Ruf aus der Wüste

Kommentar

Dieses Buch ist die erste Publikation der Kirche in deutscher Sprache. Orson Hyde schrieb es im Jahre 1842 nach dreijähriger Mission in Europa und im Nahen Osten. Da es von einem Apostel der Kirche geschrieben wurde, in dem er die Kirche und ihre Lehren den Menschen im deutschsprachigen Raum vorstellt, kann es selbstverständlich als offizielle Kirchenlehre aufgefaßt werden.

Orson Hyde war einer der ersten Bekehrten der Kirche und diente vor seiner Berufung als Apostel mehrere Jahre als Sekretär der Ersten Präsidentschaft und war auf diese Weise bestens mit Joseph Smith vertraut. Auch wenn er die neueste Entwicklung in der Kirchenlehre nicht mehr hautnah miterlebte, scheint er doch durch Briefe recht gut informiert gewesen zu sein. Dieses Buch ist deshalb so interessant, weil es trotz seines verhältnismäßig späten Erscheinens – spät in Bezug auf die Entwicklung der Gründungsgeschichte – noch erhebliche Abweichungen von der offiziellen HLT-Lehre heutiger Tage aufweist.

Vorrede

Dieses Vorwort appelliert mehr an das Mitleid eines Menschen, als es das Interesse an der Religion selbst weckt. Hyde argumentiert erstaunlich einseitig. Man bekommt den Eindruck, die Menschen hätten völlig grundlos gehandelt. Aber auch sie hatten ihre Gründe. Die Ungerechtigkeiten, die damals stattgefunden haben, sollen hier keinesfalls abgeschwächt oder entschuldigt werden. Allerdings hatten die Heiligen schon immer die Fähigkeit, ein nachbarschaftliches Verhältnis zu zerstören. Sie wurden überall verstoßen, selbst in Illinois, zu einer Zeit, nachdem dieses Buch geschrieben wurde. Informationen über das anfängliche Nachbarschaftsverhältnis findet man am Ende des Buches.

Die angedeuteten (markierten) Lehren sind bereits sehr aufschlußreich, da man entsprechend der heutigen Lehre annehmen sollte, daß die erste Vision im Mittelpunkt des Interesses steht. Wäre es so, stellte sich die Frage, warum Hyde immer von einem Engel des Herrn spricht. Obwohl es aus heutiger Sicht nicht einleuchtet, weshalb irgend etwas wichtiger als die erste Vision sein sollte, werden Mitglieder dennoch eher dazu tendieren, diese Stellen mit den Besuchen des Engels Moroni zu verbinden. Dieser hat zwar den Schleier der Dunkelheit nicht durchbrochen, was ja Aufgabe der ersten Vision gewesen sein soll, aber es ergeben sich dennoch weniger Widersprüche. Man könnte sich fragen, warum der Name des Engels nicht genannt wird, wo doch heute alles so klar berichtet wird. Halten wir uns aber vor Augen, daß die Geschichte der Wiederherstellung in jenen Jahren mehrmals geändert wurde und Hyde in der Ferne gar nichts anderes übrig blieb, als den Bericht allgemein zu halten, um nicht zufällig der aktuellen Version zu widersprechen. Diesem Problem werden wir im Buch noch mehrmals begegnen, und Hyde behalf sich jedes Mal auf die gleiche Weise, obwohl wir zu seinen Gunsten einräumen müssen, daß in den ersten Jahren der Kirche die Namen der Engel bei Erscheinungen ganz allgemein keine große Rolle spielten.

Erklärung

Schon bald überwand die Kirche ihre Zurückhaltung bei der Übersetzung des Namens, wie sie hier von Hyde an den Tag gelegt wurde.

In der einzigen hier angesprochenen Lehre, der Auferstehung, findet sich bereits ein Unterschied zur heutigen Interpretation. Heute würde niemand mehr behaupten, daß nur diejenigen, die „Heilige” genannt werden, an der ersten Auferstehung teilhaben würden. Darin spiegelt sich das Bild der sogenannten „christlichen Hauptströmung” wider, in dessen Licht sich die Kirche heute gerne präsentiert.

Erstes Kapitel

Wie bereits angemerkt steht in diesem Kapitel die Erscheinung eines Engels im Vordergrund, wie aus der Überschrift und dem ersten Satz hervorgeht. Legen wir die Tatsache zugrunde, daß 1832 erstmals von einer ersten Vision die Rede war und dabei nur eine Person gesehen wurde, ist dies nicht verwunderlich. Allerdings entwickelte sich diese Geschichte von da an derart, daß letztlich Gott Vater und sein Sohn erschienen, wie es heute in der Kirche gelehrt wird. Die erste Veröffentlichung dieser Geschichte erschien etwa zu gleichen Zeit wie dieses Buch, immerhin 22 Jahre nach dem angeblichen Ereignis. Bis dahin wurde den Mitgliedern lediglich von einer Engelserscheinung im Zusamenhang mit den goldenen Platten berichtet. Daher war dies in den Köpfen der Mitglieder der Ausgangspunkt der Kirche und nicht eine erste Vision. In diesem Licht ist der Ansatzpunkt Hydes auch vollkommen einleuchtend.

