünften regelmäßig einschlief, bei Vorbereitungen denselben sich mit Migräne auf ihr Sofa zurückzog, ihre Überforderung, ihren Unmut und ihre Unzufriedenheit in Prügel an uns (vornehmlich den Mädchen) abreagierte.

Mein Vater, der mehr Interesse an dem Einsammeln von „Schafen" zeigte, sich , wenn meine Mutter mal wieder auf uns eindrosch, sei es mit Kochlöffeln, Staubsaugerrohr, Holzschuhen oder was ihr sonst noch so in die Hände fiel, mit seiner Felddiensttasche aus dem Staub machte, statt uns Kindern zur Seite zu stehen.

Mein Vater, der in der Versammlung als Ältester unantastbar war, dort Anerkennung und Respekt erhielt und geachtet wurde, im Gegensatz zu Hause, wo er vor meiner Mutter kuschte, weil seine Frau ihn sexuell im Griff hatte. Wie habe ich ihn verachtet, mich für ihn geschämt, und ihn andererseits als Zeuge Jehova bewundert und von ihm Beachtung gewünscht.

Ich habe mir soviel Mühe gegeben es allen recht zu machen, Jehova, indem ich versuchte immer mehr Zeugnis für ihn abzulegen, meiner Mutter, für ein bisschen Lob und Anerkennung habe ich soviel zu Hause und auf ihren Putzstellen geholfen, meinen13 Jahre jüngeren Bruder versorgt, doch es hatte nie gereicht, es war nie genug. Sie sah nur das was noch nicht erledigt war, und mein Vater, zu dem ich in Teilbereichen aufsah, so werden wollte wie er, der meine Liebe mit Füssen getreten hat, mich verachten musste, weil ich so devot war wie er. Für jedes Problem und Schwierigkeit hatte er einen Bibelspruch parat. Die Bibel und die Religion wurden benutzt, um alles zu rechtfertigen.

Es gab mich als eigenständig denkenden und lebenden Menschen nicht mehr. Es wurde mir so lange gesagt, wie ich zu denken, zu fühlen, zu handeln habe bis ich nur noch durch außen , über andere definieren konnte und von ihnen abhängig war. Ohne Befehle und Richtlinien von außen war ich auf mich selbst zurückgeworfen und ein Nichts!

Mit ungefähr 12 oder 13 fing ich an, mir regelmäßig mit Rasierklingen meinen rechten unteren Arm aufzuritzen, um mich zu spüren; das Blut fließen zu sehen, anstelle von Tränen, die scheinbar versiegt waren, und natürlich als Hilfeschrei. Mein Mund war verschlossen, ich durfte die Religion und damit untrennbar verknüpft die Familie nicht in Verruf bringen. Ich hatte nur mein Gesicht und die Ritzerei als Appell. Ich kann es bis heute nicht verstehen, dass niemand meine stummen Schreie gehört hat.

Aus meiner angepassten und devoten Haltung erwuchs meine rebellische, zornige und wütende Seite. Ich pochte auf mein Einzelgängertum, war aggressiv, prügelte mich in der Schule, provozierte jeden und war auf der unerbitterlichen Suche nach Grenzen. Das ich später ein Leben als Grenzgänger führen sollte, wusste ich damals noch nicht.

Zeitgleich mit den Selbstverletzungen war auch der Übergriff meines sechs Jahre älteren Bruders, ich wusch mir hinterher die Hände und bekam 0,50 DM. Mein Vater hat mich weitergereicht (alte Familientradition, die kannte meine Mutter schon aus ihrer Familie), um mich hinterher wieder in Empfang zu nehmen.

In dieser Religion ist die Frau nichts wert. Eine Sekte, in der das Patriarchat noch Hochkonjunktur hat, Frauen sind das „schwächere Gefäß", die „Dienerin" des Mannes. Auch hierfür muss die Bibel herhalten. Die Zeugen sind Meister im Herauspicken von Bibelstellen, die vollkommen aus dem Kontext gerissen sind, um ihre eigenen „Wahrheiten" zu belegen. Es gibt nur Gut oder Böse, Wahr oder Falsch, Schwarz oder Weiß, diese rigide Denkweise sollte mein ganzes weitere Leben Prägen!

ABNABELUNG VON FAMILIE UND RELIGION

Meine Zerrissenheit und meine Verzweiflung über diesen Gott, der mich als Kind schon solchen Prüfungen aussetzte, führte dazu, dass ich mich als Jugendliche, obwohl ich von der Geschwisterfolge an der Reihe gewesen wäre nicht taufen lassen konnte. Es gab für mich leinen lauen Zustand; entweder kalt oder heiß. Aus dem heutigen Abstand betrachtet, war dies meine erste und bis dahin einzig richtige und eigene Entscheidung, die ich nach reichlichem Abwägen getroffen habe. Es war damals bestimmt nicht leicht, dem Druck von Außen standzuhalten und auf dem Kongress in Kaiserslautern mitzuerleben, wie meine jüngere Schwester vor mir getauft wurde und ich danebenstand und ihr von allen Seiten Jehovas Segen händeschüttelnd gewünscht wurde.

