Die Heuchelei des Präsidenten

Es war und ist immer noch eine unter den Zeugen Jehovas (ZJ) bekanntgemachte Tatsache, daß jedes in ihrer (in Brooklyn, New York, gelegenen) Weltzentrale oder in den Zweigbüros in der ganzen Welt arbeitende Mitglied nur Kost und Logis und US-$14.00 pro Monat erhält. [1]

Dies trifft auch für den ZJ-Präsidenten zu. Man erklärt allerdings nicht die wundersame Fähigkeit des Präsidenten, sich bei seinem mageren Gehalt einen üppigen Urlaub zu leisten.

Als ein neueres Beispiel für diese Extravaganz kann der 29 April 1996, ein Montag, dienen. Der über 1,90 Meter große Präsident der ZJ, Milton G. Henschel (der seit dem 30. Dezember 1992 in ihrer Hierarchie[2] den höchsten Platz einnimmt) und Walter Farneti (Zweigkoordinator der ZJ in Italien) kamen mit ihren Frauen zu einem angeblichen "Hirtenbesuch" in Malta an (Der Besuch endete am 3. Mai 1996). Wenn ein ausländischer Vertreter der ZJ die Insel besucht, wird er normalerweise bei einem der örtlichen Versammlungsglieder untergebracht. Das ist in Übereinstimmung mit dem biblischen Vorbild aus 2. Könige 4:10, wo die sunamitische Frau zu ihrem Mann sagt: "Laß uns bitte ein kleines Dachgemach an die Mauer machen und dorthin ein Ruhebett und einen Tisch und einen Stuhl und einen Leuchter für ihn stellen; und es soll geschehen, daß er, wann immer er zu uns hereinkommt, dort einkehren kann" (Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift[3]). Doch im Gegensatz zu dem, was die ZJ-Führer ihre Anhänger lehren ("ein einfaches Leben führen"[4]), beschloß Henschel, im neuerbauten Fünf-Sterne-Luxushotel auf der Insel zu nächtigen, dem Corinthia San Gorg Hotel Malta. Die Standardpreise pro Tag in maltesischen Lire gehen von LM 80.00 bis LM 120.00 (etwa DM 380,-- bis DM 570,--).

Dies war nicht der erste Besuch Henschels auf Malta. Schon vier Jahre zuvor, vom 27. bis 30. April 1992 wohnte Henschel in einem anderen Fünf-Sterne-Hotel, dem Hilton Hotel Malta. Dieselben Personen begleiteten ihn damals. Jeder Raum kostete mehr als LM 60.00 (etwa DM 285,--) pro Tag. Auch dieser erste Besuch war ein "Hirtenbesuch", doch Henschel sah sich wie ein Tourist historische Orte an, statt im Evangelisierungswerk führend voranzugehen.[5]

Als Henschel die Kathedrale in Medina (Mdina) besuchte und die Krypten sah, drehte er sich zu seinen Protegés um und bemerkte: "Dies beweist, daß es sich nicht um das Haus Gottes handelt." Wie kam Henschel zu diesem Schluß? Da die Leiche eines Menschen nach dem mosaischen Gesetz unrein war, glaubte man, wenn man jemanden in der Nähe des Tempels oder darinnen begrub, so sei dies ein offener Affront gegen Gott und daher eine offenkundige und schwerwiegende Verletzung der Heiligkeit des Tempels. Doch die ZJ lehren, daß das mosaische Gesetz abgeschafft wurde (siehe Kolosser 2:14, 16, 17)[6] Henschels Bemerkung wird also durch den Glauben der eigenen Sekte widerlegt. Und es stimmt doch, daß die Urchristen unter der Verfolgung durch römische Kaiser die Katakomben (unterirdische Grabanlagen) als ihr Haus Gottes benutzten? Die Christen nannten sie "coemeteria" ("Schlafplätze"), und das englische Wort "cemetery" (Friedhof) ist davon abgeleitet.