Dennoch zeigt Hyde, daß er als Apostel gut informiert ist und nimmt die erste Vision trotzdem in seinen Bericht auf. Auf die Unterschiede soll hier nur wegen der Bedeutung, die die Kirche dem angeblichen Ereignis in heutiger Zeit beimißt, näher eingegangen werden. Joseph hatte sein fünfzehntes Jahr erreicht. Das kann nicht gleichgesetzt werden mit ‘im fünfzehnten Lebensjahr sein’ und bedeutet daher, daß er fünfzehn Jahre alt war, im Gegensatz zu vierzehn der heutigen Darstellung. Weiterhin wird darauf hingewiesen, daß Joseph bereits vor der Vision entschieden hatte, daß keine Gemeinschaft die volle Wahrheit hatte. Das stimmt mit zeitigen Berichten überein, widerspricht aber späteren Darstellungen, wonach Joseph von sich aus nie auf so einen Gedanken gekommen wäre. Weiterhin räumt Hyde ein, daß es sich um ein Gesicht handelte, das weit ab von der Realität stattfand. Heute stellt die Kirche das Ereignis gern als eine vollkommen klare und greifbare Begebenheit dar. Der Knackpunkt ist jedoch die Darstellung, daß von zwei himmlischen Personen die Rede ist, die eine Nachricht vom Herrn überbringen. Damit kann es nicht der Herr gewesen sein, und die strikte Anonymität dieser Personen bleibt gewahrt, offenbar waren es unbedeutende Boten. Falls Hyde eine Identifizierung mit Gott Vater und Christus bekannt gewesen wäre, hätte er dies mit Sicherheit nicht verschwiegen. Dieses Buch belegt in klarer, unwiderlegbarer Weise, daß es die Geschichte von der ersten Vision bei Gründung der Kirche und lange danach noch nicht gab und sich erst später entwickelt hat.

Zum Besuch des Engels am 21. September 1823, von dem um die Zeit der Kirchengründung bereits gesprochen wurde, ist vor allem anzumerken, daß dieser zwar vielfältig umschrieben wird, aber nie ein Name genannt wird. Es könnte sich hier um eine Vorsichtsmaßnahme Hydes handeln, da in der Geschichte zwei Namen auftauchen, nämlich Nephi und Moroni, zudem noch ein kleiner Dämon, so daß ein namenloser Engel die sichere Seite darstellte. Das Problem wird uns im nächsten Kapitel wieder begegnen. Weiterhin gibt es noch einige technische Unterschiede. So ist von einem plötzlichen Licht die Rede, während heute von einem allmählich anwachsenden Licht gesprochen wird. Die Erscheinung am nächsten Tag soll auf dem Feld stattgefunden haben, nicht am Zaun um ein Feld herum, und Josephs Vater wird ebenfalls nicht erwähnt. Die ausführliche Darstellung mit den Heeren Satans fand auch keinen Eingang in die offizielle Version.

Ein weiteres deutliches Anzeichen für die Gewichtung der beiden Berichte stellt ihre Länge dar. Während den Ereignissen vom 21./22. September neun Seiten zur Verfügung stehen, nimmt die erste Vision gerade mal eine einzige ein.

Zum Abschluß wird noch ein interessanter Hinweis zur Übersetzungsweise der goldenen Platten gemacht. Heute verbildlicht die Kirche diese Art gern dadurch, daß Joseph angestrengt auf das Brilleninstrument sieht, das auf den Platten liegt, während Oliver seine Zitate niederschreibt. Die hier vorliegende Beschreibung ist wesentlich näher an der Wahrheit. Joseph zog sich seinen Hut über das Gesicht und sah hinein. Darin war allerdings meist sein Seherstein und nicht der Urim und Thummim platziert. Da die Platten dabei meist in ihrem Versteck lagen, kann man wieder einmal sehen, wie weit die heutige Darstellung von der Wahrheit entfernt ist. Dieser Bericht bestätigt die Wahrheit jedoch.

