Margit - Geschlagen und missbraucht im Namen Jehovas

Einige Artikel im Kreisboten veranlassen mich dazu, hier als doppelt Betroffene zu schreiben. Einmal betroffen, da ich als Kind von Zeugen Jehovas in „der Wahrheit“ aufgewachsen bin und zum anderen von meinem Stiefvater, der immer noch ein Zeuge Jehovas ist, über vier Jahre lang als Kind sexuell missbraucht wurde.

Aus eigener Erfahrung sprechend, kann ich dem Kreisbotenartikel vom 2.Feb. 2000 „Verlogene Organisation“ von Emmy Kriegisch nur zustimmen. In meiner Kindheit habe ich sehr regelmäßig, mindestens ein oder zwei mal die Woche Prügel mit der Hand, einem Teppichklopfer , einem Gürtel oder einem Kochlöffel bezogen und habe auch immer wieder Stunden in einer dunklen Garage eingesperrt verbracht. Meine Mutter sagte mir, dass sie mich züchtige, weil sie mich liebe und dass Jehova es so will, sonst hätte er das nicht in der Bibel niederschreiben lassen. Anschließend an solche Prügelstrafen musste ich dann mit meiner Mutter zu Jehova beten und ihn um Verzeihung für meinen Ungehorsam bitten und ihn darum bitten, dass er mir helfen solle, dass aus mir ein gehorsames Mädchen werde.

Meine Mutter sagte mir auch immer wieder, dass mich Jehova vernichten werde und ich mein ewiges Leben auf`s Spiel setze, wenn ich nicht gehorsam sei. Sie fragte mich, ob ich wolle, dass Satan der Teufel gegen Jehova Gott gewinnen würde. Das wollte ich natürlich nicht, also strengte ich mich sehr an, alles richtig zu machen, was mir natürlich nicht gelang und das Ganze ging wieder von vorne los. Ich hatte Angst, Angst vor den Schlägen, Angst vor der Garage und vor allem Angst, dass ich sterben müsse, weil ich Jehovas Zorn auf mich gezogen habe. Diese Erinnerungen und Ängste gehen bis zu meinem vierten Lebensjahr bewusst zurück.

Ich kann mich auch sehr gut daran erinnern, dass in der Versammlung andere Kinder aus dem Saal gezerrt wurden und dann in der Toilette oder der Garderobe verprügelt wurden, weil sie in der Zusammenkunft zu unruhig waren, mit 2-3 Jahren schon. Da stand kein Bruder auf und unternahm etwas dagegen, es war völlig in Ordnung, wenn Mütter und Väter ihre Kinder schlugen – sie taten es ja nur, weil sie ihre Kinder liebten. Aber das alles war für mich normal, weil ich nicht s anderes kannte.

Ich war mit sechs Jahren schon überzeugt, dass die Zeugen Jehovas die einzig wahre Religion sein würde und mir taten all die anderen Kinder und Menschen leid, die sterben würden, weil sie in der falschen Religion waren. Damals wünschte ich mir so sehr, dass meine Oma eine Zeugin Jehovas werden würde, damit sie nicht vernichtet werden und ich sie später im Paradies wieder sehen würde, weil ich sie sehr liebte.

Meine Mutter heiratete wieder, natürlich auch einen Zeugen Jehovas. Ich kannte den Mann nicht, hatte ihn drei oder vier mal gesehen, als er mir als mein „Vater“ vorgestellt wurde. Wir kamen nicht gut klar miteinander, er hatte davor keine Kinder und ich hatte nie einen Vater im Hause gehabt. Beide sagten mir aber, dass sich das alles mit Jehovas Hilfe regeln lassen würde. Es ließ sich aber nicht regeln. Es gab viele Streitigkeiten und ich bekam von meinem Stiefvater zu hören, dass ich ihn störe in der Beziehung zu meiner Mutter und immer im Weg stehen würde. Ca.2 Jahre später kam es zu den ersten sexuellen Übergriffen, die mit seiner Befriedigung begannen und sich dann im Laufe der Zeit steigerten. Das Ganze wurde von verbalen Äußerungen begleitet. Bevor er sich befriedigte, sagte er mir, dass ich ja wisse, dass ich ihm gehorchen müsse, da Jehova es so will und ich andernfalls ganz sicher seinen Zorn und damit meine Vernichtung auf mich ziehen würde.

