Irrationale Überzeugungen nach Ellis

Irrationale Überzeugung Nr. 9: Die Vorstellung, dass die eigene Vergangenheit entscheidenden Einfluss auf unser gegenwärtiges Verhalten hat und dass etwas, das sich früher einmal auf unser Leben auswirkte, dies auch weiterhin tun müsse.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft scheinen zu glauben und nach dieser Überzeugung zu handeln, dass etwas, das ihr Leben einmal entscheidend prägte oder darin eine wichtige Rolle spielte, diesen Einfluss für alle Zeiten beibehalten müsse. Dieser Glaube enthält verschiedene irrationale Elemente:

1. Wenn Sie sich von Ihrer bisherigen Lebensgeschichte über Gebühr beeinflussen lassen, begehen Sie den logischen Fehler der Übergeneralisierung: das heißt, Sie nehmen an, dass etwas, das unter gewissen Um ständen richtig ist, unter allen Umständen richtig sei. So mag es beispielsweise eine Tatsache sein, dass Sie in der Vergangenheit außerstande waren, Ihren Eltern oder anderen Erwachsenen gegenüber wirkungsvoll für Ihre Rechte einzutreten, und dass Sie deshalb gezwungen waren, sich fügsam zu verhalten und sich bei ihnen einzuschmeicheln, um ein Minimum an Ruhe zu haben und bestimmte Dinge zu bekommen, die Sie sich dringend wünschten. Aber das heißt nicht, dass Sie es heute, vielleicht zwanzig oder mehr Jahre später, immer noch nötig haben, sich anderen gegenüber ähnlich unterwürfig und schmeichlerisch zu verhalten, um sich selbst zu schützen oder um zu erhalten, was Sie wollen.

2. Wenn Sie sich zu stark von der Vergangenheit leiten lassen, werden Sie in der Regel zu oberflächlichen oder »bequemen« Lösungen ihrer Probleme neigen, die sich früher bewährt haben, die aber heute relativ ineffektiv sein mögen. Normalerweise stehen für jedes Problem mehrere Lösungsmöglichkeiten zur Wahl, die nicht alle gleichermaßen effizient oder gründlich sind. Je mehr Sie sich von den Lösungen beeinflussen lassen, die Sie in der Vergangenheit erfolgreich angewandt haben, desto weniger werden Sie dazu neigen, nach möglichen Alternativen zu suchen, die Ihren gegenwärtigen Problemen besser gerecht werden.

3. Die Überbewertung des prägenden Einflusses der Entwicklungsjahre verführt dazu, dem wahren Satz »Weil ich in meiner Jugend lernte, mich neurotisch zu verhalten, fällt es mir sehr schwer, mich zu ändern« das falsche Ende anzuhängen » ... ist es mir unmöglich, mich zu ändern, also gebe ich am besten auf und bleibe hoffnungslos neurotisch«. Statt die Bedeutung der Vergangenheit zu überschätzen und sich immer wieder nach dem Schema seiner Übertragungsbeziehungen zu verhalten, wie die Psychoanalytiker das nennen, sollte man sich als rationaler Mensch folgende Einstellungen zu eigen machen:

(1) Man sollte die Tatsache akzeptieren, dass die Vergangenheit wichtig ist und man damit rechnen muss, in vieler Hinsicht durch seine früheren Erfahrungen nachhaltig beeinflusst zu werden. Aber man sollte auch an erkennen, dass die Gegenwart die Vergangenheit von morgen ist und dass man, indem man sich um Veränderung seiner Gegenwart bemüht, das Morgen grundlegend anders und weitaus befriedigender gestalten kann als das Heute.

(2) Statt automatisch fortzufahren, Dinge in der Gegenwart zu tun, weil man sie früher zu tun pflegte, sollte man innehalten und über diese mechanische Wiederholung von Verhaltensmustern nachdenken. Falls man unter einem starken früheren Einfluss steht, den man für schädlich hält, sollte man sowohl auf der verbalen wie auf der Handlungsebene konsequent dagegen ankämpfen: indem man das unkritische Festhalten an erlernten Verhaltensmustern als Humbug entlarvt und sich zwingt, in geeigneten Momenten vom gewohnten Schema abzuweichen. Hat man beispielsweise Angst davor, Hähnchen zu essen, weil einem die Mutter in der Kindheit einredete, das sei ungesund, dann sollte man diesen Aberglauben der Mutter (und den eigenen, inzwischen internalisierten) so lange in Frage stellen, bis es einem gelingt, ihn zu erschüttern, und man sich zwingen kann, dieses Gericht zu essen und sich durch eigenes Handeln von seiner Unschädlichkeit zu überzeugen.

(3) Statt sich trotzig gegen die meisten oder alle früheren Einflüsse aufzulehnen, sollten wir alle unsere erworbenen Überzeugungen möglichst objektiv prüfen, abwägen und in Frage stellen und nur diejenigen bekämpfen, die uns heute schaden.