Zweites Kapitel

Der Verfolgungsgeschichte trägt dieser Bericht voll Rechnung. Dabei wird nirgens auch nur erwähnt, daß sich jemand mit Engelserscheinungen von Joseph beschäftigt hätte. Das Problem verschärft sich durch den Umstand, daß sich etwa ab 1828 die sekundäre Literatur sehr wohl mit den Behauptungen Josephs beschäftigt. Warum also wird vorher nichts erwähnt bei so viel Verfolgung?

Einige Aspekte bezüglich der Interpretation des Inhaltes des Buches Mormon sind hier sehr klar herausgestellt. Aufgrund der noch immer ausstehenden archäologischen Beweise für die Authentizität des Berichts haben sich mormonische Verfechter zu verwegenen Theorien hinreißen lassen, die sicher Akzeptanz in den Köpfen einiger Mitglieder gefunden haben. Jedoch wird hier aus berufenem Munde klargestellt, daß die Jarediten die ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent waren und daß über ganz Amerika berichtet wird, Nord- und Südamerika, und nicht nur von einem viel kleineren Gebiet.

Eines der Lieblingthemen der frühen Mitglieder waren die mysteriösen Indianerhügel. Joseph lieferte mit dem Buch Mormon eine Erklärung dafür, und diese Erklärung wurde für uns niedergeschrieben. Was damals noch nicht bekannt war ist die Tatsache, daß die Indianer den Brauch hatten, ihre Toten zu exhumieren und in Gebeinhügeln zu vergraben. Keine extrem große Schlacht war dazu notwendig.

Entschieden wird durch dieses Kapitel ebenfalls die Frage nach dem Standort des Hügels Cumorah. Dies ist der einzige Hügel Cumorah, an ihm fand die Schlacht statt und in ihm wurden die Platten vergraben.

Besseres Verständnis vermittelt uns dieses Kapitel auch für die Aussage mehrerer Vertrauter von Joseph, im Hügel Cumorah gebe es eine Höhle mit unzähligen Platten. Mormon vergrub alle Aufzeichnungen vergangener Jahrhunderte im Hügel, warum sollte es also nicht so sein?

Einem entscheidenden Problem begegnen wir hier allerdings besonders deutlich. Im vorletzten Absatz ist von Moroni die Rede und wie er die Platten vergraben hat. Gleich im nächsten Satz wird von der Aufdeckung dieses Schatzes gesprochen, aber es ist nur die Rede vom Engel des Herrn. Wenn es, wie es der heutigen Darstellung entspricht, Moroni selbst war, warum wird umständlich vom Engel des Herrn gesprochen, wenn ein einfaches ’er‘ die Identität zweifelsfrei geklärt hätte? Entweder war damals davon gar nicht die Rede oder Hyde war sich wegen zu vieler Versionen nicht sicher. Auf jeden Fall erfährt die derzeitige Version durch dieses Buch keine Unterstützung.

Drittes Kapitel

Die Wiederherstellung der Autorität ist eine elementare Grundlage bei der Erörterung des Wahrheitsanspruches. Heute sagt die Kirche, das Aaronische Priestertum sei am 15. Mai 1829 durch Johannes den Täufer und das Melchisedekische Priestertum sechs Wochen später durch Petrus, Jakobus und Johannes jeweils Joseph Smith und Oliver Cowdery übertragen worden. In diesem Kapitel finden wir eine Beschreibung der Umstände aus Olivers eigener Feder, wie Orson Hyde sie uns hier wiedergibt. Somit liegen uns die Aussagen eines Eingeweihten und eines Augenzeugen vor.

Hyde hat hier das Wort Priesteramt unglücklich angewandt, aus dem englischen Original des Briefes geht jedoch hervor, daß Cowdery tatsächlich Priestertum geschrieben hatte. Die Verwendung des falschen Wortes erstaunt um so mehr, als Hyde im Zehnten Artikel das Wort ’Priesterthum‘ verwendet, so daß eine angedeutete Differenzierung nicht ausgeschlossen werden kann. Interessant ist hier, daß noch 1842 nur der Begriff Autorität bzw. Priestertum verwendet wird, und zwar durchgängig in beiden Berichten. Von einer Teilung oder einem geringeren und höheren Priestertum fehlt jede Spur. Besondere Beachtung sei dem Zitat gewidmet, das heute in LuB 13 zu finden ist. Im Gegensatz zum heutigen Text werden hier weder Einschränkungen in der Vollmacht gemacht, noch fällt der Name Aarons oder wird die Zweiteilung irgendwie angedeutet.

Cowdery beschreibt lediglich eine Engelserscheinung (plus das Hören der Stimme Christi), bei der auch wirklich nur ein Engel erschien. Auffällig ist hier, daß auch Cowdery keinen Versuch unternimmt, den Engel zu identifieren, und das änderte sich in seinem gesamten Leben nicht. Auch er umschreibt den Engel auf vielfätige Weise, ohne seinen Namen zu nennen. Damit sind hier bereits zwei frühe Kirchenführer, die nicht auf die Identität der Himmelboten eingehen.

