Leben heute: Griff nach der Seele

Lutz Lemhöfer: Ich denke, die Gefahr ist vor allem die, in eine Abhängigkeit zugeraten, in eine für Erwachsene ganz ungesunde Kinderrolle. Dass man sich von anderen erwachsenen Menschen in kindlicher Weise abhängig macht, dass man sich finanziell und aber auch seelisch ausbeuten lässt. Das ist die Gefahr.

Susanne Scharra: Das, was wir ganz am Anfang gehört haben, dass ein Mann auch gesagt hat, er habe sich stets wie ein Schüler gefühlt.

Herr Lemhöfer: Ja, also, es ist keine erwachsene Form von Glauben und Religion, denn, ich rede ja nicht gegen Glauben und Religion, sondern gegen eine ungesunde, infantile, unreife Form von Glauben und Religion.

Susanne Scharra: Also einmal in den Fängen einer Sekte, das wissen wir, kommen die Anhänger nur ganz schwer wieder davon los. Mit welchen totalitären Methoden Sekten Menschen an sich ketten, darüber reden wir gleich. Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer Fragen zu dem Thema haben, dann rufen Sie uns an. Wir sammeln die Fragen in der Regie und geben sie dann hier an unsere Experten weiter; und unsere Telefonnummer ist die 069 für Frankfurt und dann die 1556112. Nochmal: 069 – 1556112.

(Musik)

Susanne Schara: Kurz vor halb Zehn ist es. Sie hören in Thema <<LEBEN HEUTE>> über den Griff nach der Seele, die Faszination von Sekten. Es muss nicht immer religiöse Abhängigkeit sein, denen Menschen anheim fallen. Es gibt inzwischen auch unzählige kleine und grössere Organisationen, die sektenähnlich strukturiert sind und mit geschickten Methoden Anhänger bis zur totalen Selbstaufgabe an sich binden. Roswita Krauss schildert den Fall einer jungen Frau aus Erder bei Giessen, die in die Fänge eines dubiosen Strukturvertriebes geriet; eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Hoffnung und Hörigkeit.

Andrea Jakob: Ich bin durcheine, ja, Mitarbeitskollegin in ein Unternehmen reingeraten, aus Neugier eigentlich, wo unglaublich viel Geld verdient werden sollte. Und als ich mir die Leute angeguckt hab, die dieses viele Geld verdient haben, das wollte ich gar nicht glauben, weil, das waren alles so Allerweltsmenschen. Und dann habe ich mir gedacht: Was die können, das mache ich längst. Ich habe ganz einfach Kunden geworben, ich habe Mitarbeiter geworben ohne Ende, ich habe an Schulungen teilgenommen, ich habe quasi Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe ja auch noch in meinem Beruf als Chefsekretärin gearbeitet; bin dann so 16, 17 Uhr ungefähr losgefahren nach Bonn, von Giessen nach Bonn, habe dort an den Seminaren teilgenommen, bin nachts um zwölf irgendwann nach Hause gekommen, morgens um sechs wieder aufgestanden, um acht wieder an der Arbeit gewesen und so, so ging das, bis ich Verkaufsleiterin wurde. Dann habe ich meine Chefsekretärin-Stelle aufgegeben, weil ich dort ja angeblich mehr verdienen sollte. Habe ich auch – nur bekommen habe ich es leider nicht.

Susanne Scharra: Um welche Summen ging es denn?

Andrea Jakob: Ich habe so um die eine Million Umsatz im Monat gemacht, Umsatz mit Lebensversicherungs-Verträgen, und hätte um die 17'000 Mark jeden Monat am Anfang gehabt und habe mal rausgekriegt, wenn's hoch kam, drei- oder viertausend Mark, das ist nie ausgezahlt worden voll.

Susanne Schara: Am Anfang schon das Versprechen vom grossen Geld. Am Ende hatte Andrea Jakob 700'000 Mark Schulden.

Andrea Jakob: Durch diesen immensen Arbeitsaufwand habe ich so schnell gar nicht nachdenken können. Ich habe gemerkt nach vielen, vielen Monaten, dass ständig das Geld nicht gezahlt wird. Ich wurde immer hingehalten: Ja, das ist so schwierig, die Policierungen dauern so lange. Oder: Bei der und der Person ist noch eine Gesundheitsprüfung, was hinterher oft gar nicht gestimmt hat, und so weiter. Das Geld wurde auf jeden Fall nicht bezahlt. Dann lief es schief!

Susanne Scharra: Wann haben Sie denn die Bremse gezogen?

Andrea Jakob: Ich bin aus Versehen eines Tages an eine Kiste mit Unterlagen geraten, die ich als meine angesehen habe. Wir haben immer in unseren Kisten unsere Abrechnungen bekommen, die übrigens nie vollständig waren, und ich habe eine falsche Kiste in die Hand bekommen, und zwar von dem Herrn Daniel. Und da habe ich gesehen, dass viele meiner Kunden bei ihm provisioniert waren. Also er hat praktisch das Geld, die Provisionen für viele meiner Kunden und meiner Mitarbeiter, auch Superprovisionen, erhalten. Und da habe ich gemerkt, dass hier Betrug läuft. Ganz klar.