Luisa - getauft und dann auf den Predigtdienstbericht reduziert

Wir schreiben den Neujahrstag 2006. In den letzten Wochen habe ich viel über mein bisheriges Leben nachdenken müssen. Und zu diesem Leben gehören auch ca. 6 Jahre bei den ZJ.

Ich bin in der Oberlausitz (in Sachsen) aufgewachsen. Mein Vater war überzeugter Kommunist und erzog meinen jüngeren Bruder und mich auch mit dessen Grundsätzen, demzufolge natürlich auch als Atheisten. Meine Mutter starb, als ich gerade 7 Jahre alt war. Die nachfolgenden Jahre waren nicht einfach, aber trotzdem irgendwie eben MEINE Kindheit. Ich hatte meinen Sport und vor allem hatte ich meine Bücher. Mein Weg schien (wie bei so vielen, die in der DDR aufwuchsen) vorgezeichnet zu sein: Nach dem Abitur das Lehramtsstudium, eine Anstellung als Lehrerin, eine kleine Wohnung, Mann, Kinder … doch es sollte alles ganz anders kommen …

Im Frühjahr 1989 lernte ich meinen Mann kennen, wenige Monate danach stand bereits fest, dass wir zusammen leben möchten, außerdem war ich bereits schwanger. Es folgte der geschichtsträchtige Oktober mit den Montags-Demonstrationen und dem bekannten Ausgang - den Fall der DDR im Jahr danach. Im März 1990 kam meine Tochter zur Welt, ich brach das Studium ab (die Pädagogische Hochschule in Dresden wurde auch bald danach „abgewickelt“), mein Mann, unser Baby und ich zogen in mein „Kinderzimmer“. Er ging arbeiten, ich war mit der Kleinen zu hause … und fing zum ersten Mal an, intensiver über mein Leben nachzudenken.

Ich habe oft die Menschen bewundert, die so offensichtlich aus ihrem Glauben Kraft zogen, ja ich beneidete Christen oft, da sie etwas zu haben schienen, für das sich das Abstrampeln lohne, was dem allen Sinn und Gelassenheit zu geben schien. Ich war damals auf wirklicher Lebenssinnsuche. Mein Mann und ich fingen an, die Bibel zu lesen. Vielleicht war ja etwas dran? Zu dem Zeitpunkt verschlangen wir auch all die auf den Markt geschwämmten Bücher a la Dänicken. Natürlich hatten wir mehr Fragen, je tiefer wir in die Materie einzudringen versuchten … und hätten sicherlich ziemlich frustriert irgendwann aufgegeben, wenn … ja wenn mein Mann nicht eines Tages einen ZJ angesprochen hätte. Ja … ganz richtig! Das ist der ungewöhnliche Teil dieser Geschichte: Wir hatten von ZJs noch nie etwas gehört. Mein Mann trug zu diesem Zeitpunkt (Ende 1990) die Post in unserer Gemeinde aus und beobachtete dabei eines Tages ZJ im Predigtdienst. Er sprach sie an (was für ein Erlebnis muss das für diese Zeugen damals gewesen sein!), stellte ihnen Fragen. Zu Hause berichtete er mir davon und versuchte mir das zu erklären, was er von den ZJ aufgeschnappt hatte.

Es kam natürlich wie es kommen musste: Wir wurden zu einem Bibelstudium eingeladen und stürzten uns voller Eifer darauf. Ich erinnere mich noch, wie erwartungsvoll und ein wenig nervös ich zum ersten Mal in der Stube eines mir völlig unbekannten älteren Ehepaares saß und wir über die Bibel redeten. Wir bestürmten das ältere Zeugen-Paar mit Fragen, bombardierten sie mit Thesen, die von Zeitreisen bis Außerirdische über Nostradamus führten. Wie bereits erwähnt: wir waren beide Atheisten, die vor allem durch die politischen Ereignisse dieser Zeit ein wenig aus der Bahn geworfen waren und nun nach neuen Halt suchten. Wir studierten regelmäßig 1mal die Woche bei dem älteren Paar (denn bei uns in meinem kleinen Zimmer war für ein Bibelstudium definitiv kein Platz). Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, wann genau wir aufhörten, UNSERE Fragen zu stellen, sondern brav die vorgestellten Fragen des Buches (ich kann mich gar nicht mehr an seinen Namen erinnern) beantworteten.

