Eva - eine Begegnung (Deutschland)

Es war im Spätsommer 2003 und ich ging mit meiner Ehefrau Helga am Krupunder See spazieren. Es waren wenige Spaziergänger unterwegs. Wir setzten uns am Ufer des Sees auf den Rasen. Ich holte, meinem Brauch gemäß, meine Mundharmonika aus der Tasche und begann Volkslieder zu spielen.

Die meisten Lieder, die ich spiele stammen aus meiner Kindheit und sind meistens einhundert Jahre alt oder noch älter. Das muss wohl daran liegen, dass unser Liederbuch zu Hause noch aus dem Jahre 1898 stammte.

Nicht weit von uns entfernt hielt eine Radfahrerin an, stieg ab und schloss ihr Rad, um den Pfosten des Badeverbot-Schildes, mit einem schloss ab. Eine Weile lauschte sie so meinen Liedern, ohne dass ich dessen gewahr wurde. Als ich eine Pause machte kam sie zu uns und beglückwünschte mich, dass ich mir meine Volkstümlichkeit bewahrt hätte; nicht wie die Jugend von heute, die nur noch die neuesten Schlager kennt, oder nur noch alles in englisch zu singen im Stande wären. Sie war eine Frau so gegen die vierzig. Sie erzählte, dass sie aus Stuttgart wäre. Sie wäre hier in den Norden gezogen, um sozusagen ein ‘neues Leben’ anzufangen. Dort unten wäre ihr das alles so ‘eng’ geworden. Aber ihr Problem sei, dass sie auch hier im Norden noch nicht die richtigen Freunde gefunden habe. Sie wäre mit den Norddeutschen immer noch nicht so recht ‘warm geworden’. Aber sie habe es nicht aufgegeben irgendwann doch noch ‘echte Freunde’ zu finden.

Sie fragte mich, wie ich auf diese alten Volkslieder gekommen wäre. Ich erzählte ihr, dass das ein Teil meiner Kindheit gewesen sei. Und schloss: "Wenn Sie genau hinhören, dann werden Sie feststellen, dass die meisten alten Lieder einen Gottesbezug aufweisen." Dann sagte ich ihr die Strophen der ‘Goldenen Abendsonne’ vor. Man merkte, dass sie leicht gerührt war. "Ja", sagte sie etwas nachdenklich geworden, "die heutigen Menschen denken sehr wenig an Gott. Die Bibel sagt, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten da sein werden - dass die Menschen Gottlos wären, egoistisch, mit keinem Willen zum Guten, die Kinder würden den Eltern ungehorsam sein, zu keiner Übereinkunft zum Guten; dass sie mehr das Vergnügen lieben würden als Gott ... und von denen sollten wir uns weg wenden.

Irgendwie klang mir das recht vertraut. Wir nickten zustimmend. Sie staunte und strahlte über das Gesicht. Man merkte, dass ihr die Unterhaltung gefiel. "Wissen Sie eigentlich, dass Gott einen Namen hat?", sagte sie nach einer Weile, und sah uns dabei fröhlich lachend an, wie eine Quizmeisterin, die ihren Zuhörern etwas wichtiges und interessantes mitzuteilen hat. Helga und ich sahen uns flüchtig an. Das alles klang uns irgendwie bekannt. Jetzt mussten auch wir lachen. Ich setzte einen nachdenklichen Blick auf; schob die Unterlippe vor und sagte: "Tia, ... die Theologen sind sich da nicht so recht einig. Die einen meinen der Name wäre Jahwe, die anderen meinen er wäre Jehova. Jetzt kann ja jeder wählen, welchen Namen er benutzen möchte." Sie staunte über diese Antwort. "Gehört ihr irgendeiner religiösen Gemeinschaft an? Also ich meine keiner Sekte?" sagte sie, und eine gewisse Erregtheit klang jetzt in ihrer Stimme mit.

