Angst und ein schlechtes Gewissen begleiteten mich

Geboren wurde ich 1970, damals war meine Mutter noch keine Zeugin Jehovas. An meinen Vater kann ich mich nicht erinnern, er starb, als ich 1½ Jahre alt war. Meine Mutter hat wohl schon zu Lebzeiten meines Vaters Kontakt mit den Zeugen Jehovas gehabt; als er dann gestorben ist, hat sich dieser wohl intensiviert.

Es gibt sogar noch ein Foto von mir, auf dem im Hintergrund ein Tannenbaum ist und ich offensichtlich ein Geschenk ausgepackt habe. Es war so ein bunter Kreisel. Dies war das letzte Weihnachtsfest, welches meine Mutter gefeiert hatte. Es war wohl auch ein sehr trauriges Weihnachten, da in dem Jahr zuerst meine Nichte (mit 1 Jahr) und dann mein Vater gestorben sind.

Die ersten Erinnerungen, die ich an meine frühe Kindheit habe, waren wohl im Kindergarten. Es war schön dort, keiner hat geschimpft, es wurde gesungen und gespielt. Leider durfte ich dann nicht mehr dort hin, weil dort auch gebetet wurde. Es war wohl ein evangelischer oder katholischer Kindergarten.

Die Versammlung, der wir angehörten, war einen Ort weiter. Wir wurden immer abgeholt. Dazu mussten wir an eine Bushaltestelle laufen, die schätzungsweise 1-1,5 km entfernt von unserer Wohnung lag. Das natürlich bei Wind und Wetter, ob ich müde war, ob es kalt war, oder es in Strömen goss. Da wurden wir dann zusammen mit anderen älteren Schwestern - die ebenfalls kein Auto besaßen - mit einem VW-Bus abgeholt und in die Versammlung gekarrt. Dort erinnere ich mich an die üblichen „Toilettengänge“ wenn ich nicht still sitzen wollte oder konnte, wie halt die meisten hier sie auch kennen.

Irgendwann hatte ich mir in meiner Phantasie eine Freundin zurecht gezimmert, mit der ich mich unterhalten konnte wann immer ich wollte, ohne dass es einer mitbekam. Diese erleichterte mir die langen Sitzzeiten erheblich, jedenfalls so lange bis ich dann auch lesen konnte und immer öfter ermuntert wurde, doch auch den einen oder anderen Text zu lesen oder Antworten zu geben (erstmal beim Buchstudium). Da hieß es dann: aufpassen damit ich mitbekomme wo wir sind.

Peinlich war es mir eigentlich immer wenn ich irgendwo mit meiner Mutter unterwegs war, denn immer und überall musste sie Zeugnis abgeben. Das einzig gute war nur, dass keiner der Zeugen in unserer Nähe Kinder hatte, so durfte ich dann auch mal mit den Nachbarkindern spielen. Aber wehe, wenn sie irgendwas mitbekommen hat, was gegen die Bibel verstößt. Dann setzten ihre Prügelorgien ein mit allem was sie so in die Hand bekam: Kochlöffel, Kleiderbügel (aus Holz), das Kabel des Bügeleisens, Gürtel oder sie zerrte mich an den Haaren durch die halbe Wohnung. Wie man sich da fühlt, kann jeder, dem dies auch wiederfahren ist, sicher gut nachvollziehen.

Oft bin ich auch zu meinem Bruder gegangen (er ist 23 Jahre älter als ich und kein Zeuge Jehovas), er wohnte ganz bei uns in der Nähe. Er zog meine Mutter des öfteren auf, wenn sie mal wieder versuchte ihm Zeugnis zu geben. Er hat einen Sohn der 2 Jahre jünger ist als ich und mit dem ich dann auch öfter mal spielte. Natürlich war ich immer sehr neidisch an Tagen wie Geburtstag, Weihnachten, Nikolaus und Ostern, wenn es dort Geschenke in Massen gab, denn die Familie meiner Schwägerin war sehr groß. Die Schwester meiner Schwägerin hatte auch ein Mädchen in meinem Alter, die auch mit mir in dieselbe Klasse ging. Ich war wohl ihr auserkorenes Lieblings-Gängel-Objekt.

