Kimberley - Zeugin in der dritten Generation

Ich war eine Zeugin in der dritten Generation und verbrachte die ersten 30 Jahre meines Lebens in der Organisation. Die Eltern meines Vaters bekehrten sich in den 30er Jahren, kurz nachdem ihre 13-jährige Tochter starb.

Die Auferstehungshoffnung hielt sie aufrecht; offensichtlich sah die Person, die bei ihnen an der Tür stand, ihr Leid und benutzte das Auferstehungs-Buch, um sie zu erreichen.

Meine Mutter bekehrte sich im Alter von 17 Jahren. Bis dahin hatte sie beide Eltern und eine Schwester verloren, und ich denke, für sie waren es die Lehren über die Auferstehung und eine neue Erde, die sie überzeugten, daß das die "Wahrheit" sei.

Wir waren eine typische Zeugen-Jehovas-Familie - Vater ein Ältester; Mutter die perfekte Hausfrau, die regelmäßig den Ferienpionierdienst verrichtete; vier hübsche, saubere, wohlerzogene Kinder. Ich habe äußerst glückliche Erinnerungen an meine Kindheit, auch wenn es einige schreckliche Momente gab, wie den, als jemand auf meine Freundin und mich schoß, als wir draußen im Dienst waren (etwa mit 10 Jahren), oder als ein Wohnungsinhaber meinen älteren Partner von der Veranda warf und ihn mit einem Gewehr bedrohte. So war der Dienst immer sehr schwierig für mich, aber ich strengte mich sehr an, eine gute Zeugin zu sein. Ich fing an, an den Türen zu sprechen, als ich sieben war, und ließ mich mit acht in die Theokratische Schule einschreiben. Ich gab ständig Zeugnis in der Schule und benutzte jede Aufgabe in der Schule als Gelegenheit, "Zeugnis" zu geben. Ich war loyal; ich glaubte, daß es die Wahrheit sei. Natürlich hatte man mich nie etwas anderes gelehrt.

Als ich 17 Jahre alt war, wurde ich verheiratet. Es war eine schreckliche Entscheidung, aber ich fühlte mich in der Falle. Ich machte gerade den Abschluß in der High School und hatte wirklich nur zwei Optionen: Pionierdienst oder Heirat. Ich konnte einfach kein Pionier werden, weil der Dienst eine Tortur für mich war. Und da es in meinem Kreisgebiet einen Mangel an verfügbaren jungen Männern gab, war auch eine Heirat nicht sehr wahrscheinlich. Dann, kurz nach meinem 17. Geburtstag, begann ein junger Mann mit dem Studium und besuchte den Königreichssaal. Alle Mädchen in der Stadt fielen über ihn her, weil es damals nur eine Handvoll verfügbarer Männer gab. Als er mich einlud, war ich geschmeichelt. Nachdem wir sechs Wochen miteinander gegangen waren, verlobten wir uns. Innerhalb weniger Wochen wußte ich, daß ich einen Fehler beging; wir paßten in fast nichts zusammen, und er handelte bereits sehr dominierend. Während ich noch herumredete und versuchte, zu entscheiden, ob ich die Sache durchziehen sollte, hatten wir einen Kreiskongreß. In einer der Ansprachen wurde darauf hingewiesen, daß Verlobungen in den Augen Jehovas dasselbe sind wie Hochzeiten, und daß man Verlobungen nicht brechen durfte. So entschied ich, die Sache durchzuziehen, weil ich überzeugt war, daß die Ehe ein Erfolg würde, wenn sich beide an biblische Grundsätze hielten.

Ich hatte Unrecht. Wir bleiben 13 Jahre lang verheiratet. In dieser Zeit wurde ich seelisch und psychologisch mißbraucht. Selbst meine Angehörigen und Freunde bei den Zeugen waren erleichtert, als ich schließlich meinen Mann verließ. Aber sie waren nicht so sehr glücklich mit der Tatsache, daß ich zur selben Zeit aufhörte, Gemeinschaft mit den Zeugen Jehovas zu haben. Ich mußte das tun; ich hatte schon seit vielen Jahren Probleme damit, die Dinge, die ich um mich her geschehen sah, miteinander in Einklang zu bringen zu versuchen. Ich war über die Art und Weise verärgert, in der die Gesellschaft ständig neue Regeln aufstellte und versuchte, die intimsten Aspekte des Lebens zu kontrollieren. Ich verachtete die Vorschriften für Gemeinschaftsentzüge, und als die Gesellschaft in den frühen 1980er Jahren noch die Zügel weiter anzog, wie Menschen zu behandeln seien, die ausgeschlossen oder von selbst gegangen waren, war ich entsetzt. Ich hatte auch Schwierigkeiten mit vielen Lehren. Das ganze Leben lang war es mir schwergefallen, die Tatsache zu akzeptieren, daß jeder auf der Erde außer Jehovas Zeugen sterben sollte. Das ergab keinen Sinn, weil ich wußte, daß viele Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren, doch aufrechte und gute Menschen waren, die es nicht verdienten, dahingeschlachtet zu werden.

