Kinder des Wachtturms

Mißbrauchen die Zeugen Jehovas ihre Kinder? Befürwortet der Wachtturm tatsächlich den geistigen und seelischen Mißbrauch von Kindern? Die meisten Menschen fänden dies verachtenswert.

Wir wollen uns einmal ansehen, wie die Zeugen Jehovas typischerweise ihre Kinder erziehen. Vom Kleinkindalter an lehrt man die Kinder, Gott zu dienen heiße, in "Jehovas Organisation" tätig zu bleiben. Loyalität und Gehorsam gegenüber der Organisation und den Ältesten werden vor allem anderen betont. Das schließt ein, die Organisation zu schützen und keine negativen Bemerkungen über sie oder die Ältesten fallen zu lassen. Man lehrt die Kinder, an dem "Zeugniswerk von Tür zu Tür" teilzuhaben, um die Wachtturm-Literatur zu verbreiten. Sie sind in der theokratischen Schule eingetragen (einem endlos dahinlaufenden Schulungsprogramm), wo sie lernen, in der Öffentlichkeit zu reden, und wie man Fremde anspricht und Einwände überwindet. Wie bei allen "vervielfältigenden Diensten" ist die Verbreitung der Literatur ein Teil der ständigen Rekrutierung neuer Mitglieder, die man lehrt, dasselbe zu tun.

Über die Zeit des Kindes wird gründlich verfügt. Es muß fünf Zusammenkünfte pro Woche besuchen. Es muß alle Wachtturm-Publikationen lesen und "Ansprachen" für die theokratische Schule und Aufgaben in der Dienstversammlung vorbereiten. Es muß das Buch für das Buchstudium der Versammlung studieren und Demonstrationen für das Verbreiten der Literatur vorbereiten. Die Abgabe von Literatur schließt das Zeugnisgeben von Tür zu Tür wie auch den Straßendienst ein (man steht an der Straßenecke und bietet Fremden die Zeitschriften Wachtturm oder Erwachet! an).

Stunden im Dienst, die Literaturabgabe und Rückbesuche werden auf dem Predigtdienstzettel berichtet. Wenn das Kind alt genug ist, mit jemand anderem ein Bibelstudium durchzuführen, wird es auf dem Studienberichtzettel berichtet. Die Information wird zusammenfassend auf der Verkündigerdienstkarte vermerkt. (Die Karte ist im Grunde genommen eine Mitgliedskarte mit allen relevanten persönlichen Daten). Das Kind muß jeden Monat einen solchen Bericht abgeben, um als "regelmäßiger Verkündiger" zu gelten. Wenn es irgendwann "unregelmäßig" wird, braucht es drei Monate, um wieder als "regelmäßig" geführt zu werden. Wenn Kinder "unregelmäßig" sind, richten die Ältesten und die Eltern aufmunternde Worte an sie.

Die folgende Aufstellung zeigt die Zeit, die ein Heranwachsender in einem Monat typischerweise im Dienst verbringt.

Tätigkeit Stunden pro Woche

  • Dienstzusammenkunft 1
  • Theokratische Schule 1
  • Versammlungsbuchstudium 1
  • Öffentliche Ansprache 1
  • Wachtturm-Studium 1
  • Haus-zu-Haus-Dienst, Straßendienst 2,5

Insgesamt im Dienst pro Woche für die Wachtturm-Organisation 7,5

Es gibt auch drei Kongresse, die zu besuchen sind. Zwei Kreiskongresse werden im Frühjahr und Herbst abgehalten; der Bezirkskongreß ist im Hochsommer. Sie belaufen sich auf insgesamt neun bis zwölf Tage deutlicher Bestärkung und Ermunterung, "Jehova und seiner Organisation" zu dienen.

Kinder werden überdies zum "Hilfspionierdienst" in den Schulferien und zum "Ferienpionierdienst" in den Sommerferien ermuntert. Das sind 60 Stunden im Monat im Zeugniswerk von Tür zu Tür oder im Straßendienst. Dazu kommen noch die in der Schule verbrachte Zeit, die Hausarbeiten, die Vorbereitungen auf die Versammlungen und alle anderen Tätigkeiten. Die Kinder sind übersättigt! Man impft ihnen Schuldgefühle ein, wenn sie statt der "Königreichs"-Interessen noch "weltliche" Interessen haben. ("Wie betrachtet Jehova wohl deine Vergeudung von Zeit mit Interessen, die nicht dem Königreich dienen?") Man bringt ihnen eine unnatürliche Furcht vor der Welt bei. Alles außerhalb des Wachtturm-Kreises gehört zu Satans Organisation. Jehovas Zeugen allein sind "Gottes Volk". Sie allein beten ihn an, wie er angebetet werden möchte. Sie allein tun seinen Willen. Sie allein werden in Harmagedon gerettet. Der einzig sichere Ort ist innerhalb seiner Organisation. Die Angst, in Harmagedon vernichtet zu werden; die Schande, die Organisation zu enttäuschen; die Drohung mit der öffentlichen Demütigung durch einen Gemeinschaftsentzug werden ihnen schon in einem sehr zarten Alter eingeimpft.

