Legt euer Geld zu Füßen der Apostel nieder

Es war im Oktober des Jahres 1993, also vier Jahre nach dem Fall der Mauer, als sich die Wachtturm-Gesellschaft veranlaßt sah, alle Ältesten aus dem Gebiet der ehemaligen DDR nach Berlin zu rufen, um ihnen einmal gründlich die Leviten zu lesen.

Hatten sich doch einige von ihnen erdreistet, Forderungen an die Wachtturm-Zentrale zu richten. Kaum zu glauben, diese Ossis hatten anscheinend noch immer nicht begriffen, daß Geld in Jehovas theokratischer Organisation nur in eine Richtung zu fließen hatte, nämlich von den Versammlungen nach Selters und nicht umgekehrt. Und so nahm man dann einige passende Bibelstellen, um ein für allemal klar zu stellen, wer hier die Apostel und wer die Jünger sind.

Macht euch klar, daß ihr nichts seid

Ein gewisser Fabian, unter Zeugen ein nicht ganz unbeschriebenes Blatt, eröffnete die Standpauke mit einem Gleichnis aus Matthäus 25, nach dem angeblich...

...die ganze Menschheit im Grunde genommen in drei Gruppen eingeteilt wird. Das sind die Schafe, das sind die Böcke und das sind die Brüder Christi. Die Brüder Christi sind die Gesalbten und um diese Gruppe schart sich eine immer größer werdende Volksmenge anderer Schafe.

Mit anderen Worten, nur die Kaste der Gesalbten gehört zu den engen Vertrauten des Herrn. Alle anderen sind lediglich Schafe. Und dumme Schafe noch dazu, denen man erst einmal ein paar grundsätzliche Dinge beibringen mußte:

Wenn wir jetzt das Thema unserer Königreichssaal-Bauten ansprechen, dann ist damit schon gleich ein Lehrpunkt verbunden. Zu dem, was wir zum Beispiel in unserem Gebietsbereich zu bewältigen haben werden, gehört in den nächsten Jahren der Bau von 80 Königreichssälen. ... so daß die Hauptfrage lautet: Wer finanziert den Bau eines Königreichssaales?

Eine gute Frage. Ganz besonders für die Menschen in dem Teil Deutschlands, in dem seit der Wende die höchste Arbeitslosenquote herrscht. Also, Wer muß nun für die Immobilien aufkommen, die anschließend in den Besitz der WTG übergehen? Etwa die Wachtturm-Gesellschaft selbst? Fabian stellte es ein für allemal klar:

Das Prinzip besteht darin, daß die Versammlungen sich gegenseitig helfen. Es ist nicht Sache des Sklaven, für die Versammlungen Säle zu bauen. Wir, die wir Schafe sind... unterstützen den Sklaven und das will verstanden sein.

Gebt euch also keinen weiteren Illusionen hin und hofft auf die große reiche WTG aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn ihr einen Saal wollt, dann macht gefälligst selbst das Geld dafür locker. Und wenn ihr nicht mindestens die Hälfte der Bausumme aufgebracht habt, dann braucht ihr in Selters gar nicht erst anzuklopfen. Das sei schon immer so gewesen und sei ein uraltes Prinzip in Wachtturm-Kreisen. Erst wenn die Hälfte des Geldes eingezahlt ist, hat es Sinn, sich um weitere Mithilfe an die WTG zu wenden. Wobei Fabian keinen Zweifel daran ließ, wie diese Hilfe in der Praxis aussieht:

Die Mithilfe wird gemäß den Möglichkeiten gewährt, das ist klar, aber mit dem Gedanken, daß in den folgenden Jahren die Mittel von den Versammlungen wieder zurück fließen. Das Prinzip also ist, daß wir die Brüder Christi beschenken... denn wir wollen sie ja unterstützen in ihrer von Jehova erteilten Arbeit.

Aha. Die großzügige Hilfe vom großen Bruder ist also lediglich als Darlehen gedacht, das wieder in die Kasse zurückfließen muß. Mit anderen Worten: Jeder Königreichssaal ist voll von der Versammlung zu finanzieren. Ganz gleich, wessen Name anschließend im Grundbuch steht.

Doch Fabian ließ es damit nicht bewenden. Nicht nur für die Ossis, nein auch für die Wessis hatte er ein paar Seitenhiebe parat. Und zur Einleitung bemühte er auch hier wieder die biblische Geschichte:

In der Apostelgeschichte 4 haben wir das Beispiel der ersten Christenversammlung wenn es um Materielles ging. „...keiner von ihnen sagte, daß irgend etwas von seinem Besitz sein Eigen sei, sondern sie hatten alles gemeinsam... denn alle, die Besitzer von Feldern oder Häusern waren, verkauften sie gewöhnlich und brachten den Wert der verkauften Dinge und sie legten ihn jeweils zu Füßen der Apostel nieder.

