Irrationale Überzeugungen nach Ellis

Irrationale Überzeugung Nr. 8: Die Vorstellung, dass man sich auf andere verlassen sollte und dass man einen Stärkeren braucht, auf den man sich stützen könne.

Obwohl sich unsere Gesellschaft theoretisch zu Freiheit und Unabhängigkeit bekennt, scheinen viele von uns zu glauben, dass es besser ist, von anderen abhängig zu sein und jemanden zu haben, der stärker ist als man selbst und auf den man sich verlassen kann. Diese Meinung ist aus verschiedenen Gründen falsch:

1. Obwohl es stimmt, dass in dieser komplexen Gesellschaft jeder bis zu einem gewissen Grad von anderen abhängig ist (da uns ohne weitgehende Arbeitsteilung weder Lebensmittel und Bekleidung noch öffentliche Verkehrsmittel und hundert andere Dinge zur Verfügung stünden), besteht kein Grund, diese Abhängigkeit zu maximieren und buchstäblich zu verlangen, dass uns andere die Entscheidungen abnehmen und für uns denken. Seien wir jederzeit zur Zusammenarbeit bereit, aber vermeiden wir Unterwerfung.

2. Je mehr Sie sich auf andere stützen, desto öfter sind Sie gezwungen, auf Dinge zu verzichten, die Sie tun wollen, und müssen stattdessen das tun, was die anderen interessiert, auf deren Hilfe Sie angewiesen sind. Abhängigkeit steht seiner Definition nach in umgekehrtem Verhältnis zu Individualismus und Unabhängigkeit; es ist schlechthin unmöglich, gleichzeitig man selbst und völlig abhängig von anderen zu sein.

3. Je mehr Sie sich auf die Führung und Hilfe anderer verlassen, desto seltener werden Sie bestimmte Dinge selbst tun und dadurch etwas Neues dazulernen. Das heißt, je abhängiger Sie gegenwärtig sind, desto abhängiger werden Sie künftig sein. Wenn Sie von anderen abhängig sein müssen, um sich sicher fühlen zu können - da Sie dann keine Fehler machen können bzw. nicht zur Verantwortung gezogen werden, falls Sie welche machen -, verlieren Sie im Grunde an Sicherheit, statt zu gewinnen: denn die einzige echte Sicherheit, die Sie im Leben haben können, ist die Gewissheit, dass Sie nicht wertlos, sondern bloß ein fehlbarer Mensch sind, so viele Fehler Sie auch machen mögen. Abhängigkeit führt in einen Teufelskreis zu immer geringerem Selbstvertrauen und immer größerer Angst. Abhängig zu sein heißt, ständig und ohne Ende um ein Gefühl der Selbstachtung und Sicherheit zu ringen, das (auf diesem Wege) unerreichbar ist.

4. Wer sich auf andere verlässt, liefert sich ihnen auf Gnade oder Ungnade aus, d.h., er ist von äußeren Kräften abhängig, über die er oft keine Macht hat. Wenn Sie selbständig Entscheidungen treffen und handeln, können Sie wenigstens mit Ihrem eigenen Denken und Verhalten arbeiten und sich auf dieses stützen. Verlassen Sie sich hingegen auf andere, so wissen Sie nie, wann diese unzuverlässig werden, in einen anderen Erdteil ziehen oder sterben.

Statt ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber anderen Menschen (oder hypothetischen Abstraktionen wie dem Staat oder Gott) anzustreben, sollte der rationale Mensch sein Bestes tun, um auf seinen eigenen zwei Beinen zu stehen und selbst zu denken und zu handeln. Einige konkretere Ziele, die er in diesem Zusammenhang anstreben kann, seien nachstehend angeführt:

(1) Er sollte die Tatsache akzeptieren, dass er in einigen wesentlichen Hinsichten allein auf dieser Welt ist und immer sein wird - und dass es nicht unbedingt schlecht ist, allein zu stehen und für seine eigenen Entscheidungen verantwortlich zu sein. So freundlich und kooperativ er auch anderen gegenüber sein mag - wenn es darauf ankommt, weiß doch nur er, was er im Grunde will und braucht; und nur er allein kann seine Lebensprobleme lösen.

(2) Er sollte ganz klar sehen, dass es niemals schrecklich und fürchterlich ist, bestimmte Ziele nicht zu erreichen; dass der Mensch aus Rückschlägen am meisten lernt; und dass seine Misserfolge seinen persönlichen Wert als Mensch nicht schmälern. Er sollte demnach unbeirrt die Ziele anstreben, die er sich gesteckt hat, wenn die Chance, sie zu erreichen, auch oft gering ist; und er sollte sich die Einstellung zu eigen machen, dass es besser ist, Risiken einzugehen und selbstverschuldete Fehler zu machen, als seine Seele für die überflüssige »Hilfe« anderer zu verkaufen.

(3) Er sollte nicht aus unreifem Protz jegliche Hilfe anderer ablehnen, um zu beweisen, wie »stark« er ist, und dass er ganz allein auf eigenen Füßen stehen kann, sondern sollte gelegentlich fremde Hilfe durchaus suchen und akzeptieren - wenn er sie wirklich braucht.