Mit knapp 10 Jahren sind wir dann umgezogen, in die Nähe meiner Schwester (22 Jahre älter als ich und ebenfalls keine Zeugin Jehovas). Sie wollte die Mutter in der Nähe haben, da sie dann mitlerweile auch ihr 2. Kind hatte. Wir kamen in eine neue Versammlung und der Trott ging weiter: Versammlung, Buchstudium, Predigddienst, Studieren mit einer Pionierin die sich meiner angenommen hat.

Bald war ich Ungetaufter Verkündiger, machte fleißig meine Aufgaben in der Theokratischen Predigtdienstschule und meine Ängste wurden eifrig vertieft. Meine Mutter schürte sie regelrecht, z.B. wenn ein kräftiges Gewitter draußen niederging, jagte sie mir Angst ein mit Worten wie: „Wie viel schlimmer wird es noch sein, wenn erst mal Harmagedon da ist“, „Da siehst du Jehovas Kraft“ bla bla bla, diese Ängste wurden mir regelrecht eingeimpft. Wie tief sollte ich erst Jahre später erfahren.

In der Schule habe ich ebenfalls schön die Außenseiterrolle angenommen, brav wie es sich halt für ein Kind von Zeugen Jehovas gehört. Von meinen Mitschülern wurde ich verspottet und verprügelt. Aber dann - wohl mit einsetzen der Pubertät - habe ich mir in dieser Rolle nicht mehr gefallen. So mit 12 Jahren fing ich innerlich an dagegen zu rebellieren, heimlich machte ich Sachen mit, die ich eigentlich nicht tun durfte (natürlich mit äußerst schlechtem Gewissen). Ich rauchte mit den anderen mit, trank auch schon mal mit, wenn Alkohol die Runde machte und traf mich regelmäßig mit einer Clique. Meiner Mutter erzählte ich, ich sei mit XY für den Predigddienst verabredet. In meiner Tasche befanden sich neben den Alibibüchern auch andere Klamotten, damit ging ich dann zu einer benachbarten Freundin, zog mich um und mit ihr los.

Auf meinem Berichtszettel mogelte ich schon mal so einige Stunden dazu (sollte ja nicht auffallen, schließlich kontrollierte meine Mutter ja auch diesen). Ich führte ein Doppelleben und fühlte mich immer unwohler dabei. Einerseits wußte ich ja, dass es die Wahrheit ist, andererseits fand ich immer mehr Gefallen an meinem weltlichen Leben. Ich fühlte mich hin und her gerissen.

Schließlich siegte mein Freiheitsdrang und so um meinen 13. Geburtstag herum, als ich mal wieder Prügel bezog, kam mein Zorn raus und ich wehrte mich das erste Mal gegen meine Mutter. Dabei merkte ich, dass sie mir kräftemäßig total unterlegen war. Das war dann für mich der Knackpunkt: ich wußte sie konnte mich nicht mehr prügeln. Von da an dauerte es nicht mehr lange, bis ich ihr sagte, dass ich nicht mehr mit in die Versammlung gehen werde und auch sonst nichts mehr damit zu tun haben wollte. Ich knallte ihr einfach vor den Latz, dass ich rauche und auch einen Freund habe. Dann ließ ich sie einfach stehen und ging weg. Ich hatte mir zur Verstärkung meine Freundin mitgenommen. Erstmal war ich restlos erleichtert diesen Schritt geschafft zu haben.

Dann fingen die Umkehrungsversuche an, Besuch der Ältesten und so. Immer wenn ich von der Schule nach Hause kam und sie schon da sitzen sah, stellte ich meine Schultasche ab und drehte mich auf dem Absatz um und war wieder draußen. Ich weiß nicht genau wie lange diese Versuche anhielten, aber irgendwann haben sie es aufgegeben.

Dann kam, was kommen musste, meine Mutter machte einen auf tod-sterbens-krank und versuchte mir so ein schlechtes Gewissen einzureden. Mein Egoismus, den ich da aber bereits schon aufgebaut hatte, schützte mich jedoch davor mir ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Ich ignorierte diesen Zustand tunlichst, rief höchstens mal einen Arzt und als der auch nach gründlichen Untersuchungen nichts finden konnte sagte ich ihr, dass sie mit ihren vorgetäuschten Herzattacken bei mir nichts bewirken könne. Sie bewirke damit höchsten, dass ich ihr nicht mal mehr Glauben schenken würde, wenn sie tatsächlich mal eine echte Herzattacke hätte. In diesem „kranken“ Zustand gefiel sie sich wohl besonders, auch die Aufmerksamkeit die sie durch die Versammlung bekam. Aufmunterungen und tröstende Worte gefielen ihr wohl. Sie hat diesen Zustand über eine recht lange Zeit aufrechterhalten.