Hyde datiert dieses Ereignis auf 1829, in Cowderys Brief wird der Beginn seiner Arbeit als Schreiber auf den 7. April 1829 datiert, einziger weiterer Anhaltspunkt ist die Erwähnung des ’Maies Sonnen-Glanze‘. Phelps gab sein Richteramt Mitte 1831 auf, um zu den Heiligen in Kirtland zu ziehen. Wie aus dem ’LDS Messenger and Advocate‘ vom Oktober 1834 hervorgeht wurde dieser Brief aber erst am 7. September 1834 von Cowdery geschrieben.

Die letzte Markierung in diesem Kapitel soll lediglich zeigen, wie vertraut Hyde und andere Kirchenführer mit den freimaurerischen Gedanken waren, und tatsächlich waren fast alle von ihnen Freimaurer, so daß Joseph Smith einer der letzten von ihnen war, der Mitglied in diesem Bund wurde. Dieser Hinweis soll nur dem besseren Verständnis im Zusammenhang mit der Einführung der Tempelrituale im Jahr 1842 dienen.

Viertes Kapitel

Obwohl Orson Hyde sehr zurückhaltend ist, macht er doch auf seine besondere Stellung als Apostel aufmerksam und weist damit auf seine Vollmacht zur Darstellung bzw. Auslegung der Kirchenlehren hin. Auch nach heutigen Kirchenmaßstäben wäre Hyde dazu berechtigt, so daß unsere Betrachtungsweise – nämlich dieses Werk als offizielle Kirchenlehre der damaligen Zeit anzusehen – unwiderlegbar richtig ist.

Erster Artikel

Die Lehren über die Gottheit bilden einen zentralen Bestandteil der Lehre der Kirche. Deshalb sind sie in unserer Betrachtung sehr wichtig. Historiker und Kritiker sagen, die Gotteslehre habe sich in den ersten fünfzehn Jahren vom Monotheismus zum Polytheismus entwickelt. Obwohl im Buch Mormon (d.h. im Original von 1830) nur von einem Gott die Rede ist und die Dreieinigkeit unter den Mitgliedern anerkannt wurde, war noch zu Lebzeiten Joseph Smiths von drei Personen der Gottheit die Rede, und heute glaubt die Kirche an eine unendliche Anzahl von Göttern.

Welche Auffassung finden wir in diesem Werk aus der Mitte dieser Entwicklungsperiode? Die Gottheit bestehe aus zwei Personen – Vater und Sohn. Das steht zunächst nicht im direkten Widerspruch zur heutigen Lehre, jedoch klingt es bereits etwas merkwürdig. Daß der heilige Geist der Wille von Vater und Sohn sei, zeigt hingegen deutlich den Unterschied zur heutigen Lehrmeinung, da ein Wille unmöglich eine Person sein kann. Demzufolge ist die durchgängige Kleinschreibung auch kein Fehler, sondern volle Absicht. Die Dreieinigkeit wird ebenfalls in einer so deutlichen Klarheit bestätigt, daß selbst heutige Interpretation mit dieser Stelle ihre Schwierigkeiten haben dürfte. Dieses Buch bestätigt die Entwicklung des Gottesbildes, wie sie von Kritikern der Kirche vorgetragen wird.

Daß der Sohn ewig in der Gegenwart des Vaters war und sein exaktes Ebenbild ist, ist noch heute in der (tiefen) Kirchenlehre verankert.

Jesu Empfängnis wird ebenfalls anders dargestellt. Hier ist noch die Rede von der Empfängnis durch den heiligen Geist (dem Willen von Vater und Sohn). Heute wird von der Überschattung durch den Heiligen Geist (einer Person) und dem darauf folgenden körperlichen Akt durch den Vater gesprochen.

Zweiter Artikel

Mit der restlichen Christenheit haben die Mormonen die Nutzung der Bibel gemeinsam. Allerdings reservieren sie sich das Recht, Übersetzungsfehler und mutwillige Veränderungen davon auszunehmen, womit also nur Bruchstücke der Wahrheit dort vorgefunden werden können. So ist auch die Inspirierte Übersetzung von Joseph Smith zu erklären, die aber heute keine offizielle Verwendung findet, gleichwohl sie bei tiefen Kirchenlehren immer wieder herhalten muß. Der Vorbehalt für weitere Offenbarungen ist ein Element, das schon vor Gründung der Kirche eine Rolle spielte und dieser Grundsatz wird bis heute beibehalten, obwohl es seit mehr als hundert Jahren nur eine einzige davon gegeben hat.

