Als Kind ein chronisch schlechtes Gewissen

Ich wurde von meiner Mutter als Zeuge Jehovas erzogen, die wiederum von ihrer Mutter in derselben Weise erzogen wurde. Mein Vater andererseits war nie ein Zeuge und hielt nicht viel von organisierter Religion.

Als meine Mutter mit mir schwanger war, begann sie wieder ernsthaft über ihre geistigen Belange und die der Familie nachzudenken. Sie war sich nicht mehr sicher, was denn richtig sei, aber sie fiel auf die Knie und betete zu Gott, er möge ihr zeigen, was die wahre Religion sei. Sie schaute sich auch andere Glaubensrichtungen an, war aber bald wieder überzeugt, daß Jehovas Zeugen den wahren Glauben hätten. So fand sie den Weg zum örtlichen Königreichssaal, gewann alle als Freunde und wurde ein tätiges Mitglied der Versammlung mit der festen Absicht, auch ihre Kinder in der "Wahrheit" zu erziehen.

Mein Vater wiederum hatte anderes im Sinn. Auch wenn er eine ganze Menge über das wahre Christentum nicht wußte, wußte er doch, daß etwas bei den Zeugen Jehovas sehr verkehrt war. Er wurde unnachgiebig darin, meine jüngere Schwester und mich nicht mit meiner Mutter zu den Zusammenkünften oder in den Predigtdienst gehen zu lassen. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, daß die beiden über die ganze Sache bitter stritten, und am Ende weinte meine Mutter immer. Meine Schwester und ich waren viel zu jung, um zu verstehen, was da vor sich ging. Alles, was wir wußten, war, daß mein Vater niederträchtig war und nicht zuließ, daß Mutter uns in die Versammlung mitnahm. Meine Schwester und ich haßten es, wenn beide kämpften.

Nichtsdestoweniger war meine Mutter entschlossen, uns die "Wahrheit" zu lehren. Oft, wenn mein Vater zur Arbeit gegangen war, verbrachte sie die Zeit mit uns und ging verschiedene Wachtturm-Bücher durch. Das kleine rosa Buch Auf den großen Lehrer hören war damals bei uns beliebt. Und da mein Vater keine Alternative anbot, hatten wir keine Zweifel daran, welche Religion die wahre ist; wir stellten sie nicht einmal in Frage.

Schließlich gab mein Vater klein bei und hörte auf, mit Mutter über Religion zu streiten. Ich denke, er hörte deshalb auf, sich darum zu kümmern, weil er erkannte, daß er nicht viel Grund hatte, sich überhaupt zu verweigern. Nun dachte er, da es so viele unterschiedliche Religionen auf der Welt gibt, könne man nicht eine über die anderen setzen. So fingen wir an, öfter mit Mutter zu den Zusammenkünften zu gehen. Weil ich jedoch wußte, was Vater über die ganze Sache dachte, wollte ich nicht, daß er dachte, daß ich das aus eigenem Antrieb tat, sondern daß ich es nur tat, um Mutter glücklich zu machen. Er wußte wirklich nicht, wie ernst ich die Sache nahm. So weit ich mich erinnern kann, habe ich immer zu Jehova gebetet, besonders vor Mahlzeiten und wenn ich zu Bett ging. Keiner wußte, daß ich betete. Ich tat es heimlich, weil ich Angst hatte, jeder würde denken, ich sei verrückter, als ich es in Wirklichkeit war. Ich war auch an den Erwachet!-Artikeln und an Büchern wie Mein Buch mit biblischen Geschichten und Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies interessiert. Nichts versetzte mich mehr in Erregung als alle Bilder vom Paradies, die in der Wachtturm-Literatur so oft vorkommen, und nichts jagte mir größere Angst ein als das Bild von Harmagedon in Kapitel 25 des Buches Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies. Dieses schreckenerregende Bild blieb in meinem jungen Sinn mehr haften, und ich kann mich daran erinnern, wie ich immer lange darauf starrte und dachte, wenn ich nicht ein besserer Mensch würde, fiele ich bei einem Erdbeben in eine Spalte wie die Menschen auf diesem Bild. Und dieses Bild sollte mir passenderweise immer dann in den Sinn kommen, wenn ich vergaß, zu beten oder Wachtturm-Literatur zu lesen oder nicht zu den Zusammenkünften ging oder mit Mutter nicht von Haus zu Haus ging oder sonst irgend etwas Schlechtes tat.

Die Furcht, die Schuld, die Verwirrung, die ich als Kind erfuhr, waren enorm. Ich war zwischen dem Glauben in meinem Sinn und den Wünschen in meinem Herzen, die ständig miteinander im Streit lagen, hin und hergerissen. Da weder mein Vater noch jemand von seiner Seite der Familie Zeugen waren, durften wir weiterhin Feiertage und Geburtstage begehen. Aber so sehr ich das auch mochte, so wußte ich doch tief im Innersten, daß das verkehrt war, und ich fühlte mich schuldig, weil ich wirklich Freude daran gehabt hatte, zusammen mit den anderen Angehörigen meine Weihnachtsgeschenke zu öffnen, am Erntedanktag ein Dinner zu haben und das Feuerwerk am 4. Juli anzusehen (Anm: amerikanischer Unabhängigkeitstag). Ich kämpfte täglich in der Schule und fragte mich, wie ich den Konflikt auflösen könnte, zu vermeiden, mich vor den Klassenkameraden in eine peinliche Situation zu bringen, oder Jehova wirklich zu ehren, indem ich mich weigerte, der Flagge ein Treueversprechen zu geben. Die Zusammenkünfte im Königreichssaal waren so ermüdend und langweilig, und um die Sache noch schlimmer zu machen, zeigte meine Mutter häufig auf andere, sogar noch jüngere Kinder in der Versammlung, die in der Lage waren, still zu sitzen und sogar die Hand zu heben, um Fragen zu beantworten, um mich dann zu fragen, warum ich nicht auch so sein könnte, da alles, was ich tun konnte, war, mich zu winden und zu hoffen, daß die Zusammenkunft bald vorüber wäre. Doch ich wußte immer noch, daß dies dort war, wo Jehova mich haben wollte, auch wenn ich nicht begreifen konnte, was gesagt wurde, aber ich haßte mich, weil ich es haßte, dorthin zu gehen. Und dazu kam die schreckliche Aussicht, von Tür zu Tür gehen zu müssen; etwas, für das ich immer zu schüchtern war, um den Mut dazu aufzubringen. Es war fast zu viel für ein Kleinkind, damit fertig zu werden, das gerade erst versuchte, den Unterschied zwischen recht und unrecht auszumachen.

