Wie es ist, ein transsexueller Mormone zu sein

Ich wurde an einem sehr kalten Herbsttag in einer deutschen Kleinstadt geboren. Als der Arzt mich nach der Geburt untersuchte, stellte er überzeugt fest, ich sei ein „Junge“. Meine Mutter war glücklich, meine Schwester eifersüchtig. Ich wuchs mit wenig Liebe und viel Leid auf, da wir wenig Geld zum Leben hatten.

Meine Mutter war eine Christin, die ihre Religiosität zuhause durch tägliches Bibellesen, singen und beten auslebte, da sie von der Kirche enttäuscht war. Meine Schwester war anders. Sie war jung und ihre dunklere Hautfarbe machte sie für deutsche Männer sehr attraktiv, sie ging oft aus. Dies blieb nicht ohne Konsequenzen, denn sie bekam fünf Babys von vier unterschiedlichen Vätern. Mir war immer klar, dass ich „anders” als die anderen Jungs war. Während diese zusammen Fußball spielten, sich balgten, die Bilder nackter Frauen ansahen oder masturbierten, las ich in Büchern, hörte alte Popsongs und träumte. Ich stellte mir vor, dass ich ein Mädchen sei, das wunderschöne Kleider trug, tanzte und wundervoll sang.

Meine Lieblingssängerin zu der Zeit war Brenda Lee und wie sie wollte ich sein. Niemand wusste von meinen Gefühlen und niemand durfte etwas davon wissen! Wie die Engländer ihre Kronjuwelen beschützen, so beschützte ich meine Gefühle seit meinem vierten Lebensjahr: Ich stahl die Kleider und das Make Up meiner Schwester um beides heimlich zu tragen und hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Während andere Kinder ihre eigene Identität austesteten und mit unterschiedlichen Rollen spielten, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas „Verbotenes“ tat. Ich ging zur Schule und lebte zwei Leben: ein öffentliches und ein geheimes Leben.

Meine Mutter, meine Schwester, meine Klassenkameraden merkten alle nichts hiervon.

Nach Beendigung meiner Zeit wurde ich aus der Schule entlassen und da mir nicht erlaubt wurde, den Beruf zu erlernen, den ich wollte (Krankenpfleger), sollte ich nach dem Wunsch meiner Mutter Verkäufer werden, etwas wofür mir jedes Talent fehlte. Meine Mutter sah dies auch ein und so sollte ich Metzger werden. So lernte ich das Metzgerhandwerk. Drei Jahre ging ich auf die Berufsschule. Drei Jahre lang musste ich rohes Fleisch berühren, schlachten und lernen wie deutsche Würste gemacht werden.

Mein Herz streikte und plötzlich hörte ich auf zu lernen und zur Berufsschule zu gehen. Deshalb bekam ich auch das Abschlusszeugnis nicht, das meiner Mutter so wichtig war.

Heute denke ich, dass meine Mutter befürchtete, dass ich schwul sei und deshalb wollte, dass ich einen männlichen Beruf erlernte.

Dann kam der Tag, der mein gesamtes Leben verändern sollte: zwei Mormonenmissionare kamen an unsere Tür! Meine Mutter wollte nichts mit ihnen zu tun haben aber ich hörte den zwei jungen Amerikanern aus Utah gerne zu. Sie erzählten mir von den Indianern und dem „Wilden Westen“, Themen, über die ich wenig wusste. Ich hatte Westernserien wie „Gunsmoke” oder „Die Männer von Shiloh" als Kind sowieso immer geliebt. Und ich liebte die Bücher des deutschen Autors Karl May, der mein Interesse an dem Thema als erstes erweckt hatte mit der erfundenen Figur des Indianerhäuptlings „Winnetou”. Sie erzählten mir von den Pflichten eines Mitglieds der Mormonen und ich passte mich ihnen an. Es schien mir nicht schwer sich an die „Worte der Weisheit” zu halten. Oder an die Abgabe des Zehnten. Ich hatte kein sexuelles Interesse, nur das Gefühl, eine Frau gefangen in einem Männerkörper zu sein. Eine den Missionaren gestellte, vorsichtig formulierte Frage in diese Richtung zeigte mir, dass diese Vorstellung in ihren Augen verboten war.

Ich wollte Mormone werden und so unterdrückte ich meine Gefühle und wagte auch nicht mehr heimlich so zu leben. Ich wollte missionieren gehen, hatte aber nicht genug Geld gespart, daher half mir die Gemeinde das notwendige Geld zusammen zu bekommen. Ich begab mich also zur Deutschen Mission in Hamburg, um Gott näher zu sein und auch um die Frau in mir zu unterdrücken.

