Von 100 auf null in drei Jahren: Wie ich wieder gesund wurde

Ich wurde Ende der Sechziger Jahre geboren, in eine Familie von Zeugen Jehovas. Ich habe noch einen Bruder und ich habe einige Verwandte, die auch Zeugen Jehovas sind. Eine meiner Tanten war sogar aufgrund ihres Glaubens im KZ gewesen.

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch ein Kind war, beide blieben aber bei den Zeugen Jehovas. Ich wuchs bei meiner Mama auf. Ich fand Unterstützung bei den ZJ. Von klein auf wurde mit mir studiert. Ich konnte bei Brüdern jeden Freitag und jeden Sonntag vor der Zusammenkunft sein und mich dort aufhalten. Abends ging ich mit ihnen in die Zusammenkunft und wurde von ihnen nach Hause gebracht. Es war ein bisschen Familienersatz für mich nach der Scheidung meiner Eltern. So wurde mit mir studiert, dann zogen die besagten Brüder weg, bei denen ich immer war und meine Lehrer wechselten (ich glaube es waren insgesamt zehn oder so). Mit manchen machte es Spaß, manche hatten einfach keinen Draht zu mir und ich nicht zu ihnen.

Mit 14 wurde ich selbst aktiv. Ich glaubte plötzlich, ein Leben im Paradies sei zum Greifen nahe. Meine ganze Lebenseinstellung wurde plötzlich durch die Wahrheit erneuert. Ich lebte für die Wahrheit und einige Zeit später ließ ich mich taufen.

Nur wenige Monate später wurde meiner Mutter wegen fadenscheiniger Gründe die Gemeinschaft entzogen. Eine Welt brach für mich zusammen, ich war zutiefst schockiert, traumatisiert. Ich konnte es nicht verstehen und akzeptieren. Da ich mich in die Kompetenz der Ältesten einmischte, wurde mir auch mit Ausschluss gedroht, weil ich an den bösen Werken meiner Mutter teilhaben würde. Meine Angst, sämtliche Kontakte zu verlieren, siegte, und ich hielt die Klappe.

Wie ging es weiter?

Mein gottgefälliger Eifer ließ natürlich aufgrund der eindrucksvollen theokratischen Machtdemonstration nach. Bis er dann ungefähr ein Jahr später wieder durch meinen Vater entfacht wurde. Ich verließ das Gymnasium in der 11. Klasse und machte brav meine Berufsausbildung. Danach ging ich in den Pionierdienst. Ich wurde DAG und wurde schließlich zur Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung eingeladen. Danach „durfte“ ich als Sonderpionier dienen, was ich aber nach kurzer Zeit aufgab. Spätestens hier zog ich die „Reißleine“. Die totale Einengung der individuellen Freiräume war überall bei den Sonderpionieren und Bethelmitarbeitern spürbar. Die finanziellen Beschränkungen waren mir bekannt, hinzu kam das interne Machtgefüge, das ich als bedrückend empfunden habe. Jetzt folgte mein Ausstieg auf Raten. 1996 habe ich schlussendlich nahezu alle Kontakte abgebrochen. Jahre später wurde mir dann formell die Gemeinschaft entzogen, weil ich mit meiner Frau damals unverheiratet zusammenlebte. Der Gemeinschaftsentzug war nach so vielen Jahren Abstinenz eher lächerlich, aber mein eigener Bruder musste dem, was die Gesellschaft von ihm verlangte, folgen.

Zwischen Ausstieg und Gemeinschaftentzug lagen viele Jahre harter Arbeit. Ich machte eine Therapie und lernte mich zum ersten Mal richtig kennen.

Der Umgang mit der Wut ist für mich bis heute nicht leicht. Zorn war bei mir zuhause biblisch begründet verboten (Römer 12:29 und Epheser 4:31) und so habe ich niemals die reinigende Wirkung von herausgelassener Wut kennen gelernt. Angst nahm ich nicht wahr. Erst im Lauf der Therapie entdeckte ich, was für ein „Hasenfuß“ ich war und wie sich die Angst auf mein Leben ausgewirkt hatte. Besonders die Existenzangst war ein paar Jahre mein täglicher Begleiter.

Sport hat mir sehr geholfen, Aktivität, Lebensfreude und Mut zurück zugewinnen. Sport ist wohl in unserer westlichen Gesellschaft der einzig akzeptierte Weg, seine Wut auszudrücken. Bei den Zeugen blieb mir selbst dieser Weg in der Realität versagt. Besonders die Sportarten, die Aggressionen Ausdruck verleihen, sind geächtet (Kampf- und Extremsport).

