Eine Kindheit als Außenseiter

Ich wurde 1977 in eine Zeugen-Jehovas-Familie hinein geboren. Mein gesamtes Leben bis hin zum meinem Aussteig vor 4 Jahren wurde in allen Bereichen meines Lebens von dieser Sekte geprägt.

Angefangen mit der Tatsache, das ich nie einen Kindergarten besucht habe - meine Mutter war ja Hausfrau, wieso sollte sie ihr Kind von Weltmenschen erziehen lassen - habe ich auch in der gesamten Schulzeit nie geschafft, meine Isolation als Außenseiter zu überwinden und ein für jedes Kind erforderliches Maß an Anerkennung zu erhalten.

Meine Kindheit war durchaus von Liebe geprägt und alles was meine Eltern taten, taten sie in der vollen Überzeugung, das es richtig sei und gottgefällig. Meine Mutter, selbst als Kind von Zeugen Jehovas aufgewachsen, hatte nie die Chance ergriffen ihr Leben zu hinterfragen. So vorbestimmt wie es war, heiratete sie mit 16 Jahren meinen Vater und wurde mit 21 Jahren das erste Mal Mutter und stellte ihr gesamtes Leben in den Dienst der Sekte, als Vorzeigezeugin, - Mutter und -Ehefrau.

Trotz allem war die Liebe, die ich in meiner Kindheit erhielt, so habe ich es empfunden, an die Bedingung geknüpft, die Regeln und Vorschriften der Z.J. zu erfüllen, eine theokratische Einstellung zu haben und sich vollständig anzupassen. Hier wurden bereits die Grundsteine gelegt für eine völlige Aufgabe bzw. Nichtentwicklung einer eigenständigen Identität. Ich wusste, wenn ich nur alles so mache wie die Z.J. und somit meine Eltern von mir erwarten, würde ich sie erfreuen. Also predigte ich Lehrern, beteiligte mich an keinerlei Feiertagen (Weihnachten, Geburtstagen), lehnte jede Einladung von Schulkameraden ab und fühlte mich stets einsam und wertlos. Schon als Kleinkind wurde ich in den Predigtdienst mitgenommen und hatte als Schüler immer Angst, irgendwelchen Schulkameraden dabei zu begegnen. Allein bei dem Wunsch, moderne Klamotten zu tragen bzw. haben zu wollen, wurde man als jemand betrachtet, der mit den Dingen der Welt liebäugelt. Bei jeder auch noch so banalen Abweichung von den gegebenem Regelwerk der Z.J. kam bei mir das auch so vertraute schlechte Gewissen hoch, was bis heute mein ständiger Begleiter ist. Dein Wert als Mensch in dieser Organisation hing davon ab, wie genau du die Anforderungen erfüllst, die immer zu hoch gesteckt waren, um die Schafe anzuspornen. Damit wurde das Selbstwertgefühl der Menschen im Keim erstickt. Trotzdem ich eine sehr gute Schülerin war, wurde die Frage des Besuchs eines Gymnasiums nie gestellt - es gab diese Möglichkeit gar nicht. Für eventuelle Fragen der Lehrer wurde ich fit gemacht: Ich wollte schließlich nur 9 Jahre Schulbildung haben, da ich mein Leben im Pionierdienst völlig Gott widmen wollte. Ich war damals 11 Jahre alt und hatte nicht den blassesten Schimmer, was ich wollte, ausser Frieden und Anerkennung zu Hause, weil es für mich der Einzige Weg war, Anerkennung zu bekommen. Also teilte ich den verständnislosen Lehrern „meine“ Entscheidung mit der auswendig gelernten Begründung mit.