So lernte ich, Kompromisse zu schließen und meine Handlungsweise zu rationalisieren. Ich konnte alle diese Dinge rechtfertigen, indem ich ihnen nicht völlig nachgab. Ich beging Geburtstage und Feiertage nur, um die ungläubige Verwandtschaft zufriedenzustellen, so wie es auch Mutter tat. Ich stand da und hielt meine Hände an die Brust und tat so, als wollte ich mein Hemd gerade ziehen, und bewegte nur meine Lippen, um sicherzugehen, daß keine Geräusche herauskämen, wenn alle anderen Kinder den Treueeid auf die Flagge leisteten. Und oft blieb ich von den Zusammenkünften fern und zu Hause, um die sehr noble Verantwortung zu tragen, meinem Vater Gesellschaft zu leisten. Schließlich war es immer unsere Hoffnung, daß wir ihn eines Tages in die "Wahrheit" bringen könnten, und das konnten wir nicht, wenn er allen Grund dazu hatte, sie zu verachten. Auch wenn diese Entschuldigungen in der unmittelbaren Situation wirkten, wußte ich doch, daß es bloße Erfindungen meines immer noch korrupten Herzens waren.

Wegen eines solch großen Ungehorsams, der in meinem Leben vorherrschte, wußte ich, daß ich, wenn überhaupt, dann nur mit knapper Not ins Paradies käme. Alles Beten und Studieren von mir bedeutete nichts im Vergleich zu dem Bösen, das meinen Sinn, meinen Körper, meine Seele verseuchte. Ich weiß noch, wie Mutter mir wiederholt erzählte, wie sie sich nicht sicher war, jemals durch Harmagedon zu kommen. Und sie war doch eine Frau, die gewissenhaft die Wachtturm-Artikel las, zu den meisten Zusammenkünften ging und so oft sie konnte, in den Dienst ging. Das offenbarte mir eine absolut schreckliche Wahrheit. Wenn nicht einmal sie sicher sein konnte, daß sie es schaffen würde, dann wußte ich, daß ich keine Chance hatte. Und weil Harmagedon so nah war, glaubte ich wirklich, ich sei verdammt. Ich weinte immer wieder über meine hoffnungslose Situation und fragte mich oft, warum ich dann überhaupt versuchen sollte, besser zu sein. Es gab keinen Weg, auch nur gut genug zu sein. Wenn ich also sowieso vernichtet würde, warum dann nicht die Sau rauslassen? Aber etwas in mir wollte nicht, daß ich mich so aufgäbe. Ich dachte, vielleicht würde Jehova es mir anrechnen, wenn ich es nur versuchte. Und doch denke ich, daß ich immer tief im Innersten wußte, daß das eine vergebliche Aussicht war.

Statt meinen himmlischen Vater als liebevollen, vergebenden Elternteil zu sehen, sah ich ihn als einen ungehaltenen Richter, der mich ständig mit einer Waage vor sich beobachtete. Auf einer Waagschale waren meine guten Taten und auf der anderen meine schlechten. Das Ungleichgewicht zugunsten des Bösen fiel so schwer gegen mich ins Gewicht, daß ich dachte, ich müßte schon eine vollkommen andere Person werden, um die Sache auch nur umzukehren. Selbst als junger Erwachsener sah ich nichts Gutes in mir, außer daß ich den Wunsch hatte, gut zu sein und das zu tun, was recht ist.

Schließlich führte die logische Funktionsweise dieses Glaubenssystems zusammen mit meiner scheuen Persönlichkeit zu einer langen Periode der Depression und der Selbstverachtung. Ich war in meiner Schulklasse immer der kürzeste Junge gewesen und wurde für irgendwelche Sportgruppen am letzten gewählt. Ich hatte auch keinerlei Talent zu Hobbys. Das einzige, was ich recht gut konnte, war, den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen, und auch wenn ich nicht Klavier oder Football spielen konnte, konnte ich doch genau sagen, wann The Brady Bunch dran war. Leider führte es nicht zur Bewunderung durch andere, eine wandelnde Fernsehzeitschrift zu sein. All das trug zu meinen Gefühlen der Wertlosigkeit und Minderwertigkeit noch bei. Mit Anfang der Mittelschule und direkt nah dem Tode meiner Großmutter sank mein Selbstwertgefühl noch viel tiefer. Ich hatte kaum Freunde und fand mich von Kindern umgeben, die alle diese großen Talente und Fähigkeiten hatten. Ich sah mich als völligen Außenseiter, ungeeignet für die Gesellschaft. Nicht bloß, daß ich nicht normal war, ich stellte mir mich selbst im Unterbewußten als einen Untermenschen vor. Aus welchem Grunde auch immer, ich verdiente nicht beliebt zu sein, mit anderen Mitschülern auszugehen, mit Tätigkeiten außerhalb des Stundenplans beschäftigt zu sein oder Freunde zu haben. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, daß ich rebellisch wäre oder immer auf Partys ginge. Ich war nicht einmal gut genug, um schlecht zu sein. Und so war der Begriff "Selbstachtung", soweit es mich betraf, ein absurder begrifflicher Widerspruch.

Als mein Minderwertigkeitsgefühl immer tiefsitzender wurde, ertappte ich mich oft bei Selbstmordgedanken. Und inzwischen war ich ein völliger Heuchler. Ich behauptete, Jehova zu lieben, und versuchte ihm noch immer zu gefallen (Als ich 14 Jahre alt war, nahm ich mir ein ganzes Jahr lang Zeit, die gesamte Neue-Welt-Übersetzung von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen). Aber ich war auch ein vulgärer, rebellischer Flegel geworden, mit nichts als Furcht und Verachtung für die Welt um mich herum. Ich sah, wie ich bei den Leuten und der Welt um mich herum mehr Schaden als Gutes anrichtete. Ich war ein Kehricht von beträchtlichem Ausmaß. Ich erinnere mich, wie ich ein Gedicht mit dem Titel "Mein bester Freund" schrieb. Das Ironische daran war, daß ich keine Freunde hatte, und so endete es mit: "Der einzige beste Freund, den ich habe, bin ich selbst, und ich hasse meinen besten Freund." Praktisch alles um mich herum widerte mich an, und so gab es nur noch wenige Gründe für ein Weiterleben.