In der [weltlichen] Schule werden sie oft ermuntert, sich keinen Klubs oder Pfadfinderprogrammen anzuschließen, nicht am organisierten Sport oder an Schulpartys teilzunehmen, und man verbietet ihnen, die Fahne zu grüßen oder patriotische Lieder zu singen. (Sie müssen sitzen bleiben, wenn die Fahne präsentiert oder die Nationalhymne gesungen wird.) Sie dürfen keine Geburts- oder Feiertage begehen. Von der Gemeinschaft mit Außenstehenden wird abgeraten, manchmal wird das auch verboten. ("Wie sieht Jehova wohl deinen Umgang an? Denk daran, schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten").

In Übereinstimmung mit der jeweils gültigen Ansicht der Organisation sind den Mitgliedern bestimmte Arten medizinischer Behandlung untersagt. Organtransplantationen und einige Impfungen waren bis in die 1950er Jahre verboten. Im Jahre 1980 beschloß man, Organtransplantationen zuzulassen. Transfusionen von Vollblut oder bestimmten Bestandteilen sind nicht erlaubt. (Außer bei Blutern!). Von Eltern wird erwartet, daß sie die Vorschriften der Organisation in dieser Hinsicht respektieren. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn Eltern Gerichtsbeschlüsse hinsichtlich einer Bluttransfusion an ihren Kindern durchkreuzen oder ignorieren. Dies tut man, um "Gottes Gesetzen", die sich von Zeit zu Zeit ändern, zu gehorchen.

Früher wurde sehr stark von einer akademischen Ausbildung abgeraten. Obwohl die Wachtturm-Gesellschaft ihre Haltung in dieser Hinsicht abgemildert hat, betont man doch noch den Nutzen von Berufsschulen vor einer beruflichen Karriere. Eine ideale Karriere wäre natürlich der "Vollzeitpionier". Militärdienst, politische Ämter oder der Dienst in einer Polizeiabteilung (und auch die Teilnahme an Wahlen) sind nicht erlaubt.

All das summiert sich zu einer extremen Form von Gedankenkontrolle, die einfach eine Manipulation ist. Großzügige Dosen an Schuld, Drohungen, Scham und Furcht werden benutzt, die Kinder daraufhin zu programmieren und sie dazu zu zwingen, ohne Bezahlung für die Organisation tätig zu sein. Kinder benötigen die Liebe und Bestätigung ihrer Eltern. Oft gehorchen sie, nur um die benötigte Aufmerksamkeit oder Fürsorge zu erhalten. Aber Liebe und Freundschaft für das Kind, das einen "guten Stand" in der Organisation haben soll, hängen von Bedingungen ab. Wenn ein Kind nicht gehorchen will oder kann, nehmen Liebe und Freundschaft ab. (Das schließt die Eltern, Geschwister und persönliche Freunde mit ein.) Die Ältesten versuchen dann vielleicht, solch eine geistig ermattete oder "kranke" Person wieder "geistig zurechtzubringen", damit es auf dem Wege Jehovas bleibt. Wenn man freiwillig geht oder ausgeschlossen wird, wird man gemieden.

Liebe, Freundschaft und soziale Kontakte hören sofort auf. Keiner spricht mehr mit dem Kind, es wird als tot betrachtet. Es wird zum Objekt intensiven Hasses. Die Furcht vor einer solchen inhumanen Behandlung genügt, um die "Treue" zu garantieren. Aber manchmal genügt auch das nicht.

Der Umfang der Briefe von Personen, die als Zeugen aufgewachsen sind, und die periodischen Berichte über Selbstmorde und seelische Krankheiten innerhalb der Wachtturm-Gemeinde zeigt, daß auf der Wachtturm-Führung eine schwere Schuld liegt.