ZJ glauben, ihre Führung sei bei theologischen Themen auf dem neuesten Stand. Doch als ein Mitglied der Ortsversammlung Henschel fragte, wie er über die kontroversen Thesen von Dr. Heinz Warneckehof, Universität Bremen, dachte, wo gesagt wird, Paulus habe an der westgriechischen Insel Cephalonia statt bei Malta Schiffbruch erlitten, gab Henschel zu, davon habe er noch nie gehört.[7]

Nach Henschels erstem Besuch auf Malta schrieb ihm ein anderer Zeuge von dort einen persönlichen Brief (siehe Anhang). Mit diesem Schreiben wollte er Henschel sagen, einige Malteser Anhänger glaubten, Henschel habe kein gutes Beispiel gegeben, als er all das Geld in einem Fünf-Sterne-Hotel ausgegeben habe. Wie könne man das ein "einfaches Leben" nennen? Er bekam nie eine Antwort.

Während Henschels zweitem Besuch auf Malta nahm Paul J. Bonanno, ein Ex-Zeuge (Bonanno hatte an der Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung [8] in England teilgenommen, als Sonderpionier gedient,[9] war Ältester[10] und auch erster Lehrer an der Pionierdienstschule[11]), telefonisch Verbindung zu Henschel auf. Während der kurzen Unterhaltung fragte Bonanno Henschel, 'warum er in einem Fünf-Sterne-Hotel wohne'? Henschel begann zu lachen und sagte: "Wir sind Gäste, ein Bruder bezahlt das alles." Doch als Bonanno beharrlich bei der Frage blieb: "Warum in einem Fünf-Sterne-Hotel?", erwiderte der ZJ-Präsident arrogant: "Das geht dich nichts an", und legte auf.

Am darauffolgenden Tag rief Paul Bonanno erneut an und fragte Henschel: "Wenn du weißt, daß du dadurch Brüder zum Straucheln bringst, warum tust du das weiterhin?" Henschel fragte: "Wer bist du?" Bonanno erwiderte: "Du weißt, wer ich bin [bei seinem letzten Gespräch hatte sich Bonanno vorgestellt]. Nennst du das, was du gestern getan hast, christliches Verhalten?" Doch Henschel sagte: "Wir brauchen nicht mehr weiterzureden. Laß uns unser Gespräch beenden." Und nochmals legte Henschel den Hörer auf. (siehe Matthäus 18:6; 1. Korinther 8:13). Als ein Journalist der Zeitung Il Gens versuchte, mehr über den Besuch zu erfahren, antwortete Henschels Frau: "Er ist nicht da, und ich kenne auch nicht seinen Terminplan."[12]

Indem er auf Ansprachen Henschels und Farnetis am 2. Mai 1996 in der New Dolman Conference Hall anspielte, sagte Bonanno, Henschels Rede "Gedenke deines Schöpfers in deiner Jugend", die auf Prediger 12 basierte, sei genau dieselbe Ansprache gewesen, wie er sie vier Jahre zuvor vor allgemeinen Pionieren gehalten hatte (siehe auch Watchtower, 15. Juni 1984, Seiten 12, 13 - wegen Umstellung auf Simultanausgabe nicht deutsch). Und was soll das, jungen Menschen etwas darüber zu erzählen, was sie im Alter erwartet, wenn doch ZJ glauben, Gottes Krieg (Harmagedon) sei sehr nahe? Anscheinend teilt Henschel nicht die Ansicht aller anderen ZJ auf der Welt!

Walter Farneti berichtete im Verlauf seiner Rede von einer jungen Albanerin, die ein Studium mit den ZJ begann. In kurzer Zeit änderte sich ihr Wesen dramatisch, und nun verbrächte sie jeden Monat fast 200 Stunden im Predigtdienst. Was Farneti jedoch vergaß, seinen Zuhörern zu erzählen, war, wieviel die Frau damit verbringt, die Lehren der ZJ in der Bibel nachzuprüfen. Bei all den Stunden im Predigtdienst ist es unwahrscheinlich, daß sie dem Beispiel der edel gesinnten Beröer nachkommen konnte. Nach Apostelgeschichte 17:11 sagte Paulus, sie würden: "...jeden Tag sorgfältig in den Schriften [forschen], ob sich diese Dinge so verhielten."

Raymond V. Franz, der 60 Jahre lang ZJ war und 9 Jahre als Glied ihrer leitenden Körperschaft diente,[13] schrieb in seinem Buch Auf der Suche nach christlicher Freiheit (Seite 182), Henschel und die anderen Direktoren hätten nur selten am Evangelisierungswerk teilgenommen.