Ich nahm den Faden wieder auf, den ich in meiner Jugend (das hört sich so unglaublich alt an) fallen ließ und begann mit Mountainbiken, Snowboarden u.a. Mein Körper bekam wieder Ecken und ich fühlte mich einfach nur wohl. Es war wunderbar. Es fiel eine Last von mir ab, ich lernte Freiheit. Ich lernte mich unabhängig von anderen frei und glücklich zu fühlen.

Obwohl in der Therapie die Zeit bei den Zeugen vom Gesprächsinhalt her so gut wie keine Rolle gespielt hat, spielte sie für mein Leben eine extrem wichtige Rolle. Die Erfahrungen von Hilflosigkeit, Machtmissbrauch, Verlogenheit und bewusster Irreführung haben mich sehr geprägt.

Ich hatte es mir z.B. zur Angewohnheit gemacht, hinter jedem Gespräch eine andere Absicht (in meinen Augen die wahre Absicht) meines Gesprächspartners zu entdecken. Jeder kann sich vorstellen, wie stressig das werden kann. Ich musste erst mal lernen, das Gesagte als solches anzunehmen.

Machtspielchen von anderen führten mich an den Rand des Selbstmordes. Heute weiß ich, dass ich dem auch etwas entgegen setzen kann und ich kann auch Niederlagen einstecken ohne an mir selbst zu zweifeln.

Gegenüber Lügen hatte ich null Toleranz. Menschen die logen, verachtete ich aus dem Innern meines Herzens. Ich mag sie bis heute nicht. Allerdings bin ich da auch etwas ehrlicher geworden. Anderen etwas vorzuspielen, liegt in der Natur des Menschen. Heute bin ich sogar der Meinung, dass Lügen in bestimmten Fällen angenehm für beide Seiten sein können. Es ist immer davon abhängig, wie der Empfänger mit der Wahrheit umgehen kann. Viele Menschen wollen lieber angelogen werden, als die Wahrheit zu hören. Und der Lügner hat eben meist kein Mittel, die Wahrheit erfolgreich zu verkaufen. Jeder kennt das von der Werbung, der Politik und einigen Sekten.

Gefühle als Entscheidungsgrundlage anzunehmen war ebenfalls wichtig. Ich begreife mich Heute nicht mehr als dreigeteilten Menschen (Verstand=Sinn, Gefühle=Herz und Körper=Seele), sondern als Einheit. Das hat mich meinem Frieden wesentlich näher gebracht. Obwohl ich bei den Zeugen immer den Zustand des Mit-sich-im-Reinen-sein angestrebt habe, bin ich davon immer mehr weggekommen und immer kränker geworden.

Negative Einstellungen zu mir und zu anderen, zu hohe Erwartungen an mich und an andere, Perfektionismus uvm. waren für mich und mein Umfeld nicht leicht zu ertragen.

Es fehlte an allen Ecken am Selbstbewusstsein. Es definierte sich nur über meine Stellung in der Versammlung und dem Gedankengut aus den Veröffentlichungen der WTG.

Zweifel an der Wahrheit hatte ich in bestimmten Dingen schon immer. Nur ging ich diesen konsequent aus dem Weg. Es war die Wahrheit und fertig. Aber die Zweifel an einigen Lehren blieben.

1914: Ich konnte die Verbindung zwischen Daniel 4 und Lukas 21 nie herstellen und ebenso wenig anderen erklären.

Beim Studium entdeckte ich, dass der Bibelkanon kein Fundament hat.

Blutfrage: Wie konnte man Drogen zur medizinischen Behandlung zulassen, aber Blut nicht, obwohl beides in der Bibel verboten wird?

Blutfrage: Ich konnte mir nie vorstellen, dass Gott Menschenopfer will. Er wollte nicht einmal mehr Tieropfer.

Auch wenn ich niemals die Antworten fand, eine Konsequenz zog ich nie aus den immer im Hintergrund vorhandenen Fragen. Ich war immer der Meinung irgendwann würde ich es verstehen.