Während meiner Pubertät fiel mir mehr als zuvor auf, was für ein beengtes und belastetes Leben in führte. Des öfteren kam mit der Gedanke, wie schön es wäre aus all dem auszubrechen, aber wie? Es gab keinen Weg. Ich hätte all das verloren, so dachte ich, was ein Kind braucht – sein zu Hause und die sozialen Kontakte die ich eben hatte, die Zeugenfreunde. Ich machte meine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, auf subtile Art, es beschränkte sich auf Rumknutschen auf dem Schulhof, was aber wiederum nur zu einem unerträglich schlechten Gewissen führte und dem Gefühl schwach und wertlos zu sein. Dazu die ständige Gefahr entdeckt und verpetzt zu werden, denn in meine Klasse gingen noch zwei weitere Zeugenkinder. Aber der Reiz war eben groß und der Strudel der Zerrissenheit nahm seinen Lauf. Da ich ja mit niemandem hätte reden können, ich lief Gefahr vor ein Rechtskomitee gestellt zu werden (ich hatte mich mit 12 Jahren taufen lassen und trug seit diesem Zeitpunkt die völlige Verantwortung für mein Handeln und würde vor Gott und vor allem vor den Z.J. gerichtet werden wie ein Erwachsener), fing ich an Tagebuch zu schreiben, die einzige Möglichkeit mit meiner damals beginnenden inneren Zerrissenheit fertig zu werden. Aber selbst diese minimale Form von Intimität wurde mir nicht gestattet, eines Tages kam ich nach Hause und meine Mutter konfrontierte mich mit dem Inhalt meines Tagebuches, aus dem ja wohl hervorging, dass meine „geistige Einstellung“ in Gefahr ist. Sie hielt mich an, mich vermehrt den theokratischen Zielen in meinem Leben zu widmen. Den Jungen, in den ich zu diesem Zeitpunkt verliebt war und von dem in meinem Tagebuch die Rede war, durfte ich selbstverständlich nicht wiedersehen. Jedes nur so kleine Aufbegehren, ein bisschen mitreden zu können und die nicht vorhandene Freiheit um ein kleines Stückchen zu erweitern wurde im Keim erstickt. Z.b. hatten wir keinen Fernseher zu Hause, was dazu führte, dass ich nicht mal über Fernsehserien reden konnte – was wiederum die totale Isolation und Aussenseiterposition verstärkte. Als ich den Wunsche äußerte, einen eignen Fernseher haben zu können, bekam ich zur Antwort, dass meine theokratische Einstellung zu wünschen übrig lässt. Das war das Gespräch über einen simplen Wunsch. Ich fühlte mich wertlos und unfähig und sämtliche Anflüge von rebellischen Gedanken habe ich von da an verdrängt.

Da ich wusste, um so mehr ich mich dieser Sekte und ihren Lehren anpasste um so mehr würde man mich als vollwertig betrachten, war das von diesem Zeitpunkt an mein Ziel. Ich verleugnete jede noch so menschliche Regung, jedes Bedürfnis nach Persönlichkeitsentfaltung und ordnete mich unter - nicht aus Glauben an Gott o.ä. sondern mangels Alternative. Obwohl ich damals nicht das Gefühl hatte, im nachhinein wurde damals mein eigener Wille sowie mein Gefühl für mich selber gebrochen. Ich war nichts anderes als eine willige Marionette, ich fing an mich für Liebe, Anerkennung und Geborgenheit zu prostituieren. Es gab für mich keinen anderen Weg. Ich ging von der 10. Klasse ab, lernte einen kaufmännischen Beruf, wie meine Eltern es wollten. Als ich 17 Jahre als war, eröffneten mir meine Eltern, das mein Großvater (ebenfalls Z.J. in führender Position) mich zum Zwecke der Kinderpornographie mißbraucht hat. Ich habe bis heute keine Erinnerung an die Zeit (8-12 Jahre) also konnte ich nichts dazu sagen, bis heute nicht. Interessant ist nur, dass alles von Seiten der Z.J. heruntergespielt wurde und meine Eltern damals unter Druck gesetzt wurden, keinerlei Anzeige zu erstatten. Und das obwohl die Kripo, die auf den Fall aufgrund von bei Wegert zur Entwicklung abgegebener Negative aufmerksam wurde, meine Eltern beschworen hat, meinen Großvater anzuzeigen. Dies nur zur Umgehensweise mit dem Thema sexuellem Mißbrauch.

Mit 17 Jahren verliebte ich mich in meinen späteren Mann, den ich 5 Tage nach meinem 18. Geburtstag heiratete. Trotz der starken Begierde hatten wir selbstverständlich keinen Sex vor der Ehe – aus Angst vor dem Rechtskomitee und meine Eltern zu enttäuschen. Mit 18 Jahren führte ich das Leben eines Mitfünfzigers. Nach einigen Jahren komplizierter Ehe, die aber durchaus auch viele schöne Momente hatte, fühlte ich mich als die Ausgeburt eines Zombies. Ich hatte jegliche eignen Vorstellung, Wünsche und Ziele verloren (hatte ich sie jemals?), lebte nur für das Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl dazuzugehören, hinterfragte nichts und niemanden und habe nicht gemerkt, dass ich innerlich schon tot war. Selbst das permanente Gefühl der Beengung und etwas zu versäumen habe ich phasenweise erfolgreich verdrängt, .Für mich zählte, was andere denken, das es ja so aussieht, als wären wir die Vorzeigezeugen, denn ohne das keine Liebe, keine Anerkennung, kein Gemeinschaftsgefühl.