Ich wurde ein recht schlimmer und rebellischer Teenager, zuhause gab es nur noch Zoff und Handgreiflichkeiten, sie wollte einfach nicht einsehen, dass sie mir kräftemäßig überlegen ist. Dementsprechend hat sie halt dann auch das eine oder andere Mal was abbekommen. Dann fing sie an in der Verwandschaft (alles keine Zeugen Jehovas) Hilfe zu suchen: bei meinem Bruder, meinen Cousins. Aber ich habe gleich klar gemacht, dass sie sich nicht wagen sollten, je eine Hand an mich zu legen, denn sonst würde ich mich ans Jugendamt wenden. Ich machte ihnen klar, dass sie mich einfach nur mit ihrem Zeugen Jehovas Quatsch in Ruhe lassen sollte und dafür wiederum hatten sie Verständnis.

Irgendwann wurde dann tatsächlich das Jugendamt eingeschaltet, meine Mutter bekam eine Erziehungsbeistandschaft. Also kam regelmäßig eine Frau vom Jugendamt, die dann versuchte, zwischen meiner Mutter und mir zu vermitteln. Dieser Frau habe ich sehr viel zu verdanken. Es war nicht immer einfach für sie, aber ich habe mich eigentlich immer auf sie gefreut. Ich konnte herrlich mit ihr reden und ich merkte, sie hat wirklich Interesse daran mir zu helfen. Leider war jedoch meiner Mutter nicht mehr zu helfen, aus diesem Grund ermöglichte sie es mir auch mit 16 Jahren zu Hause auszuziehen in eine eigene Wohnung. Sie half mir bei allem und endlich konnte ein stressfreies Leben beginnen.

So mit etwa 17 meldete sich mein schlechtes Gewissen, ich suchte wieder Kontakt zu den Zeugen Jehovas, besuchte auch wieder die Versammlung, einen Kongress und fing wieder an zu studieren. Ein junger Ungetaufter Verkündiger aus einer Nachbarversammlung begann sich für mich zu interessieren und besuchte mich auch gelegentlich. Er war nicht so ganz mein Typ, sonst wäre ich wohl wieder richtig in die Sekte reingeraten.

Dann verliebte ich mich in einen „Welti“ und es war vorbei mit Versammlung und Studium. Wir heirateten recht schnell und wollten auch ein Kind (es klappte auf Anhieb), doch so schnell wie wir verheiratet waren so schnell waren wir auch wieder getrennt. Ich stand nun alleine da, keine Wohnung, schwanger und meine Mutter schmiss mich mit den Worten raus: „Geh zu deinem Ehemann wo du hingehörst“. Also stand ich auf der Straße. Unterschlupf fand ich dann bei einem befreundeten Ehepaar - zu ihr bin ich schon öfter gegangen, wenn ich Fragen hatte, die ich meiner Mutter ja nicht stellen konnte und so wurde sie so etwas wie eine Ziehmutter für mich.

Mit Hilfe meiner Ziehmutter und der Gemeinde fand ich dann recht schnell eine Wohnung. Da mich ja schwanger niemand einstellte und ich meine Lehre abgebrochen hatte, verdiente ich mir etwas Geld mit Kellnern in einem Tanzcafé. Da man mir meine Schwangerschaft lange nicht ansah, konnte ich dies auch bis zum 8. Monat tun. In dieser Zeit lernte ich einen Mann kennen und verliebte mich auch in ihn. Da war ich bereits im 7 Monat schwanger, auch er verliebte sich in mich und wir kamen zusammen. Das Kind und die fortgeschrittene Schwangerschaft störten ihn nicht.

Als meine Tochter dann geboren war, ist er zu mir gezogen und wir lebten etwa 2 Jahre in wilder Ehe bevor wir heirateten. Wieder plagte mich mein schlechtes Gewissen, nun hatte ich ja auch noch die Verantwortung für mein Kind. Eine Pionierin besuchte mich ja immer noch regelmäßig und ich fing dann wieder an mit ihr zu studieren. Mit meinem Mann redete ich auch darüber. Auch er begann dann ein Bibelstudium, wir besuchten gemeinsam die Zusammenkünfte und auch 2 oder 3 Kongresse. Irgendwann einmal hatte mein Mann keine Lust mehr, auch ich konnte mich nicht wirklich von meinem weltlichen Leben lösen.

