Hier ganz kurz meine Geschichte

Ich bin in "der Wahrheit" aufgewachsen, und war immer "brav", ein Vorbild für andere Kinder und Jugendliche, viel im Dienst unterwegs, die Freude meiner Eltern und Großeltern, in der Versammlung sehr beliebt. Habe mich mit 14 aus voller Überzeugung taufen lassen und nie etwas kritisch hinterfragt.

Na ja, manchmal doch, was wohl vor allem mit meinem Vater zusammenhängt, einem Ältesten, der zwar auf der einen Seite immer sehr linientreu war und sehr, sehr überzeugt, davon, dass wir "in der Wahrheit sind", aber auf der anderen Seite auch seinen eigenen Kopf hatte und viele Dinge kritisch hinterfragt hat, selbst nachgedacht hat, sich seine eigene Meinung gebildet hat und damit auch nicht hinter dem Berg hielt. So glaubt er z.B. nicht an eine Auferstehung, so wie es bei den ZJ gelehrt wird, sondern er denkt, dass könne nicht so auf der Erde stattfinden, das stehe nirgendwo in der Bibel, sondern es müsse sich irgendwie auf anderer Ebene abspielen oder aber gar nicht.

Na ja, wie dem auch sei, trotz all seinem kritischen Denken und den vielen Malen wo er mit anderen aus der Versammlung zusammengekracht war, waren wir doch irgendwie eine perfekte ZJ- Familie, zumindest nach außen hin. Wir waren nie extrem, aber trotzdem immer linientreu. Ich war in der Versammlung ziemlich engagiert, war viel auf der Bühne, da ich mich gerne produziere *gg* und auch brav im Dienst, oft im Hipi.

Mit 16 hatte ich dann meinen ersten Freund. Einen jungen Bruder aus der Versammlung. Wir waren nach außen hin vorbildlich, haben keine Versammlung, keinen Kongress ausgelassen, sind zusammen predigen gegangen... und haben es (hey wir waren jung und sehr verliebt) heimlich getan... wir waren uns ohnehin sicher zu heiraten und wussten doch von so vielen anderen die es auch gemacht haben... hatten zwar immer ein schlechtes Gewissen dabei, aber der Trieb hat doch immer gesiegt. Mit 18 hab ich dann mit meinem damaligen Freund Schluss gemacht, er hatte mir gesagt, dass er nicht mehr in die Versammlung kommen wolle, er hatte sich verändert, wie das halt so oft ist bei Teenagern, die sich ständig weiterentwickeln. Es ging also in die Brüche, das Traumpaar "unseres Kreises" gab es nicht mehr. Mein Freund hatte bald eine weltliche Freundin und wurde ausgeschlossen. Ich machte da weiter wo ich aufgehört hatte. Versammlung, Hipi, Freiwilligendienst auf den Kongressen (jaaaaaaa die "braven Schwestern" verteilen Würstchen und kriegen dabei die "braven Brüder als Ehemänner ab...). Und so kam es wie ich es wollte. Ich lernte einen "braven jungen Bruder" kennen, na ja, er war noch nicht getauft, hat er aber gleich nachgeholt. Und es gab wieder eine neues Traumpaar.

Nach einem Jahr und 2 Monaten haben wir dann auch geheiratet. Wir haben vorher nicht miteinander geschlafen, weil wir waren echt brave Zeugen. *gg* Ok, Ok wir haben zwar "alles andere getan" aber nicht das eine und "alles andere" gilt bei den jungen Zeugen nicht als GV (auch eine Form sich zu belügen). Er wusste nichts von meinem "Vorleben" und hat das in der Hochzeitsnacht auch nicht geschnallt. Das war sehr falsch von mir, ich weiß, aber was hätte ich auch tun sollen? Es hätte nie passieren dürfen, keiner wusste davon und so IST es einfach nicht passiert. Ich heiratete... und dachte, alles wird nun gut. Es ging auch ganz gut, so für 3, 4 Jahre. Ich engagierte mich weiter in der Versammlung, versuchte wirklich eine gute Ehefrau zu sein und passte mich sehr an. Mein Mann war schon nach einem Jahr nicht mehr wirklich lieb zu mir. Wenn er nicht auf Arbeit war, dann saß er am PC und schob, wie er es mir erklärte, Überstunden um mich zu ernähren (ich ging übrigens selber arbeiten, aber das wurde meist übersehen), oder lag unter seinem Auto, das er wirklich liebte. Ich verbrachte meine Tage mit Büroarbeit, Predigtdienst, Kochen und Stricken...