Natürlich berichteten wir auch unseren Verwandten und Freunden von den Geschehnissen, und bekamen zum ersten Mal Warnungen zu hören. Die Familie und die Freunde sprachen von einer Sekte. Wir konnten das nicht richtig glauben, die netten, hilfsbereiten Leute, die uns die Bibel kostenlos erklärten, sollten gemeine, hinterhältige Leute sein, die eigentlich nur an unser (nicht mal vorhandenes) Vermögen wollten? Nicht vorstellbar. Aber um nichts falsch zu machen, luden wir auch den Vikar unserer Gemeinde (bei dem ich zuvor Gitarrenunterricht genommen hatte) ein, mit uns die Bibel zu studieren … parallel zu den ZJ. Es war ein Desaster! Wir studierten am Montag Nachmittag bei den Zeugen und konfrontierten am Dienstag darauf den Vikar mit dem „Zeugen-Stoff“. Er mühte sich kläglich, uns irgendwie die Dreieinigkeit näher zu bringen. Aber er verwirrte uns nur und war teilweise auch den Zeugen-Argumenten nicht gewachsen. Er berief sich dann auf den Glauben an sich – was uns nicht befriedigte, denn schließlich hatten doch die ZJ eine Antwort darauf. Als der evangelische Vikar das „Studium“ mit uns abbrach, meinte er nur zu uns, dass wir eigentlich unsere Wahl bereits getroffen hätten, es würde keinen Sinn mehr machen, uns von etwas anderem überzeugen zu wollen, die falschen Propheten hätte uns bereits in ihren Fängen. Für uns allerdings stand fest, dass die ZJ wohl offensichtlich besser in der Lage waren, die Bibel zu erklären. Wir studierten also weiter. Wir fingen an, die Zusammenkünfte zu besuchen, erlebten sogar (1991?) den internationalen Kongress in Prag (und ich war wirklich beeindruckt von den vielen Leuten, die alle genau das zu haben schienen, was ich doch schon so lange suchte … Glück aus einem Glauben heraus). Wir fingen an, in den Predigtdienst zu gehen (ja eigentlich hatten wir bereits vor unserer Taufe ein eigenes Heimbibelstudium, da mein Bruder ebenso an den Lehren interessiert war). Die Taufe nach unserer Hochzeit war dann nur ein weiterer Schritt und wieder einmal schien mein Leben nach fest vorgeschrieben Bahnen zu verlaufen. Versammlungen - Hausfrau – Mutter – Predigtdienst. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich in diesen Zeiten unzufrieden oder unglücklich war. Gut, dass Predigen fiel mir nicht einfach, predigte ich doch in einem Gebiet, wo mich viele von Kindheit an kannten.

Doch bald bemerkten wir Veränderungen im Umgang. Als ungetaufte Interessierte waren wir überall herzlich willkommen gewesen, ja ich würde sogar sagen, dass wir quasi DIE Aufmunterung waren, da unser Schritt in die „Wahrheit“ von uns aus ging. Ein Pionier benutzte unsere Geschichte sogar in seinen Vorträge als aufmunterndes Beispiel. Doch bald nach der Taufe schienen wir auf unseren Predigtdienstberichtszettel reduziert zu werden. Ständig sollten wir etwas an unserem Leben FÜR Jehova Gott verbessern! Warum war mein Mann immer noch nicht DAG? Warum war ich immer noch nicht wenigstens Hilfspionier?

Als die Frage anstand, wie unser „weltliches“ Leben weitergehen sollte, stießen wir auf die ersten lauten Vorwürfe von Seiten der Brüder. Wir beide (mein Mann und ich) hatten nach der Wende unser jeweiliges Studium abgebrochen. Ich bezog Sozialhilfe (ich hatte ja nie gearbeitet oder auch nur eine Ausbildung gemacht), mein Mann jobbte als Briefträger. Aber sollte das für immer so sein? Nein. Mein Mann begann eine Lehre zum Verwaltungsangestellten, montags bis sonnabends trugen wir beide früh Zeitungen aus. Jetzt wurde es schwieriger, in den Predigtdienst zu gehen. Oftmals waren wir einfach auch nur zu müde, um noch abends in die Versammlungen zu hetzen. Unser Fernbleiben zog dann unmittelbar bei der nächsten Zusammenkunft rügende Blicke nach sich.

Das sonntägliche Wachturmstudium wurde allmählich langweilig, die Fragen schienen immer gleich zu sein und die Antworten hatte man auch schon unzählige Male so oder in ähnlicher Form gegeben. Auch das Buchstudium war eine ewige Wiederholung.