Die Missionstage waren mit Tür zu Tür gehen, Diskussionen und Essenseinladungen bei Mitgliedern ausgefüllt. Nur die Nächte waren schlimm! Ich rollte mich oft mitten in der Nacht in meinem Bett umher wegen meiner Alpträume. Träume, in denen die Frau in mir mit aller Macht herauskommen wollte. Und es war immer noch zu schwierig für mich sie zu unterdrücken. Ich betete und las in den Heiligen Schriften, aber nachts änderte sich nichts. Ich wurde über Bremen nach Berlin versetzt und von dort nach Hamburg und Pinneberg. Dort bekam ich einen Partner aus Österreich, einen jungen, gut aussehenden Mann auf den jede unverheiratete junge Frau flog.

Eines Tages klopfte eine junge Frau mit sehr schlechten Zähnen (ich nannte sie immer „Pferdezähne“) an unserem Apartment und wollte uns – so die offizielle Version – im Missionsdienst begleiten. Sie wollte mit meinem Partner mitgehen und ich sollte allein auf die andere Straßenseite gehen. Als wir unterwegs waren bekam ich plötzlich Herzschmerzen und –rasen und ich fühlte, dass das Eifersucht war. Eifersucht? Auf wen? Natürlich auf sie, denn sie hatte als Frau all die Dinge von denen ich träumte! Ich wurde mitten auf dem Gehweg ohnmächtig und wurde medizinisch versorgt. Ich wurde zum Missionspräsidenten gerufen, der geborener Deutscher und eingebürgerter Amerikaner war. Er wollte mich nach Hause schicken, aber dumm und religiös wie ich war, bat ich ihn, meine Missionstätigkeit fortsetzen zu dürfen. Ich wurde nach Österreich versetzt, wo meine erste und einzige Station Klagenfurt in Kärnten war. Mein erster Partner kam aus Kalifornien. Ein junger Mann, der es verstand, die Missionsregeln auf seine eigene Art zu interpretieren. So hörte er verbotene Musik mit dem Kopfhörer, praktizierte einen gefährlichen Sport und war im Haushalt ganz und gar nicht sauber und ordentlich. Nichtsdestotrotz mochte ich ihn!

Dann erlebte ich an einem Tag mitten in der Woche eine Überraschung. Eine Schwester aus meiner Heimatgemeinde wurde nach Klagenfurt gesendet. Ich wurde wieder krank, dieses Mal an den Zähnen. Aber alle dachten diese Krankheit hätte einen psychischen Hintergrund und dass ich Selbstmord begehen wolle. Was für ein Unsinn! Mein Partner und ich (ich hatte in der Zwischenzeit einen neuen Partner aus Utah bekommen) mussten für einen Tag und eine Nacht in ein Wochenendhaus, dass einem der Mitglieder gehörte, wo wir von allen anderen Missionaren unseres Bezirkes erwartet wurden. Zwischen zwei Missionaren schlief ich – wenn man das so nenne konnte – am Küchentisch, während die Schwestern im Bett schliefen. Wie gerne hätte ich mit ihnen getauscht!

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Zug nach Wien zum Missionspräsidenten, der mich „mit Ehren” aus dem Missionsdienst entließ und mich nach Hause sandte, wo mich ein Mitglied der Kirche (ein Berater des Bischofs) bereits erwartete, um mich heimzufahren. Meine Mutter war froh, dass ich wieder zu hause war und besorgte mir einige Wochen später Arbeit in einer Metzgerei. Sogar meine Schwester war froh mich wiederzusehen, hatte sie doch jetzt ihren „Babysitter“ zurück.

Es war ein wenig anders in der Kirche. Jeder konnte sehen, dass ich meine Missionszeit von zwei Jahren nicht beendet hatte (sondern nur 18 Monate). In ihren Augen hatte ich versagt, dass konnte ich fühlen. Und ich war in meinen eigenen Augen ein Versager! Ich schloss mich dem Sekretär an und erfuhr so einige interne Dinge. Zum Beispiel über die Schwester, die von einem Bruder vergewaltigt wurde und die ausgeschlossen wurde, weil sie sich nicht genug gewehrt hatte. Dem Bruder geschah nichts! Mehrere Brüder legten mir nahe zu heiraten. Ich wollte nicht, aber der Druck auf mich wurde merklich größer und größer.

Dann fing ich an darüber nachzudenken. Vielleicht wäre eine Ehe gar nicht so schlecht?

Vielleicht könnte dies mir helfen wieder „normal” zu werden und die Frau in mir endgültig zu töten? Ich ging zu einem unserer Treffen für junge Erwachsene in Düsseldorf und traf dort eine junge Frau. Sie kam aus Südamerika (Chile) und war sehr nett. Ich stand mir aber selbst etwas im Weg und verpasste so eine Chance. Ich ging mit Schwestern aus meiner Gemeinde aus, aber ich blieb immer höflich und unverbindlich.

