Geschichte einer Entfremdung

Zuneigung, Verständnis, Gesprächs- und Hilfsbereitschaft waren einmal kennzeichnend für unsere Familie. Bis das Schicksal in Gestalt der Zeugen Jehovas zuschlug.

Es fing eigentlich ganz harmlos an. Unsere erwachsene Tochter ließ sich überreden, mit einer Zeugin Jehovas ein sogenanntes "Bibelstudium" zu machen. Sie fing an, in die Versammlungen im Königreichssaal zu gehen und war fasziniert von der großen Freundlichkeit und dem Interesse an ihrer Person - ganz anders als sie es von Kirchenbesuchen her gewöhnt war.

Wie hätte sie wissen können, dass die Freundlichkeit und das Interesse das Ergebnis eines minutiös einstudierten Verhaltens sind und dass es auf Dauer nur denjenigen zuteil wird, die sich genau an die strengen Regeln und Vorschriften der Organisation halten.

Wie auch hätte sie ahnen können, dass sie im Grunde an perfekt geschulte Verkäufer geraten ist, Verkäufer, die sich mit den Firmenzielen (d.h. dem Vertrieb von Druckwaren, die man vorher durch Spenden auch noch selbst bezahlt hat), identifiziert haben.

Die Veränderung begann ganz langsam. Es gab Phasen, da war unsere Tochter so wie immer, offen und mitteilsam und interessiert am Familiengeschehen. Schleichend wurde eine eigentümliche Entfremdung spürbar. Es fing z.B. damit an, dass sie sich an Geburtstagsfeiern nicht mehr beteiligen wollte, ebenso ging es mit Weihnachten, Ostern. Die Kontakte zur Schwester schliefen ein wie auch zu Eltern, Großeltern und den anderen Verwandten und Bekannten.

Als unsere Tochter ihren Jugendfreund heiratete, der kein Zeuge Jehovas war, verstärkte sich der Druck der Organisation. Das Verhältnis der Ehepartner wurde von den Zeugen Jehovas systematisch untergraben. u.a. dadurch, dass auch die Kinder, die teilweise schon als Kleinkinder in die Versammlung geschleppt werden mussten, konsequent gegen ihren Vater, den Nicht-Zeugen eingestimmt wurden. Sie verkehrte praktisch nur noch mit Zeugen Jehovas. Die Kinder wurden von der Familie, Freunden und Nachbarn ferngehalten.

Für die Kinder war es zusätzlich schwer, weil sie in den Versammlungen diszipliniert und zum Stillsitzen gezwungen wurden. Weil aber kleine Kinder das nicht so leicht schaffen, wurden sie eben mit Schlägen gefügig gemacht.

Unsere Tochter, die anfangs ihre Kinder äußerst liebevoll behandelte, änderte vollkommen ihr Verhalten. Nicht mehr die mütterliche Zuneigung stand im Vordergrund, sondern die alttestamentarisch begründeten, strengen Regeln der Zeugen Jehovas.

Zur Verdeutlichung hier einige Originalzitate aus der Wachtturmliteratur:

Wenn Eltern ihre Kinder in Zucht nehmen, auch wenn das körperliche Züchtigung oder den Entzug von Vorrechten einschliessen mag, ist das ein Beweis dafür, dass sie ihre Kinder lieben.

Paradiesbuch, S. 245

Schläge können einem Kind das Leben retten, denn in Gottes Wort heisst es: "Enthalte doch dem der noch ein Knabe ist, die Zucht nicht vor. Falls du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben. Mit der Rute solltest du selbst ihn schlagen..."

Ein Kind das sehr empfindsam ist, braucht nicht jedes Mal geschlagen zu werden. Bei einem anderen Kind mögen Schläge wirkungsvoll sein.“

Das Familienleben glücklich gestalten - "Der Wert einer liebevollen Erziehung"

Auch heute noch kann es keiner, der unsere Tochter von früher kennt, fassen, dass es den Zeugen Jehovas gelungen ist, sie dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie früher nie getan, ja nicht einmal bei anderen geduldet hätte.

Und doch ist es geschehen und geschieht noch.

Die Ehe wurde unter tätiger Mithilfe der Zeugen Jehovas zerstört und letztlich geschieden. Die Kinder, die durch die Trennung ohnehin stark leiden, pendeln nun nicht nur zwischen Vater und Mutter, sondern zwischen zwei Welten: hier die ständige Androhung des nahenden Untergangs der "Weltmenschen" (dazu zählen der eigene Vater, die Großeltern, Verwandten und alle Menschen die keine Zeugen Jehovas sind), Angst vor Dämonen und dem Satan, die überall lauern, besonders unter den "Weltmenschen" und dort die Freiheit beim Vater, die sie aber nicht wirklich ausleben können, weil sie wissen, dass es ihnen beim nächsten Kontakt mit der Sekte wieder als etwas Böses vorgeworfen wird. Schon die Zuneigung zu einem "Weltmenschen", auch zu dem eigenen Vater, ist ja schlecht. Es liegt auf der Hand, dass Kinder einen solchen Zwiespalt kaum ohne Schaden an Geist und Seele ertragen können. Wer könnte das überhaupt?

Erst bei den Treffen der Initiative AUS/STIEG haben wir festgestellt, dass unsere Erfahrung kein Einzelfall ist. Zerstörung von Familien, wenn der Ehepartner oder Angehörige sich der Sekte gegenüber ablehnend verhalten, wird systematisch und planvoll vorangetrieben, eigene Anwälte geben ihren Anhängern Rat.

Es geht bei Zeugen Jehovas unserer Meinung nach überhaupt nicht um Religion, sondern um Wahrung von Macht, Geld und Einfluss eines milliardenschweren Konzerns, der sogenannten Wachtturm-Gesellschaft, der auf stetigem Expansionskurs kaltblütig und menschenverachtend die Gutgläubigkeit Einzelner ausnützt.