Ich denke, was mich wirklich an den Zeugen zu zweifeln beginnen ließ, war das Fiasko mit 1975. Ich weiß, daß viele heutige Zeugen nicht glauben, daß die Gesellschaft jemals lehrte, daß Harmagedon 1975 kommen sollte -- es seien vielmehr untreue Brüder gewesen, die vorandrängten und irgendwie selbst zu diesem Eindruck kamen. Aber ich war da und erinnerte mich noch ganz deutlich an die Aussagen von Kreisaufsehern, von Nathan Knorr und Fred Franz von der Bühne herunter. 1975 bekam ich ein Kind, das geplant war. So versuchte ich, zu glauben, das stimme nicht; ich wollte nicht, daß es stimmt. Ich freute mich nicht darauf, daß 99% der Menschheit so einfach niedergemetzelt würden. Als dann nichts geschah, war ich ziemlich erleichtert. Aber ich war auch über die Art und Weise schockiert, in der Brüder behandelt wurden, die enttäuscht waren, daß sich die "Prophezeiung" der Gesellschaft nicht erfüllte. Wenn man vor 1975 nicht daran geglaubt hatte, war man untreu. Wenn man danach enttäuscht war, weil nichts geschehen war, war man illoyal und lebte nur auf ein Datum hin. Mein Vater gehörte zu diesen "Schwachen"; er war nach 1975 so enttäuscht, daß er einen Nervenzusammenbruch erlitt und als Ältester zurücktrat. Ich beobachtete die Art und Weise, wie die Brüder ihn und andere wie ihn behandelten und erkannte, daß das nicht Jehovas Organisation sein konnte. Aber es dauerte noch weitere zehn Jahre, bis ich den Mut hatte, zu gehen.

1984 hatte ich genug von meiner Ehe und den Zeugen. Ich hatte solch schwierige Zeiten in den Zusammenkünften, daß ich die meiste Zeit damit verbrachte, hinten im Saal auf und ab zu gehen oder im Auto zu sitzen. Ich konnte nicht in den Dienst gehen und den Leuten erzählen, die sei die "Wahrheit", wenn ich doch wußte, das sie das nicht war. Ich fühlte mich wie ein Heuchler. Ich wollte nicht, daß meine Kinder in einer solchen Atmosphäre aufwuchsen. So konnte es einfach nicht weitergehen. So bat ich um eine Zusammenkunft mit mehreren Ältesten. Ich sagte ihnen, daß ich es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, weiterhin Gemeinschaft mit den Zeugen zu haben, und daß ich auch nicht länger in meiner Ehe bleiben konnte, wo ich mißbraucht wurde. Ich erklärte, daß ich in eine andere Stadt ziehen und dort aufs College gehen wollte, so daß ich mich darauf vorbereiten konnte, meine zwei Kinder zu ernähren. Ich wollte nicht von mir aus die Gemeinschaft verlassen; ich wollte einfach nur wegbleiben. Ich wollte ihnen keinen Ärger bereiten. Sie wollten meine Zusicherung, daß ich meinen Ehemann nicht wegen eines anderen Mannes verließ. Als ich ihnen zugesichert hatte, daß ich einfach nur von meinem Mann weggehen wollte und daß ich zur Schule gehen und arbeiten wollte, um meine Kinder zu ernähren, akzeptierten sie meine Entscheidung. Bei diesem Treffen brachte ich einige Dinge zur Sprache - Dinge, die die Zeugen lehrten und die ich einfach nicht akzeptieren konnte. Einer der Ältesten sagte zu mir, auch er wisse, daß einige Lehren verkehrt waren. Ich fragte ihn, wie er dann in der Organisation bleiben und sogar noch als Ältester dienen konnte. Seine Antwort war, daß er sich in seiner Religion glücklich fühlte und daß er nicht woanders hingehen wollte. Ich sagte: "Ich fühle mich darin aber nicht glücklich." Er schien zu verstehen. Die nächsten Jahre über blieb ich in Kontakt mit diesem Bruder.