Nach 4 Jahren wurde es mir zu langweilig. Ich sehnte mich nach etwas Neuem... einem Baby!!! Aber ach, ich bekam ein fürchterlich schlechtes Gewissen, schließlich war ich eine "geheime Sünderin" die "Jehova nicht gefallen konnte" und überhaupt ganz und gar böse... ich bekam richtige Depressionen, keiner merkte was davon... irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und erzählte meinem Mann davon dass ich schon vor ihm mit einem anderen geschlafen hatte... schließlich wollte ich ein Baby und ich wollte es in ein stabiles Elternhaus setzen wo es keine so schrecklichen Geheimnisse gab. Mein Mann reagierte sehr nett. Er weinte und war voll fertig (ich hatte ihn vorher noch nie weinen sehen), er klammerte sich an mich und verzieh mir alles, außerdem versicherte er mir, dass mich Jehova in Harmagedon bestimmt nicht vernichten würde, weil ich doch jetzt alles gesagt hätte und nie wieder was "böses" getan habe... hmmmmm... es war also alles gut...

Nach einem halben Jahr war ich schwanger, mein Sohn wurde geboren. Mein Mann war mittlerweile Dienstamtgehilfe und ich dachte nie einen aufrichtigeren und ehrlicheren Menschen als ihn kennen gelernt zu haben. Und so großzügig: Hatte mir durch seine unendliche Liebe die Hurerei verziehen... Mein Sohn war von Anfang an ein schwieriger Fall. Die Geburt war der Horror. Ich bekam nach vielen, vielen Stunden einen Notkaiserschnitt und wäre fast draufgegangen. (Die einzige Sorge der Ältesten bestand nach diesem Horrortrip übrigens darin, ob ich mir eh kein Blut habe geben lassen wollen und warum die Ärzte nicht gleich kooperativ gewesen seien... kein "Wort des Trostes" an mich). Da bekam ich zum ersten Mal Zweifel: Mein Baby und ich hätten sterben können! Einfach so... weil ich kein Blut nehmen wollte... und das obwohl ich JEDEN TAG meiner Schwangerschaft zu Jehova gebetet hatte, es sollte keine Komplikationen geben... In meinem Kopf war nur noch das "wir hätten sterben können, und die einzige Sorge meiner Mitbrüder wäre gewesen, dass wir kein Blut genommen haben"... Mein "Glaube wurde immer schwächer". Mit dem Baby kam ich nicht so gut klar, er war ein schwieriges Kind das fast nie schlief und schlecht aß. Ich wurde krank und schwach. Mein Mann hat mir NIE geholfen, er war wohl selber überfordert. Meine Mutter half mir, ich fühlte mich völlig unfähig. Mein "Glauben" hat damals wohl einen Knacks bekommen, ich ging nicht mehr gerne in die Versammlung (das war mit meinem Sohn der pure Stress) und so gut wie nicht mehr in den Dienst. 2 Jahre vergingen lethargisch. Mein Mann konnte mit seinem Sohn nichts anfangen. Er wollte von Anfang an ein Mädchen. Ein Mädchen, ein Mädchen, ein Mädchen, Mädchen sind brav, Mädchen sind lieb, Mädchen machen einem nur Freude... Ich habe meinen Mann geliebt, ich wollte ihn glücklich sehen, ich wollte selber wieder geliebt sein, beachtet, als Frau geschätzt, keine Versagerin... ein Mädchen, ein Mädchen, ein Mädchen...

