Wissenschaft, Pseudowissenschaft und religiöse Pyramidenlehre in der Adventisten- und Bibelforschertradition

Cheops Pyramide 19. JhdIm Verlauf des späten 19. Jahrhunderts fand ein merkwürdiges intellektuelles Phänomen, die Pyramidenlehre, Eingang in die Glaubensgebäude einer Anzahl Christen, Katholiken wie Protestanten, auf beiden Seiten des Atlantik.

In seinem Buch Secrets of the Great Pyramid berichtet Peter Tompkins ausführlich, wie die moderne Pyramidenlehre, verschieden von ihrem antiken Gegenstück, begann. Doch Tompkins beschreibt nicht die Art und Weise, wie sie zu einem Teil des Lehrsystems bestimmter Religionsbewegungen in Amerika wurde, insbesondere der Bibelforscher.

Wie in dem Buch Secrets of the Great Pyramid als auch in Martin Gardners Fads and Fallacies in the Name of Science gesagt wird, schrieb im Jahre 1859 John Taylor, ein exzentrischer britischer Publizist, ein Werk mit dem Titel The Great Pyramid [Anm. des Übers.: Im deutschen Sprachgebrauch hat sich „Cheopspyramide“ eingebürgert.] Warum wurde sie gebaut? Und wer erbaute sie? Taylor postulierte, der Architekt, der den Bau der Cheopspyramide geplant und überwacht hatte, sei kein Ägypter gewesen, sondern wahrscheinlich der biblische Patriarch Noah. Später schlugen Pyramidengelehrte vor, der Konstrukteur sei Melchisedek gewesen , aber in vielerlei anderer Hinsicht akzeptierten sie Taylors These.

Obwohl Taylor nie in Ägypten war, hatte ihn die Cheopspyramide schon lange interessiert. Was er bei seinen Studien feststellte, war, daß die architektonischen Proportionen der Cheopspyramide viele interessante geometrische and mathematische Eigenschaften aufwiesen. Taylor endeckte beispielsweise, daß das Verhältnis des Umfangs der Grundfläche der Pyramide zu ihrer doppelten Höhe eine sehr gute Annäherung des Verhältnisses des Kreisumfangs zu seinem Durchmesser ist.

Taylor glaubte, diese wichtige Universalkonstante sei in die Abmessungen der Pyramide eingefügt worden. Das Vorhandensein dieser Verhältniszahl wurde als besonders erstaunlich angesehen angesichts der Tatsache, daß es keine geschichtlichen Aufzeichnungen darüber gibt, daß jemand den genauen Wert schon früher bestimmte als viele Jahrhunderte nach dem Bau der Cheopspyramide.

Mit diesem geometrischen Verhältnis im Sinn suchte Taylor nach weiteren damit verbundenen Eigenschaften. Er bemerkte den Annäherungswert von 366/116,5. Natürlich handelt es sich (bei B) um eine irrationale Zahl, die man deshalb nicht als genauen Bruch darstellen kann. Doch Taylor war fasziniert von der Ähnlichkeit der Zahl 366 im Zähler dieses Bruchs mit der Zahl der Tage in einem Jahr. Indem er die Zahl 366 und andere Abmessungen der Pyramide manipulierte, schloß er, daß ihre Erbauer eine Längeneinheit benutzt hatten, die sich vom englischen Zoll nur um wenige Tausendstel eines Zolls unterschied. Fünfundzwanzig solcher „Pyramidenzoll“ machten eine „Pyramidenelle“ aus und 10 Millionen Pyramidenellen annähernd die Länge des Radius der Erde längs der Polachse. Diese und eine Reihe weiterer Berechnungen lieferten Taylor das, was er als angemessenen Beweis ansah, daß die Cheopspyramide als Modell der Erde gebaut worden war; eine Aufzeichnung für die Menschheit über die wichtigen Abmessungen und Maßverhältnisse der Erde.

Taylors Ideen wären wohl niemals bekannt geworden, hätte nicht Professor C. Piazzi Smyth, ein Israeli mit britischem Paß und königlicher Astronom Schottlands, gelebt. Smyth akzeptierte nicht nur Taylors Grundannahmen, sondern er baute auf ihnen auf und machte die Pyramidenlehre in Großbritannien, Amerika und auf dem europäischen Kontinent populär. Er brachte eine Reihe von Büchern über das Thema heraus, darunter Our Inheritance in the Great Pyramid (1864), Life and Work at the Great Pyramid (1867) und On the Antiquity of Intellectual Man (1868).