So zog ich in eine andere Stadt und begann, die Universität zu besuchen. In der Zwischenzeit wurde meine Scheidung endgültig, und mein Ex-Mann fing an, sich viel mit Frauen zu verabreden. Während dieser Zeit verbrachte eine seiner Freundinnen zweimal die Nacht bei ihm zu Hause. Sie hatte eine sehr junge Tochter und bei beiden Gelegenheiten fiel das kleine Mädchen in den Schlaf. Mein Ex-Mann bot der Frau an, sie könne die Nacht im Untergeschoß verbringen, das wie eine eigene Wohnung lag. Nun ja, ein Ältester lebte einen Block entfernt und beidesmal bemerkte er, daß das Auto dieser Frau die ganze Nacht über dort stand. Mein Ex-Mann wurde von den Ältesten angerufen. Sie wollten wissen, ob er Ehebruch begangen hatte. Er war erbost. In dem Jahr, seit ich ihn verlassen hatte, war auch nicht ein einziger Bruder zu ihm gekommen, um zu sehen, was er so machte. Niemand hatte ihn einmal zum Essen eingeladen. Niemand hatte einen Hirtenbesuch gemacht, als er nicht mehr zu den Zusammenkünften ging. Und nun riefen sie ihn an und stellten ihm Fragen über sein Privatleben. Er sagte ihnen praktisch, sie sollten sich zum Teufel scheren und es ginge sie nichts an, wen er als Gast bei sich zu Hause hatte. Sie wiesen ihn öffentlich zurecht.

Etwa ein Jahr danach begann ich, mich mit einem Mann zu verabreden, und wir beschlossen, zu heiraten. Die Ältesten in meiner Heimatstadt fanden es heraus und schickten zwei Älteste aus meiner neuen Stadt zu mir zu Besuch. Ich war ordentlich wütend, als sie an die Tür kamen, Bibeln in der Hand. Ich sagte ihnen, daß ich nicht nur seit drei Jahren nicht mehr zu den Zusammenkünften gegangen sei, sondern daß ich auch nie in meiner neuen Stadt behauptet hätte, eine Zeugin Jehovas zu sein, und daß sie kein Recht hätten, mich zu besuchen. Sie redeten immer weiter, sie müßten die Versammlung rein erhalten, und beschuldigten mich wegen meiner neuen Ehe des Ehebruchs. Ich erklärte, daß mein Ex-Mann öffentlich zurechtgewiesen worden sei, weil die Ältesten glaubten, er habe Ehebruch begangen, und daß ich nach ihren eigenen Vorschriften "biblisch frei" sei, wieder zu heiraten. Sie sagten Ja, sie hätten keinerlei Beweise, daß er wirklich Ehebruch begangen hatte, und so sei ich noch nicht aus der Sache heraus! Ich habe sie hinausgeworfen.

Offenbar schrieben die Ältesten in meiner alten Versammlung einen Brief an die Gesellschaft und fragten an, was sie mit mir tun sollten. Ich wußte dies nicht und lernte die Antwort der Gesellschaft erst über ein Jahr später kennen. Die Antwort der Gesellschaft war, daß sie keinen schriftgemäßen Grund hatten, mir die Gemeinschaft zu entziehen oder mich zurechtzuweisen, aber sie schlugen vor, daß meine direkten Angehörigen mich "bezeichnet halten" sollten. Mein Bruder, ein Ältester, tat das sofort. Und meine Schwester folgte ihm nach (später entschied sie, das sei ein Fehler gewesen, und nahm die Beziehung wieder auf). Seltsam, daß man meinen Eltern diesen Brief nie zeigte. Sie hatten weiter Umgang mit mir.

Etwa ein Jahr nach dem Besuch der Ältesten beschloß ich, eine Jahresfeier für meine Eltern zu planen. Ich rief meine Cousine an, die viele Jahre lang meine beste Freundin gewesen war. Sie fing an zu weinen und sagte mir, sie könne nicht mehr mit mir reden. Als ich sie fragte, warum, bezog sie sich auf den Brief. Natürlich hatte ich keine Vorstellung, wovon sie sprach. Dann mußte sie erklären, was geschehen war. Sie war damit nicht einverstanden, aber ihr Mann, ein Ältester, sagte ihr, sie könne keinen Umgang mehr mit mir haben. Es brach ihr das Herz, und wir weinten zusammen am Telefon. Das war für viele Jahre das letzte Mal, daß sie mit mir sprach.

