Mein Lebensbericht

Zuerst möchte ich mich einfach mal vorstellen. Ich bin heute 38 Jahre alt, seit 15 Jahren verheiratet und habe drei Kinder im Alter von 11, 13 und 14. Seit 17 Jahren bin ich eine Ex-Zeugin Jehovas.

Ich stamme aus einer großen Familie. Wir waren zuhause anfangs fünf Mädchen und ein Junge. An die Zeit, da meine älteste Schwester noch zuhause war, kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube sogar, dass sie schon "weg" war, als ich zur Welt kam. Meine älteste Schwester war ein sehr hübsches Kind. Braune Locken und fast schwarze Augen. Ich habe noch Bilder von ihr aus dieser Zeit. Mein Onkel, mütterlicherseits, schwärmte sehr für das Kind. Da er selbst mit seiner Frau keine Kinder haben konnte, nahmen sie sich des Mädchens an.

War meine Mutter schon damals mit "nur" drei Kindern überfordert mit ihrer Rolle als Erzieherin? Ich weiß es nicht. Man sprach auch nie viel über die näheren Umstände der damaligen Adoption. Mein Vater sagte mir vor wenigen Jahren, dass sie halt damals (1962) sehr arm waren. Man konnte sich das Kind also nicht leisten.

Mich persönlich befriedigte diese Antwort noch nie! Da ich heute selbst Mutter bin, kann ich mir noch viel wengier vorstellen, dass man ein dreijähriges Kind einfach weggibt, weil man zu "arm" ist.

Meinen Recherchen nach wurde meine Schwester 1965 von meinem Onkel adoptiert. In dem selben Jahr gebar meine Mutter ihr drittes Kind...

DAS konnte ich zeit meines Lebens noch viel weniger verstehen, als den Umstand, dass meine Schwester gehen musste. Nach der Adoption von A. gebar meine Mutter von 1965 an noch vier weitere Mädchen. Die vorletzte war ich. Hatte meine Eltern im Lotto gewonnen? Meines Wissens nach nicht! Aber es reichte dann wohl plötzlich doch für fünf Kinder.

Die ersten Jahre meines Lebens waren noch nicht so sehr durch die Zeugen Jehovas geprägt. Die Erinnerungen daran sind recht getrübt.

Wir lebten damals in einer abseits gelegenen Siedlung einer Stadt im Westerwald. Heute weiß ich, dass es eine ziemlich verruchte Wohngegend war. Die Häuser bargen allesamt Sozialwohnungen. Entsprechend schlecht war der Ruf dieser Gegend. Damals interessierte mich das jedoch herzlich wenig. Ich hatte alles, was ein Kinderherz begehrt. Platz! Jede Menge Platz zum Spielen und Toben.

Allerdings nicht in der Wohnung. Die war wohl eher klein. Vergangenes Jahr habe ich mir dieses Haus nochmal angeschaut. Ich weiß nicht, wie wir dort drinnen mit sieben Personen Platz finden konnten. Damals jedoch war der Freiraum draußen für mich sehr viel wichtiger. Meine Erinnerungen aus dieser Zeit habe ich darum auch fast ausschließlich an Begebenheiten, die sich außerhalb unserer Wohnungen abspielten.

Ich habe mich schon damals sehr von meiner Familie und besonders von meinen Eltern distanziert. Noch keine acht Jahre alt ließ ich nicht mehr die geringste Zärtlichkeit von seiten meiner Eltern zu. Ich habe mich schon damals weder von meiner Mutter noch von meinem Vater gern anfassen lassen. Meine Eltern haben mich darum ausgelacht und verspottet. Ich wuchs mit dem Gedanken auf, nicht "normal" zu sein. Ich hielt mich für gefühlskalt und beziehungsunfähig. Vergangenes Jahr habe ich schließlich erfahren, dass eine meiner Schwestern als Jugendliche von meinem Vater sexuell missbraucht wurde. Habe ich damals schon gespürt, welcher Gefahr ich mich in der Nähe meines Vater aussetzen musste? Heute beginne ich zu ahnen, dass mein damaliges Verhalten eine Schutzreaktion gewesen sein könnte.