Dritter Artikel

Glauben soll hier in seinem Kern unkommentiert bleiben. Allein die von Hyde gemachten Folgerungen sind nicht sonderlich schlüssig und der Größe der von ihm selbst beschriebenen Dinge keineswegs angemessen. Hier wird sein geringer Blickwinkel und eine schlechte Ausbildung des 19.Jahrhunderts offenkundig.

Vierter Artikel

Die Lehre von der Reue, Buße oder Umkehr wurde bis heute etwas verfeinert, ist aber in etwa die gleiche geblieben. Viel interessanter sind hier zwei weitere Punkte, die er erläutert:

Der erste redet von weltlichem Einfluß und Reichtum der Kirchen, wie Hyde sie damals in Europa vorgefunden hatte. Er verdammt dies mit eindeutigen Worten. Jedoch hat auch die Mormonenkirche heute sehr viel politischen Einfluß gewonnen, den sie auch rege nutzt, und über die weltlichen Güter der Kirche gibt es wohl keine Diskussion. Und so müssen wir „bekennen, daß eine grosse Verschiedenheit in den Zustande der früheren und jetzigen Kirche herrscht. Denn der grosse Gründer des christlichen Glaubens konnte in Wahrheit sagen: ’Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, allein des Menschen Sohn hat nicht, worauf er Sein Haupt legen könnte.‘“ Ja, so ist das mit dem Verdammen des Reichtums; wenn man ihn erst selbst angehäuft hat, ist er plötzlich eine Segnung Gottes.

Der zweite Punkt betrifft eine tiefe Kirchenlehre, nämlich den Gott dieser Erde betreffend. Ein neuerer Prophet sagte einmal, daß Jesus der Gott dieser Erde sei, der Gott des Alten Testaments war und der einzige Gott ist, mit dem wir zu tun hätten. Dies ist die heutige Lehre der Kirche. Aber Hyde lehrte noch, daß der Mensch gegen den Vater sündigt und vor ihm bereuen müsse. Wird dieser Widerspruch durch die Änderung im Gottesbild oder die in der Zuständigkeit für diese Erde verursacht?

Fünfter Artikel

„Wir taufen keinen, ausgenommen er ist zu den Jahren der Vernunft gelangt, und hat selbst erkannt, daß er gegen seinen Gott sündigte.“ Dieser Grundsatz wurde aber so nie beachtet. Im Neunten Artikel erklärt Hyde, daß statt der beschriebenen Selbsterkenntnis nur ein bestimmtes Mindestalter erforderlich ist: acht Jahre. Zur Legitimierung nennt man dieses in der Kirche das Alter der Verantwortlichkeit. Das heißt, in der Kirche wird man ab acht Jahren für verantwortlich gehalten, deshalb müsse man auch mit Erreichen diesen Alters getauft werden. Die Erfahrung lehrt allerdings, daß nicht ein einziges Kind das Ausmaß der Taufe begreifen und mit Sicherheit keine Sünde gegen Gott selbst erkennen kann. In diesem Alter könnte man es höchstens daherreden, wenn es zuvor deutlichst eingeprägt wurde, so daß diese Taufe nur den Eltern zum Gefallen getan wird, weil es sie erfreut.

Sechster Artikel

Neben dem Interesse für die Abläufe sei die Aufmerksamkeit besonders auf die Natur des heiligen Geistes gelenkt. Dieser Abschnitt bestätigt die bereits zur Gottheit erörterte Lehrmeinung, daß der heilige Geist der Geist Gottes und nicht eine (eigenständige) Person ist. Zwar wurde eine Offenbarung zur Natur Gottes erst 1843 gegeben (LuB 130:22,23), das heißt jedoch nicht, daß in den ersten 13 Jahren der einzig wahren Kirche etwas Falsches gelehrt werden durfte. Also bleibt die Folgerung, daß sich die Vorstellung über das Bild Gottes erst im Laufe der Jahre entwickelt hat, und zwar vom Monotheismus zum Polytheismus.

Siebenter Artikel

Einige interessante Abläufe sind hier beschrieben, die den Anschein vermitteln, Hyde wäre mit den Offenbarungen aus Lehre und Bündnisse nicht vertraut gewesen. Da ist das Austeilen des Abendmahles, das von den Ältesten vorgenommen wird. Heute ist dies eine Aufgabe der Diakone. Der Vorsteher einer Versammlung segnet auch kein Abendmahl mehr. Die größte Merkwürdigkeit ist allerdings, daß Hyde nirgendwo die Verwendung von Wasser statt Wein erwähnt, wo doch bereits 1830 alles dafür genehmigt wurde (LuB 27:2) und immerhin fast zehn Jahre zuvor mit dem Wort der Weisheit die Einnahme von Alkohol verboten und die Verwendung von Wein für das Abendmahl erheblich einschränkt wurde (LuB 89:5,6).