Als ich die Pille absetzte wurde ich sofort wieder schwanger, mit einem Mädchen. Sie war von Anfang an sehr pflegeleicht, ein Sonnenschein, die Prinzessin... Ich war so leer innerlich, so ausgebrannt, so verloren, ich glaubte an nichts mehr, meine Ehe schien mir eine Phrase. Mein Mann wurde immer seltsamer. War er schon immer ein verschlossener, schüchterner Typ gewesen, so zog er sich jetzt völlig von allen und jedem zurück. Wir hatten keine echten Freunde mehr, wir hatten nicht einmal mehr uns, konnten nicht mehr reden, der Fernseher lief den ganzen Tag und er saß bis 3 Uhr morgens am PC. Überstunden, sagte er, für die Firma, damit du nie mehr arbeiten gehen musst und wir finanziell gesichert sind. Ich war so alleine!!! Wenn ich meine Eltern nicht gehabt hätte, die mich immer (IMMER) unterstützt haben, ich wäre echt durchgedreht.

Irgendwann wurde es mir dann zuviel. Ich konnte nicht mehr, seine Lieblosigkeit, seine Gleichgültigkeit, diese Schweigen... Ich fuhr mit meinen Eltern und den Kindern auf Urlaub. Ich sagte ihm ehrlich, dass ich es mit ihm nicht mehr aushalten würde. Er hielt mich nicht zurück, obwohl ich doch darauf so sehr gehofft hatte. Dann, im Urlaub, hat er sich nicht gemeldet. Nach 5 Tagen rief ich ihn an, ich hatte Abstand gewonnen, war zum Nachdenken gekommen, sein Verhalten, das war einfach nicht normal. Ich glaubte, er hätte eine Freundin. Ich rief ihn also an, und hab ihn voll geblufft. Ich sagte am Telefon "Ich weiß was du machst, ich hab es herausgefunden, es ist besser du sagst es mir, dann geht es auch dir wieder besser". Er war sofort geständig: "Ja, ich bin ein schlechter Mensch, ich bin seit 6 Jahren Internetpornosüchtig" Es traf mich wie ein Schlag. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Süchtig nach Pornos, darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen, und das schon so lange, schon bevor ich ihm die Sache mit meinem Ex-Freund gestanden hatte, schon fast unsere ganze Ehe lang! Ich war fassungslos. Als ich wieder zu Hause kam war die Stimmung auf dem 0-Punkt. Ich war so enttäuscht von ihm. Er war doch immer so moralisch gewesen, so ein "guter Zeuge".

Ich begann zu suchen, obwohl er mir gesagt hatte, er habe alle Pornos weggeworfen und es sei vorbei. Ich fand 100e, nein 1000e Bilder. Ich bin nicht prüde - aber das ging über meinen Horizont. Gut gemachte Pornos in Ehren, Männer sind nur Männer (das soll jetzt keine Diskriminierung sein, aber wir wissen doch alle, dass viele Männer dem nicht abgeneigt sind). Aber das!!!! Vieles war einfach zu abartig, zu pervers... Ich war am Boden zerstört. Ich wusste nicht mehr wie es weitergehen sollte, wie ich jemals noch Vertrauen zu diesem Menschen hätte aufbauen können... 2 Tage später begann ich wieder rumzuschnüffeln in seinen Sachen, was sonst gar nicht meine Art war. Da fand ich sie... 100e Kinderpornos, lauter kleine Mädchen. Ich war so FASSUNGSLOS!!! Meine Mutter erlitt einen Nervenzusammenbruch, meine Freundin (die hatte ich angerufen und sie war gekommen, weil ich das ganze Zeugs nicht aufbrachte, es war alles verzippt) hat nur noch geheult, mein Vater war schneeweiß und völlig neben sich. Oh Gott... das war es also, das war der Grund... alles war kaputt. Meine Ehe war kaputt, mein Leben war eine Farce... Als ich meinen Mann damit konfrontiert hab, am Abend, da wurde er ganz weiß im Gesicht. Er wusste sofort, dass das das Ende war, noch am selben Abend ist er ausgezogen, er hatte schon eine Bleibe, es ging alles ganz einfach, wie wenn er es schon für den Notfall geplant hätte.