Als Kind jedoch machte ich mir nichts von alledem bewusst. Ich "reagierte" und versuchte erst im Lauf der Zeit eine Erklärung dafür zu finden. Damals jedoch konnte die Schuld nur bei mir liegen. Welches Kind sucht schon "Schuld" bei seinen Eltern?

Erst die Pubertät weckte in mir so etwas wie Widerstandsgeist. Der wurde mir jedoch gründlichst gebrochen. Meine Eltern brauchten dazu Gewalt, die Zeugen Jehovas, das vierte Gebot und die Furcht vor Harmagedon...

Aber dazu später mehr.

Wir besuchten bereits, als ich noch recht klein war, die Zusammenkünfte. Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, als ich das erste Mal einen Königreichssaal von innen sah. Mit drei Jahren wurde ich noch evangelisch getauft (in einer Abwasch mit meinen drei Schwestern) und wenige Zeit später muss mein Vater auf die ZJ gestossen sein. Jedenfalls habe ich keinerlei Erinnerungen an eine Zeit ohne die ZJ.

Ich habe in meinen Erinnerungen so einen Fixpunkt. Als ich acht Jahre alt war, ließ mein Vater sich davon überzeugen (von den ZJ?), dass unsere Siedlung kein geeigneter Wohnort für vier heranwachsende Mädchen sei. Wir zogen in ein Mehrfamilienhaus. Alt, nach Moder und Schimmel riechend, konnte ich mich mit dieser Stadtwohnung nie anfreunden.

Für mich gibt es in meinen Erinnerungen immer nur ein "vor dem Umzug" und ein "nach dem Umzug". Es gibt kaum Fotographien aus dieser Zeit "vor dem Umzug". Darum kann ich immer nur vage schätzen, wie alt ich gewesen sein muss.

Vor dem Umzug mussten wir immer recht lange Autofahren, ehe wir den Königreichssaal erreichten. Es war für mich immer eine Qual, mit meinen vier Schwestern in den schwarzen Käfer meines Vater hineingequetscht zu werden. Gab es Streit zwischen den Geschwistern, langte meine Mutter einfach mal nach hinten und setzte zum "Rundumschlag" an. Ganz nach dem Motto "treffe ich dich heute schuldlos, so hast du`s dann für "Vergehen", von denen ich nichts weiß".

Vergangenes Jahr im Sommer hatte ich einen furchtbaren Anfall von Platzangst in einem Gefährt eines Freizeitparkes. Man musste mich vorzeitig wieder befreien. Es war richtige Todesangst, die mich dort überfiel. Wenn ich versuche, mir meine damaligen Gefühle als Kind wieder zu vergegenwärtigen, so kommt es fast auf`s selbe raus. Völlige Hilfslosigkeit, den Schlägen und Ungerechtigkeiten ausgeliefert. Unberechenbar und nicht zu verhindern. Auch damals war ich gefesselt. Eingequetscht in diesem Auto! Gefesselt durch meine Abhängigkeit von den Eltern!

Wir waren alle noch recht klein; Geburtsjahrgänge 1965, 1966, 1967 und 1968.

Das Besuchen der Zusammenkünfte war für mich jedesmal eine gewaltige Anstrengung. Vier-, fünf-, sechsjährig sah ich mich gezwungen, zwei Stunden hellwach dem Programm zu folgen. Es gab keine "Ablenkung" in Form von Malbüchern oder häufigeren Pausen. Einzig der Toilettengang barg eine gewisse Abwechslung, wenn er nicht zum Zwecke der Züchtigung gebraucht wurde.

Ich habe von vielen "Leidensgenossen" erfahren, dass diese Toiletten oft zur "intimen" Züchtigung des aufsässigen Nachwuchses genutzt worden waren. Wo auch sonst hätte man sich den Blicken etwaiger Zuschauer besser entziehen können?

