Dualität - im "geteilten Haus" aufgewachsen

Ich bin durch Zufall (über einen Link auf der Diskussionsseite der Wikipedia zu Zeugen Jehovas) auf diese Webseite gestoßen. Nachdem mir die Berichterstattung auf der Webseite sehr einseitig vorkam, beschloss ich, mich mal im Forum umzusehen und dachte mir, ich könnte ein paar nützliche Beiträge schreiben und vielleicht einigen Leuten etwas helfen.

Wie jeder Mensch, der schon einmal persönlich mit einer Sache zu tun hatte, habe ich natürlich einen subjektiven Blick auf die Zeugen Jehovas, der auch eher negativ ausfällt (oh Wunder). Es ist aber mein Ziel, in Dualität zu denken und keine negativen, aber auch keine positiven Eigenschaften herunterzuspielen.

Ich bin in einem „geteilten Haus“ aufgewachsen. Meine Mutter kam nach den Kriegswirren durch ihre Familie zu den Zeugen Jehovas und ist seit gut 50 Jahren als Zeugin Jehovas getauft. Ebensolang ist sie mit meinem Vater verheiratet, einem katholisch erzogenen, aber aus der Kirche ausgetretenen Agnostiker und Freidenker.Meine beiden Geschwister und ich wurden zweiseitig erzogen. Mein Vater hieß die christliche Erziehung meiner Mutter mit all den moralischen und ethischen Grundlagen gut, achtete aber immer darauf, uns beizubringen nie etwas unbedacht zu glauben, alles zu hinterfragen und immer beide Seiten einer Medaille zu betrachten. Im Endeffekt ist etwas sehr gutes dabei herausgekommen, sowohl meine Geschwister als auch ich sind - meiner subjektiven Meinung nach - sehr anständige und ehrliche Menschen mit Respekt und Achtung gegenüber allen Religionen geworden, die aber ihren eigenen Weg gehen und sich von niemanden einlullen und verführen lassen, sei es religiös, geschäftlich oder persönlich.

Meine Schwester war getauft, wurde aber nach einer Ehe mit einem Aussenstehenden und einer folgenden Scheidung ausgeschlossen. Mein Bruder war ungetaufter Verkündiger, verlor dann aber auch das Interesse und verließ die Gemeinschaft. Wichtig zu erwähnen ist, dass dadurch nie ein schlechtes Verhältnis zwischen meiner Mutter und sogar meiner ausgeschlossenen Schwester war! Ebenso hat meine Schwester immer noch freundschaftliche Kontakte zu Zeugen, die ihr gegenüber völlig normal auftreten und auch keine Remissionierungsversuche machen.

Ich selbst wuchs als Mitläufer auf, hatte aber nie so recht daran geglaubt. Die Lehre der Bibel gehörte einfach zur Erziehung, ebenso aber z.B. die Evolutions- und Urknalltheorie. Mein Vater unterstützte die Regeln der Zeugen Jehovas soweit sie ihm sinnvoll erschienen (ala „Du sollst nicht stehlen“, „...nicht lügen“, usw.), ermahnte mich aber immer wieder, nicht alles zu glauben was mir gesagt werde und erinnerte mich immer wieder daran, dass es - sobald ich erwachsen genug wäre - meine eigene Entscheidung wäre, welchem Weg ich mit vollsten Herzen folgen wolle. So kam es auch dazu, dass ich in der Jugend schnell das Interesse an den Zeugen Jehovas verlor, die Zusammenkünfte als lästige Pflicht und allenfalls als Möglichkeit zum Treffen von Freunden und Mädchen ansah und weitgehend verschlief und mich immer öfter davor drückte. Ich wurde auch immer mehr kritisiert, da ich keinerlei Engagement für den Predigtdienst oder sonst etwas zeigte, mich herzlich wenig für „die Wahrheit“ interessierte, mit befreundeten Zeugen ausschließlich seeeeehr weltliche Dinger unternahm (Quake zocken - geht mal gar nicht) und bei Interesse höchstens unangenehme Fragen stellte. Mit ca. 14 Jahren hatte ich genug Argumente gesammelt, um mich guten Gewissens komplett von den Zeugen Jehovas loszusagen und legte sie meiner Mutter nahe. Da ich mich - vor allem verglichen mit ihr, die nach vier Jahrzehnten Zeugen Jehovas nur noch „Königreichsdienst“-Phrasen dreschen konnte und allgemein sprachlich nicht sehr geschickt war - sehr gut ausdrücken konnte und auch einen tiefen Einblick in die Bibel und die Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas hatte, konnte sie meinen Argumenten praktisch nichts entgegensetzen; zudem mein Vater mich bei dieser Entscheidung wie versprochen unterstützte.

Neben dem maßgebenden Grund „mangelndes Interesse“ war für mich vor allem ausschlaggebend, dass ich

  1. einfach nicht an die Existenz eines Gottes glaube (wobei ich sie auch nicht kategorisch ablehne -> Agnostizismus)
  2. die Gottesvorstellung der Zeugen Jehovas sehr kritisch betrachte (für mich ist „Jehova“ kein gütiger Gott, sondern ein kosmischer Sadist, der die Menschen benutzt um selbstsüchtig eine sinnfreie Wette mit einem sowieso unterlegenen Wesen zu veranstalten)
  3. das beschriebene Paradies und ewige Leben der Zeugen Jehovas mir nichts Verlockendes bieten konnten (ich bin seit meiner Kindheit an großer Science Fiction Fan und Visionär und habe als solcher Wunschvorstellungen einer Zukunft, die weit über den Horizont jedes Zeugen Jehovas geht) und ich
  4. eine ganz eigene Meinung zum Sinn und Unsinn von Religionen habe.

