Schulterschluss mit "Babylon" und dem "wilden Tier"

Während die Zeugen Jehovas noch gelehrt werden, sich als "wahre Christen" getrennt von der Welt zu halten und jegliche Kontakte zu anderen Religionen meiden, geht die Wachtturm-Gesellschaft längst andere Wege.

Man diskutiert mit Theologen, trifft sich mit den anderen Sekten zum Erfahrungsaustausch, sucht die Anerkennung "weltlicher" Politiker und ist sogar mit den Vereinten Nationen assoziiert. Ein Situationsbericht, der eigentlich jeden Zeugen Jehovas nachdenklich machen sollte.

Die Zeugen Jehovas sind davon überzeugt, die einzig "wahren Christen" zu sein, die in einem "geistigen Paradies" leben und von ihrer Organisation stets die "geistige Speise zur rechten Zeit" empfangen. Um sie herum hingegen liegt die von Satan beherrschte Welt, die schon bald in der "großen Schlacht von Harmageddon" vernichtet werden wird. Nur wenige Zeugen Jehovas wissen, dass sie diese Ansicht mit Hunderten anderer Sekten teilen. Und nur wenigen ist bewusst, dass die hinter ihnen stehende Wachtturm-Gesellschaft längst andere Ziele verfolgt.

So treffen sich Vertreter der Wachtturm-Gesellschaft ungeniert auf dem Turiner Kongress von CESNUR, um den Erfahrungsaustausch mit Gruppen, wie Scientology, Baha'i und den Mormonen zu pflegen. Sie beteiligen sich gemeinsam mit Scientology an einer Konferenz gegen die angebliche Diskriminierung religiöser Minderheiten in Europa. In Österreich treten sie auf Veranstaltungen der "Vereinigungskirche in Österreich" (also der Moon-Sekte) auf. Auf Podiumsdiskussionen an mehreren Orten in Deutschland lassen Sie eine Religionswissenschaftlerin für sich sprechen, die bei Demonstrationen von Scientology an vorderster Front mitmischt. Und in Moskau engagieren sie die selbe Rechtsanwältin, die wohl nicht ganz zufällig auch die übrigen amerikanischen Sekten vertritt.

Da ist es dann schon nicht mehr verwunderlich, wenn Die Wachtturm-Gesellschaft in Italien ein Konkordat mit der Regierung eingeht, um sich ihren Anteil an der Kirchensteuer zu sichern. Genauso wenig wie es dem aufmerksamen Beobachter überrascht, wenn sich die halbe Führungsmannschaft aus Selters an der theologischen Fakultät in Heidelberg zu einer gemeinsamen Tagung mit Historikern und Theologen einfindet, wenn sich die Zeugen Jehovas in den USA an der Interfaith-Bewegung beteiligen oder in Zürich öffentlich mit einem katholischen Professor und einem protestantischen Sektenbeauftragten diskutieren.

Das alles ist letztendlich nichts Besonderes, denn auch andere Religionen pflegen durchaus Kontakte untereinander. Allerdings lehren sie auch nicht ihren Mitgliedern, sich strikt von der Welt fern zu halten und keinerlei Berührungen mit "Babylon, dem Weltreich der falschen Religion" zu haben. Und sie verteufeln nicht die gesamte Welt mitsamt ihren gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als satanisch, wie erst neulich im Erwachet vom 8.8.2001, wo es hieß:

Somit können wir logischerweise schlussfolgern, dass das wilde Tier aus der Offenbarung menschliche Regierungen darstellt. Da sich diese Regierungen dem Königreich Gottes widersetzen, bilden sie einen Teil des Antichristen.

Ein besonderes Augenmerk hat die Wachturm-Gesellschaft schon seit jeher auf die Vereinten Nationen. In dieser Organisation sieht sie nämlich die Erfüllung einer Prophezeihung aus Offenbarung 17, in der von einem "wilden Tier" die Rede ist. Wobei man besonders der babylonischen, falschen Religion andichtet, sie hätte ein besonderes Verhältnis mit diesem Tier und würde daher zusammen mit ihm in der kommenden Schlacht von Harmageddon vernichtet werden. Zitat aus dem Wachtturm vom 15.12.2982:

Als im Jahre 1920 das zusammengesetzte „scharlachfarbene wilde Tier" als Völkerbund erschien und 1945 als Vereinte Nationen wiederauftauchte, brachte es „Babylon die Große" fertig, diese internationale Körperschaft zu „reiten", um Nutzen und Gewinn zu erlangen. Sie kümmert sich nicht darum, daß dieses politische „abscheuliche Ding" dort steht, wo es nicht stehen sollte, das heißt unbefugterweise die „heilige Stätte" betritt, die jetzt rechtmäßig zum Herrschaftsbereich des „himmlischen Jerusalem", des messianischen Königreiches Gottes, gehört.