Auch hierbei muss ich wieder an meine plötzlich aufgetretene Platzangst denken. Der Toilettenraum, den wir benutzen mussten, war sehr klein. Toilette, Waschbecken plus eine Person, mehr fand darin kaum Platz.

Ich kann mich nicht erinnern, in dieser Toilette jemals wirklich "gezüchtigt" worden zu sein. Ich kann mich allerdings daran erinnern, dass meine Mutter häufig drohte, mit mir hinaus zu gehen, sollte ich nicht "brav" sein.

Ich weiß, dass ich immer sehr gekämpft habe, nicht einzuschlafen. Dieser Kampf ums Wachbleiben erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich habe aus Angst vor den Reaktionen meiner Eltern gekämpft, nicht aber um einem "liebevollen" Gott zu gefallen.

Erinnern kann ich mich allerdings daran, dass meine Schwestern häufig verheult mit der Mutter vom "Toilettengang" zurückkehrten. Reichte das Wissen um eventuelle Züchtigungen bereits, mich den Kampf um Aufmerksamkeit gewinnen zu lassen?

Allerdings weiß ich, dass meine Eltern schon sehr früh sehr stolz darauf waren, vier "brave" Mädchen zu haben...

Während meiner Kinderjahre wurde ich mehr und mehr in die Position eines Außenseiters geschubst. Nach unserem Umzug, ich war im zweiten Schuljahr, hatte ich in der neuen Schulklasse von Anfang an nur wenig Chancen, diese Position wieder zu verlassen.

Ich kann mich erinnern, dass ich bereits im ersten Schuljahr große Angst um meine Lehrerin hatte. Frau F. war mir über alle Maßen sympathisch. Ich vergötterte sie geradezu. Und dennoch konnte ich meine Schüchternheit nicht überwinden, um mit ihr über die "Wahrheit" zu sprechen. Ich wusste doch, sie würde in Harmagedon sterben, wenn ich sie nicht dazu bewegen könnte, eine Zeugin Jehovas zu werden. Das setzte mir damals so sehr zu, dass ich mir wünschte, sie möge doch sterben, bevor Harmagedon käme. Die Lehren der Zeugen Jehovas besagen, dass nach Harmagedon alle Menschen wieder auferstehen werden (nur nicht solche, die "gegen den heiligen Geist gesündigt hatten" wie zum Beispiel Adam oder Hitler). Meine Lehrerin, so wusste ich, war ein lieber Mensch. Sie würde ganz gewiss auferstehen. Sollte sie jedoch "unbekehrt" den Tag des Gerichts erleben, hätte sie keine Chance auf ein Überleben. Solche und ähnliche Gedanken belasteten mein junges Leben, wann immer ich "Weltmenschen" begegnete, die mir sympathisch waren.

Im Alter von neun Jahren versuchte ich noch, den Anschluss an mein Umfeld, sprich Klassenkameraden, nicht ganz zu verlieren. Ich hatte damals eine "weltliche" Freundin, die bei uns in der Nachbarschaft wohnte. Eine Zeit lang ging ich mit A. jeden Morgen zur Schule. Einmal lud sie mich sogar zu einem Kindergeburtstag ein. Mein Vater hatte die seltsame Aufassung, dass ich ein solches Fest ruhig besuchen könnte, wenn ich vorher "meinen Standpunkt erklärt hätte" und dem Geburtstagskind schließlich keine Gratulation zukommen lassen würde.

Zur allgemeinen Belustigung kam ein Kind auf die Idee, nach Draußen zu gehen, und "Klingelmännchen" zu spielen. Für die anderen war es nur ein Spaß. Ich jedoch verließ die Gruppe augenblicklich. Wieder einmal hatte ich eine Bestätigung dafür, dass die "Weltmenschen" tatsächlich "böse" waren.

Das war mein erstes und einzigstes Geburtstagsfest zu ZJ-Zeiten. Nicht nur die Notwendigkeit meinen "Standpunkt" erklären zu müssen, hielt mich davon ab, jemals wieder eine solche Einladung anzunehmen. Ich begann den "bösen" Einfluss der "Weltmenschen" zu fürchten. Lange Zeit, selbst noch Jahre nach meinem Ausstieg, sollte diese Furcht Teil meiner Persönlichkeit bleiben.