Als sich mein Sinn in Richtung auf abstraktere Formen des Denkens entwickelte, fand ich mich oft bei der Frage, ob dies alles wirklich wahr sei, oder ob es nur eine Art alptraumähnliche Illusion wäre, die vergehen würde, wenn ich aufwachte. Doch das war nicht der Fall. Tatsächlich hatte ich nach dem Aufwachen solch überwältigende Gefühle wie panische Angst. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich die ganze Nacht allein mit schrecklicher Angst im Bett lag, weil ich buchstäblich dachte, ich würde verrückt werden. Ich konnte schon fast nicht mehr sagen, was wirklich war. Es schien für mich einfach keinen Sinn zu machen, daß das Leben so weh tat und so verwirrend war, wie es war. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Welt, und niemand sonst wußte auch nur etwas davon, weil ich nicht dachte, daß es jemand anderen kümmern würde oder er es sogar verstünde. Solche Fragen wie: "Wo ist Gott bei alledem? War ich irgendwie übersehen worden? Wie konnte ich zu solch einem Fehlschlag werden? Kümmert sich Gott überhaupt um mich?" bildeten sich zu Fragen heraus wie: "Wie weiß ich denn überhaupt, daß es einen Gott gibt? Wie weiß ich, daß irgend etwas existiert, auch ich selbst? Wo beginnt man eigentlich festzulegen, was real ist und was nicht? Was ist, wenn das ganze Durcheinander nichts ist als eine endlose, qualvolle Illusion, die mich verrückt machen soll?" Aus irgendeinem Grund war ich mit dem Fluch belegt, absolut alles bis zum Ende analysieren zu müssen, ehe ich es glaubte. Und so fing ich im Verein mit meiner Depression nicht nur an, Gottes Existenz zu bezweifeln, sondern auch die Welt um mich herum, und ich konnte mir nicht einmal meiner selbst sicher sein. Eine Zeitlang war ich so verwirrt, daß ich alle Sicherheit verlor, am folgenden Morgen nicht in einer psychiatrischen Krankenstation aufzuwachen, weil ich in keine Schablone paßte und nicht für diese Welt gedacht war. Ein Suizid schien der einzig vernünftige Schluß zu sein, und das machte mich steif vor Angst.

Doch mitten in diesen satanischen Gedanken war tief in meinem Innersten immer etwas, das mich davor bewahrte, den letzten, tragischen Schritt zu gehen. Meine Welt war wie ein Tunnel geworden, tief, dunkel und feucht. Ich war völlig allein und ging durch das Leben wie ein Zombie, der keinen Plan hat, weiterzumachen. Jeder Schritt wurde immer schwächer. Doch weit, weit vor mir konnte ich einen schwachen Lichtschein sehen. Er bezwang mich und gab mir zumindest einen Grund, weiterzumachen, obwohl ich nicht wußte, wie. Und auch wenn ich nicht sagen konnte, ob es wirklich war oder nicht, mußte ich das wenigstens herausfinden. Das Licht, auch wenn es so weit entfernt zu sein schien, war eine Hoffnung.

Da ich mir einfach nicht mehr sicher war, was noch die Wahrheit war, dachte ich, der einzige Weg, jemals zufrieden zu sein und geistig gesund zu bleiben, sei der, zu entdecken, was "WAHRHEIT" wirklich ist. Und wenn es "wahr" wäre, daß es so etwas wie "Wahrheit" gar nicht gäbe, dann sähe ich keinen Grund mehr für ein Weiterleben. Aber wenn es so etwas wie "Wahrheit" wirklich gäbe, war ich verpflichtet und entschlossen, sie zu finden. Ich mußte etwas finden, das meinem Leben einen Sinn gab, aber es konnte keine beliebige Wahl sein. Ich wollte die ABSOLUTE WAHRHEIT DES UNIVERSUMS und sie sicher kennen; nichts weniger als das. So ging ich auf diese lange Reise, die etwas drei Jahre dauerte.

Ich war mir zwar keiner Sache sicher, doch irgendwo im Hinterstübchen glaubte ich immer noch, daß, wenn irgend etwas wahr wäre, es die Lehre der Wachtturm-Gesellschaft sei. Ich glaubte alles, was sie lehrten, aber es verwirrte mich, daß sie nicht wußten, warum sie das, was sie lehrten, glaubten. Ich erkannte, daß der Hauptgrund, daß ich an diese Religion glaubte, der war, daß es alles war, was ich je kannte. So begann ich das Streben nach der Suche auf die "wahre Religion". Und ich begann, jeden Mittwoch nach der Schule mit einer Freundin meiner Mutter, einer Zeugin, privat zu studieren, die herüberkam und eine Stunde mit mir verbrachte, wenn wir die Wachtturm-Literatur durchgingen. Wir begannen das Ewiges Leben-Buch zu studieren, aber bald wurde offensichtlich, daß meine Fragen viel grundlegender als das waren. In meinen Schulklassen in Biologie und anderen Wissenschaften wurde die Evolution als gegeben gelehrt; das sei nun mal so, und es gäbe keine weiteren Fragen dazu. Und ich war dadurch wirklich beunruhigt, nicht weil man es als Tatsache lehrte, sondern weil es für mich eine ganze Menge Sinn ergab. Es störte mich auch, daß so viele intelligente Leute dies glaubten, warum also nicht auch ich? So wechselten wir auf das blaue Evolutions-Buch über. Wir verbrachten Monate damit, das Buch durchzunehmen, das ich faszinierend fand und von dem ich sah, daß es ganz gut zeigte, daß die Evolutionslehre nicht stimmen konnte; jedenfalls genug, um mich zu überzeugen. Es gab keinen Weg, dieses Universum nur dem Zufall zuzuschreiben. Und es machte viel mehr logischen Sinn, an Gott zu glauben, als nicht an ihn zu glauben.

Nachdem ich entdeckte, warum mein Glaube ans einen Schöpfer völlig vernünftig war, wollte ich herausfinden, welche der großen Weltreligionen den wahren Gott genau anbetete. Das macht sich an der Frage fest, warum ich an die Bibel als dem Wort Gottes glauben sollte. Ich erkannte, daß ich geradeso, wie ich den Glauben an Gottes Existenz als naturgegeben angesehen hatte, auch die Bibel so angesehen hatte. So ergab sich von selbst eine Gelegenheit im zweiten Jahr der High School. Ich beschloß, meine wichtige Abschlußarbeit für dieses Jahr über die Verläßlichkeit der Bibel, gegründet auf die Schriftrollenfunde vom Toten Meer, zu schreiben. Was ich entdeckte, machte mich sprachlos. Alle Bücher (nicht unbedingt aus christlicher Perspektive) die ich aus der Bibliothek überprüfte, lieferten absolut phänomenale Beweise zugunsten der Genauigkeit der Bibel. Die äußerst minimalen Unterschiede, nachdem die Bücher jahrtausendelang abgeschrieben und wieder abgeschrieben wurden, überzeugten mich vollkommen, daß es ein übernatürlicher Eingriff gewesen sei mußte, der dieses einzigartige Buch bewahrte. So wußte ich nun, und hatte auch eindeutige Beweise, zu glauben, daß der christliche Glaube der wahre war.

