Niemand ist so blind, wie einer, der nicht sehen möchte

Meine Kindheit und Jugend waren recht locker. Meine Eltern waren bereits in der „Wahrheit“ aufgewachsen. Sie waren sehr liberal und hielten nichts von übermäßiger Strenge und unsinnigen Verboten.

Mit Schrecken erinnere ich mich an einen alten Bruder, der anhand der Bibel und diverser Publikationen alles schlecht argumentieren konnte. Aber meiner Mutter war er nicht gewachsen. Sie konnte ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen und für Alles „biblisch belegbare“ Argumente finden. So kam es auch, dass ich trotz der 1975-Hysterie (von der sich meine Eltern Gott sei Dank nicht anstecken ließen) mein Abitur machte und mit dem Architekturstudium begann.

Raphaela, meine Frau hatte es da nicht ganz so leicht. Ihre Eltern waren – gelinde gesagt – fundamentalistisch.

Als Älteste von fünf Geschwistern hatte sie allerlei Aufgaben im Haushalt zu erledigen, damit die Mutter den Pionierdienst durchführen konnte. Nach der 9. Klasse (Gymnasium) wurde sie von ihren Eltern aus der Schule genommen, da sie meinten für eine Zeugin Jehovas sei das ausreichend und alles Wichtige lerne man ja in der Versammlung.

Unser Kennenlernen

Im Sommer 1979 auf dem Bezirkskongress lernten wir uns kennen. Ich war 25 Jahre und stand kurz vor meinem Abschluss. Mittlerweile war ich zum Dienstamtgehilfen ernannt worden (kein Problem wenn man einen Vater hat, der Ältester ist und ganz dicke mit unserem damaligen KA befreundet war). Dieser Tag ist so lebendig in meiner Erinnerung: Es war Freitag in der Mittagspause. Es war so heiß, dass es in der Sonne kaum auszuhalten war, überall quengelten die Baby und Kleinkinder. Wie üblich, kurz vor Programmbeginn bildeten sich die Schlangen vor den Damen-WCs. Schwestern die Kinder hatten, die mussten oder wer es selber eilig hatte, hatte echt ein Problem. Wie herrlich war es doch da, Bruder zu sein. So verrichtete ich gerade mein Bedürfnis, als ich hörte wie ein Bruder sagte: „Liebe Schwester, das ist sicher ein Versehen. Hier ist die Männertoilette.“ Als ich mich umdrehte sah ich diese angriffslustig blitzenden Augen. „Männer-WC, ah daher der etwas strenge Geruch hier, dann lasst mich auch mal an die Pinkelrinne“, konterte sie. Woraufhin der Bruder heftig entgegnete: „Schwester, falls du es noch nicht verstanden hast, RAUSSSSS HIIIIER!!!!!!!!!!!!“. Ich glaubte meinen Augen nicht, da war doch tatsächlich ein weibliches Wesen in die letzte männliche Zufluchtsstätte eingedrungen und schlenderte in einer Seelenruhe an den urinierenden Brüdern vorbei. „Keine Sorge, ich nehme die Kabine, nicht dass mir noch jemand auf die Schuhe pisst“, sprach sie und entschwand unseren Blicken. Darauf wusste der Bruder nichts mehr zu sagen. Das Beste hob sie sich jedoch für den Abgang auf: „Liebe Brüder, ich danke euch für die Gastfreundschaft und die Hilfe in der Not. Also schön zielen und nicht vergessen die Hände zu waschen.“

Um mich war es geschehen. Nichts wie hinterher und gleich in den Frontalangriff. Der Rest ist ziemlich schnell gegangen. Am Samstag habe ich sie meiner Familie vorgestellt, 4 Wochen später waren wir verlobt und nicht viel später, an ihrem 16. Geburtstag, haben wir geheiratet. Das hat für einigen Gesprächsstoff in der Versammlung gesorgt. Habe meine Autorität als Haupt gleich schamlos dazu ausgenutzt und meine Frau wieder auf die Schule geschickt, für die zukünftige Mutter meiner Kinder waren 9 Jahre Schule eindeutig zu wenig.

