Jan - Internet hilft bei Weggang

Mein Weggang von der Wachtturm-Gesellschaft war großenteils das Ergebnis meiner Gespräche im Internet. Ich schloß mich dem Net 1992 an und fand nach ein paar Monaten die "Friends"- Anschriftenliste, eine geschlossene E-Mail-Gruppe nur für Zeugen Jehovas.

Kurz zuvor hatten meine Frau und ich eine Menge Probleme bei den Zeugen durchgemacht. Eine Versammlung von Zeugen Jehovas ist ein Sumpf von übler Nachrede, Verleumdungen und Intrigen. Wir waren beide die Opfer einiger ziemlich häßlicher Gerüchte, und teilweise deshalb wechselten wir in eine andere Versammlung ("das Gras auf der anderen Seite des Zaunes ist immer grüner").

Ich hatte wenige wirkliche Zweifel, auch wenn ich erkennen konnte, daß die Lehren über die Dauer eines Schöpfungstages von 7.000 Jahren, die Zeichen am Himmel nach Matthäus 24, die Sputnik und Raketen sein sollen, die Ansicht über Frauen in der Versammlung, Tiere vor der Flut, die keine Raubtiere gewesen sein sollen, usw. falsch waren. Für einen Außenstehenden mag das seltsam erscheinen, aber für einen Zeugen Jehovas ist es recht gut möglich, bedeutende Zweifel über Lehren zu "zerstreuen", ohne Zweifel daran zu haben, daß "die Zeugen Jehovas die wahre Religion sind."

Einige Zeit, nachdem ich mich dem Netz anschloß, beteiligte ich mich in bestimmten Usenet-Gruppen an den üblichen Gesprächen über die Dreieinigkeit und das Höllenfeuer, die kaum eine Gefahr darstellten. Mir ist jedoch Peter aufgefallen. Er war ein seltsamer Charakter, manchmal verteidigte er die Zeugen Jehovas, ein andermal griff er sie an. Sehr überzeugend und immer mit den Tatsachen auf seiner Seite.

Meine ausgedehnten Diskussionen im Usenet über Religion ließen mich nur an der Lehre zweifeln, daß Christus ein Engel sei und daß der göttliche Name (JHWH) jemals im Neuen Testament auftauchte. Viel wichtiger für meine Entwicklung war der Einfluß durch die Zeugen Jehovas selbst, bei "Friends", wo es mir immer einen Schlag versetzte, wie extrem pingelig, hohl und direkt fanatisch amerikanische Zeugen Jehovas sind. Sie hatten eine enorme Menge an "Vorschriften" über Kleidung, Unterhaltung und trivialen Einzelheiten, die ich bei den norwegischen Zeugen Jehovas nie erfahren habe.

So zog ich mir in diesem Stadium, wo ich schon Zweifel hatte, aber sie noch nicht bewußt wahrnahm, diesen merkwürdigen Peter zu und begann mit ihm Gespräche über alles mögliche. Ich machte es mir auch schwer: Ich erlangte als erster auf der Welt eine gewisse Berühmtheit dafür, daß ich mich beklagte, daß seine Briefe zu kurz seien. Zuerst konnte ich seine Fakten über die enorme Menge an Falschzitaten im Schöpfungs-Buch erkennen ("Das Leben - Wie ist es entstanden? Durch Falschzitate oder Fälschung?" oder so ähnlich).

Das war das erstemal, daß ich offen zugab, das die Wachtturm-Gesellschaft in einer Sache keine Anhaltspunkte hatte und doch ein Buch schrieb, das die Zeugengemeinde als äußerst überzeugend ansah. Ein wirklicher Schock. Ähnliche Erfahrungen machte ich, als ich die verschiedenen Versionen der Zeugengeschichte untersuchte. Dann fing ich an, mir das Problem mit den "Heidenzeiten" anzusehen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was es damit auf sich hat, aber ich erkannte schnell, daß die Wachtturm-Gesellschaft sich ohne Beweise hinter Worten versteckte. Das war der Punkt, an dem ich mich bei Peter über seine kurzen Briefe beklagte. Nachdem ich seine ausführliche Darstellung gelesen hatte, schrieb ich ihm zurück, daß ich vermutete, er habe mit 607/587 recht [Anm. des Übers.: Gemeint ist, wann Jerusalem den Babyloniern in die Hände fiel; 607 v.u.Z., wie die Wachtturm-Gesellschaft behauptet, oder 587 v.u.Z., wie die einhellige Meinung ist].

Er antwortete: "Jan, ich habe mich erst einmal hingesetzt! Wie kamst du zu diesem Verdacht?"

Das war für mich die Wende. Der 24. Oktober 1994 war das Datum, als ich schließlich verstand, daß das gesamte Lehrgebäude der Zeugen Jehovas Unsinn ist...

Die ganze Zeit über, die ganze "Reise", sprach ich mit meiner Frau Kirsten über alles. Sie schaute bei verschiedenen Dingen nach den Beweisen. Einige Zeit vorher beschlossen wir sogar, das Versammlungsbuchstudium fallen zu lassen, da das Familien-Buch eine Sicht von Frauen (und Männern) vermittelte, die wir nicht akzeptieren konnten. Im Nachhinein erkenne ich, daß sie jede Minute, die sie eine Zeugin Jehovas war, gehaßt hatte. Ohne mich wäre sie wahrscheinlich schon früher in aller Stille gegangen. Nun verließ sie die Bewegung schließlich mit einem großen Knall, als die Ältesten hinter mir her waren, weil ich ihren allerliebsten Glauben angezweifelt hatte. Wir traten einige Tage, nachdem wir unter Zwang gegangen waren, im staatlichen Fernsehen auf, und das Band der Komiteesitzung der Ältesten machte wahrscheinlich eine ganze Menge Zuschauer frieren. Ich hoffe, daß ich einigen Menschen geholfen habe, sich nicht den Zeugen anzuschließen.

Offline besprach ich dies mit ein paar ausgesuchten Freunden während der ganzen "Reise". Ich verstand schnell, wem man trauen konnte und wem nicht. Einer unserer alten Freunde hatte tatsächlich alle "Abtrünnigen"-Bücher (Franz, Jonsson, um zwei zu nennen), und ich borgte sie von ihm und las sie alle. Wir waren einige Personen, die schließlich erkannten, daß die Wachtturm-Gesellschaft irrte. Ich bin mir recht sicher, daß ich auch ohne das Internet gegangen wäre, aber es wäre schwerer gefallen und auch schwieriger gewesen, an die Informationen zu gelangen.

Schließlich sind die Unterstützergruppen, offline und online, während dieses Prozesses eine enorme Hilfe gewesen. Insbesondere die "Philia"-Gruppe und alle Einzelpersonen, mit denen ich E-Mail-Kontakt hatte. Der "therapeutische" Effekt ist für mich zweitrangig. Das E-Mail-Netzewerk ist eine Gruppe von wirklichen Freunden aus Fleisch und Blut auf der ganzen Welt, mit denen ich Ideen und Gedanken austauschen und gute wie schlechte Zeiten teilen kann.