Einführende Bilder zur Archäologie

Bekommt man heute ein blau eingebundenes Buch Mormon in die Hand, so ist es ein reines Textbuch. Das war nicht immer so.

In den 1960er und 70er Jahren fand man zur Abwechslung einige auf den Inhalt bezogene Gemälde von Arnold Friberg, und diese Bilder stellten jedes Bodybuilder-Magazin in den Schatten. In der Einführung des Buches waren zudem noch Bilder von Jesus, Joseph Smith, dem Hügel Cumorah sowie die folgenden Fotos, die ich in aller Kürze kommentieren möchte. Dies soll keine wissenschaftliche Abhandlung werden, es soll nur eine Anregung zum Nachdenken und weiteren Nachforschungen in Lexika und Geschichtsbüchern sein, denn immerhin wurden über einen Zeitraum von einem viertel Jahrhundert Millionen Exemplare mit diesen Bildern und Erklärungen unter die Menschheit gebracht, das allein soll ausreichend Anlaß für diese Betrachtungen sein.

Ein allgemeiner Kritikpunkt vorweg. Wie wir aus dem Text unschwer erkennen können ist es uns aufgrund ungenauer Quellenangaben unmöglich, weitere Dinge über die hier vorgestellten Objekte in Erfahrung zu bringen. Das bedeutet, wir können die gemachten Aussagen nicht nachprüfen und müssen deshalb zumindest ihre Richtigkeit voraussetzen. Das ist eine sehr schwerwiegende Einschränkung, denn wie wir sehen werden, kann man sich nicht ohne Weiteres auf die Texte verlassen.

Wenn im folgenden von der Buch-Mormon-Zeit gesprochen wird, so ist es am plausibelsten, darunter die Zeit von 600 v.u.Z. bis 400 (u.Z.) zu verstehen. Gegebenenfalls kann man die jareditische Auswanderungsgruppe mit einbeziehen, so daß bereits 2200 v.u.Z. begonnen werden kann, jedoch fand diese Gruppe keine so große Verbreitung. Die Gruppe um Lehi besiedelte hingegen fast den gesamten amerikanischen Kontinent, wie uns das Buch Mormon wissen läßt.

Zum ersten Bild fällt auf, daß keine genaue Angabe zu „Darius“ gemacht wird. Handelt es sich um Darius I., II. oder III.? Die Regierungszeiten waren entsprechend 522–486, 423–404 und 336–330, jeweils v.u.Z. Das 5. Jahrhundert schließt Darius III. schon aus und wahrscheinlich bezieht man sich sowieso auf Darius den Großen, also auf Nummer I. Ein Hinweis auf den genauen Fundort fehlt. Es wird auch nicht gesagt, worum es in dem Text geht, obwohl das sicherlich bekannt ist. Betrachten wir die Assoziationen, die mit diesem Bild geweckt werden sollen, so fällt auf, daß es sich um einen Fund aus der Alten Welt handelt. In Amerika hatte sich zur Zeit der Entdeckung gerade eine primitive bildhafte Schrift entwickelt, an eine hochentwickelte Keilschrift war nicht zu denken. Die Bildunterschrift referenziert jedoch auf eine Zeit 2000 Jahre früher, zu der es in Amerika nur Anfänge von Schrift gab.

An dieser Stelle müssen wir uns ein wenig mit der Metallurgie im vorkolumbianischen Amerika beschäftigen. Es darf nicht überraschen, daß sich diese Fertigkeiten nur in eng begrenzten Regionen entwickelten und weitergegeben wurden. Erste Objekte aus reinem Kupfer entstanden etwa 4000 Jahre v.u.Z. im Gebiet um die Großen Seen in Nordamerika. Ab etwa 1000 v.u.Z. begann man in Peru mit der Bearbeitung von Gold und erst nach der Zeitenwende entwickelte sich die Fähigkeit zum Gießen von Metall. Verwendung fanden allerdings nur Gold, Silber und Kupfer. Später wurden auch Platin, Blei und Zinn verarbeitet. Letzteres nutzte man mit Kupfer ab etwa 1200 zur Herstellung von Bronze, so daß die Spanier Amerika im Bronze-Zeitalter antrafen. Es gibt keine Hinweise für die Verarbeitung von Zink, so daß die Aussage über Objekte aus Messing schlichtweg falsch ist. Sicherlich sollte sie die Verwendung von Messingplatten zur beschriebenen Geschichtsschreibung plausibel machen.