Erste Zweifel

Im Frühjahr 1990 wurde ich zum Ältesten ernannt. Seit vier Jahren waren wir stolze Eltern von Zwillingen Daniel und Lena und Raphi war bereits im 7. Monat mit unserem dritten Kind, Philipp schwanger. Dass mit dem „Licht“ etwas nicht stimmte und der „Sklave“ wohl schon seit längerem mit einem geistigen Wackelkontakt zu kämpfen hatte war uns schon seit Jahren klar. Dennoch argumentierten wir, dass Menschen nun mal unvollkommen sind, und hier in der Versammlung, das waren unsere Freunde und unsere Familie. Und alle hatten wir doch ein gemeinsames Ziel – Stromausfall hin oder her. Nun hatte ich also die theokratische Karriereleiter erklommen. Anfangs war ich motiviert. Ich war naiv genug zu glauben ich könnte etwas verändern.

In der Versammlung, der ich schon seit klein auf angehörte, kriselte es an allen Ecken und Enden. Vielleicht hat es schon immer gekriselt, aber nie ist es mir so aufgefallen wie jetzt, möglicherweise habe ich auch noch nie soviel mitbekommen, weil ich es einfach nicht wahrhaben wollte. Überforderte Eltern, die ihre unruhigen Kinder in der Gardarobe körperlich zurechtwiesen, gehörten sozusagen zum „Alltag“ in der Versammlung und fiel daher gar nicht weiter auf. Ich habe meine Kinder nie derart gedemütigt, aber ich fühle mich schuldig, wenn ich daran denke wie oft ich zugesehen habe und nichts unternommen habe. Das ist nicht zu entschuldigen. Aber dass sich hier solche unmenschlichen Abgründe auftun würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Vergewaltigung, Missbrauch, Misshandlungen, Mobbing, Psychoterror bis hin zu persönlichen Rachefeldzügen. Hier ein paar Beispiele von vielen.

Fall 1

Eine 15 jährige Schwester unserer Versammlung wurde vom 19 jährigen, ungetauften Sohn unseres Schulaufsehers unter Drogen gesetzt und anschließend vergewaltigt. Am nächsten Tag erzählter dieser stolz überall herum er hätte mit Schwester X geilen Sex gehabt. Das schlimme war, die Schwester konnte sich an gar nichts erinnern, außer einem Glas Sekt hätte sie nichts getrunken. Wie meine Frau später bestätigte waren hier Drogen im Spiel gewesen, die ihr, ohne ihr Wissen, verabreicht wurden. Was geschah? Es war das widerwärtigste und demütigendste was ich je erlebt habe. Die junge traumatisierte Frau musste sich von unserem VA anhören, sie sei selbst schuld, sie sei ja betrunken gewesen; da sie sich nicht gewehrt habe, sei das auch keine Vergewaltigung; …usw. Ich dachte ich wäre im falschen Film. Wo blieb die christliche Nächstenliebe? Wo waren tröstende Worte für das Opfer? Nun, sie haben mich gegen einen erfahrerenen Ältesten ausgetauscht. Die Schwester wurde ausgeschlossen, da sie anscheinend keine Reue zeigte, dem Sohn des Ältesten passierte nichts, da ungetauft, man hielt ihn nur dazu an, das nicht überall herumzuerzählen, sein Vater ist immer noch Ältester. Auf Anraten meiner Frau haben die Eltern des Mädchens Anzeige erstattet.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile zu diesem Fall ein Happy End:

Zwei Jahre nach diesen Ereignissen hielt meine Frau, eine niedergelassene Gynäkologin, plötzlich ein Bewerbungsschreiben um eine Ausbildungsstelle als Arzthelferin von eben dieser "ehemaligen Schwester" in Händen und hat sie sofort eingestellt. Zu dieser Zeit waren wir noch aktiv dabei. Da das damals alles sehr unschön abgelaufen war und wir in keinster Weise hinter der Entscheidung der Ältestenschaft standen, sahen wir darin eine Möglichkeit ihr vielleicht doch etwas Gutes zu tun. Mittlerweile ist sie mit einem netten Italiener verheiratet und die beste "Kundin" meiner Frau. Vor zwei Wochen ist sie zum 5. Mal Mutter geworden.

Fall 2

Eine junge Schwester spielte bei uns in den Zusammenkünften Klavier zu den Liedern. Ich fand das immer ganz gut, besser als Konserve.

Dann bekamen wir einem neuen KA, dem das nicht gefiel. Er wetterte in der ganzen Versammlung herum, warum wir uns das Geklimper antun würden, es gäbe doch so schöne Kassetten von der Gesellschaft. Ich denke hier ist jeder weitere Kommentar überflüssig.