Franz fügte hinzu, einmal, während einer Sitzung der leitenden Körperschaft, habe Henschel erwähnt, es sei für ihn schwierig, bei den Watchtower[14]-Artikeln auf dem laufenden zu bleiben und er lese nur selten die Zeitschrift Awake![15]. Ray Franz fuhr fort, Henschel habe auch gestanden, er hätte keine Zeit, sich auf die Sitzungen der leitenden Körperschaft vorzubereiten. Franz bemerkte: "Man fragte sich aber, wie sie dann guten Gewissens über etwas abstimmen konnten, womit sie sich nicht ausreichend beschäftigt hatten, um zu ermitteln, was die Bibel dazu sagt. War es erst veröffentlicht, galt es Millionen Menschen als 'Wahrheit'".[16]

Während dieser Zusammenkünfte der leitenden Körperschaft fallen wichtige Entscheidungen, die alle ZJ weltweit betreffen. Ein Beispiel sind die Organtransplantationen, von denen Henschel sagte, 'sie seien eine andere Form von Kannibalismus.'[17]

Dann, im Jahre 1980, änderte die leitende Körperschaft ihre Ansicht zu diesem Thema.[18] Aber der Schaden war schon da. Sehr, sehr viele ZJ hatten aufgrund dieser Politik ihr Leben verloren. Bei Verheirateten starb ein Partner, Kinder wurden Waisen und Eltern verloren ihre Kinder! Warum? Weil sie von Menschen aufgestellten Regeln folgten! Das Verbot dauerte von 1968 bis 1980.

Als in bezug auf das Jahr 1975 falsche Vorhersagen gemacht waren, empfahl Henschel, die Sache einfach totzuschweigen; mit der Zeit würden die Brüder schon aufhören, darüber zu sprechen.[19]

Über die religiösen Führer seiner Zeit sagte Jesus in Matthäus 23:3: "... aber handelt nicht nach ihren Taten, denn sie sagen es wohl, aber handeln nicht entsprechend." - Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift.

In Erwachet! vom 22. Oktober 1988 (Seite 31), kritisierten ZJ an anderen religiösen Führern ihr opulentes Leben. Doch die Schlußfolgerung dort trifft auch auf ihre eigene Führung zu: "Wenn sogenannte christliche Geistliche in Saus und Braus leben, mag manch einer an ihrer Aussage zweifeln, wahre Nachfolger Christi zu sein, besonders da der Apostel Petrus sagte, daß Christus seinen Jüngern ein Beispiel hinterließ, 'damit sie seinen Fußstapfen genaunachfolgen'".

Wir bringen dies alles zur Sprache, weil ZJ naiverweise glauben, ihre Führung bringe ein Opfer dar, da sie angeblich "ein Armutsgelübde ablegen".[20] Aber was macht es schon aus, wenn jemand US-$14.00 pro Monat erhält, wenn er wie ein Millionär lebt?


Anhang

Mr. Milton G. Henschel

Watchtower Bible & Tract Society of Pennsylvania

25 Columbia Heights Brooklyn, New York 1120.

19. August 1994

Lieber Bruder Henschel:

Mehr als zwei Jahre ist es her, daß Du und Deine Frau und Bruder und Schwester Farneti nach Malta kamen. Ich würde Dir zu diesem Besuch gern einige Fragen stellen. (27.-30. April 1992)

  1. Aus welchem Grund wohntet Ihr in einem Fünf-Sterne-Hotel (Hilton International Hotel), wenn Ihr wußtet, wie teuer das ist? (über 60 Malteser Lire pro Nacht, etwa 161 U.S-Dollar, wenn unser wöchentlicher Mindestlohn nur 40 Malteser Lire beträgt, etwa 109 U.S-Dollar.)
  2. Warum habt Ihr nicht in einem der Häuser der 500 Verkündiger gewohnt, die in Malta leben? (Ich bin sicher, daß man das als Vorrecht angesehen hätte; etwa so wie oder noch mehr als bei einem Besuch eines Kreisaufsehers.)
  3. Warum habt Ihr nicht die Führung im Dienst mit den Brüdern übernommen und seid statt dessen morgens wie Touristen losgezogen und habt historische Stätten besucht? (Jesus gab das Beispiel für Aufseher; das Predigen des Königreiches gehörte zu seinen wichtigsten Tätigkeiten auf der Erde. 1.Petrus5:2, 3)

Ich hoffe, daß Du Dich als verantwortungsbewußter Bruder nicht von meinen direkten Fragen angegriffen fühlst (Pred. 7:9). Aber als Glied in der Organisation Jehovas habe ich, so denke ich, ein Recht darauf, bestimmte Fakten zu kennen.