Smyth machte es sich zur Aufgabe, Taylors Ideen zu prüfen. Wie Taylor vor ihm studierte er die Messungen und Beobachtungen, die andere gemacht hatten, die Interesse an der Pyramide gewonnen hatten. Doch damit ließ er es nicht bewenden. Großenteils auf eigene Kosten reiste Smyth nach Ägypten und verbrachte erhebliche Zeit damit, Unmengen von Daten über die Pyramide zu sammeln. Dadurch gelangte er nicht nur zu der Überzeugung, daß Taylor mit seinen Behauptungen recht hatte, sondern er entdeckte auch viele weitere Fakten, die, so dachte er, die besondere Natur der Pyramide zeigten. Die Anzahl und Vielfalt geometrischer, mathematischer, physikalischer, geographischer und astronomischer Messungen durch Smyth ist wirklich erstaunlich. Eine kurze Beschreibung einiger Charakteristika der Cheopspyramide kann dazu dienen, Smyths Ausdauer, Aufmerksamkeit gegenüber Details und Imaginationskraft auf der Suche nach dem Beweis zu zeigen, daß die Pyramide mehr war als ein bloßes Pharaonengrab.

Die Architektur des Äußeren wie des Inneren der Pyramide lieferte Smyth die hauptsächlichen „Beweise“ für seine Mutmaßung. Er verifizierte das Umfang-, Höhenverhältnis durch einfache Trigonometrie und eine sorgfältige Vermessung des ansteigenden Winkels an einem der wenigen übriggebliebenen Mantelsteine, die ursprünglich das Äußere der Pyramide bedeckt hatten. Er machte sich auch große Mühe, die Länge der Grundlinie der Pyramide zu vermessen. Mit dieser Länge überzeugte er sich selbst, daß das „Pyramidenzoll“ tatsächlich die Maßeinheit beim Bau der Cheopspyramide gewesen war und daß diese und andere Abmessungen der Pyramide in enger Verbindung mit der Zahl der Tage eines Jahres standen, wie Taylor vermutet hatte.

Smyth leitete einen komplexen Satz von numerischen Beziehungen aus Dingen ab wie unter anderem der Anzahl der Steine, die in den inneren Kammern der Pyramide verbaut wurden, dem Volumen und der Form des Steinsarges in der Königskammer, der Anzahl der Flächen und Winkel an der Pyramide und der Anzahl der Steinschichten zwischen verschiedenen Kammern innerhalb der Pyramide. Aus irgendeinem Grund betrachtete Smyth Verhältnisse von Zahlenkombinationen wie 25, 50, 10, 366 und 9 als besonders bedeutsam. Er glaubte, diese Zahlen seien als Aufzeichnungen der „vollkommenen“ Maßstäbe, die Gott für den Gebrauch durch den Menschen vorgesehen hatte, in die Abmessungen der Pyramide eingebaut.

Neben den Längenmaßen verbrachte Smyth viel Zeit damit, andere physikalische Eigenschaften der Pyramide zu untersuchen: die Temperatur und den Luftdruck in den inneren Kammern und das Gewicht und die Dichte des Steinsarges in der Königskammer. Wieder gelangte er zu angeblich wichtigen Beziehungen zwischen diesen Maßen und kam zu dem Schluß, die vollkommenen Einheiten des Gewichts und der Temperaturwerte seien in diesen Maßen verkörpert.