Fall 3

Wir hatten einen Neuzuzug. Eine Schwester mittleren Alters, die schon zweimal wegen „Hurerei“ ausgeschlossen war. Beim zweiten Mal hatte sich ihr Mann von ihr getrennt. Bei der Scheidung bekam dieser auch das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Das hat ihr nicht gepasst. Sie hat ihren Mann wegen sexuellem Missbrauch an den Töchtern bei den Ältesten gemeldet. Gleichzeitig lief wohl eine Anzeige bei der Polizei. Also haben wir Kontakt zu den Ältesten der Versammlung ihres Ex-Mannes aufgenommen, um dieser Geschichte auf den Grund zu gehen. Alles heiße Luft, wie es sich herausstellte, wollte sich die Schwester nur an ihrem Ex-Mann rächen, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, dass er sie verlassen hatte.

Fall 4

Es gab da einen jungen Bruder, Vater von zwei süßen Mädchen, der von seiner Frau verlassen wurde. Da er mit der ganzen Situation überfordert schien, arrangierten wir für ihn Hilfe aus den eigenen Reihen. Eine nette junge Schwester erklärte sich bereit nach der Schule die Mädchen zu betreuen, damit er weiter seiner Arbeit nachgehen konnte. Die zwei Mädchen fasten schnell Vertrauen zu der jungen Schwester und erzählten ihr was bei ihnen zu Hause abging, wenn sie mit dem Vater allein waren. Anfangs konnte und wollte sie das gar nicht glauben, doch die offensichtlichen Tatsachen sprachen für sich. Vor allem das jüngere Mädchen hatte unter den körperlichen und sexuellen Übergriffen ihres eigenen Vaters zu leiden. Die Schwester wandte sich an die Ältesten. Da ihr hier kein Glauben und keine Beachtung (mal wieder jemand, der sich wichtig machen möchte) geschenkt wurde (denn Kinder sind ja keine glaubhaften Zeugen), wandte sie sich ans Jugendamt, die natürlich sofort reagierten und die Kinder in einer Pflegefamilie unterbrachten. Das verärgerte den Vater der Mädchen dermaßen, dass er nach der Versammlung voll ausgerastet und auf die junge Schwester losgegangen ist. Wir konnten zum Glück Schlimmeres verhindern, so aufgebracht wie er war, hätte er sie umgebracht. Der Bruder zog weg, in eine neue Versammlung, aber weder der Missbrauch seiner Töchter noch die Attacke auf die Schwester hatten irgendwelche Konsequenzen.

Ich könnte noch vieles berichten. Eines kam zum andern. Ich fühlte mich total entmutigt, Nichts ließ sich ändern. Ich fühlte mich als Einzelkämpfer. Ich wartete darauf, dass einer meiner Ältesten-Kollegen mal von der Bühne runter verkündet: „Brüder, ihr habt Probleme? Wir wollen das eigentlich gar nicht wissen, das passt nicht in unser Bild von der heilen Welt, also regelt das unter euch und verschont uns damit.“ So war zumindest mein Gefühl. Wo war der Geist der Liebe? Wo der Segen Jehovas? Wenn wir schon kein helles Licht vom „Sklaven“ bekamen, dann sollte doch die brüderliche Gemeinschaft funktionieren. Wir erkannten, dass bei den Zeugen die Menschen nicht besser waren als in der „Welt“, sie hielten sich nur dafür. Als wir uns darüber in der Familie unterhielten, und sogar unsere Kinder meinten, dass hier was nicht stimmt, entschieden wir uns dafür einem Schlussstrich zu ziehen und als Familie die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas zu verlassen.

Meine Familie und was wirklich im Leben zählt

Unser Weggang hat wohl eingeschlagen wie eine Bombe. Anrufe von Verwandten und Freunden. Sie löchern uns mit Fragen und sprechen offen über eigene Zweifel. Nur weil wir etwas schon immer waren, müssen wir es nicht für immer bleiben. Meine Eltern geben ihren Austritt zwei Wochen nach uns bekannt. Wieder ist es für mich leichter als für meine Frau. Ihre Familie ist weiterhin linientreu. Trotzdem hält meine Frau zu mir. Auch wenn sie Eltern und Geschwister „in der Wahrheit“ zurücklässt.

Ich bin ein glücklicher Mann. Ich habe eine wundervolle Frau an meiner Seite. Eine Frau, die ich über alles liebe. Ich bin dankbar, dass sie mit einem Lächeln über meine großen und kleinen Macken hinwegsehen kann, und mich so nimmt wie ich bin.

Ich wünsche allen, dass auch sie den Mut haben die Augen zu öffnen und nicht länger wegzusehen.