Leben heute: Griff nach der Seele

Susanne Scharra: Die Firma ist ein Strukturvertrieb; Gesellschaft zur Förderung mittelfristiger Geldanlagen. Hauptkunde ist die Karlsruher Lebensversicherungs-AG. Die Leute bei FMGA sind alle auffällig motiviert. Erklärung heute: Hier ging es zu wie in einer Sekte.

Andrea Jakob: Ich habe ja noch nicht einmal gewusst, was Scientology überhaupt ist. Als ich später raus war und ich dann erfahren habe, dass die Emotions-Sdkala, nach der wir geschult wurden unter anderem, dass die von Hubbard entwickelt wurde, dann, ja, Schulungen über Unterdücker, dass man sich von 'Bremsklötzen', Ehemännern oder Familienangehörigen, sogar den Kindern, entfernen sollte wenn sie am Arbeiten uns hinderten und so weiter, da habe ich gemerkt: Hier stimmt irgend was nicht. Und ich habe dann versucht rauszubekommen, das war gar nicht so einfach, weil, inzwischen war ich so hoch verschuldet, dass ich einfach nur noch gehofft habe: Irgend wann zahlen die endlich mein ausstehendes Gehalt aus, was natürlich nie kam.

Susanne Scharra: Nach 15 Tagen Einführung in das Verkaufsgeschäft ist Andrea Jakob Bezirksleiterin. Bald avanciert sie zur Ausbilderin. Der Goldregen scheint zum Greifen nah. Und für laufende Suggestionen wird in regelmässigen Schulungen gesorgt. Die finden oft im Ausland statt. Merkwürdig nur: Sie soll die Hotelräume für die Abendseminare auf eigene Kosten buchen. Mal geht es um Astrologie, mal wird nach den persönlichen Schwächen der Mitarbeiter gefahndet.

Andrea Jakob: Ich wurde immer wieder besänftigt. Es wurde immer wieder zu mir gesagt, ich soll doch Vertrauen haben und ich würde doch sehen, dass immer wieder Geld kommt, wenn auch kleine Beträge, aber ich müsste halt Vertrauen haben; dass die alle überfordert seien, die Unternehmen, und dass es auch dauern würde: Die Recherchen über die Kunden und was weiss ich was alles. Und dann wurde ich wieder zum Champagner-Essen mit dem Herrn Frei eingeladen. Ja, oder, ja, wir haben in den Seminaren... Dann wurde der Raum abgedunkelt. Jeder hat eine Kerze in die Hand bekommen, die dann angezündet wurden. Hunderte von Kerzen wurden dann geschwenkt im Raum und all' solche Geschichten. Das war mir eigentlich, ja, das war mir alles albern und ich habe mich einfach nur noch unwohl gefühlt. Und deswegen wurde ich auch heftig ausgegrenzt. Aber ich machte eben viel Umsatz und deswegen wurde ich geduldet.

Susanne Scharra: Haben Sie damals denn versucht, an Ort und Stelle zu protestieren, wenn Sie so in eine psychologischen Schulung sich befanden?

Andrea Jakob: Nein, das war fast nicht möglich. Wir waren Hunderte von Personen und es haben sich sofort, wenn man kritisiert hat, sofort so viele aufgelehnt, dass man in der Masse überhaupt keine Chance hatte. Ich war als Rebellin verschrien. Und dann wurde ich praktisch ausgegrenzt und es wurde den anderen Teilnehmern gesagt, man solle sich von mir fernhalten, ich sei gefährlich.

Susanne Scharra: Es klingt so, als seien Sie seelisch regelrecht unterwandert worden. Im Rückblick: Mit welchen Techniken ist denn das gelungen für eine Weile?

Andrea Jakob: Und zwar mussten wir uns Musik-Kassetten anhören, die vorher mit Hilfe von einem SUBLIMINALTECHNIK-GERÄT, wie das auch immer heisst, ich habe die Unterlagen davon zu Hause, besprochen wurden und man hat es eben nicht gehört. Man hat nur die Musik gehört. Das heisst, es ist unterschwellig gemacht worden. Und auch der Film, der Firmenfilm, ist mit einer SUBLIMINAL-TECHNIK visuell wie auch auditiv unterlegt. Das heisst, auch das ist eine ganz massive Beeinflussung. Da das aber in Deutschland noch nicht eindeutig bewiesen ist, wird dagegen nicht vorgegangen; denn in Amerika ist das eindeutig verboten.

Susanne Scharra: Heute studiert Andrea Jakob Psychologie, durchschaut die Muster der Verwirrung, in die sie geriet. Wie hat sie die Jahre unter Einfluss einer sektenartigen Firma, alles in allem, verkraftet?

Andrea Jakob: Ich habe es seelisch ganz schlecht verkraftet. Ich hatte Krämpfe, Bauchkrämpfe, also regelrechte Zusammenbrüche, Nervenzusammenbrüche. Ich konnte mich teilweise überhaupt nicht mehr aufraffen, lag nur noch im Bett und habe geschlafen, richtige Erschöpfungszustände. Ich hatte eine Operation in Berlin noch im Krankenhaus. Und während dieser Narkose hatte ich ein Herzversagen, einen Atemstillstand; und dann haben sie gesagt: Manager-Syndrom.

Susanne Scharra: Ja, so weit der Fall einer jungen Frau aus Hessen. Im Studio Olaf Stoffel, selber Sektenaussteiger und heute Buchautor und Therapeut, und Lutz Lemhöfer, Weltanschauungsbeauftragter der Katholischen Kirche. Herr Lemhöfer, der Fall, den wir gerade gehört haben ist ja wirklich tragisch und irgendwie schlägt man doch unwillkürlich so die Hände über dem Kopf zusammen und denkt: Wieso hat die Frau das mit sich machen lassen? Ist das ein Einzelfall oder kennen Sie ähnliche Geschichten?