Nach 4 Jahren Ehe, ich war damals 22 Jahre alt, fing mein Exmann, der nicht bei den Z.J. aufgewachsen war, an, die Lehren der Z.J. zu hinterfragen, er beschäftigte sich mit sogenannter Abtrünnigenliteratur, sehr zu meinem Ärgernis, ich hatte Angst um meine ach so heile Welt. Schließlich landete er bei dem Buch „Gewissenskonflikt“ von Raymond Franz und beschloss nach einiger Zeit des Nachdenkens und Hinterfragens, die Versammlungen der Z.J. nicht mehr zu besuchen. Auf einmal sah ich für mich die Chance der Freiheit. Im diesem Zuge, natürlich nicht aus der selben Motivation wie er sondern „nur“ um meiner Freiheit willen, begann eine langwierige und schwierige Loslösung von den Z.J. Meine Eltern versuchten mich nach anfänglicher Totalablehnung zu verstehen und nach monatelangem Hin und Her haben sie sich schließlich 1.5 Jahre nach mir ebenfalls zu dem Schritt eines Ausstiegs entschlossen. Ich habe ausser meinen Eltern und meinem Bruder mein gesamtes soziales Umfeld (Verwandte, Freunde etc.) auf einen Schlag verloren. Hätte ich damals nicht meine bis heute beste Freundin kennengelernt, einen Weltmenschen, ich wäre vermutlich nicht mehr am Leben oder wieder bei den Z.J. Nach der Trennung von meinem Mann bin ich völlig freigedreht und hab versucht zu vergessen und nachzuholen, in allen Bereichen. Bis vor 1,5 Jahren ist mir dieses Vergessen gelungen, betäubt durch die neuen Eindrücke, die ungewohnte und süsse Freiheit. Vor 1,5 Jahre fing meine Psyche sich an zu melden und seitdem bin ich mehr oder weniger hilflos einem Strudel von schlechtem Gewissen, Wertlosigkeit, Depressionen und vollständiger innerer Zerrissenheit ausgeliefert. Seit meinem Ausstieg hatte ich zwei richtige Beziehungen, die eine ist zerbrochen an meinem exzessiven Leben, die andere, die ich im Moment habe, leidet extrem unter meiner nicht vorhandenen Identität, den Depressionen, dem Gefühl, noch mehr erleben zu müssen und eine nicht dagewesene Jugend nachzuholen sowie der zeitweise absoluten Bodenlosigkeit. Ich habe seit dem Ausstieg 2 Therapien angefangen, ohne großartiges Ergebnis. Ich habe einen wunderschönen Freundeskreis, der mich immer wieder auffängt, aber nichts und niemand kann die Isolation, Einsamkeit und fehlende Identität und das Gefühl des Ausgestoßenseins beseitigen, damit bin ich allein. Es vergeht mittlerweile keine Nacht, in der ich nicht von den Z.J. träume, immer mit dem Gefühl, verachtet, ignoriert und verurteilt zu werden. Ich wurde als Kind nie geschlagen, hatte ein solides Elternhaus, wo auch Liebe nicht fehlte (wenn auch zu hohen Bedingungen) aber ich bin mir heute darüber im klaren, wieviele Verletzungen und Wunden ich aus dieser das Individuum verachteten Erziehung davon getragen habe, die die Z.J. und damit auch meine Eltern gelebt haben. Die über 30 Jahre andauernde Ehe meiner Eltern hat den Ausstieg auch nicht überlebt, sie haben sich Anfang letzten Jahres getrennt – womit mir ein weiterer Aspekt an Geborgenheit fehlt. Der mehr oder weniger gemeinsame Ausstieg hatte uns extrem zusammen geschweisst.

Es ist das erste Mal nach über 4 Jahren, wo ich den Mut finde, darüber zu schreiben und es hilft sehr zu wissen, dass es andere gibt, die genau das Gleiche durchmachen. Ich habe den starken Glauben, es zu schaffen und mich irgendwann bedingungslos akzeptieren und lieben zu können und mit der immerwährende Zerrissenheit leben zu können. Nach meinem Ausstieg gab es auch Momente des absoluten Glücks, der Freiheit und der Liebe – für diese Momente und für die die da noch kommen werden, hat es sich gelohnt und lohnt es sich, diesen steinigen Weg des Ausstiegs zu gehen.