Dann traf ich Domenica, eine junge Frau aus einem kleinen Zweig. Obwohl ich sie nicht liebte fragte ich sie in Panik ob sie mich heiraten wolle. Weil ich die Frau in mir endgültig verbannen wollte. Sie wollte. Weil sie ebenfalls verheiratet sein wollte, da sie sich als heterosexuelle Frau nur dann definieren kann, wenn sie verheiratet ist, einen Mann und so viele Kinder wie möglich hat. Ich wusste auch, dass sie emotional nicht stabil war.

Ich schob das Wissen über ihren Gesundheitszustand und über die Frau in mir beiseite. Ich machte mich selbst glauben, dass alles gut werden würde. Papperlapapp!

Wir heirateten 1982 und ein Jahr später im Oktober wurde unsere Tochter Rebecca geboren. Kurze Zeit nachdem meine Frau mit unserer Tochter aus dem Krankenhaus nachhause gekommen war, lag meine Tochter auf meinem nackten Bauch während meine Frau in der Küche war. Sie rutschte, ohne dass ich es bemerkte, in Richtung Brust und begann zu saugen. Erschrocken schrie ich auf und meine Frau kam in das Zimmer gerannt, den Kochlöffel in der Hand. „Was ist los?“ fragte sie ängstlich. Ich erwiderte „nichts” und begann plötzlich zu weinen. Warum bin ich so? Warum hast du mich so geschaffen, oh Gott, mit der Seele einer Frau ohne ihren Körper? In diesem Moment wurde mir die Aussichtslosigkeit meiner Lebenssituation bewusst. Der Druck in mir wurde größer und schließlich unerträglich und ich zog heimlich Frauenkleider an, kurz nachdem meine Frau weggefahren war, um ihre Mutter in Mönchenglattbach zu besuchen. Sie kam zurück und ich verhielt mich wie immer. Nach außen lebte ich so, wie meine Frau und die Kirche es erwarteten, aber heimlich lebte ich ein anderes Leben. Jedes Mal, wenn meine Frau mit meiner Tochter und später mit meinem Sohn zu ihrem Vater fuhr, wurde ich die Frau, die ich war.

Ich nahm mir das Recht, die Frau zu sein, die ich sein wollte. Und sobald sie zurück kamen, war ich wieder der „Mann“, der zu sein von mir erwartet wurde. Eine schizophrene Situation, die nicht ohne emotionale und psychische Folgen bleiben konnte. Ich trank Wein und Schnaps, um den Druck ertragen zu können und fühlte mich schuldig. Schuldig, weil Mormonen keinen Alkohol trinken. Ich wurde depressiv und wollte eines Tages, als meine Frau mit den Kindern bei ihrer Mutter war, Selbstmord begehen. Es war Weihnachten 1991 und alles brach über mir zusammen. Ich nahm Tabletten mit Rotwein, erbrach alles und überlebte so glücklicherweise. Ich verstand dann, dass ich immer noch transsexuell war und niemand konnte das mit nichts ändern. Gott hatte mich so erschaffen. Diese Erkenntnis machte mir Angst. Würde ich jetzt nicht alles verlieren, was mir wichtig war, wenn ich erzählen würde, wer ich war? Eine Frau, gefangen im Körper eines Mannes? Meine Frau würde mich verlassen. Dann würde ich vielleicht meine Kinder nie wiedersehen. Ich würde von den Mormonen ausgeschlossen werden. Meine Schwester würde nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Und die Kirchenmitglieder? Sie würden mich ebenfalls meiden und mich wie einen Leprakranken behandeln.

Ich traute mich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen. Nicht mit dem Bischof (dem Haupt der Gemeinde) noch mit meinem Hauslehrer oder mit guten „Freunden“ in der Kirche. Aber die Frau in mir wollte heraus. Verstärkt konnte ich sie nicht mehr verstecken und wollte das auch nicht mehr und so wurde sie sichtbar! Auch meiner Frau fiel das auf und sie fragte sich, ob ich vielleicht ein Zwitter sei. Aber sie dachte, dass geht wieder vorbei. Dann, eines Tages, als ich mal wieder auf Arbeitssuche war, fand sie meine Frauenkleider. Aber sie sprach nicht mit mir, sie sprach mit ihren Eltern. Ihr Vater dachte, dass ich eine Geliebte habe, aber ihre Mutter glaubte, dass die Kleider mit gehörten. Bingo!