Damit nahm ich ihnen die Gelegenheit, über mich offiziell zu richten und mich in aller Öffentlichkeit auszuschließen. Zu einem späteren Zeitpunkt hätten sie mich sonst wegen meines „unsittlichen Lebenswandels", als Hure und wegen des Rauchens aus ihrer Mitte entfernt. Diese selbstgefälligen, selbstgerechten und ignoranten Männer maßen es sich an in einem „Rechtskomitee" über andere Menschen ins Gericht zu gehen. Die kleinen Sünden des niederen Verkündigers werden zur Abschreckung geahndet; die Übergriffe und Vergehungen der Ältesten, Bezirks- und Dienstaufseher oder Dienstamtsgehilfen vertuscht und bagatellisiert. Die Einzelnen beäugen sich misstrauisch und werden denunziert, was wiederum als ein Akt der Nächstenliebe ausgelegt wird, damit der, der vom Weg der Wahrheit abgekommen ist, seine Sünden bereut, Buße tut, Vergebung erfährt und wieder umkehrt.

Trotz guter Noten durfte ich nach der Grundschule nicht auf eine weiterführende Schule. Schulbildung oder gar Studium sind bei den Zeugen verpönt und es wird immer wieder davor gewarnt. Heute denke ich, dass die Angst dahinter steckt, freidenkende und kritische Menschen, die sich Allgemeinwissen aneignen, nicht mehr manipulierbar und vor allem gefährlich sind.

Nach dem Hauptschulabschluss ging ich auf eine Berufsfachschule, um die mittlere Reife nachzuholen. Es war eine halbherzige Entscheidung. Ich selbst war schon nicht mehr in der Lage zu spüren, was ich möchte, mein Vater hätte mich gerne als Hilfspionier gesehen (90 Stunden/Monat Predigtdienst), konnte sich aber bei meiner Mutter nicht durchsetzen. Letztendlich war es ihnen egal, sie hätten sich überhaupt keine Gedanken um mich gemacht. Ich war nicht wichtig, nichts wert.

Doch langsam fand ich Geschmack an dem neuen weltlichen Wissen. Bei meiner Zeugen-Familie gab es an Literatur nur die Zeugen-Bibel, Wachturm und Erwachet und andere Publikationen der Wachturmgesellschaft. Sie hatten mich von allem ferngehalten, dumm und klein gehalten, ich durfte nicht wachsen.

Ich lebte ein Doppelleben, das von Zerrissenheit, Ambivalenz, Schuldgefühlen und schlechten Gewissen geprägt war.

Nach dem mittlerem Schulabschluss stand ich wieder vor der Entscheidung, wie es weiter gehen solle. Um eine Berufsentscheidung, die ich nicht treffen konnte, hinauszuschieben, entschloss ich mich auf Anraten des Arbeitsamtes (ich brauchte immer jemanden, der mir sagen musste, was ich tun solle) zu einem sozialem Jahr in einer Privatfamilie.

Bei dieser Frau, eine alleinerziehende Mutter von damals zwei Kindern, Dozentin für Psychologie an der PH fand ich das erste Mal in meinem Leben einen Menschen, der mit mir sprach und mich auch damit meinte. Ich lernte Sprechen und entdeckte, dass es von einem Sachverhalt auch mehrere, verschiedene Standpunkte und Meinungen gab, was mich sehr verwirrte und in Gewissenskonflikte brachte. Wie auswendiggelernt und nachgeplappert verteidigte ich die Zeugen, ohne einen eigenen Standpunkt zu haben. Sie lieferte mir immer wieder Gegenargumente. Die Zeugen behaupten bis heute, man könne die Bibel nicht interpretieren und dennoch tun sie nichts anderes und verkaufen es meist labilen, sensiblen Menschen, vom Leben Gebeutelten, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, als die „Wahrheit".

Nach einem halben Jahr bin ich bei dieser Familie eingezogen. Aus heutiger Sicht erscheint es mir so, als wären meine Eltern erleichtert gewesen. Sie hatten nur Angst, die Kontrolle über ich aufgeben zu müssen. Meine Mutter rief bei dieser Frau an, um ihr zu sagen, dass ich sehr schwierig sei, als dürfte es für mich nichts Gutes geben, als dürfte niemand nett zu mir sein. Sie hatten Angst, das ich als eigenständiges Wesen unabhängig von ihnen existieren könnte, und versuchten dieses zu verhindern. Außerdem gab es ja noch Familiengeheimnisse, die gewahrt werden mussten.