Will heißen, die Vereinten Nationen maßen sich an, die ganze Welt in eine friedfertige Zukunft zu führen, wo doch das allein den Zeugen Jehovas vorbehalten sein soll, die angeblich nach Vernichtung sämtlicher politischen Systeme für alle Ewigkeit in einem Paradies auf Erden leben werden.

Doch wie es scheint, werden die Zeugen Jehovas diese Hoffnung bald aufgeben müssen. Nicht weil diese Lehre mittlerweile offiziell aufgegeben und durch "neues Licht" ersetzt wurde. Vielmehr, weil ihre geistige Mutter, die Wachtturm-Gesellschaft mittlerweile selbst ein Teil dieses "scharlachfarbenen wilden Tieres" ist.

Wer das bezweifelt, sollte sich einmal auf die Website der Vereinten Nationen begeben und dort die Darstellung über sogenannte "nichtstaatliche Organisationen" lesen:

Eine nichtstaatliche Organisation (Non-governmental Organisation, im weiteren Text: NGO) ist eine gemeinnützige und auf freiwilliger Arbeit basierende Organisation von Bürgern, die sowohl lokal als auch national oder international organisiert und tätig sein kann. Auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet und von Leuten mit einem gemeinsamen Interesse gegründet, versuchen NGOs, eine Vielfalt von Leistungen und humanitären Funktionen wahrzunehmen, Bürgeranliegen bei Regierungen vorzubringen, die politische Landschaft zu beobachten und das politische Engagement in der Bevölkerung zu erwecken. Sie stellen Analysen und Sachverstand zur Verfügung, dienen als Frühwarnmechanismus und helfen, internationale Übereinkünfte zu beobachten und umzusetzen. ...

Über 1500 NGOs mit guten Informationsprogrammen über Sachfragen, mit denen sich die Vereinten Nationen befassen, sind mit der Hauptabteilung Presse und Information (Department of Public Information DPI) assoziiert. Sie geben den Vereinten Nationen (VN) eine gute Verbindung zu den Bürgern in der ganzen Welt. DPI hilft diesen NGOs, Zugang zu Informationen über die vielfältigen Bereiche, in welchen die Vereinten Nationen engagiert sind, zu bekommen und diese zu verbreiten und der Bevölkerung somit ein besseres Verständnis der Ziele der Weltorganisation zu ermöglichen.

Weshalb wir das hier zitieren? Ganz einfach. Unter den über 1500 nichtstaatlichen Organisationen, die mit der UNO assoziiert sind, um der Bevölkerung ein besseres Verständnis von der Ziele der Weltorganisation zu ermöglichen, befindet sich auch die Watchtower Bible & Tract Society. Oder besser gesagt, sie befand sich darunter, Wer's nicht glaubt, schlage selbst in der Liste* nach.

Die Wachtturm-Gesellschaft ist somit Teil einer Organisation, oder zumindest mit ihr assoziiert, deren Untergang sie selbst prophezeiht. Wobei ironisch angemerkt werden sollte, dass sie dort nicht etwa unter dem Stichwort Religion auftritt, sondern unter "Menschenrechte".

Das erklärt vielleicht die Berichte mehrerer Zeugen Jehovas vom Münchner Kongress, die verwundert darüber waren, dass der Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, Milton G. Henschel angeblich mit einem UN-Diplomatenpass unterwegs ist. Es erklärt vielleicht auch, weshalb die amerikanische Regierung ausgerechnet die Wachtturm-Gesellschaft in eine Delegation aufnahm, die nach China reiste, um der dortigen Regierung etwas über Umweltschutz zu erzählen.

Es wird also allmählich Zeit, dass der einzelne Zeuge Jehovas das Tun seiner Organisation kritisch hinterfragt. Schließlich deutet vieles darauf hin, dass die "Wahrheiten", die ihm auf den Seiten des Wachtturms präsentiert werden, immer weniger mit den Zielen zu tun haben, die die Wachturm-Gesellschaft in Wirklichkeit verfolgt.

*Hinweis:

Die Information, dass die Wachtturm-Gesellschaft mit der UNO zusammen arbeitet, hat unter Zeugen Jehovas weltweit für erhebliche Unruhe gesorgt. So gingen Anfang Oktober 2001 bei der UNO Tausende von Anfragen besorgter Zeugen Jehovas per Fax, Telefon und eMail ein, die diese Nachricht bestätigt haben wollten. Auch die Weltzentrale der Zeugen Jehovas in Brooklyn, New York, wurde mit Anfragen bombardiert. Zweigbüros in zahlreichen Ländern mussten sich mit der peinlichen Angelegenheit auseinander setzen. Eine Situation, die zu eskalieren drohte und die Offiziellen in Brooklyn Anfang dazu veranlasste, ihre zehnjährige Mitgliedschaft bei der UNO zu widerrufen [Hier die offizielle Bestätigung durch die UNO]. Seit dem 9. Oktober 2001 steht die Wachtturm-Gesellschaft daher nicht mehr auf der Internet-Liste der nichtstaatlichen Organisationen.