Sandra - besser spät als nie

Nun schreibe ich sie doch, meine Lebensgeschichte.

Alles fing an als ich 16 Jahre war, oder ging es da vorerst zu Ende?

Mit 16 lernte ich eine gleich alte Zeugin Jehovas in der Schule kennen. Wir saßen zusammen und verstanden uns auch gut. Oft gab sie mir Zeitschriften und ähnliches. Aber gelesen habe ich nie etwas. Dann brachte sie mir 1988 das Offenbarungsbuch mit. Frisch vom Kongress und als ich eine Woche krank im Bett lag, las ich es dann.

Sofort wurde mir klar, das muss die Wahrheit sein. Diese Erklärungen waren für mich einleuchtend. Sofort fragte ich unseren evangelischen Pfarrer darüber aus, aber der hatte keine Ahnung von irgendetwas, speiste mich mit fadenscheinigen Gründen ab. Neugierig geworden fragte ich nach. Meine Schulkameradin gab mir Zeugnis und nach ein paar Wochen fuhr ich mit einer alten Freundin von früher zu dem Königreichssaal. Wir hörten uns die Versammlung am Freitag (Theokratische Predigtdienstschule und Dienstzusammenkunft) an, hatten aber keinen blassen Dunst von was dort geredet wurde. Irgendjemand hielt mir dauernd eine Bibel vor die Nase, aber ich war völlig überfordert, was da geredet wurde. Hinterher sprach man uns freundlich an und begrüßte uns sehr herzlich.

Völlig angetan von der angenehmen Aufnahme und das Interesse, das uns entgegengebracht wurde, willigte ich in ein Heimbibelstudium ein. Natürlich wusste ich nicht, was das ist und war neugierig. Eine junge Schwester, nur ein paar Jahre älter als ich, studierte mit mir. Da ich noch zu Hause wohnte, fragten meine Eltern natürlich, wer dies sei. Einige Zeit konnte ich verschweigen, dass das eine Zeugin Jehovas sei, aber nach einem Monat bekamen sie doch alles heraus.

Es gab einen furchtbaren Krach, da meine Eltern evangelisch sind und sonst auch sehr streng waren. Natürlich verboten sie, dass diese Schwester zu mir käme. Also bin ich mit dem Auto meiner Mutter zu ihr ins Nachbardorf zum Studieren gefahren. In die Zusammenkünfte holte mich ein Bruder aus dem Bethel ab. Je mehr Druck meine Eltern machten, mit dem Studieren aufzuhören, desto mehr klammerte ich mich an die Zeugen. Sie gaben mir Hilfestellungen, luden mich zum Essen ein, und gaben mir das Gefühl zu Ihnen zu gehören.

Mit meinen Eltern brach ich schließlich den Kontakt ab und zog in die nächst größere Stadt, in ein eigenes möbliertes Zimmer, das ich mir mit meiner Ausbildungsvergütung gerade so leisten konnte. Mir mangelte es an nichts. Die Glaubensbrüder kümmerten sich auch hier um mich und meine Klassenkameradin wurde meine beste Freundin. Wir verstanden uns super und ihre Eltern waren dann auch meine.

Ich studierte, zog plötzlich Röcke an und ging in den Predigtdienst so ganz selbstverständich. Meine früheren Freunde und meine Familie zogen sich zurück und ich freute mich, etwas „Besseres“ zu sein. Nur sechs Monate nach dem Anfang des ersten Kennenlernens in der Versammlung lies ich mich taufen. Nach meiner Ausbildung ging ich mit meiner besten Freundin in den Pionierdienst. Alles ging so schnell, zum Nachdenken war keine Zeit, ständig waren wir eingeladen, im Dienst und Arbeiten gingen wir ja auch, wenn auch Teilzeit. Alles in allem gesehen war es eine schöne, unbeschwerte Zeit.

Pionierdienstschule, Vorrechte, Schulungen… wir dachten wirklich, wir sind etwas „Besseres“ als die anderen. Dann heiratete meine beste Freundin nach nur sechs Wochen Kennenlernen ihren Mann, einen Bruder aus dem Bethel. Ich zog wieder in meine alte Versammlung zurück, wo ich das erste Mal war. Meine Eltern hatten sich etwas beruhigt und so wohnte ich wieder zu Hause. Zu Hause war ich aber selten, das Geschwätz des kleinen Dorfes und die schiefen Blicke, die auch meine Eltern zu spüren bekamen, bekräftigten meinen Entschluss noch zu den „Auserwählten“ zu gehören.

Viele Brüder bemühten sich um mich, aber nach einem gescheiterten Kennenlernen (der Mann ist das Haupt und bestimmt), hatte ich mich entschlossen lieber ledig zu bleiben. Denn das Unterordnen fiel mir sehr schwer, da ich immer schon meinen eigenen Willen besaß.