Unsere Tochter war inzwischen 5 Jahre alt und wir beschlossen, sie zur Vorbereitung auf die Schule im letzten Jahr in den Kindergarten zu geben, damit sie mit Kindern Kontakt bekäme, die dann mit ihr zusammen in eine Schule gehen würden. Wieder wurde ich von den Ältesten dafür gerügt, schließlich war ich doch zu hause, M. müsse nicht den weltlichen Einflüssen eines Kindergartens ausgesetzt werden. Wir blieben aber stur und schickten sie in den Kindergarten. Sie fühlte sich da auch wohl, schloss Freundschaften (sie war schon immer ein kontaktfreudiges Mädchen). Natürlich fing sie nun auch an, mehr Fragen zu stellen, warum wir Weihnachten und Geburtstage nicht feiern. Selbstverständlich waren wir auf diese Fragen vorbereitet und antworten brav mit den empfohlen Bibeltextstellen und Erklärungen. Doch es ist eine Sache, sich selbst etwas zu verbieten, das man eigentlich immer als angenehm empfunden hatte, etwas ganz anderes ist es aber, dies seinem eigenen Kind versagen zu müssen. Überhaupt erzogen wir unsere Tochter eher Zeugen-unorthodox: Ich wollte nicht, dass sie mit Furcht vor einem weltlichen Ende aufwuchs. Wir feierten zwar keinen Geburtstag, aber einmal im Jahr feierten wir „Ihr“ Fest, wie wir es nannten. Sie bekam kleinere Geschenke und durfte ihre Freunde zu Kakao und Kuchen einladen. Auch das zog natürlich bald den Unmut des VÄ auf sich. Wir sollten doch unsere Erziehungsmethoden überdenken.

Inzwischen bekam ich seit 5 Jahren Sozialhilfe, hatte noch immer keine Ausbildung. 1995 bekam ich die Möglichkeit, an einer Maßnahme „Arbeit statt Sozialhilfe“ teilzunehmen – ich verdiente erstmals mein eigenes Geld und endlich ging es uns auch finanziell wirklich gut! Wir fingen an, zum ersten Mal über Urlaub nachzudenken! Aber … wie konnten wir auch nur laut daran denken, Urlaub zu machen! Viel besser könnte man doch seine Zeit im Predigtdienst verbringen, den wir doch schon so vernachlässigt hatten, seit wir beide (mein Mann und ich) arbeiteten. (Kurze Zeit später machte derselbe belehrende Bruder mit seiner Familie eine längere Reise).

1996 fing ich dann (wieder zum Unverständnis der Ältesten) selbst mit einer Lehre zur Bürokauffrau an. Ich stürzte mich mit Feuereifer auf die Ausbildung – und bekam selbstredend mehr Kontakt mit der verteufelten „Welt“. In den drei Jahren der Ausbildung entdeckte ich, dass es da mehr gab, als eine verplante Woche nur im Schatten des Wachturms. Und es mag seltsam klingen, aber unseren Absprung verdanken wir zu einem großen Teil STAR TREK *lächel*. Jene Serie wurde nämlich 1995/1996 (mal wieder) im Fernsehen ausgestrahlt … und sie interessierte uns weit mehr, als ein weiterer langweiliger Abend in der Theokratischen Predigtdienstschule. Und wir entdeckten unsere Fragen wieder! Wir zogen uns immer mehr von der Versammlung zurück. Natürlich hatte ich in dieser Zeit auch immer wieder ein schlechtes Gewissen! Was, wenn ich jetzt meine Familie und mich zum ewigen Tod verurteilte? Ich erinnere mich noch an den Schrecken, den mir ein plötzlich auftretendes heftiges Unwetter einflößte. Es hätte ja sein können, dass nun der lang gepredigte Untergang stattfinden könnte!

Natürlich versuchten die Ältesten uns wieder „zur Besinnung“ zu bringen und wach zu rütteln! Sie saßen in unserer kleinen Stube und rieten uns dringend, unsere Anstrengungen zu vermehren und uns nicht so sehr weltlichen Dingen zuzuwenden! (Wir hatten uns gerade von dem ersten selbstverdienten Geld eine Couch und einen PC gekauft und träumten davon, endlich die Welt zu sehen).

