Brief eines ehemaligen Ältesten an seinen Bruder

Brief eines ehemaligen Ältesten an seinen Bruder, der noch immer aktiver Ältester ist:
Hallo mein lieber H,

vielen Dank für Deine Mail von Mittwoch, die ich Dir erst heute beantworten kann. Es freut mich, daß Du Dich doch noch für meine Einstellung und meinen Weggang bei den Zeugen Jehovas interessierst:

Um gleich mal hart reinzuspringen, ich bin kein Zeugen Jehovas mehr, weil ich erkannt habe, daß die WTG nichts anderes ist, als eine von vielen Sekten, die wie Uriella, universelles Leben, Mormonen, Baptisten, Atventisten, Methodisten, Amish, Christengemeindschaft, Altlutheraner, Waldenser, und und und, glauben, daß sie die einzige Wahrheit haben und die wahren Botschaften Gottes aus der Bibel herausgelesen haben.

Sie alle haben eines gemeinsam: Ihre Führung stellt Regeln für Menschen auf, die diese bedrücken, und verbinden das Einhalten dieser Regeln mit "Leben oder Tod".

Du wirst es in dieser Woche vielleicht verfolgt haben: Da flüchtet ein deutscher Bauingenieur mit seiner Frau und seinem 6 Monaten alter Kind durch Europa (heute wurden sie auf Zypern gesichtet), weil sein Kind einen heilbaren Augentumor hat. Seine Religion lehrt jedoch, daß Herz und Sinn (Kopf) Gott gehören und nicht angetastet werden dürfen. Da das Auge zum Kopf gehört, darf zwar überall am Körper, aber nicht am Auge operiert werden. Und jetzt fliehen die Eltern vor den Werkzeugen Satans, den Ärzten, die das Kind zwangsweise operieren wollen. Sie sind absolut überzeugt, das richtige für Gott zu tun, weil seine (ihre) Organisation ihnen das sagt.

Ich höre die Zeugen Jehovas, die diese Eltern wegen ihrer Verblendung mitleidig belächeln, während zur gleichen Zeit ein Neugeborenes Zeugenkind sein Leben aushaucht, weil die Eltern den lebensrettenden Blutaustausch verweigern, weil bei den Zeugen Jehovas zufällig nicht der Kopf, aber das Blut Gott gehört, zwar noch nicht immer, aber seit ca. 40 Jahren.

Das Gott in seiner Liebe einfach nur wollte, daß Tiere ausbluten bevor sie gegessen werden und damit sichergestellte, daß keine lebenden Tiere gegessen werden, wie es bei allen Völkern rund um Israel üblich war, wird den Zeugen nicht gesagt. Er sagt doch ganz klar: ,Das Fleisch mit seinem Blut, seinem Leben sollt ihr nicht essen." Das heißt: Eßt kein lebendes Fleisch. Und im neuen Testament bekam Paulus den Auftrag, genau das den Heidenchristen zu vermitteln. Ach ich könnte dazu noch so viel sagen, auch, daß alle 6 Stunden ein Zeuge sein Leben, also ein Menschenopfer (wie bei Moloch oder Baal) erbringt, weil er kein Blut nimmt. Was ist Gott wichtiger? Die Heiligkeit des Lebens oder die Heiligkeit des Todes wegen Blut?

So, daß war der brutale Einstieg, jetzt kannst Du Dich zurücklehnen, wenn Du noch lesen magst (lächel) denn es geht sanfter weiter:

Ich hatte mit vielen anderen immer eines gemeinsam: Wir hatten immer einige unbeantwortbare Fragen, auch als Kinder. Während ich Deine Mail las, kam mir spontan folgende Veranschaulichung. Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen leben in einer Art Litfaßsäule ohne Deckel. Sie haben einen ganz begrenzten Lebensraum, alles Dunkel. Oben sehen sie aber den Himmel, bzw das, was man ihnen vom Himmel zeigt. Sie sind total glücklich und freuen sich über diesen Himmel und streben ihm zu.

Andere Menschen sind außerhalb der Litfaßsäule. Sie haben eine wunderbare Welt um sich und den weiten Himmel über sich. Leider laufen sie aber immer mit dem Gesicht zur Wand an der Litfaßsäule entlang im Kreis. Sie spüren, irgendwie ist da mehr, aber sie kommen nicht auf die Idee sich einfach umzudrehen und in die wunderbare Weite zu gehen.

Sie brauchen trotz aller Zweifel den Halt der Litfaßsäule.

Für mich sind Sekten diese Litfaßsäulen. Die einen Menschen sind voll drin und erfreuen sich an dem bißchen Himmel, daß ihnen diktiert wird. Die anderen brauchen scheinbar den Halt der Sekte, obwohl sie wissen, spüren, ahnen, daß es da mehr gibt daß der Halt trügerisch ist.

Wenn es diesen Menschen gelingt, sich umzudrehen, den Halt loszulassen, werden sie erst vorsichtig gehen, dann aber schnell merken, daß es sich auf eigenen Füßen viel besser geht. Sie werden bald vor Begeisterung schweben.

Diesen Schritt lieber H, bin ich gegangen und jetzt schwebe ich geistig.

Ich schildere Dir mal des Leben in der Litfaßsäule, die sich Organisation Jehovas nennt. Fangen wir bei unserem Vater an: Ich bin mit ihm 19 Jahre Sonntag für Sonntag predigen gegangen. Glaube mir, er hatte nur eine Botschaft verkündet: Den Kampf des Königs des Nordens gegen den König des Südens und die Generation seit 1914. Wann immer man ihn ließ, hat er mich an den Türen diese Texte vorlesen lassen. Das, so sagte er immer, war für ihn der Ausschlag, ein ZJ zu werden. Nur sie, die ZJ konnten ihm diese Prophezeiungen erklären. Weißt Du Vater fehlt mir manchmal mehr als ich zugebe, aber ein gutes hatte sein Tod: Er hat nicht mehr erleben müssen, wie sein ganzes Glaubensgebäude mit einem simplen Wachtturmartikel zusammenbrach.