Ein knallharter Hinweis. Alles was du hast, gehört dir eigentlich gar nicht, sondern sollte den Aposteln, sprich der WTG gespendet werden. Und wer’s noch immer nicht kapiert hat, hier die gleiche Botschaft im Klartext:

Im westlichen Teil unseres Landes haben einige Ältestenschaften damit Probleme, weil sie aufgrund der Gesetze eigene Vereine sind und sie meinen, wir sind ja etwas. Sie sind vom theokratischen Prinzip gar nichts. Und nur weil der Cäsar Gesetze geschaffen hat und dadurch irgendwo in einer Versammlung ein Vorstand da ist, und somit also auch ein Verein, hat niemand das Recht, das theokratische Prinzip zu brechen, das darin besteht, alles zu Füßen der Apostel niederzulegen.

Also, ihr "Wessis", bildet euch nur nicht zu viel ein. Daß einige von euch bei der Farce eines eingetragenen Vereins Vorstand spielen dürfen, hat absolut gar nichts zu bedeuten. Letztendlich seid ihr nur dazu da, alles euren Aposteln in Selters und Brooklyn zu Füßen zu legen. Und von denen kriegt ihr jetzt noch nicht mal ein Darlehen, denn, so Fabian:

Leider wird es aus augenblicklicher Sicht nicht möglich sein, geplante Bauvorhaben finanziell zu unterstützen, das für diesen Zweck nicht genügend Geldmittel zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten, wir haben wir im westlichen Teil unseres Landes einen Baustopp. Weil wir kein Geld haben.

In der folgenden Erklärung muß die Expansion im Osten dafür herhalten, daß im Westen keine Königreichssäle mehr gebaut werden können. Doch wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg und so fehlte in Fabians Standpauke auch nicht ein dicker Hinweis darauf, wie selbst weniger betuchte Leute noch mehr Geld locker machen können:

Das Werk der Organisation wird nicht durch Beiträge einer Gruppe wohlhabender Spender unterhalten. Die meisten Spenden kommen von Personen, die nur über bescheidene Mittel verfügen. Zu den Spendern gehören auch kleine Kinder, die auf diese Weise das Königreichswerk unterstützen wollen. Ist es nicht schön, daß Eltern auch die ganz Kleinen in die richtige Spur bringen, zu erkennen, daß ein Mensch, der sich Jehova hingegeben hat, eigentlich seine ganze Zeit Jehova hingegeben hat, seinen Einfluß und seine Mittel.

Es gab einmal eine Zeit, als mit jedem Kongreß und jedem Buch aus dem Wachtturm-Verlag automatisch Geld in die Kasse floß. Damals war es in Zeugen-Jehovas-Kreisen geradezu verpönt über Geld zu sprechen. Geld schien einfach kein Thema zu sein, denn schließlich sorgte doch nach Meinung des unwissenden Zeugen der große Gott Jehova höchst persönlich dafür, daß das „Königreichswerk" nicht zum Erliegen kam.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Nachdem – zumindest in den finanziell lukrativsten Ländern – der Cäsar diese angenehme Geldquelle stillgelegt hat, ist eben selbst das Taschengeld der Allerkleinsten kein Tabu mehr.

Immer schön sparen, damit mehr für uns übrig bleibt

Der nächste Redner wurde als Bruder Westphal vorgestellt. Er ist Leiter des sogenannten Königreichssaal-Bautisches in Selters und berichtete, daß in den neuen Bundesländern bis zum Zeitpunkt dieser Veranstaltung schon 29 Königreichssäle gebaut wurden. Danach sang er das große Loblied auf das Sparen und verstieg sich schließlich zu der Aussage:

Das, was in einem Saal zu viel ausgegeben wurde, dafür kann man in Rußland einen Königreichssaal mit allen Drum und Dran bauen.

Vermutlich war nur wenigen der Anwesenden bewußt, daß das mit dem Sparen natürlich nur für die Säle zutrifft, in denen sich das gemeine Fußvolk versammelt. Die können nach Ansicht der WTG nicht billig genug gebaut werden. In den USA verzichtet man dabei sogar auf die Fenster und läßt die lieben Brüder selbst am Tage bei Neonlicht zusammenkommen. Für die repräsentativen Wachtturm-Zentralen mit Adressen wie Selters oder Patterson gelten jedoch völlig andere Maßstäbe. Dort ist keine Marmorverkleidung zu edel und keine Eingangshalle zu protzig.