In Glaubenfragen stimmte ich nicht ganz der offiziellen Lehre zu. Das Geschlecht aus Matthäus hieß damals noch Generation und machte mir Probleme und noch einige andere Dinge, aber da man immer in Zeitdruck war, konnte ich nie darüber nachdenken. Nach fünf Jahren Pionierdienst lernte ich einen jungen Mann (einen "Interessierten") kennen, der neu in der Wahrheit war. Wir unternahmen viel zusammen und waren uns auch sympathisch. Den anderen war das ein Dorn im Auge. Ich wurde vor die Ältesten zitiert und kurz nach seiner Taufe verlobten wir uns auf Grund des Drucks der Ältesten. Kurz darauf heirateten wir, da wir nie zusammen etwas unternehmen konnten. Einige versuchten, uns auseinander zu bringen mit Intrigen und falschen Geschwätz, aber wir hörten nicht auf sie.

Unsere Ehe ist bis heute in Ordnung. Mein Mann wurde nach einem Jahr depressiv und musste seine Arbeit aufgeben, das verstanden die meisten schon nicht. Aber wir entschädigten sie dafür, dass er den Hilfspionierdient aufnahm. Aber dann wurde ich schwanger. Meine erste Tochter kündigte sich an. Ich musste sofort mit dem Pionierdienst aufhören, sonst hätte ich das Baby verloren.

Endlich mal etwas Ruhe. Alleine konnte mein Mann den Dienst nicht durchführen und so hörte er auch auf. Nach der Geburt blieb ich ein Jahr zu Hause und ging dann wieder arbeiten. Mein Mann nahm sich den Erziehungsurlaub, dann folgten meine zweite Tochter und schließlich noch unser Sohn.

Mit dem Erziehungsstil der Zeugen konnte ich mich nicht anfreunden. Auf die Toilette gehen und die Kinder züchtigen (schlagen), nur weil sie nicht zwei Stunden ruhig sitzen konnten. Nein, da wehrte ich mich dagegen. Mein Mann und ich hatten harte Auseinandersetzungen deshalb. Aber als ich nicht locker ließ, gab er nach. Nach der Geburt meines Sohnes im Jahr 2000 wurden wir in ein Buchstudium verlegt, das Dienstags abends stattfand. Da Mittwochs abends auch Versammlung war, rebellierte ich dagegen, da meine große Tochter mit fünf Jahren in den Kindergarten ging und ich zwei Tage hintereinander zu viel fand. Der Buchstudiumleiter interessierte sich aber nicht im Geringsten für mein Problem, so dass ich einfach nicht mehr hinging. Das ging ein Jahr lang so. Die Probleme fingen an:

Meine große Tochter hatte Probleme sich im Kindergarten und Schule zu integrieren, da wir sie zu spät in den Kindergarten geschickt hatten (mein Mann wollte es nicht). Die Kinder waren oft krank, so dass ich endlich etwas Zeit hatte zum Nachdenken. Mein Mann erledigte nur einen geringen Teil der Hausarbeit, so dass ich, wenn ich um zwei Uhr nach Hause kam, den ganzen Tag zu tun hatte. Harte Auseinandersetzungen mit ihm folgten, er weigerte sich, eine Arbeit zu suchen. Mit meinem Gehalt kamen wir gerade so über die Runden, viel blieb nie übrig. Da er keinen anderen Halt hatte, fing er an täglich mit den Kindern eine Stunde zu studieren, und vier Mal wöchentlich bis spät Nachts in die Kneipe zu gehen. In den Dienst ging er selten, da die meisten ihn mieden, als Kneipengänger und Bartträger war es den meisten nicht theokratisch genug. Also musste ich herhalten. Mit allen Kindern waren wir unterwegs, den Dienst organisieren, auf die Kinder aufpassen und an den Türen sprechen. Das musste alles ich. Nach einiger Zeit bekamen meine Töchter nachts Alpträume, nächtelang saß ich an ihren Betten und musste morgens um fünf Uhr wieder raus zum Arbeiten. Als ich rausbekam, dass sie vor Harmagedon Angst hatten und vor den Menschen in der Schule und überhaupt fast allem, zog ich die Notbremse. Durch das studieren (je eine Stunde am Tag) hatten meine Kinder den Bezug zur Realität verloren und ich glaube mein Mann auch.

