Blut, Medizin und Zeugen Jehovas

Ursprünglich forschte ich nach und trug dieses Material zusammen und schrieb es, um einem Zeugen zu erklären, warum ich im Falle meiner Kinder die Erlaubnis zur Transfusion geben würde. Der Artikel hat an Umfang zugenommen, und ich hoffe, daß er anderen weiterhelfen kann. Die Nachforschungen haben mir (auf traurige Weise) die Augen geöffnet.

Danksagungen:

Bei der Zusammenstellung dieses Artikels habe ich auf sehr viele Bücher, Publikationen und Artikel zurückgreifen können, denen ich Informationen entnommen habe. Ich möchte insbesondere erwähnen:

  • Raymond Franz, Der Gewissenskonflikt und Auf der Suche nach christlicher Freiheit,
  • Jim Penton, University of Toronto Press, Apocalypse Delayed,
  • Doug Harris Reachout Trust, London, Awake to the Watchtower,

Inhaltsverzeichnis

  • Abschnitt 1: Einführung
    Gegenwärtige Haltung der ZJ zu Blut und Blutprodukten Geschichte der ZJ, der Blutfrage und verwandter Themen. (Die meisten Zeugen werden sich dessen nicht bewußt sein, wie sehr sich die Haltung über die Jahre geändert hat)
  • Abschnitt 2: Was die Bibel tatsächlich sagt
  • Abschnitt 3: Erfahrungen (beider Seiten)
  • Anhang: Beilage zu "Unser Königreichsdienst", Dezember 1990

Abschnitt 1: Einführung

Es gibt weltweit mehr als 4 Millionen Zeugen Jehovas. Wenn man einem Querschnitt der Gesamtbevölkerung die Frage vorlegt, was sie über den Glauben der Zeugen wissen, ist üblicherweise die am meisten gegebene Antwort, daß sie Bluttransfusionen ablehnen.

Mit diesem Artikel verfolge ich die Absicht, eine alternative (und hoffentlich ausgeglichene) Ansicht zur Frage Bluttransfusionen und Zeugen Jehovas zu geben. Wenn eine Transfusion nötig wird, entstehen viele Probleme, besonders in Fällen von Kindern. Weitere Komplikationen tauchen auf, wenn nur ein Elternteil zu den Zeugen Jehovas gehört.

Ursprünglich forschte ich nach und trug dieses Material zusammen und schrieb es, um einem Zeugen zu erklären, warum ich im Falle meiner Kinder die Erlaubnis zur Transfusion geben würde, wenn es mir am ratsamsten erschiene, wenn ich die potentiellen Risiken und Vorteile gehört und abgewogen hätte. Der Artikel hat an Umfang zugenommen, und ich hoffe, daß er anderen weiterhelfen kann. Die Nachforschungen haben mir (auf traurige Weise) die Augen geöffnet.

Wenn ein Zeuge Jehovas die Ablehnung einer Bluttransfusion in Erwägung zieht, sollten er selbst und seine Angehörigen und Freunde, die Zeugen sind, sich vor Augen halten, wie ihre Organisation zu den Regeln bezüglich Blut gekommen ist. Ich gebrauche das Wort 'Regeln' mit Absicht, weil ich weiß, daß ein Zeuge die Ablehnung von Blut (darunter auch Transfusionen) als ein striktes Gebot Gottes ansieht. Doch so einfach ist die Sache nicht, wie wir belegen werden. Ein Zeuge muß nicht mehr die lange wohlbekannte Antwort geben: "Bitte kein Blut oder Blutprodukte!"

Blut wird nicht einfach von einer Person genommen und einer anderen gegeben. Dies wird so von der Wachtturm-Organisation anerkannt - und die Regeln und Vorschriften bezüglich Blutprodukten und Zeugen Jehovas haben sich über die Jahre geändert.

Eine Wahl

Wenn jemand keine Transfusion von Blutbestandteilen während einer Routineoperation wünscht, dann ist das in Ordnung. Wenn er einen Chirurgen findet, der bereit ist, die Operation durchzuführen, dann ist das seine eigene Entscheidung.