An der Pyramide fanden sich interessante geographische und astronomische Eigenschaften. Sie ist beispielsweise so orientiert, daß ihre Seiten fast genau nach Norden bzw. Süden weisen. Smyth glaubte, sie sei absichtlich so gebaut worden und dies beweise, daß die Erdkruste sich seit der Zeit der Erbauung der Pyramide nicht um einen bedeutenden Wert verschoben habe. Er stellte auch fest, daß der Breitengrad und der Meridian, die sich an der Cheopspyramide kreuzen, mehr Land (im Gegensatz zu Wasser) durchqueren als andere Längen- oder Breitengrade. Taylors These, die Pyramide sei ein Modell der Erde, setzte sich in Smyth durch die Verifizierung der Tatsache fest, daß der Abstand der Erde von der Sonne annähernd 10 mal die Höhe der Cheopspyramide beträgt. Er sah diese Zahlen aus einem unbekannten Grund als bedeutsam an. Dies sind nur einige wenige der Hunderte von Messungen und Berechnungen, die er als Beweis für die besondere Natur der Pyramide vorbrachte.

Die Bedeutung all dessen ist schwer zu beurteilen. Gegner der Pyramidenlehre haben die ganze Bewegung als „Pyramidiotie“ bezeichnet und argumentiert, aus den „Geheimnissen der Großen Pyramide“ lasse sich nichts beweisen. Es stimmt zwar ohne Zweifel, daß die Pyramide viele interessante Eigenschaften aufweist, die ihr von den Pyramidologen zugeschrieben wurden, doch die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, zu beurteilen, was man vernünftigerweise aus ihnen schließen kann. Taylor und Smyth waren beispielsweise beide sicher, daß die Verhältniszahlen mit Absicht in der Pyramide steckten und daß dies auf ein besonderes Wissen ihrer Erbauer hinwies offenbar göttlichen Ursprungs. Und doch war Taylor selbst sich des Glaubens bewußt, den Ägypter früherer Zeitalter hatten, daß die Pyramide so konstruiert worden war, daß die Fläche einer ihrer Seiten das Quadrat ihrer Höhe betrage.

Dies zu errechnen sind keine großen mathematischen Fähigkeiten nötig, und in jedem Fall hätte eine Berechnung nach Versuch und Irrtum bald zu einer Annäherung an dieses Größenverhältnis geführt. Der Punkt ist folgender: Wenn die Pyramidenbauer tatsächlich vorgehabt hatten, die oben erwähnte Proportion mit einfließen zu lassen, dann betrüge das Verhältnis des Umfangs der Grundfläche zur doppelten Höhe 3,145, eine Differenz erst in der dritten Dezimalstelle. Das ist im wesentlichen eine so genaue Annäherung, wie Smyth behaupten konnte, sie in seinen Untersuchungen gefunden zu haben. Das Verhältnis konnte also als rein zufälliges Nebenprodukt einer Planung aufgetreten sein, die sich um das Verhältnis eines Kreisumfangs zu seinem Durchmesser keine Gedanken gemacht hatte. Der Schluß, das Größenverhältnis sei vorsätzlich „eingebaut“ worden, ist also ungerechtfertigt.

Viele der Berechnungen und Ableitungen, die Smyth darauf gründete, erscheinen künstlich und willkürlich. Was hat beispielsweise die Zahl 109 für eine Bedeutung, die gebraucht wird, die Höhe der Pyramide in Relation zum Abstand der Erde von der Sonne zu setzen? Welche Bedeutung hat die Zahl 10 Millionen, abgesehen davon, daß annähernd zehn Millionen Pyramidenzoll den Radius der Erde, am Pol gemessen, ergeben? Die Pyramide ist eine ergiebige Quelle der Art von Daten, mit denen Smyth arbeitete, und es würde einen überraschen, wenn er nicht fähig gewesen wäre, mit einigen interessanten Zahlenkombinationen herauszukommen, nachdem er die Daten manipuliert hatte.

Das generelle philosophische Problem, empirischen Daten die rechte Bedeutung beizumessen, ist sehr schwierig. Es scheint keinen einfachen, zufriedenstellenden Weg zu geben, festzulegen, welche Kriterien man beispielsweise für die Entscheidung heranziehen sollte, ob bei bestimmten erbauten Objekten vorgeplante geometrische Formen und Maße einbezogen sind, wenn es dafür keine geschichtlichen Beweise gibt. Bei individuellen Vorstellungen gibt es eindeutig einen großen Spielraum. John Taylor und Piazzi Smyth waren vollständig überzeugt, daß nahezu jedes architektonische Detail bei der Cheopspyramide mit Absicht dort vorhanden, also geplant war. Andererseits sind die meisten Wissenschaftler, Historiker und auch interessierte Laien sofort überzeugt, wenn sie Smyths Behauptungen lesen, daß er zu viel in die gesammelten Daten hineingelesen hat.