Achter Artikel

Neunter Artikel

Hier sei auf den Fünften Artikel hingewiesen, wo noch von einer notwendigen Selbsterkenntnis der Sünden als Voraussetzung für die Taufe gesprochen wird.

Zehnter Artikel

Elfter Artikel

Auffallend ist hier die Erwähnung der Monogamie. Auch Hyde sollte gewußt haben, daß Joseph Smith zu diesem Zeitpunkt bereits in Polygamie lebte. Schließlich war seine Frau Nancy Marinda zu diesem Zeitpunkt bereits seit einiger Zeit mit Joseph Smith polygam, d.h. polygyn und polyandrisch, verheiratet. Joseph hatte es bereits vor Orsons Ehe auf Nancy abgesehen, und schloß ihn in Abwesenheit (Mission) von der Kirche aus, als er von der Eheschließung erfuhr. Vor Orsons Rückkehr von Mission wurde Joseph aber von der Falschheit dieser Entscheidung überzeugt und Orson gewann seine volle Mitgliedschaft wieder. Letztlich bekam Joseph Nancy doch noch, nachdem er die Polygamie als Gebot Gottes eingeführt hatte. Allerdings wurde die Praktizierung noch viele Jahre nach Smiths Tod von den Kirchenführern geleugnet, so daß diese Aussage unter die Rubrik ’Lügen für den Herrn‘ gezählt werden kann. Darunter versteht man falsche Aussagen von Kirchenführern zu derem Schutz. Derartige Aussagen sind gut dokumentiert und die Verfahrensweise wurde schon von einigen Führern zugegeben.

Zwölfter Artikel

Die Lehre von der Taufe für Tote kam 1841 auf, wurde aber (wahrscheinlich) erst 1846 erstmals im Nauvoo-Tempel durchgeführt. In Lehre und Bündnisse (Abschnitte 124 und 127) wird immer von unseren bzw. euren Toten geredet. Hyde erklärt hier, was darunter verstanden wurde, nämlich, daß man für verstorbene Freunde getauft werden kann, mit denen man persönlich vor ihrem Tod bekannt war. Heute spielt nicht nur die Bekanntschaft keine Rolle mehr, auch die Verwandtschaft ist nicht mehr erforderlich. Es wird auch nicht mehr unterschieden, ob jemand eine Gelegenheit zur Mormonenmitgliedschaft hatte oder nicht – eine Folge der Anonymität. Offensichtlich war dies die Meinung der Mitglieder und Kirchenführer wie Orson Hyde, weil das Zweite Kommen ja noch in der gleichen Generation erwartet wurde, wie weiter hinten noch einmal betont werden wird, so daß keine Notwendigkeit und in der Kürze der Zeit gar keine Möglichkeit zum Aufbau eines weitreichenden genealogischen Werkes bestehen sollte. Soviel zur Erwartungshaltung der Mitglieder.

Auch der Plan der Erlösung wird hier kurz angesprochen. Unter der Herrlichkeit verglichen mit einem Stern versteht man das telestiale oder unterirdische Himmelreich, also die niedrigste Stufe. Hyde lehrt hier, daß selbst gute Menschen ohne die stellvertretende Taufe nur diese Herrlichkeit ererben könnten. Nicht so heute, wo diese laut Lehre noch das terrestriale oder irdische Himmelreich erreichen werden. Diese Aussage deckt sich auch mit der über die erste Auferstehung aus der einleitenden Erklärung dieses Buches. Offenbar ein Wandel hin zum Vorteil guter Nichtmormonen.

Dreizehnter Artikel

Gebetsformeln werden heute in der Kirche in höchstem Maß verachtet. Die einzigen festen Gebete sind (außerhalb des Tempels) die des Abendmahlsegnens und Taufens. Auf der Verachtungsliste ganz oben steht wegen des Bekanntheitsgrades das Vaterunser. Hier erfahren wir jedoch, daß gerade dieses Gebet fester Bestandteil der Glaubensausübung war.

Ein weiterer Punkt, der mit Schmach betrachtet wird ist die Beichte. Auch dieses Ritual war offenbar ein fester Bestandteil der Praktizierung, sogar im Gottesdienst, und sie wird gleich unter die heiligen Sakramente gezählt. Es muß eine interessante Entwicklung gewesen sein von der Anwendung über die Abschaffung hin zur Verachtung durch die Mitglieder.

