Vertuschen, verschleiern, verdrehen

Welche Glaubwürdigkeit hat eine religiöse Organisation, die das eine predigt und das andere tut?

Welches Vertrauen verdient die Wachtturm-Gesellschaft (WTG), die seit Jahrzehnten verkündet, die Vereinten Nationen wären die Erfüllung des verabscheuenswürdigen "scharlachfarbenen wilden Tieres" aus der Offenbarung, und gleichzeitig innige Beziehungen zur UNO zu pflegt?

Fragen, die sich jeder Zeuge Jehovas stellen sollte, der sich selbst kundig gemacht hat und daher weiß, dass ihn seine religiösen Führer seit zehn Jahren hinters Licht führen.

Ruft ein Zeuge Jehovas bei der Zentrale der WTG in Brooklyn oder einer der zahlreichen Niederlassungen in aller Welt an, um nachzufragen, ob die Wachtturm-Gesellschaft tatsächlich jahrelang Mitglied bei der UNO war, bekommt er eine wahrlich abenteuerliche Geschichte aufgetischt.

Abtrünnige hätten diese Nachricht verbreitet, heißt es da, um die Sache schon von vornherein als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Und dann wird die offizielle Sprachreglung aus Brooklyn herunter gebetet, die auch jeder bekommt, der sich in dieser Sache schriftlich an die WTG wendet:

Im Jahr 1991 haben wir uns beim DPI (UN-Department of Public Information) als NGO registrieren lassen, um in den Bibliothekseinrichtungen der Vereinten Nationen zu sozialen und wirtschaftlichen Problemen, sowie zum Thema Gesundheit Nachforschungen anstellen zu können. Die Bibliothek ist schon vor 1992 viele Jahre lang von uns genutzt worden, doch in diesem Jahr wurde es erforderlich, sich als NGO registrieren zu lassen, um weiterhin Zugang zu der Bibliothek zu haben. Der Registrierungsantrag, so wie er eingereicht wurde und bei uns in den Akten vorliegt, enthielt keine Aussage, die zu unserem christlichen Glauben im Widerspruch wäre. Außerdem werden NGOs von den Vereinten Nationen dahingehend informiert, dass "die Assoziierung mit DPI ... weder [bedeutet], dass die NGO Teil des Systems der Vereinten Nationen wird, noch, dass sie und ihre Mitarbeiter irgendwelche Vorrechte, Immunitäten oder speziellen Rechte haben.

Dennoch erhalten die Kriterien für die Assoziierung als NGO - zumindest in ihr jüngsten Version - Formulierungen, denen wir uns nicht anschließen konnten. Als wir darauf aufmerksam gemacht wurden, haben wir unsere Registrierung sofort zurück gezogen. Wir haben es sehr geschätzt, dass wir über diesen Sachverhalt unterrichtet worden sind.

Bemerkenswert ist, dass es die WTG es auch einen Monat nach der Beendigung Ihrer Verbindung zur UNO nicht für nötig gehalten hat, ihre eigenen Mitglieder über die Sache zu informieren. Wer davon weiß, hat es entweder aus der Presse erfahren oder gehört zu den Internet-Surfern, die sich entgegen der "Empfehlung" der WTG auf den Websites von Abtrünnigen tummeln. Aber das kann durchaus Absicht sein, denn auf diese Weise wird erreicht, dass vielen Zeugen Jehovas das heimliche Treiben ihrer Organisation verborgen bleibt, während die anderen irgendwo irgend etwas gehört haben, aber nicht genau wissen, was an der Sache wirklich dran ist.

Doch nun zum Inhalt der offiziellen Stellungnahme:

Die Manipulation beginnt schon damit, dass man die Sache als Falschmeldung von Abtrünnigen darstellt. Es war nämlich kein Ehemaliger, der hinter das heimliche Treiben der WTG kam, sondern ein bis dato noch überzeugter Zeuge Jehovas. Er gab den Begriff "Watchtower Bible- and Tract Society" in seine Suchmaschine ein und landete zu seinem großen Erstaunen auf einer Liste der Vereinten Nationen. Als er nachforschte, worum es sich dabei handelte, berichtete er in einem amerikanischen Diskussionsforum über seine Entdeckung und trat damit eine weltweite Lawine los.

Dass es sich beim Antrag der WTG, als nichtstaatliche Organisation (NGO) der UNO aufgenommen zu werden, nicht einfach um den Zugang zur Bibliothek handelt, kann man getrost als Blödsinn abhaken. Der Zugang zur UN-Bibliothek war noch nie auf nichtstaatliche Organisationen beschränkt. So ist zum Beispiel auch die Bibliothek der UNO in Bonn für jedermann zugänglich.

Wenn die WTG sagt, dass der Antrag zur Registrierung als NGO keine Aussage enthielt, "die zu unserem christlichen Glauben im Widerspruch wäre", dann kann jeder selbst nachprüfen, dass dem nicht so ist. Links zu den einzelnen Seiten des Antrags befinden sich am Ende dieses Dokuments. Die einzelnen Fragen des Antrags lassen keinen Zweifel daran, dass die UNO an der Zusammenarbeit mit Organisationen interessiert ist, de sich mit ihren Zielen identifizieren und diese Unterstützen. Ein Aspekt, der auch in ihrer Broschüre über die Aufgaben einer NGO nachzulesen ist.

Auch in ihrer Pressemitteilung aus dem Jahre 1992 (dem Jahr, in dem die WTG als NGO der UNO anerkannt wurde) bringt die UNO deutlich die enge Zusammenarbeit mit den NGOs zum Ausdruck, die dafür extra an einem Orientierungs-Seminar teilnehmen müssen.

Der Hinweis, dass eine NGO kein Teil des Systems der UNO sei, ist eine reine Nebelkerze, die den Blick vom eigentlichen Thema ablenken soll. Schließlich niemand behauptet, dass die WTG eine Unterorganisation der UNO sei Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die Tatsache, dass sich die WTG bei der UNO als NGO beworben hat - wissend, dass damit ein hohes Maß an Engagement für die Ziele der UNO verbunden ist. Ein Engagement, das übrigens jedes Jahr erneut nachgewiesen werden muss, um den Status einer NGO aufrecht erhalten zu können.

Dass sich die Kriterien für eine NGO im Laufe der Jahre verändert haben, wie die WTG glauben machen will, ist ebenfalls aus der Luft gegriffen. Dagegen sprechen schon die Aussagen der UNO-Pressemitteilung aus dem Jahre 1992.


Ergänzende Dokumente:

Antragsformular für nichtstaatliche Organisationen (1)

Antragsformular für nichtstaatliche Organisationen (2)

Antragsformular für nichtstaatliche Organisationen (3)

Antragsformular für nichtstaatliche Organisationen (4)

UN-Pressemitteilung von 1992 (1)

UN-Pressemitteilung von 1992 (2)