Sabine - Zeugenaussage OVerwG Berlin

Wenn die Wachturm Gesellschaft, es schafft, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden, haben sie einen Freibrief für psychische Vergewaltigungen. Die einzige Möglichkeit, in meiner Jugend dieser Körperschaft zu entrinnen, war der öffentliche Schulbesuch.

Würden die Zeugen Jehovas die Möglichkeit bekommen, eigene Schulen oder Internate zu errichten, in denen sie Ihre Kinder schicken, haben diese keine Hoffnung mehr dieser Sekte zu entkommen. Auch die Erlaubnis, in Kliniken, Gefängnissen und Schulen, Seelsorge zu betreiben, muß verhindert werden, um labile Menschen zu schützen.*1

Ich wurde 1967 in diese Sekte hineingeboren. Meine Mutter ließ sich taufen als ich drei Jahre alt war. Zeuge Jehovas im Sinne der Sekte war ich eigentlich nicht, da man sich bei dieser Sekte erst taufen lassen kann, wenn man ein „eigenes Gewissen“ hat, und selbst entscheiden kann, ob man sich als zugehörig fühlt, und dies öffentlich bekannt geben will; das Alter hat man ca. mit 13/14 Jahren erreicht, laut den Ältesten. (Das Problem hierbei ist, dass man durch Ängste, die geschürt werden, und Druck durch die Wachturm Gesellschaft man nur noch eine Marionette ist, und kein freier Wille vorhanden ist.)

Es waren also acht Jahre vor dem prophezeiten Weltuntergang der Zeugen Jehovas genannt Harmagedon, als ich geboren wurde. Wir Kinder wurden schon mit ca. einem Jahr körperlich mißhandelt. Nicht nur meine Geschwister und ich, sondern auch viele andere Kinder dieser Sekte.*3 Mit einem Bibelzitat das heißt:“ Wer sein Kind liebt züchtigt es“, wurde dieses Verhalten der Erwachsenen nicht nur entschuldigt, sondern noch untermauert. Es wurde zwar weder im Wachturm noch imErwachet direkt dazu aufgefordert, die Kinder zu schlagen, jedoch wurde es erwartet, ein bedingungslos gehorsames Kind zu haben, und dies mit allen Mitteln zu erreichen.

Die Zeugen Jehovas sagen, dass es den Eltern überlassen bleibt, wie sie dieses Zitat auslegen und ausleben. Dadurch entzieht sich die Sekte der Verantwortung. Es ist aber ein unausgesprochenes Gesetz, es ist für mich schwer, zu beschreiben, welche Aura da erzeugt wird. Dies ist eine Gradwanderung zwischen Verletzung der Menschenwürde, und begehen einer Straftat. Wobei diese Dinge in Bereichen stattfinden, die sehr schwer zu beweisen sind.

Die Verantwortlichen dürfen sich keiner Straftat schuldig machen, die gegen das Grundgesetz unseres Staates verstößt, damit sie in unserer demokratischen Gesellschaft nicht verboten werden. Es werden viele Sachen nicht nur geduldet sondern unter einem schweigendem Einverständnis erlaubt.

Man verspürte bei den Eltern teilweise eine richtige Befreiung als sie die Kinder mißhandelten. Sie konnten den Streß unter dem sie selbst standen, an einem Schwächeren auslassen. Die Erwachsenen ermunterten sich gegenseitig, wenn ein Kind nicht bedingungslos gehorchte, ihm den Hintern zu versohlen. Wenn es sein muss, auch mit einem Gürtel oder anderen Gegenständen.

Wir wurden damals noch in den Zusammenkünften der Z.J., genannt Königreichssaal, und auf den Kongressen, (vor allem in Kaiserslautern, wo die Z.J. ein eigenes Kongresszentrum besitzen), schamlos mißhandelt. Die Prozeduren, fanden auf den Toiletten statt. Ich habe miterlebt, wie andere Kinder, meist während ein Vortrag gehalten wurde da dann auf der Toilette nicht so viel Betrieb war, mißhandelt wurden. Die Mütter schlugen ihre Kinder da die es nicht schafften ca. 6-8 Stunden still zu sitzen ohne ein Wort zu sagen, ohne Möglichkeiten zu spielen, oder zu schlafen. Es gab nur sehr kurze Pausen. Manche Mütter griffen zu rabiateren Mitteln. So wurden den Kindern die Hand zwischen Tür und Angel gehalten, und die Tür zugedrückt. Auch wurden die Hände der Kinder unter heißes Wasser gehalten, um sie zu bestrafen. Zu weiteren Mißhandlungen im häuslichen Bereich, möchte ich mich jetzt nicht äußern. Dies würde den Rahmen sprengen. Ich weiß aber von vielen Fällen auch mein eigener, und kann mich im Bedarfsfall dazu noch weiter äußern. Soweit zu Körperlichen Mißhandlungen.