Auch nagte eine winzige Bemerkung bereits seit mehreren Jahren an mir. Vorgefallen war Folgendes:

Zu unseren ZJ-Freunden zählte auch bald ein Pionier-Ehepaar. Sie waren bewusst kinderlos, um ihre gesamte Zeit dem Predigtdienst widmen zu können. Ich bewunderte sie damals sehr. Obwohl wir nie darüber redeten, hatte ich doch mehr als einmal das Gefühl, dass Schw. K. diese Entscheidung, zu Gunsten des Predigtdienstes auf ein Kind zu verzichten, sehr sehr schwer fiel. Eines Tages dann im Buchstudium kam die Frage auf, wie eine Überbevölkerung nach den tausend Jahren im Paradies auf Erden verhindert werden solle, schließlich wäre dann ja der Tod besiegt. Aber wenn niemand mehr stirbt, wird die Erde bald aus allen Nähten platzen. Die Antwort des Buchstudiumleiters war getreu den Vorgaben des „treue und verständige Sklaven“, dass wir sein würden wie die Engel (also geschlechtslos?) und keine Kinder mehr geboren werden würden. Ich konnte mir nicht den Einwurf verkneifen, ob das denn gerecht wäre, wenn Menschen jetzt für Gottes Werk auf den Segen eines Kindes verzichten würden in der Hoffnung auf Kinder im Paradies (und ich dachte dabei an jene Pionier-Schwester). Als er wohl meinen entsetzten Blick richtig deutete, fügte er hinzu, dass JEHOVA GOTT schon dafür sorgen wird, dass alle glücklich sein werden. Außerdem müssten sich ja dann auch Menschen um die Kinder kümmern, deren Eltern in Harmageddon umkommen werden … ich hab wohl sehr geschluckt ob dieser Antwort. Aber eine Diskussion war nicht gewünscht!

Nach Beendigung meiner Lehre zogen wir 600 km entfernt in den Norden Deutschlands … und brachen damit alle Kontakte zu den ZJ endgültig ab. Ausgetreten oder ausgeschlossen sind/wurden wir nie offiziell. In ihren Augen sind wir wohl „geistig“ tot. Mein Bruder ist nach wie vor (durch mich) ein ZJ, wir haben seit Jahren keinen Kontakt mehr zu einander.

Ob ich an einen GOTT (welchen Namen er auch immer tragen mag) glaube? Ich weiß es nicht. Mir gefällt mittlerweile die Vorstellung der Unendlichen Möglichkeiten …

Manchmal klingeln ZJ an unserer Tür (ich nehme an, dass sie sehr wohl wissen, wer wir sind, denn sie versuchten es zunächst mit der Übermittlung eines Grußes von Zeugen aus unserer alten Versammlung). Wir wollen jedoch keinen Kontakt mehr (und das nicht nur, weil sie sicherlich erschrecken würden über uns erstaunt ich mag nämlich momentan ungeheuer gern PUNK-Musik!). Mir gefällt es auch, dass ich über vieles jetzt wieder frei lesen/mich informieren kann, mir selbst ein Bild zu bestimmten Themengebieten machen darf, ohne Angst zu haben, mich den Verführungen eines Satans auszusetzen. Ich mag Rockfestivals, Kino-Abende, gemütliches Fernsehen und Lesen und meine zwei Jobs … kurz: ich mag mein Leben, wie es jetzt ist, auch wenn ich keinen Glauben im herkömmlichen Sinne mein eigen nennen kann. Manchmal – das gebe ich zu – kommen mir Zweifel und Fragen dergestalt: was wenn sie doch Recht haben sollten? Aber diese Tage sind selten. Traurig bin ich über die verschenkten Jahre. Was hätten wir nicht alles viel früher anstellen können, innerhalb unserer kleinen Familie, wenn wir nicht so beharrlich versucht hätten, den Erwartungen von wem auch immer zu entsprechen?

Wenn ich jedoch die Berichte anderer Ex-Zeugen lese, bin ich ungeheuer dankbar, dass es mir einfach nur gut geht. Meine kleine Familie steht fest zusammen (wir werden dieses Jahr unseren 14. Hochzeitstag feiern), haben wieder Gefallen an Geburtstags- und Weihnachtsfeiern in dem Bewusstsein, dass es Gelegenheiten sind, mit Familie und Freunden eine gute Zeit zu verbringen! So gesehen, sind wir ziemlich glimpflich davongekommen. Und wer weiß … vielleicht kann ich auch irgendwann mit meinem Bruder wieder in Kontakt treten.