Matt (3 Jahre) - von der Schwägerin mißbraucht

Als mein Sohn Matt drei Jahre alt war, wurde er von seiner sechsundzwanzigjährigen Tante (meiner Schwägerin) sexuell belästigt.

Ich bemerkte, wie mein Sohn mit seiner kleinen Schwester die Dinge aus agierte, die die Tante an ihm verübte. Als Zeugin Jehovas das ganze Leben lang hatte ich keine Vorstellung, was da vor sich ging.

Eines Tages fragte ich Matt, warum er seine Schwester mit der Zunge küßte. Ich hatte dies nie bei ihm getan und wollte wissen, woher er das hatte. „Tante Carol“, sagte er. Ich sagte: „O.K., aber das ist nicht richtig, und ich werde der Tante sagen, daß sie das nicht wieder tut.“ Dann fragte ich: „Tut sie noch etwas anderes?“ Bis heute weiß ich nicht, warum ich diese Frage gestellt habe. Sie kam gerade so heraus. Matt erwiderte, als er sich aus dem Sessel erhob und stand, so daß ich sehen konnte, was er tat: „Ja, sie macht eine Menge Dinge. So wie das hier.“

Er machte weiter und berührte sich so, wie es ihm gezeigt worden war. Er ging in Einzelheiten, die ich nicht einmal mit seinem Vater gemacht hatte. Wir sprachen darüber und meinten, wir sollten damit zu den Ältesten gehen. In der Zwischenzeit ließ ich mir bei meinem Hausarzt einen Termin geben, um sicherzugehen, daß mit Matt alles in Ordnung wäre.

Die Ältesten kamen zu uns ins Haus und befragten Matt eine lange Zeit. Sie glaubten, Matt klammerte sich an mich und ich würde ihm eingeben, was er sagen sollte. Das war höchst unfair und unwahr. Sie meinten, im Königreichssaal hätten sie in größerem Maße Jehovas Geist. So machten wir uns also eine Woche später zum Saal zu einem Treffen der Ältesten auf den Weg.

Inzwischen war ich mit Matt beim Arzt gewesen. Matt sollte mit einer Therapie beginnen. Ja. Der Mißbrauch hatte stattgefunden, und sie war diejenige, die ihn mißbraucht hatte. Dies ist, was der Psychologe gesagt hatte. Der Therapeut nahm Matt ins Büro mit, nachdem wir hineingegangen waren und sprachen. Matt fühlte sich bei diesem Arzt sehr wohl und konnte Dinge sagen, die ich nicht einmal zu fragen begonnen hatte. Der Arzt macht mir große Komplimente: „Cathy, Sie haben alles mit ihrem natürlichen Gefühl getan, und es gibt nichts, das ich ihnen sagen könnte, wie sie damit umgehen sollten. Machen Sie so weiter, sie haben die Sache gut angefaßt.“

Ich ging zum Auto und saß da und weinte und betete. Ich fühlte mich so nutzlos. Wie konnte ich das nur mit meinem Kind haben machen lassen? Wo habe ich etwas Verkehrtes getan? Was habe ich getan, um Jehova so wütend auf mich zu machen? Warum hat er das an meinem Kind ausgelassen? Ich war gerade damit fertig geworden, meine Kinder zu Hause zu belehren, und sie waren bei der Großmutter im Haus. An dem Tag, als wir alles herausbekamen, waren wir von der Versammlung gekommen. Mein Sohn hätte etwas viel Besseres verdient.

Naja, wir hatten ja immer noch diese Zusammenkunft der Ältesten, die für Freitag geplant war. Zwei Wochen waren inzwischen vergangen. Wir gingen zum Königreichssaal und warteten, daß die Show begann. Denn genau das war es auch: eine Show. Die Ältesten, Bruce Maillet, Mike Shields und Mike Pandiscio, sollten die Posse leiten. Eine von ihnen kam heraus und sagte, er wolle Matt alleine mit hineinnehmen. Er war inzwischen riesige vier Jahre alt geworden, und naja, er war erwachsen genug, um mit der Situation fertig zu werden. FALSCH! So naiv, wie wir waren, ließen wir sie Matt mitnehmen. Sie meinten, mein Ex-Mann (damals noch mein Mann) und ich kämen dem Geist Jehovas in die Quere. Menschenskind, es tut uns ja Leid, Leute, und so. Ich war wütend.

Mein Ex-Mann brachte Matt in das Hinterzimmer, wo seine Schwester stand. Diese Angst, die Matt gehabt haben muß, als er sie sah! Er war so ein großer Junge, der in den Raum ging, und seine Augen wollten sagen: „Mami! Laß nicht zu, daß sie mich alleine da hineinnehmen. Bitte!“ Nun, mir schlug das Herz bis zum Hals, und ich wollte Jehovas gerechte Entscheidung. Ich ließ ihn gehen. In mir drehte sich alles durcheinander. In diesen Minuten konnte ich nur mein Herz schlagen hören, und ich erinnerte mich an das, was der Psychologe zu mir gesagt hatte: „Ihr Instinkt ist gut, handeln Sie danach.“