Die als nächste auf der Hand liegende Frage war, welche Version des christlichen Glaubens wahr war, da es einschließlich der Zeugen so viele gab. Diese Frage schien nicht so schwierig zu sein wie die anderen. Hatte ich einmal die Wahrhaftigkeit der Bibel entdeckt, war die Wachtturm-Auslegung praktisch gegeben. Sie schien so offensichtlich wahr zu sein, daß Beweis und Akzeptanz der Wachtturm-Theologie nur eine Formalität waren. Doch ich konnte immer noch nicht hinreichend die Frage beantworten: "Warum glaube ich, daß die Zeugen Jehovas die Wahrheit haben?" So ging ich zuerst in die Bibliothek und kontrollierte einige Bücher über vergleichende Religionswissenschaft und lernte einige Grundlagen dahinter kennen. Dann vertiefte ich mich in die Wachtturm-Theologie. Ich prägte mir praktisch das Unterredungs-Buch und das Ewiges Leben-Buch ein, bis ich dachte, ich könne sie auswendig. Ich begann, die Zusammenkünfte und Buchstudien von mir aus zu besuchen und fand mich trotz meiner Schüchternheit, wie ich mich an den Gesprächen beteiligte. Ich erreichte schließlich den Punkt, wo ich praktisch überzeugt davon war, daß dies die WAHRE Religion sei, und so war meine Untersuchung nahezu abgeschlossen. Ich war drauf und dran, mich ihr ganzherzig hinzugeben, um der beste Zeuge Jehovas zu werden, der ich sein konnte, weil ich im Innersten wußte, daß dies die wahre Religion sei. Es war nur noch eine einzige Stufe zu erklimmen; die eine, die mich praktisch auf die andere Seite brachte.

Ich glaubte, dieser letzte Schritt wäre der krönende Sieg meiner langen Suche und der Bestätigung der Wahrheit. Jetzt, nachdem ich mich selbst überzeugt hatte, daß die Wachtturm-Gesellschaft recht hatte, mußte ich die Gelegenheit haben, dies wenigstens einer Person zu zeigen, die nicht zu Jehovas Zeugen gehörte. Ich argumentierte, wenn diese Religion wirklich die ABSOLUTE WAHRHEIT im ganzen Universum sei, dann müßte jedem aufgeschlossenen, geistlich gesinnten Menschen dies gezeigt werden können, und er könnte sie entweder nur aufgrund der Beweise annehmen oder trotz der Beweise ablehnen. Ich fühlte mich so sicher in meiner Lage, daß ich bereit war, jeden zu nehmen, der nicht mit mir übereinstimmte, und ich dachte mit Sicherheit, daß ich erweisen könne, daß er im Unrecht sei.

Da ich immer noch ein relativ schüchterner und depressiver Jugendlicher war, wußte ich nicht, wie ich mit jemandem ein Gespräch anfangen sollte, auf den die Kriterien, nach denen ich suchte, paßten. Hauptsächlich schämte ich mich immer noch meiner religiösen Überzeugung vor anderen Kindern. So hatte ich im Grunde genommen keine Vorstellung davon, wie ich diesen letzten Schritt meiner Reise je vervollständigen sollte. Ich war so oft verunglimpft worden, daß ich so tat, als ob es mir nichts ausmachte, was andere von mir dachten. Fast jedes Wort aus meinem Mund war Futter für die Wanderratten. Immer noch haßte ich alles und jeden, besonders mich selbst. So schienen die Chancen, daß ich jemanden fand, de interessiert daran wäre, mit mir über Religion zu reden, sehr weit entfernt zu sein.

So betete ich, und betete, und betete. Die Dichotomie zwischen meinen Glaubensüberzeugungen und meinen Handlungsweisen wurde größer und größer. Ich fühlte mich fast so, als würde ich jeden Augenblick in zwei entgegengeetzte Personen gespalten. Aber ich wußte, daß der einzige Weg, diese Kluft zu überbrücken, darin bestand, diesen letzten verbleibenden Punkt zu lösen. Ich mußte mit jemand anderem als einem Zeugen Jehovas reden und herausfinden, warum sie die "Wahrheit" nicht glaubten. Ich bat Jehova verzweifelt darum, mir jemanden in meinem Leben zu geben, irgendwen, mit dem ich aufrichtig diese Themen diskutieren konnte.

Es brauchte wohl nicht mehr als einen Monat, ehe dieses Gebet wie durch ein Wunder beantwortet wurde. Ich sage "wie durch ein Wunder", weil die Ereignisfolge zu phantastisch war, um nur Zufall zu sein. Heute, wann immer mich Zweifel überkommen, ob Gott in mein Leben eingreift, sehe ich auf diese Zeit zurück und denke: "Es gibt nichts bei mir, worum er sich nicht kümmert."

In meiner gefürchtetsten Stunde, in der meine physische und soziale Unbeholfenheit am deutlichsten zum Vorschein kam (Turnen), kam ich zufällig mit einem anderen Jugendlichen in Kontakt, der sich aus meiner vulgären Ausdrucksweise, meiner Unbeliebtheit und meinem Aussehen eines "Verlierers" nichts zu machen schien. Er wollte etwas mit mir unternehmen und mit mir reden (Gott, was für eine Vorstellung!). Irgendwie kamen wir immer in dieselben Teams wie bei Volleyball und Tennis. Dort lernten wir beide uns besser kennen.

Er hieß Brad, und mit der Zeit kamen immer wieder Situationen auf, die uns in engeren Kontakt miteinander brachten; so wurden wir recht gute Freunde. Einmal fuhr er mich nach Hause und sagte aus heiterem Himmel, ich kann mich nicht mehr an den Gesprächszusammenhang erinnern, etwas über seinen "Glauben an den Herrn". Ich muß nicht noch betonen, daß mich das umhaute! Ich hüpfte in Gedanken vor Freude und dankte Jehova dafür, daß er mir endlich die Gelegenheit gegeben hatte, jemandem zu beweisen, warum seine Religion falsch und die meine richtig war! Er mußte nicht einmal lange reden, ehe ich dem armen Kerl Gottes ursprünglichen Plan für die Erde erklärte, auch wenn es spät am Abend war und wir fast zu Hause waren. Natürlich ging ich an jenem Abend zu Bett, indem ich Jehova äußerst ekstatisch dafür dankte, daß er mein Gebet beantwortet hatte!

Es stellte sich heraus, daß Brad und ich viele weitere lange Abende zusammen verbrachten -- wir aßen Pizza und versuchten, einander zu bekehren. Ich fand heraus, daß er in eine der Kirchen am Orte ging und darin sogar aufgewachsen war. So dachte ich, ich wäre bestimmt in der Lage, ihm den Irrtum in seinen Wegen zu zeigen. Er kannte es einfach nicht anders und würde sicher von der Wahrheit des Wachtturms überzeugt werden, da sie soviel Sinn ergab. Es wäre nur eine Frage der Zeit.