"Zugegeben", sagte ich, um die Erwartungen nicht allzu stark zu strapazieren, "wir sind Christen." Jetzt konnte Helga nicht mehr an sich halten. "Willi, - soll ich’s ihr sagen?" Unsere Bekannte schaute gespannt, wie ein Flitzbogen. "Wenn du meinst", sagte ich und lächelte unsere neue Bekannte von der Seite an. "Wir sind Zeugen Jehovas - aber wir besuchen keine Versammlung mehr", sagte Helga. Nun hatte unsere Bekannte genug gehört, - wir fielen uns in die Arme. "Ich spürte doch die ganze Weile, dass ihr ganz anders seid als die übrigen Weltmenschen", sagte sie völlig überwältigt und konnte sich der Freudentränen nicht mehr erwehren. Sie war tief gerührt und konnte sich gar nicht einkriegen. Auch Helga musste sich ein paar Tränen aus den Augen wischen. Unsere neue Bekannte erzählte, dass sie zu der Versammlung Hamburg-Schnelsen gehöre. "Ihr könnt mich Eva nennen", sagte sie. Auch wir nannten unsre Namen.

"Soll ich in der Versammlung Grüße von euch ausrichten", fragte sie. Schluck! - wie sollten wir ihr unsere Situation erklären? Wenn man Zeugen Jehovas trifft, dann bekommt man von denen oft Grüße an die Versammlung mit, mit der man verbunden ist. Das ist so gang und gebe. Aber gerade diese Versammlung hatte Helga vor zwei Jahren die Gemeinschaft entzogen und sie aus der Versammlung ausgestoßen. Eine heikle Situation. "Wenn ihr nicht wollt, dann werde ich natürlich keine Grüße ausrichten", sagte Eva und ihre Stimme klang jetzt bewusst beschwichtigend.

Helga und Eva tauschten jede Menge Erfahrungen und auch erlebtes untereinander aus; besonders ihr Verhältnis zu den Ältesten und, dass Helga, das herausragende Kennzeichen des Christseins, die Liebe, in dieser Versammlung so sehr vermisste. Diese Versammlung funktioniere zwar, mehr aber nicht. Fast eine ganze Stunde unterhielten wir uns. Eva machte jetzt einen gelösten und so richtig glücklichen Eindruck. Sie erzählte, dass sie in Stuttgart gleich nach der Taufe mit einem Mann zusammen gelebt hätte und auf Grund dieser Tatsache aus der Versammlung ausgeschlossen worden sei. Erst vor kurzem sei sie wieder aufgenommen worden; und sie sei gegenwärtig unter ‘Beobachtung’ gestellt worden, ob sie es mit der Wiederaufnahme auch wirklich ernst meine. Diese ständigen Ältestenbesuche und das subtile ‘Ausforschen’ habe sie nicht mehr ausgehalten. Da habe sie kurzerhand ihre sieben Sachen gepackt und sei nach Norddeutschland gezogen. Hier wolle sie einen Neuanfang machen. Aber in der Versammlung Hamburg-Schnelsen sei sie doch ziemlich kühl aufgenommen worden; und das behage ihr ganz und gar nicht.

Kein Wunder; wenn ein Zeuge Jehova ausgeschlossen und wieder aufgenommen wird, dann kann die wiederaufgenommene Person hingehen wo sie auch will, eine ‘Akte’ läuft immer mit. Denn, wenn ein Verkündiger die Versammlung wechselt, und der Sekretär der neuen Versammlung die Verkündiger Karteikarte anfordert, dann wird auch immer die unter Verschluss gehaltene Akte mitgeliefert. Aber kein Verkündiger darf seine Akte einsehen. Jede Verfehlung gegen die ‘Organisation’ und jede Aufmüpfigkeit gegen Älteste, werden hier festgehalten. Auch die Protokolle eines Gemeinschaftsentzuges werden hier in zugeklebten Umschlägen abgeheftet, und dürfen nur von Rechtskomitees, mit Ausnahme des Dienstaufseher, geöffnet werden. Die Überwachung der einzelnen Verkündiger durch die ‘Organisation’, ist total. Jeder Zeuge Jehova kann unbesorgt sein, die Ältesten kennen sein Sündenregister zur Genüge; denen kann keiner etwas verheimlichen.