Ein Artikel im Sunday Telegraph von Dezember 1994 berichtete die Behauptung, 'viele Chirurgen hätten eine viel zu laxe Einstellung zur Verwendung von Blut', und 'wäre Blut ein Arzneimittel, wäre es nicht zugelassen'. Der Artikel wurde durch eine Schreckensmeldung über Hepatitis C gestützt. Anfang 1995 wurde in Presse und Fernsehen in Großbritannien verbreitet, daß bis zu 3000 Personen sich vielleicht mit Hepatitis C angesteckt haben - durch Blut, das in den 1980er Jahren nicht ordnungsgemäß geprüft und behandelt war. Die Gesundheitsbehörden nahmen schließlich Kontakt zu den Personen auf. Zur Zeit der Niederschrift dieses Artikels (1995) wird vermutet, daß die Behörden etwas verbergen wollten.

Dies ist in der Tat besorgniserregend. Genug, um einen die Sache vielleicht weiter untersuchen zu lassen oder zweimal nachzudenken, bevor man sich als Teil einer medizinischen Routinebehandlung eine nicht lebenswichtige Übertragung geben läßt, insbesondere wenn annehmbare Alternativen zur Verfügung stehen.

Doch dieser Artikel befaßt sich hauptsächlich mit 'lebensbedrohlichen Situationen' - wenn nach der herrschenden medizinischen Auffassung eine Transfusion lebenswichtig ist und jede Verzögerung (um nach Alternativen zu suchen) für den Patienten ein nicht akzeptables Risiko darstellt.

Selbst bei der Mehrzahl der Routineoperationen und chirurgischen Eingriffe, bei denen normalerweise kein Blut benötigt wird, besteht immer die Möglichkeit einer Komplikation (z.B. Hämorrhagie), die eine unerwartete Transfusion nötig macht. Darum widerstrebt es vielen Chirurgen, 'mit halber Ausrüstung' in die Operation zu gehen, weil der Patient oder sein Vormund 'Kein Blut' erklärt. Ärzte und Chirurgen haben einen Eid geleistet, mit dem sie sich verpflichten, unter gegebenen Umständen die beste Behandlung zu liefern. Oft ist die Zeit entscheidend. Sie tun ihr Bestes, die Patienten zu informieren und nach bestem Wissen und Ausrüstung, die zur Verfügung steht, zu helfen.

Zeugen Jehovas müssen sich völlig darüber im klaren sein, wie sich die Glaubenssätze ihrer Organisation entwickelt haben. Ein durchschnittlicher Zeuge Jehovas hat Woche für Woche viele Versammlungen besucht, in denen ständig die Ansicht der WTG (Wachtturm-Gesellschaft), was die Bibel zu Blut sagt, betont worden ist. Kaum wird ihm die Gegenseite gezeigt - und wenn auch nur um der Objektivität willen. Nichts Kritisches zu ihrer Haltung wird je veröffentlicht. Wenn ein Zeuge je von einer alternativen Ansicht zu seiner Haltung über Blut hört, dann gewöhnlich durch Zeitungsberichte über Fälle, die tragisch ausgegangen sind.

Wenn ein Zeuge persönlich betroffen ist und die Blutfrage auftaucht, wird er ganz automatisch mit einer Ablehnung von Blut reagieren - entweder für sich selbst oder für die Kinder. Es ist ihnen viele Jahre lang eingebleut worden; ihre Organisation (WTG) veröffentlicht regelmäßig Informationen, Berichte und Erfahrungen im Zusammenhang mit Blut und Medizin. Der Zeuge betrachtet seinen Standpunkt als 100%ig in Übereinstimmung mit den Lehren der Bibel und sicherlich als unabdingbar. Andere in seiner Versammlung, gewöhnlich Älteste, Angehörige oder Freunde, ermuntern ihn dazu, keine Transfusion anzunehmen.

Bei den folgenden Zitaten und Kommentaren ist, wo immer möglich, die Quelle angegeben, so daß sie nachgeprüft werden können. Zuerst einige Aussagen, über die Einigkeit besteht. Die Argumentation vieler Zeugen geht in aller Ausführlichkeit um diese Punkte.

  • Es steht außer Frage, daß die Transfusion von Blutbestandteilen (wie auch die meisten ärztlichen Eingriffe) ein Risiko in sich birgt.
  • Es stimmt wahrscheinlich, daß auch bei Routineeingriffen zu oft Blut verwendet wird.
  • Jehovas Zeugen haben als 'Versuchskaninchen' zur Verbesserung der blutlosen Behandlungen beigetragen. Viele dieser Behandlungen sind gegenüber denen mit der Verwendung von Blut die bessere Alternative. Auch der medizinische Wissensstand nimmt schließlich zu.
  • In manchen Fällen hat man Zeugen (gewöhnlich Kindern) zwangsweise eine Transfusion verabreicht und der Patient ist doch gestorben.