Als ich den Hörer auflegte, erzählte ich meinen Eltern von diesem "Brief". Sie waren wütend und riefen den Ältesten an, der für mein "Komitee" verantwortlich war. Zuerst log er über den Brief, doch dann zwangen sie ihn, zuzugeben, was die Ältesten getan hatten. Meine Eltern bestanden darauf, daß er herüberkäme und den Brief mitbrächte. Ich dachte immer, es sei wirklich seltsam gewesen, daß dieser Brief meine Angehörigen anwies, mir aus dem Weg zu gehen, und doch hatte man meinen Eltern nichts davon gesagt! Meine Eltern waren wütend über die ganze Situation, die Art und Weise, wie es gehandhabt wurde, die Art und Weise, wie mein Bruder und meine Schwester handelten. Sie sagten, niemand werde sie daran hindern, mit der eigenen Tochter zu sprechen.

Seither hat sich mein Bruder geweigert, mit mir zu sprechen. Kürzlich erzählte er meinem Vater, er sehe mich als "Abtrünnige" an. Er ächtet mich so sehr, daß er nicht einmal "Guten Tag" sagt oder mir in die Augen sieht. Vor ein paar Jahren machten sich meine Eltern daran, ihren 40. Hochzeitstag zu feiern. Meine Mutter hatte die Party schon ein ganzes Jahr lang geplant. Dann informierte mein Bruder sie, wenn ich anwesend sei, käme er nicht. Ich sagte meinen Eltern, ich müßte nicht dabei sein, sie sollten die Party ruhig veranstalten. Aber sie sagten sie ab.

Meine Eltern waren immer sehr hilfsbereit und liebevoll. Obwohl mein Bruder sie gedrängt hat, mir aus dem Weg zu gehen, weigern sie sich, mich anders zu behandeln als ihre anderen Kinder. Ich habe noch eine weitere Schwester, die auch von den Zeugen wegging. Wir haben ein sehr enges Verhältnis, während meine beiden Geschwister, die Zeugen Jehovas sind, kaum etwas gemeinsam haben und auch nicht eng zusammen sind.

Ich glaube, daß die Zeugen-Jehovas-Organisation eine destruktive Religion ist. Sie sorgt sich wenig um Wahrheit, nur darum, die Brüder zu kontrollieren. So viele Lehren haben sich mit den Jahren verändert, und jedesmal, wenn die Gesellschaft eine neue "Prophezeiung" hervorbringt, fällt sie damit aufs Gesicht. Die kürzlich erfolgten Änderungen in der Lehre bezüglich der Generation von 1914 und des Trennungswerks sind für mich nur eine weitere Bestätigung, daß die Zeugen nicht die "Wahrheit" haben.

Ich habe auch gesehen, wie das Leben vieler wunderbarer Menschen wegen dieser Religion zerstört wurde. Familien sind auseinandergebrochen; Menschen sind unnötig wegen "Regeln" gestorben, die keine biblische Grundlage haben; die Brüder haben nur sehr wenig Liebe für einander; Menschen werden nach ihren Werken statt nach ihrem Glauben beurteilt. In den vergangenen paar Jahren habe ich eine Menge anderer Ex-Zeugen im Internet getroffen. Die Geschichten, die sie erzählen; die schrecklichen Dinge, die die Gesellschaft und die Ältesten ihnen angetan haben: das bricht einem das Herz. Die Gesellschaft ist so geworden wie die Pharisäer, die Jesus verurteilte. Es werden Regeln betont; sie haben das eigentliche Wesen des Dienstes Jesu vergessen. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht dankbar bin, daß ich mich von dieser manipulierenden, lieblosen, Kontrolle ausübenden Religion freigemacht habe.

Seitdem ich meine Religion verlassen habe, machte ich meinen Bachelor of Arts und bin im Beruf erfolgreich. Meine Kinder sind wundervolle junge Männer, auf die ich äußerst stolz bin. Ich lebe in einer glücklichen, liebevollen Beziehung. Jeder Tag ist eine Freude, und ich muß nicht mehr mit der Furcht und Spannung leben, die ich empfand, als ich noch eine Zeugin Jehovas war. Die Zeugen glauben gerne, wenn Leute wie ich die Religion verlassen, dann zerbricht ihr Leben und sie finden keine Zufriedenheit. Das stimmt einfach nicht. Ich bin glücklich und erfüllt. Ich genieße die Freiheit, die ich jetzt habe, um für mich selbst zu denken und nach meinem eigenen Gewissen zu handeln. Ich habe viele wunderbare Freunde, die mich um meiner selbst willen lieben und nicht wegen meiner Loyalität gegenüber einer irdischen Organisation. Die Zeugen zu verlassen, war bei weitem die beste Entscheidung, die ich je traf. Ich wollte nur, ich hätte es schon früher getan.