Doch das größte Sparpotential beim Bau eines Königreichssaales steckt nicht im verwendeten Baumaterial, sondern in der menschlichen Arbeitskraft. Und da setzt man natürlich ganz gezielt auf die lieben Brüder und Schwestern, die ihre Arbeitskraft gerne kostenlos zur Verfügung stellen, während "weltliche" Baufirmen horrende Summen verlangen, in denen auch die Steuern und Sozialabgaben stecken, von denen man im Hause Wachtturm nichts wissen will.

Achtet auch bitte darauf, keine Aufträge an Firmen zu vergeben. Das müßte mit der Bauregion abgesprochen werden. Unser neues Buch sagt, es sollten keine Fremden eingeschaltet werden.

Alles was ihr tut, hat mit unserem Vermögen zu tun

Der nächste Redner war Bernd Klar, im deutschen Zweigbüro der WTG für die Kasse verantwortlich. Er war angetreten, um die versammelten Ältesten einen Grundkurs in Sachen Buchhaltung zu vermitteln. Dazu muß man wissen, daß die Versammlungen in der ex-DDR keine eigenständigen Vereine sind, wie im westlichen Deutschland, sondern Bestandteil der „Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas", die aus nicht viel mehr als einer Briefkastenadresse in Berlin besteht. Daher der eindeutige Hinweis, um wessen Vermögen es hier eigentlich geht:

Wenn Anschaffungen eine gewisse Höhe übersteigen... alles was keine regelmäßige Ausgaben betrifft, ist es erforderlich vorher die Religionsgemeinschaft um Genehmigung zu bitten. Fügt bitte eine Kopie der Rechnung dem Kontenblatt bei. Weil das erhöht das Vermögen der Religionsgemeinschaft und muß daher ins Anlagevermögen übernommen werden.

Es folgte die Aufforderung, das Versammlungskonto bei der Deutschen Bank einzurichten, weil man - Peanuts zu Peanuts - mit diesem Hause eine Rahmenvereinbarung getroffen habe. Danach ging es um die finanzielle Abwicklung eines Bauvorhabens.

Die verantwortlichen Brüder würden euch darüber informieren, wenn mit der Grundstückssuche begonnen werden kann. Das ist dann der Auslöser dafür, daß ein sogenannter Baufond eingerichtet werden kann. Ihr könnt dann die Versammlung darüber informieren, daß jetzt ... Gelder angespart werden können.

Wer jedoch jetzt meint, daß die Versammlung ihre Spargroschen für den Königreichssaal auf ein eigenes Konto einzahlt, wird gleich im folgenden Satz eines Besseren belehrt:

Der Baufond bildet lediglich ein Unterkonto der regulären Konten. Alle freiwilligen Spenden, die ab diesem Zeitpunkt auf das Konto der Versammlung eingezahlt werden, werden nach Abzug der laufenden Kosten auf das Baufond-Blatt übertragen. Das Geld... sollte auf das Konto der Religionsgemeinschaft bei der Deutschen Bank in Berlin eingezahlt werden.

Wie sagte doch Fabian ganz zum Anfang über die Brüder in den Versammlungen: „Sie sind vom theokratischen Prinzip gar nichts." Eine Tatsache, die im Osten noch viel deutlicher ist. Wenn eine Versammlung für einen „eigenen" Königreichssaal spart, dann natürlich direkt in den Topf der WTG. Auf diese Weise ist das Geld schon mal sicher. Auch dann, wenn es am Ende gar nicht zum Bau kommt, weil es selbst mit dem Taschengeld der Kinder nicht zu 50% der Baukosten reicht. Sonst könnten ja vielleicht einige auf die Idee kommen, ihre mit Hinblick auf den Saalbau gemachte Spende wieder zurück haben zu wollen.

Gestörtes Verhältnis zur Öffentlichkeit

Das Meeting wurde mit einer weiteren Rede Westphals fortgesetzt. Diesmal ging es um konkrete Verhaltensregeln was den Kontakt zur Öffentlichkeit und insbesondere zur Presse angeht. Ein Thema, zu dem der Vertreter der WTG deutliche Worte fand:

Wir nennen keine Preise, keine internen Einzelheiten. Das Gebäude und das , was zu sehen ist, spricht für sich. Wir werden auch zu den Bauarbeiten keine Pressevertreter einladen. Wir dürfen Pressevertretern kein Vertrauen schenken. Sie können nichts für uns tun. Wir brauchen sie nicht. Wir lassen auch Fernsehsendungen platzen, wenn es darauf ankommt, wenn man nicht die Bedingungen erfüllt, die wir stellen.