Nun, meine Fragen und Probleme mit seiner Religion wurden zu viel, als daß Brad damit umgehen konnte. So fragte er mich, ob ich gerne seinen Jugendpfarrer kennenlernen wollte. Ich dachte eine Weile darüber nach und sagte dann ja, obwohl ich wußte, daß ich deshalb Schwierigkeiten bekommen könnte. Und ich wurde noch arroganter und dachte: "Wow! Die Gelegenheit, mit einem Pastor zu reden! Vielleicht kann ich sogar ihn in die Wahrheit bringen! Ich bin sicher, daß er nur so irregeleitet ist wie Brad. Junge, würde das diese Kirche nicht aufmischen; diese Bude der Abtrünnigkeit? Vielleicht könnte ich diesen Ort sogar zu einem Königreichssaal machen! Ich denke, schließlich, mit einer entsicherten Panzerfaust wie dieser in der Hosentasche haben die armen Schweine in der Christenheit ja gar keine Chance!" So traf ich schließlich diesen Mann, Bob, diesen Wolf aus der großen Hure Babylon. Ich ging sogar in seine Kirche (ohne daß meine Mutter das wußte), um ihn zu treffen. Ich kann mich daran erinnern, daß ich wegen der Leute so wütend war, die ich dort sah und die durch solche Lügen und dumme Lehren irregeführt wurden. Ich war so zuversichtlich, daß jeder intelligente, denkende Mensch doch nun wirklich nicht an diese haarsträubende, heidnische Lehre der Dreieinigkeit glauben konnte. Aus irgendeinem Grund haßte ich diese Lehre am meisten, und ich kann mich an den Knoten im Hals und den finsteren Blick erinnern, als ich diesem armen Pastor gegenüberstand, dem ich gerade gesagt hatte: "Wie können Sie an die Dreieinigkeit glauben? Nirgendwo in der Bibel steht, daß Jesus Gott ist!" ... Nun, Bob war seltsam ruhig und unbedroht durch meine Worte. Er machte eine Pause von einigen Sekunden und fragte mich kühl: "Sind Sie ein Zeuge Jehovas?"

Verblüfft durch seine Erwiderung fragte: "Ja. Woher wissen Sie das?" Und er sagte: "Nun ja, Jehovas Zeugen sind gewöhnlich bekannt dafür, daß sie Probleme mit der Trinität haben." Ein "Problem" mit der Trinität haben?! Was meinte er damit? Wie konnte man denn kein "Problem" mit der Trinität haben? Er redete so, als wäre es tatsächlich ein logischer Glaube. So machte er sich daran, mir ein paar Bücher zu leihen, die von Sekten handelten. Und ich erinnere mich, daß ich dachte: "'Sekte'? Was bedeutet das, 'Sekte'? Das ist keine 'Sekte'". Ich hatte nie zuvor gesehen, wie die Christenheit über meine Religion dachte, und war schockiert, zu sehen, daß sie dadurch nicht einmal bedroht wurde. Dazu kam noch die Tatsache, daß in diesen beiden sehr grundlegenden Büchern die Zeugen Jehovas nur als eine von vielen Gruppen behandelt wurden. Plötzlich war meine Religion nicht mehr einzigartig.

Das war nur der erste von vielen Schlägen, die noch folgen sollten. Die nächsten paar Monate erwiesen sich als eine lebende Hölle, die mich fast zerriß. Ich begann, in diesen zwei kleinen Büchern Dinge zu lesen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Ich wußte nichts über die Geschichte der Organisation und einige weit zurückliegende Lehren. Charles Russell und sein "Wunderweizen" ärgerten mich wirklich und brachten mich ebenso aus der Fassung wie all die falschen Daten, die für Harmagedon angegeben wurden. Damals hatte ich noch nie etwas von Russell und seiner Pyramidenlehre und Rutherfords Villa in Kalifornien gehört, wo Abraham, Isaak und Jakob angeblich 1925 auferweckt werden sollten. Ich hatte keine Vorstellung davon, daß es unmöglich war, herauszufinden, wer die Übersetzer der Neuen-Welt-Übersetzung waren, und daß absolut kein Wissenschaftler außer den Zeugen 607 v.u.Z als Datum für die Zerstörung des Tempels in Jerusalem annahm - etwas, von dem ihr Datum 1914 so sehr abhängt.

Auch wenn diese Dinge sehr verwirrend waren, war ich hauptsächlich an den theologischen Unterschieden interessiert. Ich konnte nicht glauben, wieviel Sinn einige der orthodoxen Lehren der Christenheit machten, die ich immer rundweg abgelehnt hatte. Ich begann, Panik zu fühlen, und war besessen, meinen Glauben zu verteidigen. Ich mußte einfach beweisen, daß der Wachtturm recht hatte, und kämpfte mit Klauen und Zähnen darum, etwas zu finden, damit ich ihn verteidigen konnte. Ich fand mich, wie ich Stapel von Büchern in die Schule brachte, die ich zwischen den Stunden und in meiner knappen Freizeit las. Ich meine, ich hatte die Neue-Welt-Übersetzung, eine King James-Bibel, das Unterredungs-Buch und das Ewiges Leben-Buch und dann noch die beiden Bücher über Sekten. Ich erinnere mich noch, wie ich immer in Gedanken vor und zurück, vor und zurück ging. Wenn ich dachte, ich hätte ein gutes Argument der Zeugen Jehovas gefunden, seufzte ich erleichtert und konnte es nicht abwarten, es Pastor Bob unter die Nase zu halten. Und dann las ich auch wieder andere Dinge, die die Wachtturm-Theologie so gut zu widerlegen schienen, und ich wurde depressiv und fing eine ganz schön heiße Diskussion mit Mutter an. Sehr bald schon hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, hinter der Wachtturm-Theologie Vernünftigkeit zu erkennen. Und zum ersten Mal wankte der ganze Boden unter mir und ich wußte nicht mehr, was ich überhaupt noch glauben sollte.

Je mehr ich las, um so verzweifelter wurde ich. Ich hatte viele - Mutter nannte sie so - "geheime Treffen" mit Pastor Bob in Little Caesars Pizza. Ich hatte auch viele weitere Gespräche mit anderen Menschen von der Kirche wie auch vom Königreichssaal, besonders mit Mutter. In meinem verzweifelten Versuch, den Wachtturm zu verteidigen und seine Theologie als wahr zu beweisen, vernachlässigte ich irgendwie ihre Gefühle und erkannte erst sehr viel später, wie verheerend diese ganze Erfahrung für sie war. Sie hatte immer große Hoffnungen gehabt, daß ich innerhalb der Organisation vorankäme, ins Bethel ging und eines Tages Ältester wurde. Sie erzählte mir auch immer, wie sie dachte, daß ich der einzige wäre, der Vater in die Wahrheit bringen könnte. Unnötig zu sagen, daß dies für sie eine ebenso traumatische Zeit wie für mich war. Aber ich konnte ihr Verletztsein nicht sehen. Ich war damals so sehr in meiner eigenen Welt gefangen, daß nichts anderes eine Rolle spielte.