Ich habe es mir wahrhaftig nicht leicht gemacht und die ZJ leichtfertig verlassen. Ich habe gelesen und geforscht ohne Ende, monatelang, nächtelang. Alles habe ich geprüft. Ich habe den ersten Wachtturm zu Hause, Russels Bücher, sein Testament, alle Schriften, Dokumente, Zeitungsartikel, Bücher ehemaliger Mitglieder der leitenden Körperschaft und und und...

Ich sage es Dir ganz offen, die jetzt schon jahrelange Prüfung hat bei mir zu folgendem Eindruck geführt: Die ZJ sind eine Sekte, die in ihrer Geschichte mehr Schaden als Gutes bewirkt hat.

Sollen wir mal eine Zeitreise machen?

Wärest Du so um 1927 zur Wahrheit gekommen, hätte man Dir gezeigt, welche Todsünde es ist, sich Kinder anzuschaffen. Viele junge Brüder und Schwestern sind deswegen seelisch verarmt alt geworden.

Währest Du bis ca. so 1945 Zeuge gewesen, hättest Du Dir im Wachtturm anhören müssen, daß Impfungen eine Todsünde sind und Eltern, die Kindern Impfungen geben, den Werkzeugen Satans, nämlich den Ärzten erlauben würden, den Eiter der Dämonen in die Kinder zu spritzen. Viele Brüder sind damals in den USA sogar noch an Pocken deswegen gestorben.

Ab 1960 hättest Du das Leben von Dir und Deinen Kindern geopfert, wenn eine Organspende nötig gewesen wäre. Heute erlaubt. Bluter sind damals gestorben, heute dürfen sie den Blutgerinnungsfaktor aus Dutzenden Blutkonserven, Blut von Weltmenschen, die wir wegen ihrer Sünden hinsichtlich Blut verurteilen, jährlich zu sich nehmen.

Hättest Du 1943 in der Schweiz gelebt, hätte Dich die Wachtturmgesellschaft gebeten, in den Militärdienst zu gehen, um die Pfründe an Besitz zu sichern, in Deutschland hätte man Dich in den Tod geschickt. Vor drei Jahren wurde man in Frankreich noch zu 10 Jahren Gefängnis wegen der Verweigerung des Zivildienstes verurteilt. Einige Brüder sitzen heute noch, und ihre jungen Ehen sind z.T. zerrüttet, während andere zur gleichen Zeit diesen Dienst hemmungslos machen dürfen.

1980 hätte man Dich in Mexiko um des großes Besitzes der Gesellschaft willen gebeten, Deine Neutralität aufzugeben, während man die besitzlosen Brüder in Malawi zur gleichen Zeit opferte. Die Brüder in Mexiko haben das nie verstanden und ständig besorgt bei der leitenden Körperschaft nachgefragt.

Ich könnte diese Kette noch unendlich fortsetzen!

Und heute?

In Bulgarien Blut, in Frankreich politische Wahlen, in Deutschland halbpolitische Wahlen. Dazu der Wunsch, den großen Kirchen gleichgestellt zu werden. Anerkennung als Teil Groß-Babylons. Fallen lassen aller Endzeit-Prophezeiungen und Verurteilung derjenigen, die daran glaubten. (Frag mal die Älteren nach ihren wahren Gefühlen zur Generatíon von 1914!! Du wirst Dich wundern).

In Westeuropa kein Literaturverkauf mehr, angeblich wegen des Grundsatzes: Umsonst habt ihr empfangen...! In Ländern der Dritten Welt Verkauf der Literatur zu horrenden Preisen, weil dort der Verkauf noch nicht besteuert wird (wahrer Grund auch für Westeuropa!).

Lieber H., ich reiße nur an und kratze an der Oberfläche, um Dir zu zeigen, warum diese Organisation für mich alles andere als die Organisation des wahren Gottes ist.

Du fragst nach meinem derzeitigen religiösen Status?

Nun, ich habe endlich den Mut, offen alles zu erfragen, zu hinterfragen, zu erforschen und auch anzuzweifeln. Bei den Zeugen muß man ja alle Zweifel unterdrücken, nur nicht laut denken immer schön konform sein. Die Grenze ist die Litfaßsäule.

Lieber H., jetzt tut sich eine wundervolle Welt für mich auf. Ich diskutieren offen alles mit allen; ich lerne lerne lerne. Ich bin von Menschen umgeben, die offen sind und nicht uniformiert.

Ich habe schriftlichen E-Mail Kontakt zu Brüdern aus ganz Deutschland, Brüder von denen Du es nie denken würdest. Sie stellen mir Fragen, die sie den Ältesten niemals stellen würden, weil sie sich nicht trauen. Zweifler sind ja gleich Abtrünnige und damit Werkzeuge Satans.

Und ich stelle Fragen. Ich lese alles ohne Angst befasse mich mit allen möglichen Denkansätzen.

Es ist wunderschön, mit Menschen offen und nicht Unterredungsbuch - begrenzt über Religion, Gott und die Bibel zu diskutieren.

Wenn Du magst, biete ich Dir dies Mail als den Anfang einer elektronischen Diskussionsrunde an, von der ich dir verspreche, daß ich sie ganz offen führe. Entweder überzeugst Du mich und ich werde wieder ein aktiver Zeuge, oder ich überzeuge Dich, oder es bleibt so wie es ist.

Dein Bruder M.