Einige Tage später saß ich im Wohnzimmer und sah meine Lieblingsserie „Rosanne“ als meine spätere Exfrau sich vor mir aufbaute und mit ein Blatt Papier reichte. Auf dem Papier stand, dass ich mich aufgrund einer erfundenen Geliebten von ihr trennen solle, ansonsten würde ich meine Kinder nie wiedersehen. Ich wusste dann, dass ich ihr die Wahrheit über mich erzählen musste. Ich sagte ihr, dass ich transsexuell bin. Sie stand da wie vom Blitz getroffen. „Ich bin keine Lesbe“, war das erste, was sie sagte. Seltsam, denn in den letzten fünf Jahren unserer zehnjährigen Ehe hatten wir „lesbischen“ Sex. Sex, der nicht auf die Penetration fixiert war.

Meine Frau wollte, dass drei Dinge geschehen:

  1. Unsere Scheidung
  2. Ich sollte den Kindern den Grund für die Scheidung erklären
  3. Ich muss dem Bischof erzählen, dass ich transsexuell bin

Ich stimmte sofort einer Scheidung zu, da einer der zwei von mir aufgesuchten Experten, ein Psychotherapeut, sagte, dass die Scheidung rechtliche Voraussetzung für die Geschlechtsumwandlungsoperation war. Obwohl ich meine Frau inzwischen liebte, war die Operation wichtiger für mich. Es war viel schwieriger, meinen Kinder zu erklären, dass ich transsexuell bin. Zu meiner großen Überraschung nahmen es die Kinder gut auf.

Meine Tochter Rebecca fragte Fragen, die ungewöhnlich waren für eine Achtjährige - gute, clevere Fragen. Mein Sohn David mit seinen vier Jahren, inzwischen ein bekannter Ruderer in dieser Stadt, nahm alles eher spielerisch auf.

Nun war meine Beichte über meine Transsexualität in der HLT-Kirche vor dem Bischof an der Reihe. Als ich in das Büro des Bischofs ging und im sagte, dass ich transsexuell bin und mich operieren lassen würde, holte er, ohne ein Wort zu sagen, ein Formular von seinem Schreibtisch, füllte es aus und reichte es mir. Ich sollte das Formular unterschreiben. Auf dem Formular stand, dass ich aus der HLT-Kirche austreten wolle. Aber das wollte ich nicht! Ich wollte weiterhin ein Mitglied der HLT-Kirche bleiben.

Ich wollte weiter zur Kirche gehen und mich weiterhin an die Mormonengebote halten. Ich wollte nur nicht mehr zu den Priesterschaftstreffen gehen aber ich wollte weiter zu den Treffen der Relief Society gehen. Der Bischof sagte mir, dass dies unmöglich sei, da transsexuelle Mitglieder sofort ausgeschlossen würden. Das dies eine der Regeln sei, die der lebende Prophet allen Mormonen gegeben hat. Er sagte mir, dass ich ausgeschlossen würde, wenn ich mich nicht von meinem Plan mich operieren zu lassen distanzieren würde. „Das kann ich nicht tun, Bischof“, sagt ich ihm. „Ich bin eine Frau und werde es immer sein. Ich kann so wie bisher nicht mehr weitermachen. Ich habe zwei Selbstmordversuche hinter mir, ich war alkoholabhängig und depressiv, weil die Frau in mir heraus möchte und ich habe sie aufgehalten, weil die Kirche das so wollte.“

„Dann gibt es nichts weiter zu sagen”, sagte er und bat mich, sein Büro zu verlassen. Ich wurde am 2. Februar 1992 offiziell ausgeschlossen. Ich durfte nicht mehr zur Kirche gehen und durfte mit Kirchenmitgliedern nicht mehr sprechen und es war ihnen verboten mit mir zu sprechen, wie mir meine Exfrau einmal sagte.

Die Mitglieder meiner HLT-Gemeinde dachten ich sei egoistisch, krank, pervers oder verrückt. Niemand wollte wissen, wer ich bin oder was ich fühlte. Ich hatte zu funktionieren! Als Mann, Vater, im Priesteramt und als Mitglied der HLT-Kirche hatte ich zu gehorchen. Mein Psychotherapeut war mir eine große Hilfe und verschaffte mir einen Job in einem Krankenhaus auf der Frauenstation. Zurückblickend muss ich sagen, dass mich die Zeit bei den Mormonen sehr geprägt hat und dazu beigetragen hat, dass ich später eine Hexe (WICCA) wurde. Aber ein transsexueller Mensch zu sein in einer Sekte wie den Mormonen bedeutete, mich selbst zu verleugnen, mich selbst zu hassen. (Sinngemäß aus dem Englischen übersetzt)