Darüber hinaus war Smyth kaum ein leidenschaftsloser, objektiver Wissenschaftler, als er sich mit der Pyramide befaßte. Seine Schriften zeigen, daß er mit einer tiefen emotionalen Hingabe „beweisen“ wollte, daß die christliche Religion wahr sei, und so sah er seine Arbeit an der Pyramide als Weg an, auf dem er das tun konnte. Smyth hatte auch große Abneigung gegen das metrische System, das er als das fehlerhafte Produkt aus den Köpfen französischer atheistischer Radikaler ansah. Immer wieder häuft Smyth in seinem Buch The Great Pyramid Spott und Verachtung auf das metrische System und seine Erfinder, weil sie „unnatürliche“ Standardeinheiten zum Messen benutzten. Zum Beispiel wies Smyth darauf hin, daß das Meter durch Teilen der Entfernung Äquator-Pol in 10 Millionen Teile geschaffen wurde, während das Pyramidenzoll (und das damit verbundene englische Zoll) wie oben erwähnt auf einer Teilung der Länge des Erdradius basierte. Er glaubte, daß solche Unterschiede das englische System weit überlegen machten, während viele seiner Leser (auch unter seinen Zeitgenossen) solche Vergleiche als lachhaft empfanden. Wieder war Smyths Überzeugung eng damit verbunden, daß er glaubte, das englische System spiegele insofern Gottes Willen wider, daß die englischen Maßeinheiten den in der Pyramide „entdeckten“ sehr nahe kamen. Seine Argumente beruhten auf Zirkelschlüssen und waren emotional und religiös motiviert.

Natürlich argumentiere ich hier sehr gegen die Person Smyths, was nicht in jedem Fall seine Behauptungen widerlegt. Die meisten Menschen sehen die Pyramidenlehre als in höchstem Maße albern und unsinnig an und machen sich daher nicht die Mühe, Argumente aus der Pyramidenlehre direkt anzugreifen. Merkwürdigerweise erweist es sich doch als schwieriger, als man erst glaubt, festzumachen, was an dem Werk von Taylor und Smyth dran ist, das es so wenig plausibel zu sein scheint. Vielleicht liegt es daran, daß die zugrundeliegenden Probleme etwas subtilerer Natur sind als oberflächlich gesehen, so wie mit den Kriterien, zu entscheiden, ob etwas geplant war.

Bei dem Gedanken an die Art der Arbeit Smyths und an seinen Charakter wird man den Verdacht nicht los, daß eine ähnliche Art der Analyse mit ebenfalls erstaunlichen Resultaten auch an anderen Strukturen vorgenommen werden kann. Angesichts des Fehlens einer machtvollen, allgemeinphilosophischen oder wissenschaftlichen Antwort auf die Pyramidenlehre antwortet man wohl vernünftigerweise mit einem Gegenbeispiel. Genau das hat Martin Gardner in seinem Buch Fads and Fallacies in the Name of Science getan. Er sagt:

Wenn man nur mal zum Spaß die Fakten über das Washington Monument im World Almanac nachschlägt, wird man eine beträchtliche Zahl von „Fünfen“ finden. Die Höhe ist 555 Fuß und 5 Zoll. Die Grundfläche ist 55 Quadratfuß mal 60 (oder fünfmal die Zahl der Monate im Jahr), das ergibt 3.300, das genaue Gewicht des Schlußsteins in Pounds. Auch das Wort „Washington“ hat genau zehn Buchstaben (zwei mal fünf). Und wenn man das Gewicht des Schlußsteins mit dem Wert der Grundlinie malnimmt, ist das Ergebnis 181.500 - eine ziemlich genaue Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit in Meilen pro Sekunde. Wenn die Grundlinie mit einem „Monumenten-Fuß“ gemessen wird, das etwas kleiner als das Standardfuß ist, kommt man bei den Seiten auf 56½ Fuß.