Meine Mutter malträtierte meine Tochter mit dem Buch „Mein Buch mit biblischen Geschichten“, irgendwann stellte ich fest, dass mein Kind unter Albträumen leidet und nachts schlafwandelt. Es dauerte eine Weile bis ich aus ihr rausbekam woran das liegt. Es waren die Horrorgeschichten von Harmagedon. Von da ab verbot ich meiner Mutter meiner Tochter weiterhin aus diesem Buch vorzulesen und auch sonst mit ihr darüber zu reden. Ich sagte ihr klipp und klar, dass sie ihre Enkelin nie wieder sieht, falls sie sich nicht daran hält. Ich fand mich irgendwann in alte Verhaltensmuster reinfallen, was die Erziehung meiner Tochter anbelangte. Irgendwann sagte ich mir selbst „du bist nicht normal“. Ich stellte mir selbst ein Ultimatum: wenn ich nicht sofort aufhöre mein Kind zu schlagen werde ich mir Hilfe holen. Ich holte meine Kindheitserinnerungen vor und ließ sie noch einmal Revue passieren, wie ich mich damals als Kind gefühlt habe. Dann habe ich erstmal sehr lange geweint: über die Ungerechtigkeit die mir wiederfahren ist und auch über die Ungerechtigkeit die ich meinem Kind zuteil werden lassen habe. Ich liebe mein Kind doch, da kann ich es doch nicht schlagen. Von da ab habe ich es tatsächlich geschafft mein Kind nicht mehr zu schlagen. Dies ist nur ganz selten vorgekommen, wenn sie mich wirklich bis zum letzten gereizt hat, dann ist mir schon mal die Hand ausgerutscht, aber das war dann ein Klaps aber keine Schläge mehr.

Da hatte ich dann endgültig mit den Zeugen Jehovas abgeschlossen (so dachte ich jedenfalls). Zwar ließ ich noch die Besuche der Pionierin zu, aber es kam zu keinen biblischen Gesprächen mehr. Von da ab war es eigentlich nur noch Small-Talk, sie hinterließ Zeitschriften die dann ungelesen in der Altpapiertonne landeten.

Meine Mutter versuchte meine Tochter nun anderweitig gegen mich aufzuhetzen, indem sie versuchte, dem Kind einzureden, was für eine schlechte Mutter sie hat. „Du kannst der Oma ruhig erzählen wie böse die Mama zu dir ist“, „Sie hat dich doch bestimmt wieder geschlagen“, „wenn sie dich lieb hätte, würde sie mit dir die Bibel studieren“, „sie weiß genau, was mit Menschen passiert die Jehova nicht anbeten“ und noch mehr von diesem Unsinn. Meine Tochter war dann immer sehr entsetzt, warum die Oma so etwas sagt und hat beim Telefon dann immer auf Mithören gedrückt. Darauf hin habe ich dann mal den Kontakt eine Zeitlang eingestellt und sie durfte sie weder sehen noch mit ihr telefonieren. Vielleicht für ein halbes Jahr oder so. Das war ihr dann eine Warnung und bevor es wieder zu einem Kontakt kam, habe ich sie noch einmal eindringlich davor gewarnt, je wieder solche Behauptungen aufzustellen. Sonst wäre es wirklich aus mit dem Kontakt.

Ganz lassen konnte sie es aber nie. Sie beschränkte sich dann aber auf Fragen wie „hat die Mama euch geschlagen?“, „Bist du traurig? Du kannst es der Oma ruhig sagen“. Da meine Tochter ja keine Erinnerung mehr an früher hatte und ich ja nicht mehr schlug konnte sie diese Fragen immer nur verneinen. Irgendwann habe ich ihr dann den Hörer aus der Hand genommen und ihr gesagt, sie solle nicht von sich auf andere schließen, schließlich habe sie ja immer geprügelt mit allem was ihr in die Hände kam und nicht ich. Meine Geschwister mussten sogar noch auf Erbsen knien (man stelle sich das einmal vor). Aber davon wollte sie nichts mehr wissen, es sei ja alles nicht so gewesen, so eine schlimme Mutter wie ich sie hinstelle wäre sie ja wohl nicht gewesen, sondern nur ich ein ungezogenes Kind. Also alles nicht wahr? Habe mir wohl einen großen Teil meines Lebens eingebildet oder geträumt?