Mit zunehmendem Alter nahm unsere Religionszugehörigkeit einen immer dominanteren Platz in meinem Leben ein. Mein Vater hatte ganz allmählich sämtliche Kontakte zu Familienangehörigen einschlafen lassen.

So kam es, dass ich auch meine älteste Schwester nicht mehr zu sehen bekam. Bis etwa zu meinem neunten, zehnten Lebensjahr besuchte uns der Onkel von Zeit zu Zeit. Er brachte immer unser große "Cousine" mit. Dieses Märchen hatte man uns damals aufgetischt, da A. nicht so früh von ihrer Adoption erfahren sollte. Irgendwer verquatschte sich schließlich, so dass A. etwa mit vierzehn erfuhr, wer ihre richtigen Eltern waren. Der Kontakt wurde radikal eingestellt. Von den Hintergründen dieses Kontaktbruches erfuhr ich damals natürlich noch nichts. Mit dem Gebot sich von "schlechter Gesellschaft" fernzuhalten, war einem etwaigen Erklärungszwang von seiten meiner Eltern genüge getan. Mittlerweile hatte ich die Angst vor "schlechter Gesellschaft" schon weitestgehend verinnerlicht.

Ich begann auch in der Schule die seltenen Kontaktangebote von seiten meiner Klassenkameraden von ihrer Bereitwilligkeit, ZJ zu werden, abhängig zu machen. Es versteht sich von selbst, dass es nicht lange brauchte, bis ich solcherlei Kontaktangebote nicht mehr zugetragen bekam.

Ich war schließlich nur noch die Spielverderberin. Ob in den Pausen auf dem Schulhof, im Sportunterricht, beim Werken. Sobald es im Unterricht etwas lockerer zuging, bekam ich zu spüren, dass ich einfach nicht dazugehörte. Schließlich ging ich auch meinen Weg zur Schule und nach Hause wieder allein...

Mit Beginn der Pubertät bekam ich ganz massive Probleme mit meiner Mutter. Vieles, was uns von den Eltern "angetan" wurde, wollte ich nicht mehr nur einfach hinnehmen. In den Zusammenkünften wurde man regelmäßig darauf hingewiesen, wie die "Rangordnung" nach dem Willen Gottes ausgerichtet war. Ich befand mich irgenwo ziemlich weit unten. Das mein Vater über mir stand, dass konnte ich ja noch hinnehmen. Ich machte mir damals ein ziemlich "bereinigtes" Bild von ihm. Trotz seiner Unberechenbarkeit und seinen jähzornigen Attacken, die er oft an uns Kindern abließ, lehnte ich in erster Linie meine Mutter ab. Sie "über" mir zu haben konnte ich kaum ertragen. Phasenweise hasste ich sie regelrecht. Was mir jedoch, besonders nach jeder Zusammenkunft, immer wieder ein enorm schlechtes Gewissen einbrachte. Allen "Belehrungen" zum Trotz legte ich mich häufig mit ihr an. Was mir das einbrachte? In erster Linie wohl einige Prügelexesse extra.

Mit zunehmender Körpergröße jedoch beherrschte ich schließlich den "Trick", mich ganz steif zu machen. Ich machte den Buckel krumm, nahm die Embryohaltung ein und ließ sie einfach draufhauen. Ob mit der Hand, der Faust oder einer Haselnussrute, irgendwann schaffte ich es tatsächlich, durchzuhalten und vor allem nicht zu weinen.

Es war immer eine ganz furchtbare Situation, wenn eine meiner Schwestern Prügel bezog. Sie schrieen, heulten und flehten um Gnade. "Bitte nicht, bitte nicht..."

Oftmals musste ich mir die Ohren zuhalten. Ich konnte es einfach nicht ertragen! Mein Hass auf diese Frau wuchs ins Unermessliche, während ich mir die Schreie meiner Schwestern anhören musste.