Und ist es nicht bedeutsam, daß das Monument die Form eines Obelisken hat - eines antiken ägyptischen Gebildes? Oder daß ein Bild der Cheopspyramide auf der Dollarnote erscheint, genau auf der anderen Seite von Washingtons Portrait? Überdies wurde die Entscheidung, die Pyramide (d.h., die Rückseite des Staatssiegels) auf Dollarnoten zu drucken, vom Finanzminister am 15. Juni 1935 angekündigt - Tag und Jahr sind Vielfache von fünf. Und hat das Wort „The Secretary of the Treasury“ [Finanzminister] nicht genau 25 (fünf mal fünf) Buchstaben?

Ein durchschnittlicher Mathematiker wird wohl 55 Minuten brauchen, um diese „Wahrheiten“ zu entdecken, wenn er nur mit den mageren Zahlen aus dem Almanach arbeitet. In Anbetracht der Tatsache, daß Smyth eigene Messungen vornahm und Hunderte von Längenangaben erhielt, mit denen er arbeiten konnte, und daß er 20 Jahre über den Zahlen brütete, kann man unschwer erkennen, wie er zu seinen bemerkenswerten Ergebnissen kam.

Die Verbreitung der modernen Pyramidenlehre

Aber die eigentliche Bedeutung der Cheopspyramide soll uns hier nicht in erster Linie interessieren. Es geht vielmehr um eine Anzahl christlicher Religionsführer, die die Taylor-Smythsche Theorie annahmen und zu einem Glaubensartikel machten. Zahllose Engländer nahmen sie auf, und in Frankreich wurde Abbé F. Moigno, der Kanonikus von St. Denis in Paris, ihr führender Befürworter. Doch es war in Amerika, wo sie die größte Unterstützung erhielt. Dort wurde ein erstmals 1877 von Joseph Seiss herausgegebenes Buch mit dem Titel Miracle in Stone populär und hatte wegen dieser Popularität 14 Auflagen. Obwohl sich viele Personen unterschiedlichen religiösen Hintergrunds der Pyramidenlehre verschrieben, wurde sie in den Vereinigten Staaten hauptsächlich von den Nachfolgegruppen der Milleriten oder Anhängern William Millers aufgegriffen, die die Wiederkehr Christi für 1843 und dann 1844 erwartet hatten.

Piazzi Smyths Vorstellungen über die Cheopspyramide waren zweifellos schon früher in Amerika bekannt, doch in Juni 1876 veröffentlichte er einen Artikel im Bible Examiner, einer Zeitschrift, die George Storrs aus Brooklyn, New York, gehörte. So machte Smyth die „Herrlichkeit der Großen Pyramide“ unter den amerikanischen Second Adventists bekannt. Denn Storrs war zwar nicht mehr mit einer Religionsgemeinschaft verbunden, doch er war ein Mann, der unter den verschiedenen Adventistengruppen immer noch großen Einfluß besaß, und der Bible Examiner diente als Sprachrohr für eine große Anzahl von Menschen, die in der englischsprechenden Welt der Nonkonformisten wichtig oder auch unwichtig waren.

Es überrascht daher nicht, wenn George Storrs ein paar Jahre später eine Reihe von Hauptartikeln über die Cheopspyramide und ihre prophetische Bedeutung im Herald of Life and the Coming Kingdom herausgab, dem offiziellen Organ einer kleinen Adventistengruppe, der Life and Advent Union, die Storrs gründen geholfen hatte. Ganz offensichtlich war die Union von Smyths Artikel im Bible Examiner und von Joseph Seiss’ Studien angezogen. Aber die Union war eine relativ kleine Gemeinde; sie ist letzthin mit der größeren Advent Christian Church verschmolzen, doch selbst in der Zeit ihrer größten Bedeutung hatte sie wenig Eindruck hinterlassen. Weit bedeutender ist daher die Tatsache, daß die Pyramidenlehre von dem Führer einer religiösen Gruppe aufgenommen wurde, die schnell größer werden sollte - Charles Taze Russell, dem ersten Präsidenten der heute als Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft bekannten Gruppe und Gründer der Internationalen Bibelforscher und ihrer geistigen Abkömmlinge, der Zeugen Jehovas.