Aus dem einen Jahr wurden sechs Jahre, ich zog ihren dritten Sohn wie mein eigenes Kind groß und rutschte sehr schnell von einer Abhängigkeit in die nächste.

Nach drei Jahren schleppte mich die Frau zum Abendgymnasium, weil sie trotz ihres Double-Bindings die Verantwortung für meine weitere Zukunft nicht mehr übernehmen konnte und wollte. Ich besuchte die Zusammenkünfte der Zeugen immer seltener und zog mich schließlich ganz zurück. Niemals kam irgendwer von den Zeugen und fragte danach, interessierte sich für meine Beweggründe. Es gab mich nicht mehr, ich war nicht wichtig. Ich war kein getaufter Zeuge, uninteressant für Jehovas Volk.

Mein Vater besuchte diese Frau in der Wohnung, in der ich auch lebte, um sie zu missionieren. Seine eigene Tochter, mich gab es ja schon nicht mehr, beachtete er nicht, es ging nur darum, Jehovas Volk zu mehren und diese Frau zur Taufe zu bewegen. Er hat mich nur benutzt, wie ein Möbelstück weggeworfen, nachdem es ausgedient hatte. Die vermeintliche Zuwendung, indem er mich missbrauchte und zu seiner Ersatz-Kindfrau machte, war ausschließlich geprägt durch: Macht, Verachtung, Verfügungsgewalt, Wut und Hass!

Mein restliches Leben ist schnell erzählt. Nachdem ich mich von der Sekte zurückzog und zunächst große Erleichterung empfand, fiel ich in ein großes, schwarzes Loch, dem noch viele folgen sollten. Ich habe all die negativen Botschaften verinnerlicht, sie sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Diesen Teil in mir, der mich immer wieder daran erinnerte, dass ich schlecht bin, nicht Leben, nicht genießen, mich nicht freuen darf, dass ich unrein, unsittlich, eine Hure bin, Harmagedon geweiht, bestraft werden muss (wofür weiß ich bis heute nicht so recht), dessen Aufgabe im Leben darin besteht, sich auszulöschen und umzubringen, ist bis zum heutigen Zeitpunkt immer wieder präsent und stürzt mich in Verzweiflung, Depressionen und Todessehnsucht.

Es wurde immer wichtig, sich von meiner Familie zu unterscheiden und zu distanzieren. Ich wollte anders sein, etwas „Besseres". Das Abitur auf zweitem Bildungsweg und Studieren schien mir das adäquate Mittel. Mein Trotz und meine Rebellion, die mir wahrscheinlich das Leben retteten, trieben mich voran. Doch diese negativen Botschaften und Stimmen in mir gewannen dann immer wieder die Oberhand, wenn ich glaubte, alles Schlechte hinter mir gelassen zu haben. Nach jeder abgebrochenen Ausbildung, (zwei Studiengängen und einer Lehre) kam ich in eine Klinik. Ich war bis heute in drei psychosomatischen Kliniken, zwei mal in der Psychiatrie und habe schon mehrere Suizidversuche hinter mir.

Beziehungen waren immer durch Ausschließlichkeit und Abhängigkeit geprägt. Nicht ohne Grund bekam ich zwei Kinder, ohne die ich heute nicht mehr leben würde.

Nach vielen Jahren Therapie, Hinterfragen, Analysieren und Verstehen kann ich mittlerweile auch noch andere Teile in mir wahrnehmen, die sehr wohl leben wollen, die nicht schuldig, schlecht und schmutzig sind. Mir darf es ungestraft gut gehen, die Phasen halten auch immer länger an, obwohl es sich noch wackelig und zerbrechlich anfühlt.

Vor meinem letzten Klinikaufenthalt, Ende letzten Jahres erfuhr ich von der Aussteigergruppe. Obwohl ich das erste Treffen, so angefüllt und den Tränen nahe, endlich Menschen gefunden zu haben, denen es ähnlich wie mir erging, die mir Verstehen und mir Glauben verliehen, befürchtete ich, nach verlassen des Gemeindesaales, welcher zudem der Hure Babylons gehörte, bestraft zu werden. Jehova wird sich rächen und der Blitz würde mich treffen. Aber es war kein Wölkchen am Himmel und ich bin unversehrt nach Hause gegangen. Die Menschen dieser Aussteigergruppe sind sehr freundlich und berührt, wenn ich meine Erfahrungen mit den Zeugen mitteilte. Oft denke ich, ich tue ihnen unrecht, wenn ich darauf sehr vorsichtig und misstrauisch reagiere und immer nur ein wenig von mir preisgebe.