Da saß ich nun auf den Scherben meiner Ehe, mit 2 kleinen Kindern (3 und 1 Jahr) und war völlig verloren. Den Ältesten tat alles sehr Leid, das nahm sie ganz schön mit, dass ein Dienstamtgehilfe jahrelang so was geheim gemacht hatte und es keinem aufgefallen war. Aber SCHEIDUNG? Nein, das ginge nun leider nicht, denn Kinderpornographie sei zwar wirklich was schlimmes, aber doch keine Hurerei und somit kein "biblischer Scheidungsgrund". Na ja, was soll ich sagen, ich hab mich trotzdem scheiden lassen. Keinem hab ich was von den Kinderpornos erzählt, weil mich die Ältesten gebeten hatten "die Organisation zu schützen und nicht in den Schmutz zu ziehen". Es kam trotzdem raus, einer der Ältesten die dabei waren, als es bei einer Ältestenversammlung verlesen wurde, hat wohl "geplaudert". Meinem Ex-Mann ist rein gar nichts passiert, das Dienstsamt musste er hergeben, mehr nicht, kein Komitee, nichts, keine Verwarnung, gar nichts. In einer neuen Versammlung hat er sich dann ganz schnell integriert und ist jetzt schon wieder auf dem aufsteigenden Ast. Ich ging nach meiner Trennung und Scheidung fast gar nicht mehr in die Versammlung, war irrsinnig enttäuscht, dass etwas, das in meinen Augen so schlimm ist, Kinderpornographie, dort keine Folgen hat. Wenn meine Ex-Mann einer in eindeutiger Absicht an den Busen gegrapscht hätte, dann hätte das als Hurerei gewertet werden können, aber so war das wohl nicht so schlimm... All die kleinen unschuldigen Mädchen, mir wird jetzt noch schlecht wenn ich an die Bilder denke, obwohl das schon ein Jahr her ist und ich sie mir auch nur "stichprobenartig" angesehen hatte. Meinem Ex-Mann passierte also gar nichts, denn er hat ja alles unter Tränen bereut.

Vielen hab ich wohl sehr leid getan, aber bei vielen war es auch so, dass ich die böse Hexe war, die ihren Mann rausgeschmissen hatte, nur weil er sich ein "paar Pornos" angeschaut hatte. Ich ging dann nicht mehr viel in die Versammlung. Manche Schwestern waren sehr nett zu mir, haben mich eingeladen, aber die meisten Brüder wollten dann wohl mit so einer Außenseiterin wie mir nix mehr zu tun haben. Aber zu einigen hatte ich immer noch Kontakt. Besonders zu einer Schwester der es selber schon des öfteren schlecht gegangen war im Leben. Sie lud mich oft ein, hatte ja selber noch ein kleines Kind, 5 Kinder insgesamt, und... na ja... sie hatte ein ganz besonders liebes Kind. Ihr zweitältester Sohn. Er kam manchmal in die Versammlung und war mir schon früher, als ich noch verheiratet war, aufgefallen, weil er so nett und positiv war (und sooooo gutaussehend). Er ist nicht getauft, weil er nie "genug Glauben entwickelt hat". Zufällig war dann dieser Sohn immer dann da, wenn ich eingeladen war. Er war immer da. Wir haben viel geredet... und geflirtet... und uns dann ineinander verliebt. Tja, und dann bin ich gegangen, als es ernst wurde zwischen ihm und mir. Schließlich bin ich kein unehrlicher Mensch und vertuschen und lügen hätte keinen Sinn mehr gemacht. Und jetzt sind wir zusammen und das Leben ist wieder sehr, sehr viel schöner. Aber auch schwer - alles hinter mir zu lassen und mit Gewohnheiten zu brechen, die mich mein ganzes Leben begleitet haben...