Ich hatte als Jugendlicher so einige psychische Probleme, die ich dann auch größtenteils meiner Mutter und den Zeugen Jehovas anlastete. Besonders als Kind hatte ich sehr wenige Sozialkontakte zu Kindern Aussenstehender, da die meist als „schlechter Umgang“ eingeordnet wurden. Ebenso hatte ich keinen intensiveren Kontakt mit Kindern von Zeugen Jehovas, da ich mit der beschränkten Sichtweise der meisten schon damals nichts anfangen konnte. Dadurch hatte ich große Probleme mit der Schule und brachte trotz einer angeblichen Hochbegabung ein Schuljahr nach dem anderen mehr schlecht als recht hinter mich. Durch die nie erworbene soziale Kompetenz war ich fast unfähig, neue Kontakte aufzubauen. Nachdem ich (kurz bevor das mit den Zeugen Jehovas komplett aufhörte) begonnen hatte, mich für den Computer zu begeistern, wurde ich ein typischer introvertierter Computerfreak mit sehr wenig Kontakten zu anderen Menschen. Erst die Kommunikation über das Internet, mein Auszug von Zuhause und ein kompletter Lebens- und Freundeskreiswechsel konnten daran etwas ändern und haben mich mittlerweile zu einem doch sehr erfolgreichen jungen Erwachsenen mit einem riesigen Bekanntenkreis gemacht. Wie gesagt lastete ich die vorhergehenden Probleme insbesondere der Erziehung meiner Mutter an, im Nachhinein sehe ich aber auch positive Seiten. Sicher, die Zeugen Jehovas hätten mich nie dabei unterstützt, mich von der Hauptschule bis zum Fachabitur hochzuhangeln und schließlich noch auf einer Uni zu landen, der „schlechte Umgang“ aus meiner Kindheit aber ebensowenig, ganz im Gegenteil.

Mittlerweile bewege ich mich seit knapp einem Jahrzehnt in der Gothic-Szene (ein Graus für jeden Zeugen Jehovas), lebe mit der dritten Frau fest zusammen und hatte ein paar Handvoll wilde Affären. Das Verhältnis zu meiner Mutter ist vergleichsweise gut. Ich bin mir sicher, dass sie selbst sich größte Vorwürfe macht und auch viel von den Ältesten usw. zu hören bekam (insbesondere da ich optisch der Inbegriff eines „Kinds Satans“ wurde), trotzdem hat sie immer zu mir gehalten (Blut ist halt doch dicker als Wasser). Einige Jahre lang versuchte sie bei mir noch vorsichtige Missionierungsversuche, gab es aber auf, da sie sich argumentativ nicht gegen mich durchsetzen kann. Nachdem ich drohte, den Kontakt zu ihr vollständig abzubrechen, sollte sie jemals wieder meine Partnerin oder meine Freunde auf dieses Thema ansprechen, gibt es das Thema Zeugen Jehovas von dieser Seite nicht mehr. Alte Bekannte aus den Reihen der Zeugen Jehovas grüßen mich - soweit sie mich noch erkennen - immer noch freundlich, es scheint aber irgendwo vermerkt zu sein, dass niemals-nimmer-nicht an meiner Tür geläutet werden soll. Ein Zeuge, der nach einem Umzug von mir unwissentlich vor meiner neuen Tür stand, entschuldigte sich nur für die Störung und zog weiter.

Ich interessiere mich sehr für Gesellschaftstheorie und Psychologie und somit auch für die Hintergründe von Religionen. Ich glaube, Religionen sind, abhängig von der Zivilisationsstufe einer Gesellschaft, sehr wichtig für die Gesellschaft an sich und einzelne Menschen im Speziellen. Bei niedrigeren Zivilisationsstufen sind Religionen nötig, um das Überleben und die Weiterentwicklung zu sichern. Sie verlieren aber in dieser Hinsicht ihren Sinn, sobald sich Wissenschaft und Politik soweit entwickelt haben, dass sie theologische und philosophische Fragen zu einem gewissen Punkt klären können („Woher kommt das Leben?“ usw.) und verbindliche Regeln des Zusammenlebens aufstellen können, die allgemein akzeptiert werden (wie die Verfassung eines demokratischen Staates). Im persönlichen Umfeld sind Religionen unter Umständen immer wichtig und können bei vielen Problemen helfen und Hoffnung geben. Fester Glaube und eine Bibel kann oftmals wesentlich sinnvoller sein, als ein Arzt und eine Dose voller Antidepressiva oder Drogenmissbrauch. Aus diesem Grund respektiere ich Religiösität auch sehr, solange sie Sinn macht und sich positiv auswirkt!

Mit Religionen verhält es sich meiner Meinung nach wie mit Drogen: Missbrauch und Übertreibung kann sehr gefährlich für das Wohl eines Menschen sein und sein berufliches wie privates Umfeld sehr negativ beeinflussen. Auf der anderen Seite kann ein maßvoller Gebrauch auch sehr positiv sein, bei der Bewältigung von Problemen helfen und durch spirituelle Erlebnisse einen unglaublich erweiternden Horizont bieten. Dabei kommt es bei beidem insbesondere auf die innere Stärke an, aber auch auf den zwischenmenschlichen Umfang. Menschen können einem bei Problemen in sinnvollem Maß die Möglichkeiten des Glaubens nahelegen, wie Freunde einen auch vorsichtig über den sinnvollen Gebrauch von Drogen informieren und vor den Gefahren warnen können. Übereifrige Missionare, die jede Schwäche ausnutzen, sind für mich aber nicht besser als Drogendealer, die einen ohne Gewissensbisse in die Abhängigkeit treiben.

So denn, ich hoffe mein kleines Essay war für den ein oder anderen interessant und dass ich ein bisschen nützliches zu diesem Forum beitragen kann.