Obwohl wir wieder nicht viel über die Herkunft des Objekts erfahren, können wir bereits einige nützliche Grenzen anlegen. Es handelt sich offenbar um einen getriebenen Schmuckgegenstand aus Goldblättchen mit einfachen Mustern. Er müßte also etwa zwischen 700 und 300 v.u.Z. entstanden sein, falls er aus dem nördlichen Peru stammt, wo sich diese Fertigkeit zuerst entwickelte. Ein solcher Goldschmuck mit Ornamenten stellt jedoch bereits die höchste Kunst dieser Epoche dar und beschränkt sich auf die Chavín und Mochica. Hier allgemein von den Frühbewohnern Amerikas zu sprechen kann als Übertreibung angesehen werden. Die Olmeken, die sich mit ihrer Blütezeit von ca. 1200–400 v.u.Z. als einzige große Zivilisation in die Zeit des Buches Mormon einordnen läßt, hatten noch keine Metalle bearbeitet, nicht einmal Werkzeuge für die Bearbeitung ihrer Kunstwerke aus Stein lassen sich finden. Selbst spätere Kulturen erlangten die Kunst der Verarbeitung von Metallen nur langsam. Finden sich bei den Maya (600–900) fast keine Gegenstände aus Metall und sind sie auch bei den Azteken (1300–1500) selten, so zeigten sich die Mixteken (ca. 900) und die Inka (1200–1500) als geschickte Bearbeiter von Metall. Es lassen sich also gewaltige regionale Unterschiede in den Fertigkeiten und der Anwendung erkennen.

Gobelin-Weberei begann etwa 100–200 in Peru, die Technik hatte sich bis zum 6.–7. Jahrhundert in dieser Region etabliert. Die meisten Funde stammen aus den Gräbern an der trockenen Küste Perus aus der Zeit 8.–12. Jahrhundert. Farben und Formen des abgebildeten Objekts deuten aber auf einen Inka-Ursprung hin, also sicherlich nach 1100, was von der Zeit des Buches Mormon deutlich abweicht.

Ich kann dieses Bild weder zuordnen noch datieren. Es wird hier auch nicht behauptet, daß es in die vom Buch Mormon beschriebene Zeit hineinfällt. Auffallend ist jedoch, daß die wirklich charakteristischen Elemente ägyptischer Malerei nicht vorhanden sind. Der einfache Umstand, daß das Gemälde auf eine glatte Tempelwand aufgebracht wurde, stellt in meinen Augen noch keine „ägyptische Manier“ dar.

Ein Blick ins Lexikon fördert in etwa folgendes zu Tage: „Machu Picchu [span. 'matòu 'piktòu], Ruinenstadt der Inka im südl. Z-Peru, nw. von Cuzco, auf einem Bergsporn über dem linken Ufer des Río Urubamba, 1911 entdeckt. Tempelbauten auf terrassiertem Gelände, u. a. Torreón, ein halbkreisförmiger Turm aus regelmäßigem Quadermauerwerk, der einen heiligen Felsen mit Opfertischen umschließt. M. P. wurde um 1450 errichtet.“ Wie die 2000 Jahre zustande kommen sollen bleibt völlig rätselhaft.

Die erwähnte klassische Periode der Maya-Kultur wird zwischen 250 und 900 angesetzt. Der Komplex Palanque entstand aber erst in der späten klassischen Periode und Maya-Blütezeit 600–900. Es handelt sich dabei um eine beeindruckende Anlage, die aus Palast und Tempelpyramiden besteht. Der gewaltige Palast bildet das architektonische Zentrum, ihm ist ein in der Maya-Kultur einmaliger vierstöckiger Turm mit quadratischer Grundfläche angegliedert. Der interessanteste Teil ist der Tempel der Inschriften mit seiner Grabkammer.

Zur Anlage gehören auch der Tempel des Kreuzes, der Tempel des geblätterten Kreuzes und der Sonnentempel. Diese drei Tempel wurden für die gleichen Kulthandlungen genutzt. Es ist für mich schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet ein so unscheinbarer Teil von Palanque zur Abbildung ausgewählt wurde. Möglicherweise sollte über den Begriff „Kreuz“ eine Verbindung zum Christentum geschaffen werden. Das gleiche betrifft das „Kreuz von Palanque“, zu dem ich trotz seiner „Berühmtheit“ keine Informationen finden konnte. Darauf deutet auch der Ausdruck „Anfänge der christlichen Ära“ hin, denn Tempel wurden z.B. von den Olmeken schon über eintausend Jahre vor der Zeitenwende errichtet. Auffallend ist auch die umschreibende Datierung, die augenscheinlich in die Buch-Mormon-Periode hineinfällt, eine genauere Untersuchung zeigt dann doch, daß Palanque deutlich nach der Buch-Mormon-Zeit errichtet wurde.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Die Archäologie der Neuen Welt paßt nicht zu den Ansprüchen und Inhalten des Buches Mormon. Mit solch oberflächlichen Assoziationen, wie sie hier im Buch Mormon präsentiert wurden, können sich nur Desinteressierte und Ungebildete zufrieden geben, oder wer die Fakten alle zusammen ignoriert. Dabei ist nicht einmal großes Wissen erforderlich, oft genügen ein paar Blicke in ein Lexikon, um über die Mißinterpretation aufzuklären. Es bleibt die Frage, wie die HLT-Gemeinschaft diese Dinge über ein viertel Jahrhundert millionenfach verbreiten konnte.