Eine oft praktizierte Gepflogenheit ist es, besonders ‘linientreue’ Glaubensbrüder auf neu zugezogene Personen ‘anzusetzen’; das heißt, mit ihnen in den Predigdienst zu gehen, mit dem Ziel, die Gesinnung des Neuen ‘auszuforschen’. Nun wird der Verkündiger sich bewusst kritisch zur Versammlung äußern, und ganz besonders über die Ältesten herziehen. Er wird dann den ahnungslosen Glaubensbruder nach seiner Meinung fragen. Und so werden Personen, denen man unter vorgespielter Kumpelhaftigkeit, das Vertrauen erschlichen hat, anschließend ahnungslos ausgeforscht, ohne dass der betreffende es merkt. Erst bei einer Komiteeverhandlung kommen dann die ‘Aktennotizen’ zum Vorschein. Ich rede aus eigener Erfahrung. Dieses Spielchen hatte man auch mit mir getrieben.

dass ich diese Behauptung nicht aus der Luft greife, beweist ein geheimes Dokument, vom 1. September 1980, das an alle Kreis- und Bezirksaufseher gerichtet, und keinem Verkündiger zugänglich war; lediglich ein ausgeschiedenes Mitglied der Leitenden Körperschaft hat dieses Dokument der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darin heißt es auf Seite 2, auszugsweise: <>. Soweit dieser Auszug.

Halten wir fest: Der betreffende braucht seine abweichende Meinung niemandem weitersagen, um Verbündete um sich zu scharen; er braucht sie nur für sich allein zu glauben! Und schon kann er, wenn er nicht widerruft, aus der ‘Organisation’ als Abtrünniger ausgestoßen werden. Ferner sei hier erwähnenswert, dass nicht gesagt wird, wenn er etwas glaubt was der Bibel widerspricht, sondern, was den Lehrpunkten des Sklaven widerspricht. Mit anderen Worten: Lehren Jehovas gleich Lehren des Sklaven. Da der Sklave demnach auf derselben Stufe mit Jehova Gott steht, steht sein Sohn Jesus Christus noch unter dem Sklaven. Hört, hört! Ist demnach das Zeitalter der Inquisition doch noch nicht zu Ende? Das Wort ‘Inquisition’ bedeutet wortwörtlich: "Erforschung von Menschenseelen und zu Tage fördern von Gesinnungen". Und jetzt verstehen wir auch die Gedankenüberwachung, die unter Jehovas Zeugen betrieben wird: Gesinnungsschnüffelei in Reinkultur. Nein, bei Jehovas Zeugen ist das Zeitalter der Inquisition noch lange nicht zu Ende.

Aber zurück zu Eva, unserer neu gewonnenen Freundschaft. Die Sonne hatte sich geneigt, und wir wollten uns so langsam auf den Nachhauseweg begeben. Auf alle Fälle wollten wir mit Eva in Kontakt bleiben. Ich zog daher eine Visitenkarte aus der Brusttasche und überreichte sie Eva. "Wenn wir schon dabei sind Rufnummern auszutauschen, dann würde ich auch gerne die deine aufschreiben", sagte ich. Sie gab sie mir. "So", sagte ich zu Helga, "jetzt hast du eine neue Freundin gefunden. Da kannst du ja so richtig von Frau zu Frau reden. Schließlich hattest du dich doch beschwert, dass du niemanden zum reden hast." Wir schlossen unsere Fahrräder auf und packten unsere Sachen.

Auch Eva hatte ihr Fahrrad aufgeschlossen. Jetzt kam sie noch einmal zu uns herüber gelaufen. Ihr Blick hatte jetzt etwas fragendes an sich. Sie wirkte irgendwie verändert, besorgt. Sie sah uns jetzt mit großen Augen und ernster Mine an. "Ich gebe ungern meine Rufnummer an andere weiter", sagte sie. "Seid bitten nicht böse, ihr dürft anrufen, wann ihr wollt; aber ... - ihr müsst mir versprecht, dass ihr - keine Ausgeschlossenen seid.". Ihre Blicke wanderten von mir zu Helga und wieder zurück. Ihre Blicke hatten jetzt etwas lauerndes an sich. Sie wartete beharrlich auf eine Antwort. Wir sahen uns an und ... überlegten. Helga sah ihr ins Gesicht und sagte jetzt mit etwas leiserer Stimme: "Ja, wir sind Ausgeschlossene." Helga hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da fuhr Eva mit einem Ruck zurück. Ihr Gesicht wurde plötzlich aschgrau; ihre Augen, die noch vor wenigen Minuten vor Glück, wie die aufgehende Sonne gestrahlt hatten, glichen jetzt nur noch zwei schwarzen Löchern, die uns anstarrten, als wollten sie uns durchbohren. "Nein, das darf doch nicht wahr sein, wie habe ich mich geirrt, ihr habt mich getäuscht; wie konntet ihr bloß...", stammelte sie. Sie holte meine Visitenkarte hervor und gab sie mir zurück. "Unter diesen Umständen hat sich das wohl erledigt", sagte sie jetzt sichtlich verärgert. "Kontakt mit Ausgeschlossenen! ... niemals; ihr kennt doch die Richtlinien der ‘Organisation’. Was uns der Sklave sagt muss unter allen Umständen eingehalten werden. Bevor ihr nicht wieder aufgenommen seid braucht ihr euch gar nicht zu melden", brach es aus ihr hervor.