Vierzehnter Artikel

Fünfzehnter Artikel

Diese Verordnung ist heute in der Kirche fast vollständig in Vergessenheit geraten, nachdem sie einmal sehr populär geworden war. Sie wird oft als Tempelverordnung aufgeführt, obwohl sie offensichtlich nicht nur im Tempel stattfand. Die Fußwaschung zusammen mit der hier angedeuteten Salbung brachte die Anerkennung als Bürger des Herrn, das heißt nichts anderes, als daß ihnen die Erhöhung auf den Kopf gesiegelt wurde, womit sich die Empfänger des ewigen Lebens sicher sein konnten. Heute findet diese Zeremonie nur noch für ganz wenige Ausgewählte statt. Aus diesem Grund ist sie selbst den meisten höheren Kirchenbeamten nicht mehr bekannt.

Sechzehnter Artikel

Hier liegt eine überaus bedeutende Änderung vor. Der patriarchalische Segen wird hier mit dem väterlichen Segen gleichgesetzt, und die Aufgabe des Patriarchen sei es, die Problemfälle abzufedern. Heute wird eine strikte Trennung beider Segen gemacht. Ein väterlicher Segen hat nicht mehr eine so abschließende Bedeutung und kann somit mehrmals gegeben werden. Ein Patriarchalischer Segen wird nur noch durch den Patriarchen und nur einmal im Leben gegeben. Dabei wird in mystischer Atmosphäre das ewige Leben und derlei Dinge bei Gehorsam verheißen; konkrete Angaben über die Zukunft erhält man jedoch nicht, falls der Patriarch solche Andeutungen macht, z.B. bezüglich des Zweiten Kommens, so werden diese aus dem Protokoll gestrichen. Schon oft wurde nunmehr verstorbenen Personen verheißen, sie würden zu Lebzeiten die Wiederkunft Christi erleben, daher auch die heutige Vorsichtsmaßnahme.

An der Lehre zur Heirat hat sich nichts geändert, doch wagt sich niemand mehr, es so klar zu formulieren: Wer ein Nichtmitglied heiratet, hat kein oder nur ein sehr schwaches Zeugnis.

Einige gesammelte Gedanken:

Die Vorgänge zum Zweiten Kommen werden hier beleuchtet. Hyde lehrt, daß die gerechten Mitglieder der Kirche in den Himmel entrückt werden sollen, in eine Art fliegende Arche, danach soll die Erde mit Feuer gereinigt werden und die Heiligen dann aus dieser Arche auf die Erde zurückkehren. Bizarre Theorie, besonders vom heutigen Standpunkt aus. Die Kirche redet heute nicht mehr über Verfahrensweisen.

Was immer schon vermutet wurde wird auch hier bestätigt: Die Anhänger von Joseph Smith dachten, das Zweite Kommen würde sich zu ihren Lebzeiten ereignen. Hyde präsentiert hier als Prophet, Seher und Offenbarer nichts anderes: „... die erste Auferstehung ... welche ... in dieser Generation sich ereignen wird“ und konkreter „... die Verheißung, die vor mehr denn 1800 Jahren gemacht wurde, an ihnen erfüllt“; noch deutlicher wird er im Anhang, wo er es in nur wenigen Jahren verheißt. Die Definition „diese Generation“ entwickelte sich vom direkten zum erweiterten Sinne (im Alter angeheiratete blutjunge Ehefrauen gehören auch zur gleichen Generation, aber auch diese sind alle tot) und weiter zur abstrakten Auslegung (jetziges Zeitalter). Zur Zeit sind wir bei etwa 2000 Jahren, aber auch 2500 Jahre sind mehr als 1800, ohne Zweifel wird es dann noch immer auf diese Weise interpretiert.

Unklarheit scheint auch in der Engelslehre geherrscht zu haben. Heute differenziert man verschiedene Wesen, die alle als Engel bezeichnet werden können, lebende Menschen ausgenommen. Welche aber sollen die sein, die beim zweiten Kommen den Erlösten bewundern lauschen sollen? Diese passen in keine heutige HLT-Lehre, wohl aber in die Lehre anderer Kirchen; die Engelslehre muß also einmal anders (nicht so ausgetüftelt) gewesen sein.

Sehr entschieden streitet Hyde gegen Reichtum, und erklärt, wie korrupt er macht und wie schwer man so Erlösung erlangen kann. Das war damals sehr einfach. Heute ist die Kirche selbst extrem reich (etwa 50 Milliarden Mark mit rund 10 Milliarden Mark Jahreseinnahmen) und ihre Führer sind fast ausnahmslos sehr wohlhabende Geschäftsleute, die die Kirche wie ein straff organisiertes Unternehmen führen. Scheinbar gilt die damalige Aussage heute nicht mehr.