Dann wurde ich zur Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung (Umgangssprachlich: Eunuchenschule) eingeladen und ich hoffte, hier die Antworten zu finden, die ich suchte. Aber leider war dort außer zehn Wochen Lernstress gar nichts. Es wurde die bekannte Literatur der WTG hoch und runter gelesen. Für Fragen blieb kaum Zeit, kontroverse Diskussionen waren Fehlanzeige. Wozu auch? Der Tagesablauf war von morgens bis abends auf Studium eingestellt. Montag bis Freitag ging das folgendermaßen ab: Um sieben wurde gefrühstückt, mit Tagestextbesprechung, dann um acht ging der Unterricht los, mit kurzer Pause bis um ca. 12.00 h, dann eine Stunde Mittag, dann um 13.00 h praktische Arbeit bis um 14.00 h, dann bis abends Unterricht und nach dem Abendessen Vorbereitung für den nächsten Tag. Bis 22.00 h, dann in das Bett. Am Samstagmorgen Unterricht, nachmittags in den Predigtdienst, am Abend auf WT-Studium vorbereitet, am nächsten Morgen in die Zusammenkunft. Nachmittags dann Freizeit und am Abend Vorbereitung auf den Unterricht. Und immer unter Beobachtung durch die Unterweiser und die lieben anderen Brüder. Aber es war trotzdem oder gerade deswegen eine schöne und lustige Zeit.

Aber Antworten fand ich leider keine. Aber es machte klick:

Es gab keine Antworten auf meine Fragen außer der einen: Nicht ich hatte ein Verständnisproblem, wie ich immer glaubte, sondern die WTG hatte ein Problem. Es gab kein biblisch belegbares 1914 als Ende der Zeiten der Nationen, die Bibel hatte nicht das göttliche Fundament, und die WTG hat zum Tod vieler Menschen beigetragen. Trotzdem fehlte mir wieder der Mut, eine Konsequenz zu ziehen. Stattdessen streikte mein Inneres. Der emotionale Niedergang begann, bis ich dann endlich 1996 ausstieg.

Heute geht es mir emotional gut. Ich bin bei den ZJ weg, und ich habe viele Jahre keinen Gedanken mehr an Gott gehabt.

Ich habe mich Anfang des Jahres bei Infolink angemeldet. Warum ich das getan habe, kann ich erst jetzt richtig verstehen. Die ganze Zeit hat Gott in meinem Leben so gut wie keine Rolle gespielt. Auf einmal schien das Thema wieder interessant. Ich suchte nach Spiritualität. Es war wie bei einem Pendel, das immer von einer Seite auf die andere schlägt. Es war extrem ausgeschlagen bei den ZJ, dann extrem in die andere Richtung geschlagen (Agnostiker) und kam jetzt wieder zurück.

Ernüchtert stellte ich allerdings fest, dass die Parolen von den Zeugen in allen möglichen Religionen und Weltanschauungen vorkommen und ich immer mein Problem mit Gruppen von religiösen Menschen haben werde. Deshalb habe ich die religiöse Seite wieder beiseite gelegt.

Es gibt immer noch ein paar Punkte im Bereich Religion, die ich für mich klären werde, aber ansonsten gehe ich lieber Fahrrad fahren. Das hilft mir mehr.

Meine Erfahrungen möchte ich gerne einigen Menschen zur Verfügung stellen. Ich habe allerdings lange gezögert, hier ein wenig von meinem Leben zu schreiben, da ich mit meiner Familie nicht abrechnen und auch nicht abbrechen möchte. Sie sind ein Teil meines Lebens und ich respektiere ihre Entscheidung, bei den Zeugen zu bleiben. Eines kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Ich finde es schade, dass wir uns nie über die Fragen offen ausgetauscht haben, wie es in einer guten Familie der Fall sein sollte. Wir dürfen es eben nicht.

Das nimmt zeitweise sehr lustige Formen des Gespräches an, aber außer mir kann glaube ich keiner darüber lachen. Es ist ein ewiges „Rumeiern“ um die geistigen Dinge, über die nicht gesprochen werden darf. So habe ich meinen Bruder dieses Jahr gefragt, was er denn mittlerweile im Bethel für eine Tätigkeit ausübe. Statt einer Antwort kam die Gegenfrage, was ich denn wissen wolle. Das ist dann die neue Dialektik der ZJ (Zeugenlektik).

Es wird Zeit für ein wenig Engagement. Es ist nicht mein Ziel, die Zeugen zu bekämpfen, sondern denen zu helfen, die raus möchten und es sich nicht trauen, aus welchen Gründen auch immer. Es gibt Zeugen Jehovas, die sich in der Gemeinschaft sehr wohl fühlen und für die es genau das Richtige ist. Aber es gibt viele von den „in die Wahrheit geborenen“, die eine Hilfe annehmen würden, wenn sie eine hätten. Sie sind oft am Ende ihrer Kräfte und brauchen jemand, der ihnen den Weg nach draußen zeigt bzw. sie draußen in Empfang nimmt.