Jehovas Zeugen – Zusammenarbeit mit einem abscheulichen Ding

Vor sechs Jahren war die Welt noch in Ordnung. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Vereinten Nationen schrieb der „Wachtturm“ in seiner Ausgabe vom 1. Oktober 1995 unter der Überschrift „50 Jahre gescheiterter Bemühungen“:

In der biblischen Prophetie werden menschliche Regierungen häufig durch wilde Tiere veranschaulicht. Darum werden in der Zeitschrift ‘Der Wachtturm’ seit vielen Jahrzehnten die wilden Tiere aus Offenbarung, Kapitel 13 und 17 als die heutigen weltlichen Regierungen gedeutet. Dazu gehört die Organisation der Vereinten Nationen, die in Offenbarung, Kapitel 17 als ein scharlachfarbenes Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern beschrieben wird.

Der Wachtturm vom 1.10.1995, 7

In der Tat wurde dieser Vergleich in den Zeitschriften und Büchern der Wachtturmgesellschaft häufiger bemüht.

Im Sommer 1996 mussten Jehovas Zeugen über die Vereinten Nationen lesen: „Ja, [sie] wurden wirklich zu einem Götzen, zu einem ‘abscheulichen Ding’ in den Augen Gottes und seines Volkes.“ Mit welchen Gefühlen mögen wohl zahlreiche Zeugen die Fassade der UNO wahrgenommen haben, deren New Yorker Hauptgebäude in Sichtweite der Weltzentrale der Zeugen Jehovas liegt?

Das Bild von der Abscheulichkeit der UNO wurde auch 1999 bemüht. Im „Wachtturm“ hieß es: „Jehovas Zeugen haben schon früh aufgedeckt, daß jene von Menschen geschaffenen Friedensorganisationen in Gottes Augen abscheulich sind.“

Vor dem Hintergrund dieser scharfen Ablehnung verwundert es um so mehr, dass die Watchtower Bible and Tract Society of New York seit einiger Zeit als Nichtregierungsorganisation (Non-governmental Organisation = NGO) bei den Vereinten Nationen registriert ist. Zu den NGO’s zählen so bekannte Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch oder der World Wide Fund for Nature. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben die NGO’s einen beachtlichen Bedeutungsaufschwung erlebt: Es finden praktisch keine internationalen Konferenzen mehr statt, ohne dass die NGO’s in deren Rahmen eigene Programme gestalten. Die Informationen dieser „staatsunabhängigen“ Organisationen finden immer größere öffentliche Beachtung, wie man zuletzt auf der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban beobachten konnte.

Weltweit dürfte es einige Zehntausend solcher Organisationen geben. Ihr überwiegend guter Ruf gründet darin, dass sie als Anwälte der engagierten Öffentlichkeit gesehen werden, die unabhängig von politischen Interessenlagen agieren können.

Nur ein geringer Teil von ihnen sind mit den Vereinten Nationen assoziiert. Ihr Status ist bisher nicht verbindlich geregelt. Auf der Homepage der Vereinten Nationen heißt es über die NGO’s, die mit dem Department of Public der UNO assoziiert sind: Sie geben den Vereinten Nationen „eine gute Verbindung zu den Bürgern in der ganzen Welt [und ermöglichen] der Bevölkerung somit ein besseres Verständnis der Ziele der Weltorganisation“. Man darf gespannt sein, wie die Wachtturmgesellschaft unter den Zeugen Jehovas für ein „besseres Verständnis“ der Weltorganisation arbeiten wird. Die Vereinten Nationen erwarten von den assoziierten NGO’s, dass sie „humanitäre[n] Funktionen wahrnehmen, Bürgeranliegen bei Regierungen vor[zu]bringen, die politische Landschaft ... beobachten und das politische Engagement in der Bevölkerung [zu] erwecken“.

Gerade Letzteres, nämlich dass die assoziierten NGO’s und damit auch die Wachtturmgesellschaft „das politische Engagement in der Bevölkerung“ wecken, stellt die traditionelle politische Haltung der WTG auf den Kopf. Man könnte diese Kurskorrektur begrüßen, wenn sie wirklich ernst gemeint wäre. Merkwürdig ist zudem, dass die WTG trotz ihrer gewaltigen Publikationsflut über diese Neuigkeiten nicht informiert. So bleibt der schnöde Verdacht, dass – ähnlich wie bei der Klage auf Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Berlin – alles nur der besseren Reputation dienen soll. Eine wirkliche Neubesinnung, ein wirkliches Überdenken theologisch unsinniger und politisch grotesker Feindbilder findet nicht statt.

Und so sehen die freundlichen Zeugen Jehovas am Supermarkt in den Vereinten Nationen auch weiterhin „eine Weltverschwörung gegen Gott“[1], während die Wachtturm-Funktionäre in den New Yorker Chefetagen in einer völlig anderen Welt schweben. In dieser anderen Welt begegnen ihnen übrigens auch Soka Gakkai International, das Sri Chinmoy Centre und die Brahma Kumaris World Spiritual University. Die sind schon länger als „humanitäre Organisationen“ mit der UNO assoziiert.

Anfang September publizierte die FAZ einen grundlegenden Beitrag über die Nichtregierungsorganisationen. Am Ende wird die Frage nach der Legitimation der NGO’s gestellt: „Denn auf Dauer kann die Behauptung, man vertrete einen Teil der staatsfernen Öffentlichkeit, als Grundlage des Handelns gewiß nicht genügen. Wen einzelne Gruppen genau repräsentieren, wer sie autorisiert und finanziert, bleibt allzuoft im dunkeln. ... Eine Verständigung darüber, was überhaupt als NGO gilt, ist daher vonnöten. ... Andernfalls werden auch die respektierten Gruppen in den Sog derjenigen geraten, die ihre Ziele mit zweifelhaften Mitteln verfolgen.“[2]

Nachtrag: Wie wir nach Redaktionsschluss erfahren haben, soll die WTG ihre Mitarbeit als NGO bei der UNO inzwischen eingestellt haben.

[1] „Der Wachtturm“ vom 1.9.1987, 20.

[2] FAZ vom 10.September 2001, 14.

Quelle: EZW Materialdienst November 2001, Autor: Andreas Fincke