"Standhaft trotz Verfolgung" - Ist der Videofilm der WTG Dokumentation oder Propaganda?

Wer den Zeugen Jehovas sympathisierend und daher wenig skeptisch gegenübersteht, wird den Videofilm "Standhaft trotz Verfolgung" als gelungenes Stück geschichtlicher Aufarbeitung ansehen.

Schließlich ist doch allgemein bekannt, dass die Zeugen Jehovas eine der verfolgten Gruppen des Naziregimes waren, der "lila Wimpel" den einige KZ-"Veteranen" als "Trophäe" in ihrer Vitrine aufbewahren, zeugt davon.

Wenn die Zeugen Jehovas nun ihren Teil der Geschichte des Dritten Reiches erzählen wollen, so ist dies legitim.

Dennoch muss es erlaubt sein zu fragen, ob das Video, das sie dafür hergestellt haben, den allgemeinen Kriterien sorgfältiger Recherche und nüchtern sachlicher, geschichtlicher Aufklärung genügt.

Die Beurteilung durch die Gutachter Joachim Keden (ev. Pfarrer und Referent für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche im Rheinland), Horst Neusius (kath. Pfarrer und Referent für Weltanschauungs- und Sektenfragen im Bistum Trier), Siegfried Czernohorsky (Studiendirektor und beratender Lehrer Schulfernsehen, Geschichte), Ingolf Lücking (Realschullehrer und beratender Lehrer Schulfernsehen, Geschichte), Hans Peter Hauke (Referent für das Schulfernsehen beim Südwestfunk) und Renate Heers (Oberstudienrätin und pädagogische Referentin am Landesmedienzentrum) fällt eindeutig aus:


1. Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab es aus vielen Gruppen und Schichten der Bevölkerung. Der Film "Standhaft..." greift einseitig und verfälschend eine kleine Gruppe von Zeugen Jehovas heraus und verallgemeinert seine Aussagen.

2. Das Verhältnis zwischen Hitler und den Zeugen Jehovas wird geschichtsverfälschend dargestellt. Die Wachtturm-Gesellschaft reagierte, entgegen der Darstellung, wie viele andere Gruppen mit "vorbeugender Anpassung" (vgl. Twisselmann Der Wachtturm-Konzern, Seite 141 ff, vgl. „Trost", herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft in Bern am 1.10.1943, besonders das Vorwort, vgl. Vernehmungsprotokoll der Gestapo Darmstadt vom 9.9.1936, vgl. den Brief an den Reichskanzler im Anschluß an den Kongreß vom 25.6.1933 in Berlin, soie M. James Penton „Die Geschichte eines bersuchten Kompromisses: Jehovas Zeugen, Antisemitismus und das Dritte Reich", erschinen in The Christian Quest, Vol. 3, No. 1, Frühjarh 1990, Seite 33-81).

3. Der pathetische Sprecherkommentar verklärt das Bild- und Tonmaterial in das Klischee der Selbstdarstellung der Zeugen Jehovas.

4. Einige Statements von Historikern werden im Film "Standhaft..." dazu benutzt, das Verhalten der Kirchen und einzelner Christen negativ zu veurteilen. Hintergrunderklärungen fehlen vielfach, andere Opfergruppen werden nicht oder nur am Rande erwähnt.

5. Die gesamte Machart entlarvt den Film "Standhaft..." als kalkulierten Werbefilm für die Wachtturm-Gesellschaft mit eindeutig missionarischer Tendenz.

6. Filmlänge und Sprache im Off-Text sind für Schülerinnen und Schüler ungeeignet. Die Dominanz "redender Köpfe" verhindert schüleraktiven Unterricht und widerspricht dem Prinzip der exemplarischen Präsentation.

7. Die missionarische Intention des Films "Standhaft..." verhindert eine inhaltliche und historische Auseinandersetzung mit dem Thema.

8. Fazit: der Film "Standhaft..." eignet sich nicht für die Aufarbeitung der Widerstandsgeschichte im Nationalsozialismus. Er gehört nicht in die Hände von Schülern und wird daher nicht als Verleihmedium empfohlen.


Das Gutachten wurde vom Landesmedienministerium Rheinland-Pfalz in Auftrag gegeben. Der Leiter des sogenannten "Informationsdienstes" (also der PR-Abteilung) der WTG, Wolfram Slupina, hat gegen das Gutachten Einspruch erhoben. In einem Antwortschreiben des Landesmedienministeriums Rheinland-Pfalz an Herrn Slupina heißt es:

Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Einrichtung ist es, klassische AV-Medien und neue Medien zu sichten, zu bewerten und zu überprüfen, ob sie für einen Einsatz in der Schule geeignet sind. Dabei werden rein sachliche und fachliche Kriterin zugrunde gelegt. Diesen sachlichen und fachlichen Kriterien genügt der eingereichte Videofilm nicht.