Einige der Antworten, die ich vom Wachtturm erhielt, begannen mich sehr zu frustrieren. Einige Argumente waren recht wenig überzeugend, und während die Zeugen mir das Gefühl gaben, töricht zu sein, weil ich dachte, daß die "Trinitarier" überhaupt Argumente auf ihrer Seite hätten, konnte ich ihre Erwiderung: "Oh Steve, das ist dumm" nicht als irgendeine Art schlüssiger Antwort akzeptieren. Doch ich begann zu erkennen, daß dieser Spott wirklich die einzige Grundlage war, die der Wachtturm hatte. Und als ich zu erkennen begann, daß ihre Theologie überhaupt nicht wasserdicht war, bemerkte ich auch eine Änderung in meinen Absichten.

Als die Wachtturm-Theologie immer mehr Lecks aufwies, entdeckte ich mich dabei, wie ich immer mehr Löcher fand. Und wo immer sie nicht wasserdicht war, da war es die orthodoxe Sicht der Christenheit. Ihre Antworten waren zuerst schwer zu akzeptieren, aber sie waren intelligent und logisch. Allein die biblischen Beweise für die Göttlichkeit Jesu waren überwältigend genug, aber auch Dinge wie die Unsterblichkeit der Seele, die leibliche Auferstehung, die Hölle und die Person des Heiligen Geistes begannen, offensichtlicher zu werden.

Doch während ich intellektuell dem christlichen Weltbild zustimmte, zögerte mein Herz immer noch. Ich war auf einer vollkommen rationalen Ebene so stolz auf meinen Glauben als Zeuge Jehovas geworden, und da ich damit groß geworden war, war er nicht etwas, das ich so einfach in den Mülleimer tun konnte. Ich meine, meine ganze Absicht war es, meinen Freund Brad zu bekehren, nicht andersherum. Ich müßte mich geschlagen geben, nicht nur gegenüber meinen neuen Freunden, sondern auch mir gegenüber. Aber wahrscheinlich am schlimmsten von allem, ich wußte, wenn ich mich entschloß, kein getaufter Zeuge Jehovas zu werden, würde meine Mutter das schließlich als Schlag ins Gesicht ansehen. Da sie aufrichtig versucht hatte, ihre Kinder, so gut sie konnte, in der Wahrheit zu erziehen, war es nur natürlich, daß sie so etwas persönlich nehmen würde. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie denken mußte, sie habe bei meiner Erziehung versagt. So hielt ich so lange aus, wie ich konnte.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich erkannte, daß ich intellektuellen Selbstmord beging, wenn ich nur an etwas glaubte, daß ich nicht ehrlich akzeptieren konnte. Diese Spannung steigerte sich bis zu dem Punkt, wo ich völlig schwach war und nur noch zu Gott ausrufen konnte, alles was ich wolle, sei die Wahrheit, egal was es war.

So gab es da also die christliche Seite, die für mich intellektuell einen Sinn ergab. Aber sie bot nicht bloß Antworten für meinen Verstand, sondern auch für meine sehnlichsten Gefühle. Ich hatte nie zuvor daran gedacht, ein "persönliches Verhältnis" zu Gott zu haben. Es machte so viel Sinn, aber ich war immer gelehrt worden, an ewiges Leben im Paradies zu denken. Doch langsam begann Gott, mir zu zeigen, wieviel tiefer er mit mir gehen wollte. Er wollte mir nicht bloß ein langes Leben anbieten, er wollte, daß ich ihn kannte. Tatsächlich sagt ja Johannes 17:3, das bedeute ewiges Leben, ... daß man Gott kennt. Er wollte jenes verlorene Verhältnis mit mir aussöhnen, das durch meine Sünde zerstört worden war. Und die Realität und die Schwere des Schreckens der Sünde wurden für mich offenbar. Ich wußte, daß ich auf ewig von Gott getrennt war, und daß es nichts, absolut nichts gab, seine Anerkennung zu gewinnen. Er erwartete Vollkommenheit von mir, und ich wußte, das war unmöglich. Da erkannte ich auch die scheueinflößende Bedeutung des Sühnopfers Christi für mich. Ich sah, wieviel mehr Jesus war als nur ein Vorbild, nach dem man leben sollte, und daß sein Tod viel mehr tat, als mir eine Chance auf ewiges Leben zu geben. Ich erkannte, daß er tatsächlich die Folgen meiner Sünde auf sich nahm, und daß er bei seinem Tod sagte: "Es ist vollbracht." Ich mußte mich nun nicht mehr schuldig fühlen. Er bezahlte den vollen Preis. Verse wie Johannes 3:16: "Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einziggezeugten Sohn gab, damit jeder, der Glauben an ihn ausübt, nicht vernichtet werde, sondern ewiges Leben habe", und Epheser 2:8, 9: "Durch diese unverdiente Güte seid ihr tatsächlich durch Glauben gerettet worden; und dies habt ihr nicht euch zu verdanken, es ist Gottes Gabe. Nein, es ist nicht Werken zu verdanken, damit kein Mensch Grund zum Rühmen habe" nahmen für mich eine völlig neue Bedeutung an. Ich verstand Errettung schließlich als Vergebung statt als Belohnung, etwas, das Gott für mich tat, statt etwas, das ich für ihn tun muß. Alles, was er von mir erbat, war, seine freie Gabe anzunehmen, weil nichts, das ich tun konnte, dem genügen konnte. Ich wußte, daß ich wegen meiner Sünden nicht weniger als die ewige Abschneidung von ihm verdiente, was die Bibel als "Hölle" bezeichnet, ungeachtet dessen, ein wie "guter" Mensch ich war. Aber er liebte mich so sehr, daß er den Preis für mich bezahlte. Und seine Liebe war mit keinen Bedingungen verknüpft. Auch wenn ich ein miserabler Mensch war, liebte er mich einfach, weil er mich liebte. Völlig und bedingungslos.

Es erschien fast zu schön, um wahr zu sein. Zu denken, daß ich nicht von Tür zu Tür gehen mußte; ich mußte nicht zu fünf Zusammenkünften pro Woche; ich mußte nicht jeden einzelnen Wachtturm-Artikel lesen, und am allerbesten, ich mußte nicht, ohne zu zweifeln, einer von Menschen geschaffenen Organisation folgen, die so vieles von ihrer Vergangenheit verstecken mußte. Es klang so befreiend, so wunderbar, so logisch und doch so demütigend. Ich stand vor einem Dilemma - dem grundlegenden Dilemma, das jemanden von der Reue abhält: und das ist sein Stolz. Ich konnte nicht zugeben, daß ich im Irrtum war, doch andererseits hatte ich keine vernünftigen Entschuldigungen mehr. Die Wachtturm-Grundlage hatte sich als Treibsand herausgestellt, und ich sank schnell. So brach ich schließlich, mit meiner Weisheit am Ende und nachdem alle Argumente vorüber waren und ich allein mit Gott war, irgendwann im Sommer 1986 durch diesen dickköpfigen Stolz und sprang aus dem sinkenden Sand auf den massiven Felsen, indem ich mein Leben Jesus Christus übergab, der nun mein Freund, Retter, Herr und Gott war.