Schwere Wochen und Monate brauchte ich um mit meinem Mann dazu zu bringen mit dem vielen Studieren aufzuhören. Er schlug zu - ich drohte mit der Polizei und ging zum Scheidungsanwalt, der einen Brief schrieb, den er nie las, da er Angst hatte. Ich sagte ihm, ich wolle die Scheidung, da er die Kinder und mich geschlagen hatte und er solle sofort ausziehen. Natürlich ging er nicht, da er überhaupt nicht mehr lebensfähig war. Nur studieren konnte er noch. Ich begann die Kinder im Sportverein anzumelden. Danach in die Musikschule, Schwimmen lernen und später weiter trainieren, Reiten lernen und erlaubte ihnen Freundinnen und Freunde mitzubringen. Da mein Mann verboten hatte, dass die Mädchen mit anderen Weltmenschen spielen durften, begann ich langsam die Kinder auf die Straße zu schicken so das sie lernten mit anderen zu spielen und erste Freundschaften zu knüpfen. Meine älteste Tochter war zu diesem Zeitpunkt 7 Jahre alt und die Jüngste fünf. Höchste Zeit also. Die Mädchen entwickelten sich mit Hilfe der Lehrer, mit denen ich Kontakt hatte, super. Heute merkt man ihnen nicht mehr an, wie ängstlich und kontaktscheu sie einmal waren.

Ich fing an in ein neues Buchstudium zu gehen, Dienstags mittags extra für uns eingerichtet. Aber bald merkte ich, dass ist nicht mehr meine Welt. Ich hatte Freundschaften in der „Welt“ gefunden, endlich Menschen die mich so nahmen wie ich war als Zeuge oder auch Nichtzeuge. Kein Leistungsdruck mehr, keine Annerkennung nur bei besonderen Leistungen, kein Nörgeln, kein böses Geschwätz über andere.

Ich engagierte mich in unserem neu gegründeten Kindergarten und ging in den Vorstand. Auch hier Menschen, die einander einfach akzeptierten und tolerierten. All das fand ich bei den Zeugen nie.

Ich fing an mich im Internet schlau zu machen, über verschiedene Lehren, überprüfte zum ersten Mal sei zwölf Jahren, an was ich überhaupt glaubte. Die einseitige Ernährung der Wachtturmgesellschaft, machte mich lange Zeit unfähig selbst Entscheidungen zu treffen und selbstständig zu denken. Doch ich war endlich wieder ich selbst. Ich las Fachbücher, die mich interessierten und fing an mit meinen Kindern das erste Mal zum Fasching zu gehen. Die Kinder gehen inzwischen zu Geburtagsparties und Festen, alleine ins Schwimmbad und sind sehr selbständig. Das Studieren habe ich nach langem Kampf mit meinem Mann auf eine Stunde (an drei Tagen auf je ca 20 Minuten) beschränkt. Sonntags darf er die Kinder mit in die Versammlung nehmen, sehr zum Leidwesen unserer Kinder. Da gibt es nur Gejammere, Geschimpfte und oft haben die Kinder angeblich Bauchweh und vieles andere.

Unsere Ehe hat bis jetzt standgehalten. Mein Mann hat davon profitiert, er engagiert sich im Kindergarten, hilft Nachbarn bei der Gartenarbeit, renoviert unser Ferienhaus. In die Versammlung geht er nach wie vor, trotz Anfeindungen einiger Brüder. Er ist hart im Nehmen geworden. Geht weiterhin in Kneipen, unternimmt viel mit "Weltmenschen" und macht viele Dinge die ein Zeuge eigentlich nicht tun darf. Er surft im Internet bei gewissen Seiten und ist längst nicht mehr so verbissen. Unser Privatleben ist endlich harmonisch, da wir niemand mehr in unsere zwischenmenschliche Beziehungen Einblicke gewähren. Ab und zu haben wir zwar noch Auseinandersetzungen, aber mein Mann akzeptiert mich endlich nicht als untergebene Frau, sondern als vollwertigen Partner.

Ich blicke mit Zuversicht in die Zukunft. Es lief wohl ein Rechtsverfahren gegen mich, da ich meine Meinung auch öffentlich vertrete und ich bin jetzt "ausgeschlossen". Zur Verhandlung (wegen Abtrünnigkeit) bin ich nicht erschienen und habe auch keinen Kontakt mehr gewünscht. Bei Telefonanrufen von Ältesten lege ich einfach schweigend auf. Das hat gewirkt. Ich hatte einen Brief mit der Bitte um Löschung meiner Daten und meinen Austritt geschrieben, aber auf die Bitte meines Mannes es nicht zu tun, hatte ich den Brief bis jetzt noch nicht abgeschickt. Das hat sich ja dann erledigt.

Mein Mann hatte einige Zurechtweisungen erhalten wegen Pornografie und weltlicher Gesinnung, aber damit hat es sich.

Ich bin sicher, dass auch er es schaffen wird, sich von der alles bestimmenden Wachtturmorganisation auf Dauer zu lösen.

Alles braucht seine Zeit.

Meine Kinder sind jetzt fast elf, acht und fünf Jahre alt und ich bin froh sie nicht in ein engmaschiges Netz einzusperren, sondern ihnen die Freiheit zu geben selbst Erfahrungen zu machen und Entscheidungen zu treffen.