Während längerer Abwesenheit meiner Mutter sprach er davon, dass ich nun die Stelle meiner Mutter einzunehmen habe. Ein Gespräch mit meiner Mutter brachte nichts ein, außer dass sie mich der Lügen bezichtigte und mein Stiefvater sagte, dass ich ihn reizen würde. Ich bat um einen Zimmerschlüssel für mein Zimmer und bekam ihn nicht. Irgendwann sprach ich in meiner Not mit einem Ältesten, der aber nach einem Gespräch mit meinen Eltern der Meinung war, dass ich lüge und eine Intrigantin sei, die das aus Rache gegenüber ihrem Stiefvater behaupten würde, so teilten mir das meine Eltern mit. Danach wurde mir der Satan aus dem Leibe geprügelt. Ich wurde von meinen Eltern als schwer erziehbare Lügnerin und Intrigantin dargestellt und ihnen wurde geglaubt.

Selbst mein leiblicher Vater glaubte, nach meiner Offenbarung ihm gegenüber den Darstellungen meiner Mutter mehr als mir. Parallel zu dem Missbrauch studierte mein Stiefvater mit mir das „Jugendbuch “, damit ich auf dem rechten Weg bleiben würde und lerne, dass sexuelle Handlungen vor der Ehe ein Verstoß gegen Jehovas Willen sei, am Abend kam er dann wieder ... Es geschah oder änderte sich nichts. Nach Außen die glückliche Familie, nach Innen ein Fiasko.

In dieser Zeit hatte ich Selbstmordgedanken. Mit 16 Jahren täuschte ich vorehelichen Verkehr vor, da ich wusste, dass das zum Gemeinschaftsentzug führen würde. Daraufhin wurde ich vor das Rechtskomitee der Zeugen Jehovas geladen und vernommen. Mein Ausschluss folgte. Ich stand mit 16 Jahren alleine, zog aus dem Elternhaus aus und hatte mein gesamtes soziales Umfeld verloren ,wurde wie ein Verbrecher behandelt und fühlte mich schuldig. Ich kannte das Leben außerhalb der Zeugen Jehovas nicht und musste erst lernen, wie es sich „in der Welt“ lebt.

Fazit: Das alles hat mein ganzes Leben so beeinflusst, dass ich heute noch nach vielen Jahren als erwachsene Frau unter den Folgen leide, mein Leben ist geprägt durch: Verlust meiner Glaubwürdigkeit bei anderen, ich konnte keinen besseren Schulabschluss machen, konnte keinen vernünftigen Beruf lernen, stürzte mich in eine Ehe, um überhaupt wieder irgendwohin zu gehören und bin heute geschieden und alleinerziehende Mutter, die zu kämpfen hat einigermaßen gut über die Runden zu kommen und nichts von alle dem an ihre Kinder weitergeben will.

Einige psychische Folgen sind Angst vor der Dunkelheit (Garage) Panikattacken in allen Situationen, in denen ich das Gefühl habe, dass ich nicht entkommen kann ( Auto, Aufzug, Zahnarzt ), teilweise Selbsthass, und immer noch Schuldgefühle sowie die Angst vor Gottes Zorn – nach all den Jahren! Er ist immer noch ein angesehenes Mitglied der Zeugen Jehovas. Erst als ich erfahren habe, dass ich nicht das einzige von ihm missbrauchte Opfer bin, wurde es mir möglich nach all den Jahren zu sprechen. Der zweite Fall wurde ebenfalls den Zeugen Jehovas gemeldet, doch auch hier geschah bisweilen nichts.

Sehr große Unterstützung bekam ich seitens der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu. Hier bekam ich das erste Mal nach all den vielen Jahren das Gefühl nicht alleine zu sein. Mein Fall mag die Ausnahme sein, aber mit Gewissheit nicht die einzige Ausnahme. Durch den Kreisboten -Artikel “Stellungnahme Zeugen Jehovas zu Kreisbote-Artikel“ vom 26.Januar 2000 gewinnt der Leser den Eindruck, dass es keinen Missbrauch unter den Zeugen Jehovas gibt oder dieser zutiefst verabscheut und dagegen vorgegangen wird. Wenn dem so ist, warum wurde dann bis heute nichts seitens der Zeugen Jehovas unternommen, obwohl sie von dem Missbrauch wissen? Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es für die Zeugen Jehovas einfacher und bequemer ist, einem angesehenen Mitglied zu glauben, als den Opfern, die der Gemeinschaft entzogen und deshalb sowieso schon in die Kategorie der Verbrecher einzuordnen sind. Die positive Außendarstellung bleibt hierdurch erhalten, auch wenn in der Zwischenzeit ein Täter weiterhin als angesehener Zeuge Jehovas seinen Trieb an evt. anderen Opfern ausleben kann, so geschehen in meinem Fall, ein Einzelfall?