Selbst heute, ich bin jetzt 38, weckt das Schreiben über diese Vorfälle ganz furchtbare Gefühle in mir.

Schließlich ging ich in meiner Verzweiflung dazu über, meine schreienden Schwestern ebenfalls anzuschreien.

"Warum schreist du nur so. Das will die doch bloß". Manchmal hielt ich es einfach auch gar nicht aus und ging dazwischen. Dafür durfte ich mich dann des Abends noch von meinem Vater "zurechtweisen" lassen...

Schließlich hatte ich ja "vergessen", meine Mutter zu "ehren"!

Wo blieb ich nun mit meinem Bedürfnis nach Wärme, Nähe und Harmonie?

Wo sollte ich nach Menschen suchen, die mir vielleicht ein klein wenig entgegengekommen wären?

Ich konnte sie nur bei den ZJ suchen. Alles andere hätte meinen sicheren Tod in Harmagedon bedeutet. Davon war ich mit ca. 12 Jahren restlos überzeugt. Wie aber war es mir möglich, in der Gemeinschaft der "christlichen Brüder und Schwestern" einen einigermaßen sicheren Platz zu erhalten?

Richtig! Es folgte das ganze Programm. Theokratische Predigdienstschule (ich war als erste eingetragen, obwohl ich noch zwei ältere Schwestern hatte...), Predigdienst (allerdings anfangs immer in der Hoffnung keinen Klassenkameraden zu treffen...) und schließlich die Taufe.

Als Jugendliche gab es für mich kein größeres Ziel, als in den "Vollzeitdienst" zu gehen.

Wöchentlich drei Mal besuchten wir die Zusammenkünfte der ZJ. Einmal waren es eine Stunde, die anderen beiden Male jeweils 2 Stunden. Unterweisung, lebenswichtige Belehrungen, die uns der "heilige Geist" über Gottes "Kanal", dem "treuen und verständigen Sklaven" durch die biblischen Schriften der Wachtturmgesellschaft zukommen ließ. Was im Wachtturm geschrieben stand, hatte für uns absolute Priorität! Und immer hieß es "Die Zeit drängt!", "Tue was du kannst!" "Bist du eifrig?", oder "Stellte sich bei dir der Geist der Welt ein?".

Immer und immer wieder das eigene Handeln hinterfragen, mit den Schriften der WTG vergleichen, eventuell Verbesserungen vornehmen. Irgendwie war unser Leben zu dieser Zeit wie ein Marathonlauf ohne Ziel. Man rennt und rennt, holt das Beste aus sich heraus. Aber es reichte einfach nie! Ich war damals in der selben Situation, in der sich die Windhunde beim Rennen befinden. Den Hasen immer direkt vor der Nase strengt der Hund sich an im instinktiven Glauben, wenn er nur schnell genug läuft, wird er die Beute schon fangen. Meine "Beute" war mein Leben, welches ich auf keinen Fall verlieren wollte. Auch ich hetzte diesem ewigen Leben im Paradies hinterher, das Ziel stets dicht vor Augen (Millionen jetzt Lebender werden nicht mehr sterben...). Die felsenfeste Überzeugung, dass es gar nicht mehr lange dauern kann, ließ mich nicht mehr zur Ruhe kommen.

So sehr ich mich auch bemühte, eine gute Zeugin zu werden, die Zustände zu Hause änderten sich nicht wesentlich. Ich begann mich noch mehr von der Familie zurückzuziehen, konzentrierte mich mehr und mehr auf die Mitglieder unserer Heimatversammlung. Meine Geschwister folgten mir auf diesem Weg nicht.

Eine meiner Schwestern begann sogar, sie war etwa 13, mit Jungs auszugehen! Das war für mich etwas Unvorstellbares. Als sie ihre Pflichtschulzeit beendet hatte, nahm sie eine Stelle als Hausmädchen bei einem älteren Ehepaar an. Sie wohnte dort auch. Sie schien von der "Wahrheit" nichts mehr wissen zu wollen. Ich konnte damals nicht verstehen, warum sie sich so von "Jehova" abwandte und damit ihr (ewiges) Leben riskierte.