Mein Ex-Mann kam zurück und zitterte und war wütend. In seinen Augen stand das ganze Leid, das er für unseren Sohn verspürte. Er sagte: „Cathy, man hat Matt gesagt, er solle sich direkt neben meine Schwester setzen. Er sitzt jetzt direkt neben ihr. Wie konnten sie das tun?“ Wir hatten ihnen gesagt, sie sollten ihn nicht neben ihr sitzen lassen. Das war alles, das bei mir nötig war, mehr konnte ich nicht mehr ertragen. Ich lief zum Hinterzimmer und schlug gegen die Tür. Die Tür geht übrigens nach außen auf, so wußten sie, daß ich da war, als ich die Tür geöffnet bekam. Ich sah Matt an und sagte: „Los, komm. Du brauchst das nicht. Es ist vorüber. Wir gehen!“ Sie sagten zu mir, ich unterbreche Jehovas Geist und er sei herausgeflogen, als ich die Tür öffnete. Sie sagten, sie müßten sich jetzt auch über meine Handlungsweise nähere Gedanken machen und vielleicht müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Sie schrien: „Wie kannst du es wagen!“

So viele Dinge gingen mir durch den Kopf, aber tief im Innern wußte ist, daß das, was die Ältesten getan hatten, falsch war. Ich nahm meinen Sohn in die Arme und wir gingen. Mein Ex-Mann war wütend, daß sie mir die Gemeinschaft entziehen wollten, so ging er zurück und gebrauchte gegenüber den beiden noch Dortgebliebenen schlimme Kraftausdrücke. Sie sagten ihm, sie müßten sich mit uns beiden näher befassen und man würde uns wegen unserer Handlungsweise noch informieren. Sie würden uns wissen lassen, ob sie uns ausschließen würden.

Gut, wie auch immer...

Ich sprach später mit dem Therapeuten, und er sagte mir, ich hätte meinem Instinkt folgen und mit hineingehen sollen. Ich hätte ihn niemals alleine dort hineingehen lassen sollen. Ja. Meine Gefühle für meinen Sohn wurden vom Therapeuten bestärkt; ich hätte meine Sache gut gemacht, als ich mit alledem fertig werden wollte. Mein Ex-Mann tat das Beste, was er konnte. Er empfand soviel Wut und Schuld für das, was seine Familie uns allen angetan hatte, daß er nicht damit fertig wurde.

Carol Miles wurde angeklagt, und der Fall kam schließlich vor Gericht. Sie plädierte auf schuldig wegen tätlichen Angriffs; die Strafe dabei ist ebenso hoch wie bei unsittlicher Annäherung gegenüber Minderjährigen. Matt mußte nicht als Zeuge aussagen. Sie hatten für seinen Auftritt den ganzen Saal räumen lassen. Anders als die Ältesten erkannte das Gericht, daß mein Sohn ein kleiner Mensch mit Empfindungen war. Sie wollten, daß er sich wohl fühlte. Und wißt ihr, was? Der Richter hat mich nicht gebeten, den Saal zu verlassen. Matt durfte direkt neben mir sitzen.

Die Nachwirkungen dieses Falles waren phänomenal. Meine Ehe ging in die Brüche. Meinen Kindern habe ich inzwischen alles gesagt. Wissen ist Macht. Meine Kinder wissen, daß sie niemandem den Rücken zudrehen; die wissen nie, wer darauf wartet, sie zu verletzten. Und sie wissen auch, daß es einen Gott gibt, aber er kontrolliert nicht, was die Leute tun. Sie wissen auch, daß es auch ein Leben vor dem Tode gibt. Jehovas Zeugen warten darauf, zu sterben. Sie leben für ein Traumbild.

Nach dem Prozeß und jetzt, wo alles Schlimme ausgestanden war, kamen die Gefühle. Eines Tages, als ich Wäsche aufhängte, kam mein Matt heraus und sagte: „Mama, ich habe so auf dich und Papa gewartet, bis ich nicht mehr warten konnte, um euch zu erzählen, was Tante Carol mit mir gemacht hat. Warum seid ihr, du und Papa, so spät gekommen?“ Ich drehte mich von meinem Sohn weg und die Tränen liefen mir die Wangen herunter, wie sie es jetzt auch tun, wo ich euch diese Geschichte erzähle. Ihr müßt wissen, daß ich großes Vertrauen zu dieser Tante hatte, weil sie meine Kinder so liebte wie ich selbst. Das dachte ich jedenfalls. Ich glaubte, sie allein war gut genug als Babysitter für meine Kinder.

Ich gebe nun nicht mehr anderen die Schuld. Ich war es, die nichts erkannte. Ich hatte tief im Innern Empfindungen und Gefühle, und die übergehe ich jetzt nie mehr. Wenn ich über etwas bestürzt bin, sage ich das auch.

Die Ältesten hatten so sehr unrecht. Was glaubten die, wer sie waren? Ich habe an die Gesellschaft geschrieben, aber zu der Zeit ging ich nicht mehr zu den Zusammenkünften. Ich vermute, mein Brief landete gleich im Papierkorb. Ich bin nach all den Jahren, die ich der Gesellschaft gegeben habe, traurig. Jetzt gebe ich ihr nichts mehr.

Es hat mir gut getan, diesen Brief zu schreiben. Ich mußte weitergehen und meinen eigenen Freiraum finden. Wenn ich das tue, weiß ich, daß vielleicht gerade jemand anders weiß, daß er nicht allein ist. Das passiert in größerem Maßstab, als wir uns das vorstellen können. Meine Erfahrung ist gerade mal wie ein kleines Korn im Sand.