Im kommenden Teil, möchte ich Ihnen etwas über die psychischen Mißhandlungen dieser Sekte berichten.

Ich war von meinen Eltern abhängig, wie jedes Kind. Somit mußte ich dem glauben, was sie mir vermittelten. Da sie an die Lehren der Wachtturm Gesellschaft glauben, trichterten sie mir ein, dass ich niemals an diesen Lehren, und an dieser Gesellschaft zweifeln dürfte. Es wurde gleichgesetzt mit Gotteslästerung. Da Kinder aber neugierig sind, und Dinge hinterfragen, müssen sie unter Druck gesetzt werden, um keine Unruhe in die Gesellschaft zu bringen. Dies geschah, indem man mir sagte: “Jehova der eigentlich ein liebevoller Gott ist, sieht alles, was man tut und denkt“. Wenn man nicht lieb ist, den Eltern nicht gehorcht, kommt man nicht in das Paradies, das nach Harmagedon errichtet wird. Um zu vermeiden, dass wir Kinder Informationsschriften anderer Religionen lesen, wurde uns gesagt, dass wir uns mit diesen Schriften Dämonen ins Haus holen. Wobei uns die Vorstellung von Dämonen selbst überlassen wurde. Im Notfall gab es dann doch eine kurze Beschreibung, was diese Dämonen alles anrichten können. Dies galt auch für Bücher aus öffentlichen staatlichen Büchereien.

Ich verbrachte die ersten acht Jahre in meinem Leben in einer Dunkelheit, geprägt von Angst. Angst vor körperlicher Mißhandlung. Angst vor Harmagedon und ob ich weiter leben darf. Das Jahr 1975 war das schlimmste in meinem Leben. Ich dachte jeden Tag, dass Harmagedon kommt, und ich sterben müßte. In der Schule konnte ich mich nicht konzentrieren. Zwei bis drei Tage in der Woche war ich in der Schule ständig übermüdet, da ich am Vortag den Königreichssaal oder andere Zusammenkünfte besuchen mußte. (Ich wurde als sehr ruhige Schülerin beschrieben). In der großen Pause war ich alleine, ich stellte mich an die Hauswand beobachtete den Himmel ob ein Zeichen für den Weltuntergang zu sehen wäre. Ich betete zu Gott, er solle warten, bis ich bei meiner Mutter bin; oder bei einem anderen Zeugen, (der ja vielleicht auch weiterleben darf). Falls ich weiterleben darf, wollte ich nicht über meine toten Mitschüler stolpern; die ja nach dem Glauben der Z.J. nicht das Paradies erreichen können. Ich sah im Geiste auf dem Schulhof meine Mitschüler und Lehrer als Leichen auf dem Boden liegen. Ob Gebäude zerstört werden wußte ich nicht. Ich machte mir Gedanken darüber um einigermaßen auf die Situation vorbereitet zu sein. In dieser Zeit legte ich mich viel ins Bett lutschte an meinen Fingern, rollte an meinen Haaren um mich zu beruhigen. (Dies tat ich bis zum 13. Lebensjahr hörte dann auf weil ein Mitschüler mich erwischte und auslachte). Bis zu meinem 12. Lebensjahr machte ich in die Hosen die ich selbst säuberte damit es nicht bemerkt wurde. Ansonsten wäre ich bestraft worden.

Im Unterricht selbst konnte ich mich nicht konzentrieren, da ich immer nach draußen schaute ob Harmagedon käme. Jedes normale Gewitter versetzte mich in Angst und Schrecken. Ich bekam Herzrasen, musste schwer und schnell atmen und fing an zu zittern. Es stellten sich Kopfschmerzen ein. Ich war nicht in der Lage, irgend etwas zu tun. Ich konnte nur noch im Bett liegen. Am ganzen Körper zitternd, manchmal der Urin einfach davon laufend. Diese Symptome bekam ich dann auch, wenn ich über den Glauben und die Sekte nachdachte. Vor allem dann, wenn sich kritisches Denken einstellte. Auch heute noch stellen sich in bestimmten Situationen diese Symptome ein. Je nach „Anfall“ dauerte es zwischen einem Tag und einer Woche mich davon zu erholen.*4

Meine Welt war schwarz, es gab nichts schönes, nur die Hoffnung auf ein Paradies, daß man vielleicht erreichen kann. Der letzte Tag im Jahr 1975 (heute mußte es passieren). Der Tag war grauenvoll, ich kann es nicht beschreiben. Das Jahr 1976 begann und die Zeugen Jehovas hatten Erklärungsschwierigkeiten.