Heute weiß ich, dass sie im Grunde nur vor unserem Vater geflohen war. Sie hatte sich unserer Mutter anvertraut. Diese hatte ihr nicht geglaubt! Was wussten die Brüder und Schwestern aus unserer Versammlung damals? Ich weiß es bis heute nicht.

Ich, in meinem Wahn, sah in meinem Vater nur den "rechtschaffenen" Dienstamtsgehilfen! Das muss man sich einfach mal vorstellen:

Ich selbst quälte mich jahrelang mit einem schlechten Gewissen und der Angst vor Aufdeckung herum, weil ich, so ca. im Alter von 11-12 Jahren, mal ein bisschen mit einem Jungen rumgemacht habe. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was genau damals zwischen uns gelaufen ist. Über harmlose "Entdeckungsspielchen" ging es aber ganz sicher nicht hinaus. Es dauerte auch gar nicht lange, bis mich mein "gut geschultes Gewissen" wieder im Griff hatte. Ich glaube, es war nur eine einmalige "Entgleisung" meinerseits.

Mein Vater jedoch, der einzigste Mensch in meinem Umfeld auf den ich ein klein wenig stolz war, den ich als "theokratisches Vorbild" betrachtete und vor dem ich mich wegen meiner "Unmoral" so bitter schämte, hatte seine Tochter missbraucht!

Kurz nach dem Auszug meiner Schwester, eine weitere war auch schon in einem nahegelegenen Haushalt als "Mädchen für alles" untergebracht, zogen wir ein zweites Mal um. Nun war ich mit meiner jüngsten Schwester allein.

Heute, wo ich davon ausgehen muss, dass einige wenige Brüder und/oder Schwestern unserer Versammlung gewusst haben mussten, was mein Vater getan hatte, kann ich einfach nicht verstehen, dass man uns, wir waren 13 und 14 Jahre alt, so einfach mit ihm fortziehen ließ.

Was hätte mir noch alles passieren können? Was ist meiner jüngsten Schwester so alles passiert, von dem ich nichts weiß?

Aber über so etwas wird ja nicht geredet. Selbst meine Schwester, die definitiv den mehrmaligen Missbrauch über sich ergehen lassen musste, hüllt sich lieber in Schweigen, als sich mit dieser Situation noch einmal auseinanderzusetzen. 2003 hatte sie einen Schlaganfall, bei dem sie fast gestorben wäre. Sie hat sich mit dem Alkohol gegen ihre Vergangenheit verbündet. Das hätte sie fast das Leben gekostet. Ich bin mir nicht sicher, ob die Folgen ihrer Alkoholsucht jemals wieder völlig verschwinden. Sie ist erst 39 Jahre alt, aber körperlich wie psychisch so kaputt, dass es ihr kaum möglich ist, ein normales Leben zu führen.

Wer hat das zu verantworten? Hätte man ihr nicht helfen können?

Statt alles einfach nur totzuschweigen, hätte man ihr doch helfen müssen!

DAS werfe ich den Zeugen Jehovas vor. Es hat NICHT gereicht, meinen Vater zwei Jahre später einfach nur auszuschließen. Meiner Schwester war damit nicht geholfen! Ihr wie mir wäre viel Leid erspart geblieben, hätte man sich damals richtig um uns gekümmert.

Als wir von B. wegzogen, litt ich ganz furchtbar. Wieder war ich gezwungen ganz von vorn anzufangen. Wieder war ich Außenseiter Nr. 1. Wieder und wieder musste ich "meinen Standpunkt" erklären, wofür ich jedoch meist nur Hohn und Spott erntete. Ich arrangierte mich jedoch damit, begann es als "Prüfung" meines Glaubens zu sehen.

Mein Vater war in seinem neuen Job weniger erfolgreich als geplant. Das ging so weit, dass er bereits nach wenigen Monaten wieder arbeitslos war. Das war für mich und meine Schwester eine schlimme Zeit.

