Mein Leben bei den Zeugen Jehovas

Es begann im Jahre 1991. Ein Zeuge Jehovas stand an der Türe und brachte mir das Paradiesbuch. Ich war begeistert, weil ich schon immer mal Gott und die Bibel kennen lernen wollte, da ich atheistisch aufgewachsen war. Ich hatte schon so viel Leid erlebt und ich fragte mich, wo Gott wohl ist und ob er an mir interessiert ist.

Mein Sohn war gerade mal ein Jahr alt ... Ich trennte mich von meinem Mann und begann die Bibel zu studieren. Jede Woche kamen zwei Schwestern zu mir und ich war begeistert von der Bibel. Ich war erst 22 Jahre alt und hatte keinerlei Erfahrung oder Vergleichsmöglichkeiten. Und bis dahin hat sich niemand um mich gekümmert oder bemüht, darum dachte ich, das MUSS die Wahrheit sein...

Diese lieben Menschen, die alle so nett sind.

Nicht einmal ein Jahr später liess ich mich taufen. Ich hatte Panik, dass Harmagedon kommen könnte, bevor ich getauft wäre, und ich dann vernichtet werden würde. Denn man sagte mir das ausschliesslich getaufte Zeugen Jehovas Harmagedon überleben würden. Ich betete zu Gott doch bitte mit Harmagedon zu warten, bis ich getauft sei. Ich tat alles was meine Studienleiterin von mir verlangte, sie war für mich wie eine Mutter, so eine die ich nie hatte, eine die an mir interessiert war, wie es schien.

Ich machte alles, was sie von mir verlangten. Ich wurde ständig erzogen, alle redeten mir ein, was ich zu tun und was ich zu lassen hätte. Ich fragte ständig, ob das so richtig sei. Ich war ihnen hörig, unfähig selber Entscheidungen zu treffen. Mein Gewissen war nicht meins, sondern das der anderen. Ich hätte sogar meinen Sohn damals sterben lassen, wenn es nötig gewesen wäre wegen der Blutfrage. Mit der Zeit merkte ich allerdings, das die Brüder sehr gut im Ratschläge geben waren, aber wenn es um Hilfe ging, war keiner da.

Als mein Sohn 5 Jahre alt war lernte ich einen Bruder kennen. Endlich hatte Jehova mir jemanden gegeben, mit dem ich die Verantwortung teilen konnte, der für mich sorgte, ein Vater für meinen Sohn. Einen Bruder als Ehemann - mein Glück schien perfekt, ich war überglücklich. Nach der Hochzeit kam langsam der Alltag, ein Jahr später bekamen wir eine gemeinsame Tochter. Mein älterer Sohn und mein Mann mochten sich nie besonders. Ich überliess das Schlagen meines Sohnes auch meinem Mann, falls das nötig war. Ich schob gern die Verantwortung auf andere, weil ich psychisch ziemlich überfordert war. Mein Mann und ich lebten uns immer weiter auseinander, weil er so still war und kein Interesse an mir und an meinem älteren Sohn zu haben schien. Sex hatten wir höchstens 2 mal im Jahr, wobei ich ihn öfter dabei erwischte, wie er sich selber befriedigte. Ich merkte, dass irgendetwas nicht stimmte mit ihm, wusste aber nicht was es war. Immer öfter liess er seinem Frust an meinem Sohn aus, schlug ihn. Und ich begann ihn deswegen zu hassen. Alles was er ihm antat, tat er auch mir an. Dann nach 6 Jahren Ehe landete ich in der Psychiatrie, ich war am Ende, sah keinen Ausweg aus dieser lieblosen Ehe, denn als Zeuge darf man sich nicht scheiden lassen, es sei denn, der Partner geht fremd. Drei Wochen war ich in der Psychiatrie und mein Mann redete kein Wort darüber. Er fragte nicht warum und wieso, es schien ihm egal zu sein. Ja, in der Versammlung konnte er grossartige Reden schwingen, aber zu Hause kriegte er seinen Mund nicht auf.

Dann entdeckte ich durch Zufall das mein Mann homosexuell zu sein schien. All die Jahre bin mich also hintergangen worden. Betrogen und belogen. Ich war diejenige, die zum Psychiater gegangen ist, weil irgend etwas in unserer Ehe nicht stimmte... Und mein Mann hat geschwiegen und weiter heimlich nackte Männer angeschaut und sich dabei befriedigt... Und ich wusste nichts davon. Jetzt war mir auch einiges klar... Mein vorheriger Ex-Mann hat mich hintergangen, geschlagen, vergewaltigt... Meine ganze Kindheit war ein Alptraum, dann lernte ich Jehova kennen und dachte alles wird besser... Und was ist jetzt?

