Weltentrückt

Als meine noch nicht volljährige Zwillingsschwester unsere Familie verließ um einen Bruder in einer anderen Stadt zu heiraten, war ich sehr unglücklich.

Auf der Hochzeitsfeier gab es noch einen Bruder, der sehr traurig war. Markus, der beste Freund meines Schwagers.

Ich saß etwas Abseits der Hochzeitsgesellschaft und Markus setzte sich zu mir. Er meinte, er würde ein Lied kennen, was gerade passen würde und fing an zu singen: Tom Waits „Better off without a wife“. Es ist sehr sarkastisch und handelt davon, dass man ohne Frau doch besser dran sei. Das Markus mir das Lied vorsang, tröstete mich.

Schon vorher war er mir wegen seiner hübschen braunen Locken und der schönen Augen aufgefallen. Aber ich hatte mich bereits entschlossen, die Zeugen Jehovas zu verlassen und dachte, daß das eine Beziehung zu ihm unmöglich machen würde.

Ein paar Tage nach der Hochzeit rief er mich an, um zu fragen, ob wir nicht mal etwas gemeinsam unternehmen wollen. Ich hatte andauernd an ihn gedacht und hätte nichts lieber getan, doch ich wollte mich auf keinen Fall an einen Zeugen Jehovas binden. Ich hatte aber nicht den Mut Markus das zu sagen, schließlich wohnte ich noch bei meinen Eltern, die vorbildliche Zeugen Jehovas waren. Also sagte ich ihm nur, ich könnte mich nicht mit ihm treffen und brach dabei in Tränen aus. Das verwirrte den armen Markus natürlich. Ich war verzweifelt und beendete das Telefonat abrupt.

Ein Jahr verging, ohne das wir uns über den Weg liefen. Ich war inzwischen volljährig geworden und zuhause ausgezogen. In die Versammlung ging ich nicht mehr. Trotzdem wurde ich noch zur Eröffnungsfeier des Geschäftes meines Schwagers eingeladen. Dort traf ich auch Markus wieder.

Wir schlichen erst unsicher umeinander rum, aber später am Abend saßen wir zusammen und unterhielten uns wieder angeregt. Markus erzählte, daß er in der Zwischenzeit mit zwei Brüdern als Missionar in der Karibik gewesen ist. Im Gegensatz zu den anderen beiden war er ohne Frau und nach wenigen Wochen zurückgekehrt. Es wurde immer später. Ich hatte meinen ersten Urlaubstag und war in bester Stimmung.

Wir kamen auf Weimar zu sprechen und waren uns einig, daß man - jetzt wo die Grenzen offen waren - unbedingt mal da hin musste. Also verabredeten wir uns für nächsten Tag am Bahnhof. Als ich nächsten Tag, wie verabredet am Bahnhof stand, rechnete ich nicht wirklich damit, daß er kommen würde. In dem Augenblick indem ich ihn sah, schlug mein Herz wie verrückt.

Wir umarmten uns und ließen uns von da an nicht mehr los! Die Fahrt nach Weimar war ein einziger Liebesrausch. Es waren goldene Herbsttage. Wir liefen barfuss durch den Park...

Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte ihm, daß ich keine Zeugin Jehovas mehr sein wollte. Da lachte er nur und meinte, daß er sich das schon gedacht habe.

Es dauerte ein paar Monate, aber wir haben uns dann beide ausschließen lassen.