Ich beobachtete die „Brüder und Schwestern“ , was sie sagten und wie sie sich verhielten. An einem Kongress in der Mittagspause, setzte sich eine Schwester zu mir. Über sie wusste ich, daß sie sich nicht so verhielt wie sie es predigte. Ich musste die Haltung eines betendes Kindes einnehmen, denn vor dem Essen wird gebetet. Ich konnte in dem Moment nicht beten. Ich ging meinen eigenen Gedanken nach und dachte nur wie heuchlerisch viele Menschen in dieser Sekte sind. Dann bemerkte ich, daß keiner wusste, daß ich nicht betete und machte eine wunderbare Enddeckung. Meine Gedanken sind frei, zumindest sind sie frei vor anderen Menschen. Ob vor Gott weiss ich nicht. Ich fing an, an dem Glauben der Z.J. zu zweifeln und freundete mich mehr und mehr mit meinen Klassenkameraden an. Für die war ich ein komisches Wesen. Sie wussten nicht was ich erlebte und noch immer durchmachen musste. Ich überlegte: Wem kann ich mich anvertrauen? Wer hilft mir? Wer glaubt mir mein unglaubliches Leben? Wer versteht mich und schickt mich nicht zurück? Nicht zurück wo physische und psychische Gewalt mich erwarteten. Nicht nur von meinen Eltern sondern der ganzen Sekte.

Da war niemand.

Den zaghaften Versuch mich meiner Lehrerin anzuvertrauen lies ich schnell wieder fallen. Sie wäre die einzige gewesen die mir hätte helfen können. Doch dies bedarf viel Einfühlungsvermögen und die Auseinandersetzung mit dieser Sekte. Das gefährliche an dieser Sekte ist, daß sie in der Öffentlichkeit als liebe Mitmenschen und richtige Christen angesehen werden, die keiner Fliege etwas zuleide tun können.

Mein zweites positives Erlebnis in meiner Kindheit war, der Tag, an dem ich in der Schule das Grundgesetz ausgehändigt bekam. Vor allem die Religionsfreiheit mit 14 Jahren lies mein Herz einen Freudensprung machen. Bis zu diesem Tag dachte ich, ich muß bis zu meiner Volljährigkeit aushalten um dem ganzen Terror zu entkommen.

Ich hätte noch viel zu berichten doch der nahe Termin der Endscheidung verhindern jetzt einen ausführlichen Bericht, der aber auf jeden Fall erscheint. Auch die psychische Belastung durch die ganzen Erlebnisse ist im Moment zu stark und muss erst bewältigt werden.

Durch meinen Brief möchte ich die Öffentlichkeit und vor allen die maßgeblichen Endscheidungsträger mobilisieren in dieser Sache die richtige Endscheidung zu finden.

Es besteht Religionsfreiheit und das ist gut so. Doch wenn diese Sekte mit ihren unmenschlichen Methoden anerkannt wird, ist es ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die für Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit kämpfen und gekämpft haben.

All denjenigen die fest an Gott glauben möchte ich noch sagen dass man auch ohne Sekten und sektenähnlichen Institutionen glauben kann.

Der Ausspruch von Jesus sagt:“ Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen bin ich mitten unter ihnen“.


*1 Die ZJ hätten die Möglichkeit ihre „Abtrünnigen“, oder die Personen die sich im Umbruch befinden zu verfolgen.

*2 Bitte bestrafen sie nicht die Eltern, sondern geben sie ihnen adäquate Hilfe da diese auch nur Opfer der Sekte sind.

*3 Ich spreche hier auch für Personen die sich nicht in der Lage fühlen selbst an die Öffentlichkeit zu gehen.

*4 Die Lebensqualität reduziert sich stark. Mein Berufsleben ist geprägt von Krankheit und Arbeitslosigkeit aufgrund meiner Kindheit bei den ZJ.

Die Kosten für meine Krankheitszeiten und der Arbeitslosigkeit müßte die Wachtturm- Gesellschaft dem Staat und den Krankenkassen als Auslöser all des Elendes zurückerstatten. Die Dunkelziffer der Personen die aus gleichem Grund dem Staat „auf der Tasche „ liegen dürfte recht hoch sein.

Viele Betroffene getrauen sich nicht dies bekannt zu machen, auch aus Angst vor dem Unverständnis der Öffentlichkeit.