Die Situation war furchtbar gespannt, mein Vater ständig außerordentlich gereizt. Zu dieser Zeit bekam ich von ihm meine letzte Prügel. Ich weiß nicht mehr, was ich "verbrochen" hatte. Er meinte jedoch, dass er meiner ohne körperlicher Züchtigung nicht Herr würde. Doch ich hatte ja inzwischen gelernt, wie ich den Schmerz körperlich ertragen konnte. Ich krümmte den Rücken, nahm die Haltung eines Embryos ein und ließ ihn draufschlagen. Womit ich nicht rechnete: Er geriet gar fürchterlich in Rage, weil ich nicht weinen wollte... Das Ergebnis war, dass er von mir abließ und mein ganzes Zimmer in Trümmer legte. Kleiderschrank, Bett und Bettzeug, Bücher und zum Schluß der Orgie auch meine geliebten Blumen fielen ihm zum Opfer. Damit hatte er erreicht, was er wollte. Ich weinte...

Warum meldet sich noch heute ein schlechtes Gewissen, wenn ich das aufschreibe?

Habe ich nicht ein Recht darauf, darüber zu trauern und zu weinen, dass so mit mir umgegangen worden ist?

Muss ich meinen Vater schonen? Muss ich noch immer daran glauben, dass alles ja nur "zu meinem Besten" war?

Nein, ich muss nicht!

Ob mit oder ohne schlechtes Gewissen: Was damals mit mir geschah war nicht rechtens! Und ich hatte KEINE Schuld daran! Und die Zeugen Jehovas hätten merken können, was mir als Kind und Jugendliche fehlte. Würden sie nur die Menschlichkeit über den "Eifer für den Herrn" stellen, wäre die Nächstenliebe nicht nur Fassade. Wir brauchen nicht in erster Linie "Verkündiger", "Älteste", "Dienstamtsgehilfen", "Pioniere" etc...

Wir brauchen in erster Linie MENSCHEN auf unserem Planeten.

Menschen, die ihre natürliche Liebenswürdigkeit entfallten dürfen.

Menschen, die sich nicht bedingungslos in das starre Korsett einer Religionsgemeinschaft einfügen.

Liebe und Menschlichkeit muss man einem Kind nicht mühsam beibringen.

"... Wie steht es also mit der Weisheit der älteren Menschen, die in ihrer Kindheit lernen mussten, dass Anstand nur auf Kosten der echten Gefühle zu erkaufen sei, die darauf stolz waren, es geschafft zu haben? Da sie nicht fühlen durften, wurden sie unfähig, lebenswichtige Fakten wahrzunehmen und aus ihnen zu lernen. Was können uns diese Menschen heute vermitteln? Sie versuchen der jungen Generation die gleichen Prinzipien weiterzugeben, die ihnen ihre Eltern einst vermittelt hatten, in dem festen Glauben, dass es sich dabei um etwas Gutes und Brauchbares handelt. Aber es sind die gleichen Prinzipien, die in ihnen das Fühlen und Wahrnehmen abgetötet haben. Was nützen denn Anweisungen und Predigten zur Moral, wenn einem die Fähigkeit des Fühlens und Mitfühlens abhanden gekommen ist? Sie erreichen höchstens, dass die absurdesten Haltungen möglich sind, ohne aufzufallen, weil sie von vielen geteilt werden..."

(Gelesen in dem Buch mit dem Titel "Abbruch der Schweigemauer" von Alice Miller)

Ich hätte auch ohne die "Rute der Zucht" ein "guter" Mensch werden können. Vor allem anderen aber hätte ich ohne dieselbe und ohne ein permanent schlechtes Gewissen ein ECHTER Mensch werden können.

Seit 17 Jahren versuche ich nun die Folgen dieser religiös, dogmatischen Bewusstseinskontrolle in den Griff zu bekommen. Ich kann noch nicht absehen, wann ich es geschafft haben werde. Die Wunden, die man in meine Kinderseele gekratzt hat, sind sehr tief. Sie vernarben nur sehr langsam und noch länger wird es dauern, bis man die Narben nicht mehr sieht.