Leben heute: Griff nach der Seele

Lutz Lemhöfer: Ich muss hier... Das ist juristisches Glatteis. Deswegen versuche ich sehr präzise zu sein. Es ist rechtlich ein, sind diese Betriebe eigenständig. Aber sie fühlen sich dem 'Universellen Leben' als 'Christus-Betrieb' verbunden. Und ich gehe auch davon aus, dass Finanzen durchaus auch dem 'Universellen Leben' zugute kommen können, aber die Details dazu weiss ich nicht.

Susanne Scharra: Wie steht es mit der Gruppe 'Christian Sciences', wollte ein Hörer wissen?

Lutz Lemhöfer: Die 'Christliche Wissenschaft' wird oft mit 'Scientology' verwechselt. Zu Unrecht. Das ist eine ältere sektenhafte Gruppierung, die vor allen Dingen versucht, auch durch Gebet, zu heilen, den Anspruch hat, dass Gebet Menschen von Krankheiten heilen kann; ist eine nicht aggressiv werbende Gruppierung, die, ich sage mal so, zu unserer weltanschaulichen Landschaft dazugehört, auch wenn ich ihre Meinungen und ihr Bibelverständnis nicht teile. Aber ich würde sie nicht in die Bedrohlichkeit etwa mit Scientology in eins setzen.

Susanne Scharra: Weil sie nicht diesen Totalitätsanspruch hat, ode...?

Lutz Lemhöfer: Ja, und weil sie also nun nicht so aggressiv wirbt, nicht so stark versucht Menschen einzufangen.

Susanne Scharra: Ein Beispiel haben wir noch, dass wir Ihnen erzählen wollen, das Beispiel eines Sektenführers namens Walter Alfred Siebel. Siebel ist offensichtlich ein Mann mit ausserordentlichem Charisma. Das haben vielleicht viele Sektenführer, eine Persönlichkeit, die im Führerstil agiert, die Anhänger indoktriniert, und zwar ohne Wenn und Aber. Dem Ex-Theologen aus Norddeutschland folgten seine Anhänger wie einem Guru blindlings viele Jahre lang. Erst seit ein paar Monaten ist Siebel unter Beschuss geraten. Roswita Krauss hat mit ehemaligen Anhängern gesprochen, Menschen, die im nachhinein nach Erklärungen dafür suchen, dass sie für diesen Mann ihr bisheriges Leben völlig aufgegeben haben. Der Mann aus dem ländlichen Brode bei Bremen war ein begnadeter Heiler, meinen die einen. Ein Menschenfänger sei er, ein Scharlatan, ein Meister der Indoktrination, sagten die anderen. Bevor Ex-Pastor Walter Alfred Siebel nach Wiesbaden umsiedelte, manche behaupten, die Flucht ergriff, sorgte er Anfang der 90er-Jahre für eine Weile in Bremen und Umgebung für Schlagzeilen. Keine Frage! Der charismatische Therapeut und Erfinder der so genannten 'Logosophie' und 'Psychopraxie' war heiss umstritten. Wer dem Guru mit seinen eigenwilligen Theorien verfallen war kam so schnell nicht von ihm los.

Stimme: Wenn ich heute darüber nachdenke habe ich das Gefühl, ich bin so ein paar Jahre lang, was ihn betrifft, benebelt rumgelaufen. Und diesen Nebel habe ich erst durchstossen können, nachdem ich da raus war. Nachdem ich also in Ruhe mal darüber nachdenken konnte was da gewesen war, vor allen Dingen auch mit anderen darüber sprechen konnte.

Susanne Scharra: Einer der weiss, worum es geht, wenn von Siebel die Rede ist, ist der ehemalige Schulleiter Steinwede aus Achim bei Bremen. Erst war seine Frau Siebels glühende Anhängerin, dann seine drei Kinder, und schliesslich wollte er selber wissen was dran ist an diesem Mann. In welche Kreise war er geraten?

Stimme: Die vermittelten allen das Gefühl, dass dort ein ganz besonderer Mensch mit besonderen Fähigkeiten des Heilens sässe. Auch ein Mensch, der den anderen irgendwo einen Lebenssinn geben kann. Das war also nicht nur Heilung von psychischen Leiden oder medizinischen Leiden, sondern auch jemand, der einen neuen Sinn vermittelt. Herr Siebel nennt ja seine Lehre eine Weltanschauung und hat die mit dem Titel 'Logosophie' benannt. Das war so die Grundlage worauf er alles aufbaute. Na ja, das klang alles unglaublich hochtrabend und Widerstand, Kritik daran üben, da wurde man so fertig gemacht. Er stand immer auf einer höheren Ebene. Ja, das wagte kaum noch einer.

Susanne Scharra: Wolfgang Schneider, Sozialpädagoge aus Euten, hätte es besser wissen können. Eigentlich kann er bis heute nicht fassen bei welchem Dämagogen er Heilung suchte. Aber bekanntlich ist man hinterher immer klüger.

Wolfgang Schneider: Das Wetter draussen schlägt gerade um und es regnet. Dann weiss der Herr Siebel mit Sicherheit: 'Ja, ja, das regnet jetzt, weil hier drin nicht geweint wird'. Ein typisches Beispiel. Er war in einem Kloster. Er war ja Theologe und ist mehr oder weniger von der Evangelischen Kirche rauskomplimentiert worden. Er war in einem Kloster und hat da mehrere Intensiv-Seminare gemacht. Und irgendwann dann hat die Obrigkeit gesagt: 'Nee, das wollen wir nicht mehr'. Und der gute Mann verkauft esdann so und sagt: 'Na ja, da bin ich dann rausgeflogen; aber das steht ja heute nicht mehr. Da hat der Blitz eingeschlagen'. Also, wo er sich so diesen Touch gibt, jeder, der sich gegen mich stellt, dem passiert auch was.