Ich fing langsam an, an der Liebe Jehovas zu zweifeln. Ja ich habe damals geglaubt, die Ältesten würden sich von nun an um uns kümmern, uns helfen. Ich war völlig fertig. Meinen Mann warf ich aus dem Haus, nachdem er dreimal sagte, er würde es nicht mehr tun, und ich ihn wieder dabei erwischte. Er zog aus und ich war da... hilflos, unfähig mein Leben selber in die Hand zu nehmen, weil ich mich ja jahrelang von ihm abhängig gemacht hatte. Ich hatte keine Arbeit. Ich hatte zwei Kinder, die ich nun alleine aufziehen musste. Ich rief die Ältesten und sie kamen. Ich sagte ihnen, ich fühle mich völlig im Stich gelassen, weil keiner zu mir kam und keiner mir half. Ich war psychisch am Ende. Der Älteste sagte zu mir: “Du kannst froh sein, dass wir überhaupt kommen an einem Sonntag morgen, in der Welt würde das keiner machen. Wir haben schliesslich noch anderes zu tun...“ Ich schluckte nur leer und sie gingen dann...

Ich weinte zwei Wochen lang und betete. Sie redeten auch mit meinem damals 13–jährigen Sohn. Sie sagten ihm, sein Stiefvater hätte etwas böses getan, und er dürfe mit keinem darüber reden wegen der Schmach die damit auf Jehova falle. Und weil die Reinheit der Versammlung gewährt werden müsse!! Sie verurteilten mein Kind zum Schweigen, anstatt ihm zu helfen damit klarzukommen!!! Dieser Älteste der diese Bemerkung fallen liess, hat in den folgenden 3 Jahren nicht ein einziges mal gefragt wie es uns geht. Er hatte schliesslich anderes zu tun. Ich hatte das Gefühl ich sei eine Aussätzige. Weil mein Mann wohl Schmach über die Versammlung gebracht hat... Jedenfalls hat keiner je gefragt wie es mir geht, oder ob er etwas helfen könne... keiner der liebevollen Hirten!! Mein Glaube schwand langsam aber sicher dahin. Immer wurden Ansprachen gehalten über Nächstenliebe und ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte sie zur Rede gestellt. Aber ich frass alles in mich hinein. Musste meine zwei Kinder alleine erziehen. Von wegen die Form der Anbetung ist annehmbar, nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen (Jakobus 1:27)... das ich nicht lache... Ständig wird nur daher geredet... Ständig diese Klassenunterschiede. Die Oberen sind immer zusammen, die anderen können schauen wo sie bleiben...

Nach zwei Jahren nahm ich meinen Mut zusammen und sprach einen Ältesten an ich hätte Probleme, weil ich nun vor Gericht gehen müsse, wegen der Scheidung. Ich hoffte er würde mir helfen, aber stattdessen sagte er mir, ich solle auf keinen Fall vor Gericht erwähnen das ich eine Zeugin Jehovas sei und mein Mann (der inzwischen mit einem Mann zusammen lebt), weil das ein schlechtes Licht auf die Versammlung werfen würde... Das war also seine einzige Sorge: was die anderen von den Zeugen denken könnten... ich und meine Probleme, das war egal... Hauptsache die Reinheit der Versammlung wird bewahrt. Ich schluckte alles noch mal runter und ging weiter brav in die Versammlung. Das war der Zeitpunkt, wo mein Sohn mir sagte, er habe genug von der Heuchelei und wolle nicht mehr in die Versammlung kommen... Ich sagte ihm er soll doch bitte die „Wahrheit“ nicht aufgeben. Aber ich klang wohl ziemlich unglaubwürdig, weil ich selber nicht mehr daran glaubte. Plötzlich kamen Brüder, die sich vorher einen Dreck um ihn geschert haben, und wollten ihn zurück holen. Eine Schwester sagte ihm, er sei von Dämonen besessen, und ein Bruder sagte ihm, er sei ein Kotzbrocken, nachdem er sich weigerte weiter mit ihnen zu reden,... ja welche ermunternden Worte von liebevollen Brüdern... da hatte ich genug. Ich bin nie wieder hingegangen. Am Anfang war das total hart.

Aber seit ich jetzt nicht mehr hingehe fühle ich mich frei. Und jedem Problem gewachsen. Mir ging es noch nie so gut, obwohl ich auch heute viele Probleme habe. Aber die Vorstellung ewig leben zu müssen, und nur noch Zeugen Jehovas sind auf der Erde, wäre mir ein Grauen, dann sterbe ich lieber. Ich habe inzwischen mich intensiv mit den Lehren der Z.J auseinandergesetzt, und erkannt das sie falsch sind. Das war eine lange und schwere Zeit aber heute fühle ich mich befreit von der falschen Religion. Wer weiss, wenn ich immer noch glauben würde das es die Wahrheit sei, wäre ich sicher zurückgekehrt und hätte mich mit dem Gedanken getröstet, das dies eben Prüfungen Satans seien, die alle erdulden müssen. Wer weiss, wie lange es gedauert hätte, bis ich wieder in der Psychiatrie gelandet wäre. Natürlich gibt es viele nette Zeugen, ich sehe sie alle als arme Opfer der WTG.