Hyde sagt, daß Jesus „nun wieder lebt um meine Sache zu verfechten bei dem Richter über die Lebendigen und über die Todten.“ Er sagt damit, daß Jesus nicht der Richter ist und meint wohl, der Vater sei es. Heute sagt die Kirche: „Jesus Christus wird unser Richter sein. Wenn wir sterben, wird er uns nach unseren Werken und Wünschen richten.“

Die Wahl Zion's wird sehr aufschlußreich beschrieben, denn es wurde „eine schöne Gegend ausgewählt“. Kein Wort von Offenbarung, von Eingebung oder Vorherbestimmung. Und das entspricht der Wahrheit. Es wurden Kundschafter losgeschickt, und die fanden diesen Platz. Joseph Smith wurde von Gott auch nicht vor Vernichtung an diesem Ort gewarnt.

Es folgt eine sehr einseitige Beschreibung der Geschehnisse in Missouri, wie man sie auch in Joseph Smiths Schriften finden kann. Er wählt „von den vielen nur ein Beispiel“ aus, das natürlich nicht repräsentativ ist, sondern den schlimmsten Vorfall darstellt: das Hawns Mill Massaker. Das Problem bei derartigen Auseinandersetzungen ist, daß darunter meist Unschuldige zu leiden haben, die dann wieder als Entschuldigung für neue Untaten herhalten müssen, und so dreht sich die Gewaltspirale, bis eine Seite gewinnt oder irgend jemand Einsicht zeigt. Die andere Seite hat andere Geschichten. Hier gewann die andere Seite, und das gibt guten Märtyrerstoff. Aber niemand spricht heute gern über die Daniter oder die Blutsühne, über Mitglieder, die ihren Nachbarn die Vernichtung prophezeiten oder den Wegzug nahelegten usw.

Zertifikat über Hydes Reisepapiere

Anhang – ein Überblick seiner Mission und Geleitworte

Hyde spricht von Entlassungen aufgrund religiöser Ansichten. Daß das nicht in Ordnung ist, leuchtet jedem ein. Jedoch wird heute ein Angestellter der Kirche entlassen, wenn er oder sie den Glauben verliert und dazu steht. Es kommt eben immer nur auf die eigene Machtposition an, und die hat die Kirche in der heutigen Zeit.

Hyde gab die Verheißung: „Der Jahre sind nur wenige, und der Monate nicht viele“ und meinte damit das Zweite Kommen Christi. Dieser Satz ist nicht ganz so dehnungsfähig wie die Aussage „in dieser Generation“, insbesondere weil Monate explizit erwähnt werden. Mittlerweile sind die Betroffenen längst tot und weit mehr als wenige Jahre – von Monaten sprechen wir gar nicht – sind vergangen. Tolle Verheißung, toller Prophet, Seher und Offenbarer. Na ja, er redete eben nur das nach, was Joseph Smith erzählte.

Das Land reformierte die Gesetze nicht schnell. Von einem Boten wurde es dennoch nicht heimgesucht. Wie also lautet die Antwort auf die Herausforderung Hydes: „in Zukunft wird es sich zeigen, ob diese Worte die Frucht eines boshaften Herzens waren, oder ob sie eingegeben wurden von dem Geiste der Billigkeit und Wahrheit“? Er forderte heraus und er hat verloren. Warum nur hat er nicht noch eine dritte Möglichkeit zur Wahl gestellt? Er hätte seinen Punkt damals verfehlt. Somit hat er heute seine Glaubwürdigkeit verspielt.

Noch einmal räumt Hyde ein, die einzigen Fehler in diesem Buch wären die seiner menschlichen Schwäche, z.B. seiner mangelhaften Deutschkenntnisse. Wir sehen heute nur auf seine Lehren und Verheißungen und vergleichen sie mit heutigen Lehren und eingetretenen Dingen.

Dabei können wir feststellen, daß sich zahlreiche Lehren der damaligen Kirche von den heutigen unterscheiden und die Rückkehr Christi entgegen damaliger Lehre noch immer nicht stattgefunden hat. Auch seine Märtyrerdarstellung überzeugt aufgrund der Einseitigkeit nicht und taugt höchstens zum Heranziehen blinder Fanatiker. Die meisten von ihm als negativ herausgestellten Eigenschaften von Personen und Organisationen beschreiben die heutige Kirche sehr weitgehend. Wir haben hier also ein eindrucksvolles Dokument aus den späten Anfängen einer mehr restaurierenden als reformierenden Organisation, die heute genauso um den Schutz ihrer Lehren und ihrer Errungenschaften bemüht ist, wie die von ihr angegriffenen Organisationen es schon damals taten. Der Leser, der sein Herz nicht verstockt, wird diese Änderungen zugeben und die daraus resultierenden Konsequenzen ertragen müssen.