Sie drehte sich auf dem Absatz um, eilte zu ihrem Fahrrad, schob es den Hügel hoch, schwang sich auf den Sattel und trat wie wild in die Pedale. Noch einmal drehte sie sich um, als wollte sie sich überzeugen, ob wir ihr auch nicht folgten. Entsetzen stand in ihrem Gesicht, dann verschwand sie um die Biegung.

Langsam und sehr nachdenklich schoben wir unsere Räder die Anhöhe hoch. "Ich habe dir doch gleich gesagt, dass es nichts als Ärger bringt, wenn man mit Zeugen zu tun hat", sagte Helga. Sie war den Tränen nahe. "Solche Menschen verletzen uns immer wieder. Früher oder später bekommen sie es raus, dass man nicht mehr dazugehört und dann ist es Schluss mit der Freundschaft. Der heutige Tag ist für mich gelaufen." In ihrer Stimme klang Resignation. Ja, die Zeugen Jehovas sind darauf programmiert worden, dass sie sich strikt an die Richtlinien, einer von Menschen erfundenen ‘Organisation’ halten, und wehe einer hält sich nicht daran; die Strafen würden schrecklich sein.

Jehovas Zeugen sind immer noch fleißig dabei, Jünger zu machen. Aber zu was für Menschen wurden diese Weltmenschen letztendlich umgeformt? Oder werden sie lediglich aus einer Form herausgeholt und in eine neue Form gepresst? Und wer garantiert, dass diese neue Form keine Verformung darstellt? Könnte man unsere angehende Freundin Eva als ‘nicht verformt’ bezeichnen? Wohl schwerlich.

Auch die geistigen Führer der Tage Jesu waren eifrig bemüht Anhänger zu machen. Aber Jesu tadelte sie; und warum? Lassen wir ihn zu Wort kommen: "Ihr Scheinheiligen! Ihr reist um die halbe Welt, um auch nur einen einzigen Anhänger zu gewinnen, und wenn ihr einen gefunden habt, dann macht ihr ihn zu einem Anwärter der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr." (Matth.23:15, Gute Nachricht). So unternehmen auch Jehovas Zeugen große Anstrengungen Menschen mit der Guten Botschaft weltweit zu erreichen. So haben sie im Jahre 2003 1,23 Milliarden Stunden gepredigt, 258 845 Jünger gemacht und Sie haben 80 Millionen US-Dollar für diesen Zweck ausgegeben. Welch große Kraftanstrengung! Aber was für Jünger sind nun die Neubekehrten geworden? Nachfolger Jesu oder gleichgeschaltete einer Organisation, die ihre Verformung gar nicht mehr wahrnehmen und jede Anweisung des Sklaven nur noch kritiklos ‘abzunicken’ haben? Oder werden nicht vielmehr Menschen heran gezüchtet mit ‘Kampfhund Mentalität’, die darauf abgerichtet wurden all denen, die einmal zur ‘Organisation’ gehört hatten, unverzüglich an die Kehle zu springen? Sind diese Menschen glücklich? War Eva, unsere angehende Freundschaft, glücklich. Nein, sie war es nicht und viel in der ‘Organisation’ sind es auch nicht! Sie sind nur zu stolz, um es zuzugeben. Und warum? Weil sie zwar zum Sklaven gefunden haben, nicht aber zu dem, der sie erkauft hat: Jesus Christus.