Obwohl Russell sich nie als Adventisten betrachtete, waren es viele der Menschen, die größeren Einfluß auf ihn hatten. Nach seinen eigenen Angaben hatten Storrs und ein adventistischer Prediger, George Stetson, den größten Einfluß auf ihn. Und im Jahre 1876 übernahm er das ganze System prophetischer Spekulationen über die parousía Christi und das herannahende Ende der Welt von Dr. Nelson Barbour, einem weiteren Second Adventist, der - wie Storrs und Stetson - mit William Miller zusammengewesen war. Auch wenn er also den Namen zurückwies, war Russell im Grunde genommen ein Adventist in der Tradition der Second Adventists.

Sehr wahrscheinlich übernahm Russell die Pyramidenlehre aufgrund des Einflusses, den Männer wie Dr. Joseph Seiss und George Storrs auf ihn hatten. Ihrem Beispiel folgend verkündete er in Zion’s Watch Tower vom 3. September 1883, Gott habe die Cheopspyramide als ein Zeichen in Ägypten gesetzt. Doch die Betonung lag bei ihm erst auf der Pyramidenlehre, als er 1897 den Band 3 seiner berühmten Schriftstudien herausgab, betitelt Dein Königreich komme.

Er widmete in Dein Königreich komme der Pyramide ein ganzes Kapitel und ging damit weit über Taylor, Smyth, Seiss, Storrs und andere hinaus. Er gab dem Bauwerk der Pyramide eine historisch-eschatologische Auslegung, die er mit Barbours System von Bibelchronologie und prophetischer Spekulation verband. Demgemäß begann er zu lehren, die Große Pyramide sei der „göttliche Plan der Zeitalter in Stein“. Interessanterweise reichte er seine Vorstellungen Smyth zur Prüfung ein und erhielt von ihm sein Plazet.

John und Morton Edgar, zwei schottische Brüder, wurden treue Glieder von Russells Bibelforschern und verfolgten die Pyramidenlehre mit Leidenschaft. John, Gynäkologieprofessor in Glasgow, veröffentlichte bis zu seinem Tode 1912 eine Reihe von Werken über die Cheopspyramide. Morton, der mit ihm zusammengearbeitet hatte, führte seine Studien fort und veröffentlichte in den folgenden Jahrzehnten mehrere Bücher zu diesem Thema. Erst als Charles T. Russells Nachfolger, Richter Joseph F. Rutherford, die Pyramidenlehre 1928 als unbiblisch und teuflisch verschrie, ließen die mit der Wachtturm-Gesellschaft verbundenen Bibelforscher davon ab. Daher sind ihre geistigen Erben, Jehovas Zeugen, sich heute kaum mehr ihrer Existenz bewußt, aber einige Splittergruppen aus den Bibelforschern treten noch heute dafür ein.

Religion, moderne Wissenschaft und Pyramidenlehre

Warum übte die Pyamidenlehre eine solche Anziehung auf Charles T. Russell, die Edgars und die Bibelforscher im allgemeinen aus? Waren sie, Taylor, Smyth, Moigno, Seiss, Storrs und andere, einfach kleine spleenige Gruppen wie die Jünger von Immanuel Velikovsky und die neognostischen Anhänger C. G. Jungs heute?

Ein Faktor war, daß viele von Smyths Zeitgenossen und Jüngern wie er dem metrischen System feindlich gegenüberstanden. Mit einigem Amusement zählt Martin Gardner die Tatsache auf, daß in den Vereinigten Staaten die pyramidologische Ohio Auxiliary Society, die von Präsident James A. Garfield unterstützt wurde, eine Zeitschrift mit dem Titel The International Standard herausgab, um das „wahre Zoll“ und andere Maßeinheiten gegen das metrische System zu verteidigen. Ihr Präsident, ein Ingenieur, „der sich brüstete, einen Arm von genau einem Cubit Länge zu haben“, schrieb:

Wir glauben, daß unser Werk von Gott stammt; wir werden durch kein egoistisches oder geschäftliches Interesse bestimmt. Wir schätzen keine persönlichen Gegnerschaften welcher Art auch immer, aber wir verkünden unsere unaufhörliche Gegnerschaft gegenüber dem großen Übel, dem französischen metrischen System ... Der Witz des Ignoranten und der Spott dessen voller Vorurteile fügen uns keinen Schaden zu und brauchen nicht beachtet zu werden ... Es ist die Schlacht der Maßstäbe. Möge unser Banner in der Sache der Wahrheit, Freiheit und universalen Bruderschaft hochgehalten werden, gegründet auf rechtem Maß und Gewicht, die allein dem Herrn annehmbar sind.