Vielen Dank, daß Ihr die vier Missionare nach Malta geschickt habt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dir und Deiner Frau die herzlichsten Grüße christlicher Verbundenheit übermitteln.

Dein ...


Anmerkungen

1. "$14 pro Monat" - Awake! 22 September, 1973, Seite 11; Vom Präsidenten der Gesellschaft und dem Direktorium abwärts bis zum neuesten Glied erhalten alle Angehörigen der Bethelfamilie den gleichen Geldbetrag. - Watchtower 1964, Seite 283.

2. Obwohl ZJ in ihren Publikationen unnachgiebig feststellten, sie seien nicht "hierarchisch" geführt (siehe z.B. das Buch Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes (deutsch 1967) Seite 166): In einem Gerichtsverfahren in Bonham, Texas, America, im Jahre 1986 durften ZJ-Anwälte die Überwachung als "hierarchisch" statt als "kongregationalistisch" bezeichnen. Don Adams, Vizepräsident der Watch Tower Bible & Tract Society of New York, legte eine eidesstattliche Erklärung vor, in der es unter Punkt 6 heißt: "Um ihre Entscheidungen in die Tat umzusetzen, bedient sich die leitende Körperschaft, wenn es angebracht ist, einer hierarchischen Organisation in Verbindung mit einzelnen Korporationen."

3. Die Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift ist die offizielle, von ZJ herausgegebene Bibel.

4. Während der jährlichen Konferenzen wird dieser Satz ständig wiederholt.

5. In einer Ansprache im Königreichssaal in Marsa am 29. April 1992 für alle Ältesten und Dienstamtgehilfen der Versammlung sagte Henschel, wenn sie nicht die Führung im Evangelisierungswerk übernähmen, sollten sie lieber von sich aus ihr Amt abgeben, als daß es ihnen genommen würde.

6. Unterredungen anhand der Schriften, Seiten 364, 365.

7. ST PAUL IN MALTA - A COMPENDIUM OF PAULINE STUDIES. - Michael Galea & Canon John Ciarlo'.

8. "Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung": "Der achtwöchige Kurs sieht ein intensives Studium der Bibel vor. Auch werden administrative, rechtliche und organisatorische Angelegenheiten besprochen sowie die Verantwortlichkeiten der Aufseher und der Dienstamtgehilfen; ferner werden die Studenten sorgfältig im öffentlichen Reden ausgebildet." - Jahrbuch der ZJ, 1989, Seite 17.

9. Sonderpionier: Ein Vollzeitvertreter der ZJ, der 140 Std/Monat im Evangelisierungswerk verbringt.

10. Ältester: Ein ZJ-"Priester".

11. Pionierdienstschule: ein zweiwöchiger Kurs, um "wirkungsvolles Evangelisieren" zu erlernen. Als Lehrbuch wird das Buch Wie Lichtspender in der Welt leuchten verwendet.

12. Il Gens, Freitag, 3. Mai 1996, Seite 2.

13. Leitende Körperschaft: Höchstes Gremium der ZJ; kleine Gruppe von Männern, die behaupten, gesalbt zu sein.

14. Wachtturm: 32-seitige, alle 2 Wochen erscheinende Zeitschrift, die die Lehren der ZJ darlegt.

15. Erwachet!: Zeitschrift mit Nachrichten, öffentlichen Anliegen und religiösen Artikeln; alle zwei Wochen neu.

16. Auf der Suche nach christlicher Freiheit, Seite 361; Der Gewissenskonflikt, Seite 98.

17. Detroit Michigan Free Press - Juli 1968.

18. Wachtturm, 15. Juni 1980, Seite 31.

19. Der Gewissenskonflikt, Seite 202.

20. Jehovas Zeugen - Verkündiger des Königreiches Gottes, Seite 351.

Weitere Informationen bei Cult Awareness, P.O.Box 50, Gzira, Malta