Doch die Verletzung und das Misstrauen Menschen allgemein gegenüber ist noch zu groß.

Ich muss das Innere Kind, das sich jahrelang zum Schutz verdeckt hielt und sich nun ab und zu zeigt noch schützen, hegen und pflegen, sonst verschwindet es wieder.

Nach dem letzten Aufenthalt auf der Intensivstation, wo ich den Abend zuvor meiner Mutter mitteilte, dass ich mich umbringen werde und sie gleichgültig reagierte, wurde meine jüngere Schwester geschickt, um zu überprüfen, ob ich noch lebe.

Sie wusste von der Aussteigergruppe, kannte den Namen der Frau, die die Vorträge hält und wusste auch von dem Selbstmord einer jungen Frau, nachdem sie sich von den Zeugen distanziert hat.

Mit keinem Wort erwähnte sie das Telefonat mit meiner Mutter, es war ein reiner Kontrollbesuch. Für meine Familie wäre es das Einfachste, wenn ich mich umbrächte.

Als Mitglied in der Aussteigergruppe, um andere vor dieser gefährlichen Sekte zu warnen und mit der Befürchtung, dass ich Familiengeheimnisse ausplaudere werde ich für sie zu gefährlich. Zurecht habe ich vor diesen machtvollen „Seelenräubern" Angst und fühle mich zuweilen beschattet und verfolgt. Doch viel zu lange habe ich geschwiegen und alles bedeckt gehalten. Ich bin sogar so unverfroren und dreist die Bibel für mich anders zu sehen und zu lesen, wie den Text aus dem Johannisevangelium: ...."die Wahrheit wird euch frei machen". Meine Wahrheit, mein Wissen und meine Erkenntnis!

Ich werde mittlerweile so unbequem für meine Herkunftsfamilie, dass sie Lügengeschichten erfinden, damit sie „den Balken im eigenen" Auge nicht sehen müssen.

Sie räumen sogar ein, dass ich missbraucht wurde, behaupten jedoch von einem Psychiater innerhalb einer Sextherapie. Mein Bruder, Dienstamtgehilfe und im Krankenhauskomitee und mein Vater, der Älteste müssen makellos und unantastbar bleiben, damit alles beim alten bleibt und sie nichts ändern müssen.

Ich bin die Kranke, die Lügnerin, die Alkoholikerin, letztendlich der Sündenbock und Symptomträgerin dieser Heuchler. In dem Augenblick, wo ich meine zugeteilte Rolle aufgebe und das Muster durchbreche werde ich unbequem und gefährlich.

Ich habe den Kontakt gänzlich abgebrochen, lasse auch niemand von meinen Geschwistern mehr in die Wohnung. Was immer noch etwas schmerzt, ist die Tatsache, dass sie über mich schon gerichtet haben und mich innerhalb dieser Familie als nichtexistent, inklusive meiner Kinder erklärt haben. Angeklagt, verurteilt ohne die Chance einer Wortmeldung oder einer Verteidigung.

Das sind nicht die lieben und netten Menschen an den Haustüren, die ihr Lächeln einstudiert haben um Menschen zu fangen. Alles Fassade, alles Schein, nur vordergründig.

Es mag darunter nette, unbedarfte und naive Verkündiger geben, die über die Machenschaften der im Rang höheren, ausschließlich natürlich männlichen nicht informiert sind. Diese gilt es auf die Wiedersprüche, Unwahrheiten und auf die Ausbeutung aufmerksam zu machen und sie vor allem nach dem Austritt aus dieser unmenschlichen und perfiden Sekte aufzufangen und ihnen Halt zu geben!

Als Zeuge ist jeglicher Kontakt zu Weltmenschen verboten. Sie betrachten sich als „zeitweilig Ansässige" in dieser Welt. Jeder Regelverstoß wird zur Abschreckung mit öffentlichem Ausschluss bestraft. Danach werden sie von ihrem „Brüdern und Schwestern" innerhalb der Versammlung gemieden und geschnitten.

Ohne soziale Kontakte in der Welt draußen, von „Satan beherrschten Welt", fallen sie unweigerlich in ein Loch. Nicht wenige landen in der Psychiatrie, müssen Psychopharmaka einnehmen oder möchten sich der Todessehnsucht hingeben und nur noch sterben, um diesem unerträglichen Gefühl von Einsamkeit und Isolation zu entgehen.

Umso wichtiger und dringlicher ist es, diesen Menschen zu signalisieren, dass es sich lohnt weiterzuleben und dass es ein Leben nach dem Sektenaustritt gibt!