Jesus war für mich nun jemand vollkommen anderer. Ich hatte schließlich die wahre Liebe gefunden, da Er selbst die Quelle der Wahrheit und Liebe in meinem Leben wurde. Nie zuvor ergab die Bibel so viel Sinn für mich wie nun. Mein Selbstwertgefühl, das bisher an meinen guten Werken festgemacht war, war nun an der Person und dem Wirken Jesu festgemacht. Er nahm mich einfach so an, wie ich war. Ich mußte nicht beweisen, daß ich seiner wert war (eigentlich war das ja auch unmöglich). Seine Gerechtigkeit wurde über mich ausgegossen, als Er selbst meine Strafe am Kreuz auf sich nahm.

Aber mit dieser Schlußfolgerung kam die harte Erkenntnis, daß ich in den ersten 17 Jahren meines Lebens von einer von Menschen geschaffenen Organisation belogen worden war. Die Zeugen Jehovas sprachen nie über die Freiheit, die wir in Christus haben, nur über strikten Gehorsam gegenüber der Wachtturm-Gesellschaft. Sie sprachen nie über die Schwere meiner Sünde und das Erfordernis eines Erlösers, nur über die Tatsache, daß ich "unvollkommen" war und daß es alles Adams Schuld war. Sie sprachen nie über das Wunder der Gnade Gottes, nur über die Tatsache, daß die Zeit so kurz war und ich besser täte, was in meinen Kräften stehe, so daß ich vielleicht am Tage Jehovas verborgen sein möchte. Und sie sprachen nie über die endgültige Erfüllung, die man in der intimen Kenntnis Gottes findet. Ihr Glaubenszentrum schien immer die Hoffnung auf ewiges Leben in einem irdischen Paradies zu sein, wobei Gott nur ein Nebengedanke war. Hebräer 12:2 sagt uns, wir sollten die Augen auf Jesus gerichtet halten. Der Wachtturm aber sagt, wir sollten "die Augen auf den Preis gerichtet" halten. Es schien alles so von Selbstsucht motiviert zu sein. Ich hatte mich mehr auf die Gabe als auf den Geber konzentriert. Der einzige Grund, warum ich mich darum kümmerte, was Gott dachte, war, weil ich im Paradies leben wollte, nicht weil ich Ihn liebte. Jehovas Zeugen lieben Gott bedingt. Sie lieben ihn nicht, weil er sie zuerst liebte, sondern weil er ihnen etwas verheißt, das ihr fleischliches Wesen anspricht. Ich erkannte schließlich, daß die Botschaft der Bibel sich nicht darum dreht, was es erfordert, ewig im Paradies zu leben, sondern darum, daß Gott die Tragödie unserer Sünde wegnimmt, so daß wir auf ewig mit ihm leben können. Es wurde für mich so deutlich, daß der Wachtturm es alles verkehrt sah.

Ich mußte mir keine Sorgen mehr über Harmagedon machen. Da Johannes 17:3 sagt, daß ewiges Leben darin besteht, Gott zu kennen, und ich wußte, daß ich ihn kannte, gehörte mir bereits das ewige Leben.

Und ich wußte nichts von dem festen Griff der Wachtturm-Klauen um das Leben seiner Anhänger, bis gute Freunde vom Königreichssaal mich am Telefon anschrieen und mich aus ihren Häusern warfen, und besonders als meine Mutter mir sagte, sie glaube ganz und gar, wenn mein Pastor mir jemals sagen sollte, ich solle alle Zeugen Jehovas umbringen, dann würde ich ihr nachstellen und nicht zweimal nachdenken, bevor ich sie umbrächte. Und ich war völlig zerknirscht und hatte ein unsanftes Erwachen, als sie mir durch zurückgehaltene Tränen sagte, es sei so, als ob sie jetzt keinen Sohn mehr hätte. Ich war in ihren Augen ein Fremder geworden. Ich vergesse niemals diese Worte, die so weh taten.

Doch tief im Innersten wußte ich, daß meine Entscheidung richtig war. Nicht einmal die Liebe meiner Mutter war es wert, daß ich die Liebe meines himmlischen Vaters zurückwies. Sie war völlig am Boden, und ich war völlig sprachlos. Was konnte ich noch sagen, wenn ich wußte, was ich ihr aufgeladen hatte? Ihre Gefühle waren während meines intensiven Kampfes aufs äußerste strapaziert worden, und ich war im Geiste so überwältigt, daß ich nicht einmal den Aufruhr in ihrem Herzen sehen konnte. Was konnte ich anders sagen als: "Es tut mir leid. Es tut mir leid um die Grausamkeit der Realität. Ich habe dich falsch behandelt, aber ich bedaure meine Wahl nicht."

Solange sie eine Zeugin Jehovas blieb, wären wir immer voneinander getrennt. Der grundlegende Unterschied zwischen uns war mir allzu klar. Ich konnte es nicht mehr leugnen. Wie ironisch, daß das höchste Bekenntnis der absoluten Wahrheit im Universum in den Ohren der Zeugen Jehovas die gotteslästerlichste Ketzerei ist. Das Wort "Jesus ist Jehova" macht die Zeugen frösteln, läßt aber die Seele eines Christen erheben.

[Ich muß gestehen, daß die Dreieinigkeit und die Göttlichkeit Christi inzwischen meine Lieblingslehren sind, und jedesmal, wenn ich die Möglichkeit habe, darüber zu reden, ergreife ich sie schnell. Und so möchte ich sagen, daß ich den überzeugendsten Beweis für die Göttlichkeit Christi ausgerechnet in den Seiten der Neuen-Welt-Übersetzung fand.]