Gardner, Seite 180

Später veröffentlichte The International Standard ein Gedicht, dessen vierter Vers lautet:

Nieder mit jedem „metrischen“ Schema, von ausländischen Schulen gelehrt, Wir beten nur Gott, unsren Vater an! Seine „Regel“ wird von uns geehrt! Ein vollkommenes Zoll, ein vollkommenes Pint, das ehrliche englische Pfund soll halten den Platz in der Welt, bis die letzte Trompete erschallt!

Gardner, Seite 180

Aber Russell und den Bibelforschern ging es nicht in erster Linie um anti-metrische Gefühle, sie ließen sich auch nicht mit anti-metrischen Bewegungen ein. Die Bibelforscher waren alle in der einen oder anderen Weise die Erben William Millers und hatten als solche schon seit langem versucht, die Zeit für Christi parousía oder Wiederkehr aus Daniel, der Offenbarung und anderen prophetischen Bibelbüchern zu berechnen. So waren sie sehr fasziniert von den mysteriösen Zahlen, die oft in diesen Bibelbüchern zu finden waren, und sie betrachteten sie als Schlüssel zum Verständnis eschatologischer Prophetie. Darüber hinaus waren sie sehr von den Naturwissenschaften angezogen, die sie als Schlüssel zum Verständnis metaphysischer wie physischer Dinge betrachteten. Charles T. Russell war vor allem Rationalist. Wie alle in adventistischer Tradition war auch er ein Erbe der Aufklärung. In der Einleitung zum ersten Band seiner Schriftstudien, Der göttliche Plan der Zeitalter, appellierte er an die Vernunft. Darin stellt er fest, daß er sich bemüht habe, darauf die Lehren der Bibel aufzubauen, so daß so weit wie möglich nur das menschliche Urteilsvermögen sie prüfen könnte.

Nelson Barbour, ein Arzt, hatte vom selben Standpunkt aus geschrieben. Seine erste größere Veröffentlichung war eine Lobeshymne an die Naturwissenschaften und an die adventistische Prophetie der Wiederkehr Jesu. Folglich waren diese Männer und andere wie George Storrs und Glieder der Life and Advent Union beeindruckt von Piazzi Smyth's Argumenten bezüglich der Cheopspyramide. Smyth behauptete, es gäbe drei „Schlüssel“, sie zu „öffnen“. Es seien die „reine Mathematik, hauptsächlich aus dem Mittelalter und der Neuzeit“, „die angewandte Mathematik oder ... die Astronomie und Physik“ und „positive menschliche Geschichte - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - wie sie durch göttliche Offenbarung in einigen Hauptpunkten und wichtigsten religiösen Verbindungen gewissen erwählten und inspirierten Männern der hebräischen Rasse gegeben wurde ...“ So konnte Charles Russell später über die Pyramidenlehre schreiben:

Die Große Pyramide jedoch erweist sich als ein Warenlager voller wichtiger Wahrheiten - wissenschaftlich, historisch und prophetisch - und ihr Zeugnis erweist sich als in vollkommener Übereinstimmung mit der Bibel, indem sie die hervorstechenden Merkmale ihrer Wahrheiten in wunderschönen und passenden Bildern zeigt. Sie ist keinesfalls eine Hinzufügung zur geschriebenen Offenbarung: diese Offenbarung ist vollständig und vollkommen und benötigt keinen Zusatz. Aber sie ist ein starker, erhärtender Zeuge für Gottes Plan; und wenige Lehrende können sie sorgfältig untersuchen und die Harmonie ihres Zeugnisses mit dem geschriebenen Wort Gottes feststellen, ohne davon beeindruckt zu sein, daß ihre Konstruktion von derselben göttlichen Weisheit geplant und geleitet wurde und daß sie die Säule des Zeugnisses ist, die der Prophet nennt [Jesaja in Jesaja 19:19, 20]

Russell, Thy Kingdom Come, Seiten 314-315, Eigene Übersetzung