So vergingen ein paar Jahre. Wir bekamen noch eine Tochter, aber unsere Beziehung lief einfach nicht mehr, er log mir einfach zu viel und damit wollte ich irgendwann nicht mehr leben. Ich trennte mich von meinem Mann, lernte meinen jetzigen Mann kennen und dies ist nun wirklich meine große Liebe. Wir bekamen noch ein gemeinsames Kind und heirateten im September 2000. Das witzige ist, die Frau seines ältesten Bruders ist auch eine Zeugin Jehovas (eine gefischte).

Als dann im September 2001 der Terroranschlag auf das World-Trade-Center geschah, bekam ich Angstzustände und zwar in solch heftiger Form, dass ich wirklich kurz vorm durchdrehen war. Sie kamen mitten in der Nacht, so dass ich davon aufgewacht bin oder auch am hellichten Tag. Es ging so weit, dass ich anfing zu Jehova zu beten ihn um Verzeihung zu bitten. Ich wollte alles tun wenn ich nur diese Angst loswerden würde.

Am Geburtstag unseres Sohnes (24.9.) bekam ich Abends wieder Angstzustände, ich zog mich ins Schlafzimmer zurück und da fand mich die Patentante unseres Sohnes. Sie (Kinderkrankenschwester im 3. Ausbildungsjahr) erfasste meinen Zustand sehr schnell und packte mich ins Auto und fuhr mit mir in die psychatrische Notfallambulanz.

Dort bekam ich ein starkes Psychopharmaka und die Auflage, mich in psychatrische Behandlung zu begeben. Sie hätten mich gern dort behalten, aber das wollte ich nicht. Ich hatte einfach Angst, dass jetzt vielleicht doch Harmagedon kommt und ich bin da drin und nicht mal mein Mann ist bei mir und auch meine Kinder nicht. Ich ließ mir dann einen Termin bei einem Psychiater geben. Ich erzählte ihm von meiner Zeugen Jehovas Vergangenheit und das die Ängste sicher davon kämen. Er fragte mich ein paar Dinge, dann war ich mit einem Rezept wieder entlassen.

Mein Mann war zwar für mich da, er konnte dies jedoch weder verstehen noch nachvollziehen. Ich fühlte mich schrecklich allein mit meinem Problem. Die Tabletten nahm ich nur sehr sparsam, also immer nur dann wenn ich merkte dass wieder so eine Angstattacke kommt. Lange vermied ich alles was sie auslösen konnte, lange Zeit sah ich mir nicht einmal mehr die Nachrichten an.

Ich hatte Angst abhängig zu werden und versuchte diese Attacken auch ohne Tabletten zu überstehen. Sie waren unterschiedlich stark: bei manchen gelang es mir mich abzulenken aber wenn die Attacken zu stark waren ging ohne Tablette einfach gar nichts. Langsam wurden die Attacken seltener, aber die Angst vor einer neuen Attacke war immer gegenwärtig. Dies ging bestimmt so über ca. 2 Jahre und ich dachte, ich werde sie nicht mehr los. Die starken Attacken haben schon nach ca. 1 Jahr aufgehört, die schwächeren überstand ich gut ohne Tabletten. Sie hörten dann irgendwann ganz auf. Doch für den Notfall hatte ich immer noch die Tabletten parat. Vor ca. 2 Jahren habe ich die letzten Tabletten entsorgt - sie waren abgelaufen - und habe mir keine neuen besorgt.

Ich kann nur hoffen, dass die Angstzustände nie wieder kommen, aber genau wissen tue ich es natürlich nicht. Wer weiß schon wie ich reagiere (bzw. mein Körper), wenn tatsächlich vielleicht mal ausgerufen wird „Friede und Sicherheit für alle Zeit“? Dies ist übrigens einer der Lieblingsausspüche meiner Mutter gewesen, wenn es darum ging mir die Vorzeichen Harmagedons einzutrichtern.

Meine Mutter ist vor 2½ Jahren gestorben, seitdem geht es mir besser, seit dem habe ich auch diese Angstzustände nie wieder gehabt. Ich weiß allerdings nicht ob es was mit ihrem Tod zu tun hat.

Als ich in unserem Hotel auf das Infolink Seminar gestoßen bin, habe ich mich das erste Mal im Leben verstanden gefühlt. Ich bin sehr dankbar euch getroffen und kennengelernt zu haben.