Leben heute: Griff nach der Seele

Für mich sind Dinge dann gefährlich, wenn man nicht weiss, wie gefährlich es ist. Also, ein Fluss, bei dem ich weiss, dass ich darin schwimmen kann oder dass es gefährliche Strudel sind, das ist keine Gefahr mehr. Aber wenn ich denke, das ist harmlos, da komme ich ohne Probleme durch, und dann werde ich erfasst und werde überrascht, das ist natürlich lebensgefährlich.

Susanne Scharra: Ja, wie gefährlich Sekten wirklich sind, dass sie sogar lebensgefährlich sind, darüber wollen wir jetzt diskutieren. Im Studio begrüsse ich Lutz Lemhöfer, den Weltanschauungsbeauftragten der Katholischen Kirche, und Olaf Stoffel, heute Autor und Therapeut, bis vor einigen Jahren aber noch Priester der Neuapostolischen Kirche und damit selbst in den Fängen einer Sekte. Herr Stoffel, das was wir jetzt gerade über die 'Zeugen Jehovas' gehört haben, weckt das bei Ihnen Erinnerungen an die Zeit wo sie Sektenmitglied bei der Neuapostolischen Kirche waren?

Dr. Olaf Stoffel: Ich war ja 17 Jahre Mitglied der Neuapostolischen Kirche und viele Botschaften, die wir eben gehört haben über den Beitrag von den 'Zeugen Jehovas' kommen mir bekannt vor.

Susanne Scharra: Zum Beispiel?

Dr. Olaf Stoffel: Es wurde zum Beispiel immer gesagt, dass das Weltende bald kommt und dass nur die treuen Neuapostolen in den Himmel kommen. Und das hat sehr viele Ängste ausgelöst, nicht nur bei mir, auch bei den Kindern. Und auch diese einseitige Weltsicht, die ja letztendlich auch Geborgenheit auslöst wenn du das tust, was die Implikation der Lehre sozusagen vorschreibt. All das ist hier sozusagen stationsartig wieder in mir hochgekommen und hat auch das eine oder andere Gefühl hervorgerufen.

Susanne Scharra: Wenn Sie sagen, nicht nur bei Ihnen sondern auch bei Ihren Kindern, heisst das, Sie waren mit der ganzen Familie in der Neuapostolischen Kirche?

Dr. Olaf Stoffel: Ich war mit der ganzen Familie in der Neuapostolischen Kirche und habe dort auch die Kinderbetreuung vorgenommen und habe letztendlich über die Lehrwerke der Neuapostolischen Kirche wahrgenommen, wie manipulativ man dort mit den Kindern umgeht und dass man eben einfach versucht, diese Lehre in die Kinder zu implantieren, sodass die Lehre einfach die Welt schlechthin ist.

Susanne Scharra: Das war bei Ihnen aber ja praktisch erst der zweite Schritt. Wie sind Sie denn, also als Sie sich Gedanken gemacht haben schon darüber mit welchen Methoden dort gearbeitet wird, wie sind Sie denn in die Sekte hineingegangen? Sie haben ja, wenn Sie sagen 17 Jahre lang dort gearbeitet, auch 17 Jahre lang daran geglaubt, in gewisser Weise.

Dr. Olaf Stoffel: Es ist so, dass ich mit 23 Jahren in die Neuapostolische Kirche gekommen bin. Ich war damals in einer Sinnkrise, habe nach Gott gesucht, ja, nach Zuwendung, nach Geborgenheit, nach Sinn. Und dann hat man mich eingeladen in diese Gemeinschaft. Und wo es eng ist, ist es auch warm. Mit anderen Worten: Ich habe diese Geborgenheit zunächst einmal genossen. Man hat sich meiner angenommen, hat ein klares Ziel vorgegeben, und das war zunächst einmal attraktiv. Ich war ja dann auserwählt, ein so genanntes Gotteskind. Man konnte darauf hoffen, letztendlich von Gott angenommen zu werden.

Susanne Scharra: Herr Lemhöfer, was macht Gruppierungen wie die 'Zeugen Jehovas' oder eben auch die Neuapostolische Kirche, in der Herr Stoffel war, zu Sekten?

Lutz Lemhöfer: Ich denke, das ist vor allen Dingen ihr Ausschliesslichkeitsanspruch. Nur wir sind die wahre Kirche Christi, alle anderen da draussen sind verdammt. Wer bei uns ist, ist auf der richtigen Seite. Wer ausserhalb unserer Organisation ist, der ist verloren. Diese ganz scharfe Trennung 'drinnen – draussen', das ist der wichtigste Punkt. Hinzu kommt sicherlich auch ein ganz starkes Autoritätsgefälle: Was die Führung sagt kann nicht hinterfragt werden. Eine lebendige Diskussion, auch von Lehrmeinungen, eine Chance abweichende Ideen oder Kritik einzubringen, gibt es nicht, das ist vielleicht...

Susanne Scharra: Jetzt muss ich mal ganz ketzerisch vielleicht fragen: Gibt es nicht solche Tendenzen in der Katholischen Kirche auch? Was unterscheidet die Katholische Kirche von einer Sekte? Könnte man da nicht sagen, jeder, der Menschen eine gewisse Heilslehre verkündet, und das tut ja auch die Katholische Kirche, ist eine Sekte?

Lutz Lemhöfer: Nein, die grossen Kirchen und auch die Katholische haben sicherlich sektiererische Tendenzen, die gibt es in jeder grossen Religion, aber sie sind keine Sekte.