Aber wenn ich den Zeugen Jehovas heute etwas sagen könnte, so wäre es das: Fürchtet euch nicht nur nicht vor der Wahrheit, sondern auch nicht vor Lügen. Wenn Satan euch Gift vom Tisch der Dämonen vorsetzt, wie ein neuerer Wachtturm Stoff von Abtrünnigen bezeichnete, dann wird Gott nicht zulassen, daß ihr daran sterbt. Aber wenn man euch nicht erlaubt, die gute Speise mit dem Gift zu vergleichen, wie könnt ihr dann den Unterschied kennenlernen? Ihr könntet das Gift essen, ohne es zu wissen, selbst wenn es doch so gut aussieht. Und denkt daran, wenn jemand euch Gift vorsetzt, wären das nicht diejenigen, die euch davon abzuhalten versuchen, den guten Stoff zu prüfen? Ich habe keine Angst mehr davor, mir alles anzuschauen, das meinen Glauben herausfordert. Tatsächlich möchte ich es mir anschauen, weil ich weiß, daß die Wahrheit Bestand haben wird und Gott mich, wenn ich wirklich die Wahrheit suche, nicht in die Irre gehen läßt. So möchte ich alle Zeugen Jehovas ermuntern: Wenn ihr wirklich glaubt, die Wahrheit zu haben, seid unerschrocken und nehmt einen festen Standpunkt gegen alle anderen Religionen in der Welt ein, die euch angreifen, und zeigt, daß sie falsch sind. Geht voran und schaut auf die Angriffe dieser sogenannten Abtrünnigen und Gegner und verteidigt euren Glauben, indem ihr ihre Lügen aufdeckt. Packt den Stier bei den Hörnern und widerlegt ihre falschen Behauptungen mit Logik; lauft nicht weg und ignoriert sie.

Ich erinnere mich, als ich am Anfang meiner Suche stand und nachdem mir Gott diese Bücher gegeben hatte, daß ein paar Freunde, die ich in der Schule hatte und die Zeugen waren, sehr verärgert waren, daß ich in diesen Büchern las. Eine von ihnen schrieb mir ein paar Zeilen, in denen es hieß, ich solle vorsichtig sein, weil sie wußte, daß selbst einige von den Gesalbten abgefallen waren, weil sie so etwas Simples wie einen Zeitungsartikel gelesen hatten. Zuerst dachte ich, sie habe recht. Aber dann erkannte ich: Hey, einen Augenblick mal. Ist dieser Stoff nicht wahr und nichts als ein Bündel verleumderischer Lügen gegen den Wachtturm, dann möchte ich sie als solche bloßstellen. Die Wahrheit wird Bestand haben, und Gott wird sie mir offenbaren. Aber ich weiß nicht sicher, ob diese Bücher lügen. Es ist nichts Gegebenes, daß irgendeine Religion wahr ist, nicht einmal die Wachtturm-Religion. Aber wenn sie es ist, dann wird sie in der Lage sein, in jeder fairen Untersuchung zu bestehen.

Der Krieg ist vorbei, und ich habe mein Leben dem Dienst an Christus gewidmet, Menschen aus falschen Religionen herauszuführen. Es ist meine Leidenschaft, die gute Botschaft mit Menschen zu teilen, die in Sekten verloren sind, weil der einzige Jesus, der sie retten kann, der Eine ist, der, obwohl Gott, in menschlicher Form auf die Erde kam, am Kreuz starb und leiblich aus dem Grabe auferstanden ist, so daß sie auch ewiges Leben erlangten, was heißt, ihn zu kennen. Erinnert ihr euch noch, wie sehr ich die Dreieinigkeitslehre einmal haßte? Nun, Gott hat in seinem Humor einen Weg für mich bereitet, an der Trinity Divinity School zu studieren, wo ich, obwohl es eine finanzielle und geistige Herausforderung ist, das Diplom in Philosophie und Kirchengeschichte mache, in allen meinen Papieren und Thesen besonders über die Trinität; und das alles, weil ich diese Lehre jetzt so sehr liebe. Und ich finde gerade heraus, daß die Trinitätslehre entgegen dem, was die Wachtturm-Gesellschaft sagt, überhaupt nicht verwirrend ist. Man kann sie sowohl philosophisch als auch biblisch verteidigen. Was zum Beispiel die Göttlichkeit Christi angeht, so sagen nicht nur Johannes 1:3 und Kolosser 1:16, 17, daß alles durch Ihn erschaffen worden ist, Jesaja 44:24 sagt sogar ausdrücklich, daß Jehova alleine für die Erschaffung des Universums verantwortlich ist und daß Er in sich selbst war, als er die Himmel ausdehnte. Und dazu sagt Hebräer 1:10 auch noch, daß Jesus der eine war, der die Grundlage für die Erde legte. Diese Passage ist ein direktes Zitat aus Psalm 102 [Vers 25], in dem eindeutig gesagt wird, daß es Jehova Gott sei, der die Grundlage für die Erde legte. Wir können auch in Matthäus 26:14-16 nachschlagen, wo wir sehen, daß es Jesus war, der auf 30 Silberstücke bewertet wurde. Wenn wir in Sacharja 11:11-13 nachsehen, erkennen wir, daß Jehova prophetisch sagte, er selbst werde auf 30 Silberstücke gewertet. Und schließlich Jesaja 45:23 und Römer 14:10-11: vor Jehovas wird sich jedes Knie beugen und jede Zunge bekennen. Und doch sagt Philipper 2:10-11, daß es im Namen Jesu sei, daß sich jedes Knie beugt und jede Zunge bekennt.

Und nicht nur das, sondern der Wachtturm hat auch völlig unrecht, wenn er sagt, die urchristlichen Theologen hätten nicht an die Dreieinigkeit geglaubt. In einer Broschüre über die Dreieinigkeit wird gesagt, der frühe Kirchenvater Tertullian habe nicht daran geglaubt. Und doch gibt es Zitate von ihm, in denen er diese Lehre nicht klarer hätte ausdrücken können, Tatsächlich stammt von Tertullian das Wort Trinität oder Dreieinigkeit.

Ich könnte noch so viel mehr sagen und wünschte, ich hätte die Zeit dazu. Aber auch wenn ich nur die geringste Rolle dabei spielen könnte, jemanden in die Wahrheit zu leiten, der wie ich verloren war, würde ich das Empfinden haben, daß mein Leben einen Wert hat, weil die Wahrheit das Ein und Alles ist. Und so wünsche ich mir, in allem, was ich tue, ob in meinen Studien oder im Dienst oder auf meinem persönlichen Weg mit Gott, vor allem Ihm zu gefallen. Und es gibt keinen Weg ... keinen Weg, daß ich vor dem großen weißen Thron stehe und mein Erlöser schaut mich mit Enttäuschung in seinen Augen an. Und so möchte ich mich völlig der Liebe und Verherrlichung meines Gottes hingeben, dem alles verzehrenden Feuer, das von nun an bis in alle Ewigkeit nicht ausgelöscht werden kann, und ich sehne mich danach, daß er statt dessen sagt: Wohl getan, du guter und treuer Sklave. - Ich verdiene es nicht. Ich verdiene kein Stück daran...

Amazing grace. How sweet the sound, that saved a wretch like me. - I once was lost, but now am found, was blind, but now I see. - T'was grace that taught my heart to fear, and grace my fears relieved. - How precious did that grace appear the hour I first believed. - Through many dangers, toils and snares, I have already come. - Tis grace hath brought me safe thus far, and grace will lead me home. - When we've been there ten thousand years, bright shining as the sun, - We've no less days to sing God's praise than when we first begun.


Danke.