Die Medien sind also unerwünscht, wie überhaupt die Öffentlichkeit möglichst nichts über die Aktivitäten der WTG erfahren soll.

Der Begriff Bauregion sollte bitte nicht auftauchen. Wir helfen einander in Nachbarschaftshilfe. Auch wollen wir nicht sagen, daß wir grundsätzlich alles selbst machen. Der Tag der offenen Tür kann bekanntgegeben werden, den Zeitungsreportern werden allerdings keine Angaben über die Kosten des Königreichssaals und die Zahl der Helfer gegeben.

Vertuschen und verschleiern ist also angesagt. Keiner darf erfahren, was hinter den Kulissen wirklich abgeht. Niemand soll vermuten, daß hinter den fleißigen freiwilligen Helfern eine straffe Organisation steckt, die alles von zentraler Stelle aus lenkt und möglichst keine Arbeit an "weltliche" Firmen vergeben will, wo dann neben Löhnen und Gewinn auch alle Steuern und Sozialabgaben dieser Republik auf der Rechnung stehen. Das juristische Schlupfloch heißt dabei Nachbarschaftshilfe.

Doch der praktisch ausschließliche Einsatz kostenloser Helfer dürfte kaum einer rechtlichen Prüfung standhalten. Eine Tatsache, die auch Westphal bewußt ist, denn seine folgenden Worte verraten, daß er genau weiß wo die Schwachstelle ist:

Da ist die Baugenossensschaft da... Wir möchten uns nicht durch die Schnellbauweise oder eine Vielzahl freiwilliger Helfer hervortun.

Daß die Baugenossenschaft schon allein aus dem Grund auf den Plan gerufen wird, weil es die WTG als Bauherr nicht für nötig ansieht, all die fleißigen Helfer mit einem ordentlichen Versicherungsschutz zu versehen, wird an dieser Stelle natürlich nicht erwähnt. Statt dessen wird den geduldigen Zuhörern der Eindruck vermittelt, der Bau eines Königreichssaales sei so etwas wie eine Freizeitveranstaltung:

Wir machen das in unserer Freizeit, Hobby, nicht gewerbsmäßig. Das ist genau wie Bergsteigen, Wandern, Surfen, Mountain Bike Sache der Krankenversicherung, wenn kleinere Unfälle geschehen, weil wir ja Nachbarschaftshilfe sind. Aber es ist nie ein Arbeitsunfall. Wir machen das unentgeltlich in unserem Urlaub, in unserer Freizeit.

Mit anderen Worten: jeder Helfer beim Saalbau ist auf eigenes Risiko da. Wenn ihm ein Dachziegel auf den Kopf fällt, ist das ein Sportunfall und muß von seiner Krankenversicherung getragen werden. Die WTG hingegen fühlt sich für absolut nichts verantwortlich und ist erst recht nicht dazu bereit, für ihre freiwilligen Helfer eine Unfallversicherung abzuschließen. Geld hat schließlich nur in eine Richtung zu fließen: zu Füßen der Apostel. In die Kassen des Wachtturm-Konzerns. Auf die Konten der Deutschen Bank.

Da ist es auch klar, daß so ein Königreichssaal natürlich nicht denen gehört, die ihn später benutzen sollen, sondern den "Aposteln" der Neuzeit in Selters, Brooklyn und anderswo. Im Klartext:

Dann werden die Grundstücke in der nächsten Zeit noch nicht durch die Religionsgemeinschaft gekauft, sondern durch die Wachtturm-Gesellschaft und da gibt es drei Beauftragte, die dann die Unterschrift leisten. Peter Meier, Helmut Krüger, Theo Jocher, das sind die drei Bevollmächtigten der Wachtturm-Gesellschaft.

Klar doch. Schließlich geht es hier um dreistellige Summen. Und die müssen natürlich auf der Aktiva-Seite der WTG geführt werden. Erstaunlich ist nur, daß anscheinend keinem der Anwesenden aufgefallen ist, wie sorgfältig die WTG auf ihre eigenen Vorteile achtet, wie selbstverständlich sie Arbeitskraft und Geld ihrer Mitglieder (die ja rein rechtlich noch nicht einmal Mitglieder sind) einfordert und wie kaltblütig sie sich weigert, die kostenlos für sie arbeitenden Glaubensbrüder wenigstens für den Fall eines Arbeitsunfalls zu versichern.

Und das alles im Namen der Theokratie, der Gottesherrschaft also.