Schon seit Jahrzehnten sind Bluttransfusionen gewöhnlich Transfusionen eines Blutbestandteils. Vollblut (gespendet) wird als wertvoller Rohstoff betrachtet. Ein Patient mit Blutarmut braucht vielleicht nur rote Blutkörperchen statt Plasma. Ein weiterer Patient könnte Blutplättchen gebrauchen, ein Patient mit Verbrennungen möglicherweise Albumin und noch ein anderer die Gerinnungsfaktoren. Andere Produkte wie Impfstoffe und Seren werden manchmal aus speziellen Typen von Blut hergestellt.

Die Organisation

Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft

Die leitende Körperschaft der Organisation hat ihren Sitz in Brooklyn, USA. Sie hat im Prinzip entschieden, was zulässig und was verboten ist und was augenblicklich die 'persönliche Gewissensentscheidung' eines Zeugen ist. Wenn eine bestimmte Behandlungsmethode unzulässig ist, wird ein Zeuge, wie alle wissen, aus der Versammlung ausgeschlossen, wenn er sie doch annimmt.

Der Familie des Ex-Zeugen, seinen Freunden und Bekannten ist dann verboten, ihn zu grüßen oder auch nur einfach 'Guten Tag' zu sagen. Der ausgeschlossene Zeuge wird völlig gemieden und von seinem früheren sozialen Umgang wahrscheinlich völlig abgeschnitten. Seinen früheren Freunden sagt man, sie sollten ihn 'hassen'. (Wachtturm, 1. u. 15. September 1981) Diese Praxis trägt sehr dazu bei, die Zeugen auf Linie zu halten.

Ein Zeuge darf die Lehren oder Vorschriften seiner Organisation nicht ablehnen. Die Organisation erhebt den Anspruch heute Gottes alleiniger sichtbarer Verbindungskanal auf Erden zu sein. Eine große Verantwortung für die Führer der Organisation, wird man ohne Zweifel sagen. Doch wenn man sie auf Fehler der Vergangenheit hinweist, werden sie uns daran erinnern, daß sie nicht den Anspruch erheben, inspiriert oder unfehlbar zu sein. Andererseits sprechen sie ständig von geoffenbarten Wahrheiten und behaupten ständig, daß Gott ausschließlich sie gebraucht - als Gottes Mutterorganisation. Und die Organisation toleriert kein Abweichen oder Ablehnen irgendeiner Lehre, wie gering es auch sein mag. Viele Nichtzeugen können diese Diskrepanzen nicht begreifen, und sie bleiben auch ohne Erklärung.

Jeder ist für seine eigenen Handlungen verantwortlich (Offb. 20:13). Keiner kann sich hinter irgendeiner irdischen Organisation verstecken und hoffen, wenn etwas falsch ist, werde es später schon richtig gestellt.

Die meisten Zeugen verbringen buchstäblich Tausende von Stunden damit, anderen zu sagen, sie sollten ihre Religion und die eigenen Überzeugungen überprüfen. Wenn Sie ein Zeuge sind, prüfen Sie bitte nur eine Stunde lang ihre eigenen. Der Wachtturm vom 1. Mai 1994, S.16, sagt:

In den letzten Jahren sind weltweit Millionen von Menschen Zeugen Jehovas geworden. Sie alle sollten über die Geschichte der Organisation, mit der sie verbunden sind, gut informiert sein.

Sehr richtig. Dies ist die gegenwärtige Haltung gegenüber Blut und Blutbestandteilen:

Gegenwärtige Haltung der ZJ zu Blut und Blutprodukten

Zulässig (abhängig vom persönlichen Gewissen): Albumin, Immunglobuline usw., Faktor VIII und -IX-Präparate für Bluter. Seren mit 'winzigen Blutbestandteilen', Ableitung und Behandlung von Blut in Dialyse-, Herz-Lungen- usw. -Maschinen. Die Maschinen müssen angeschlossen bleiben und dürfen kein Fremdblut enthalten - eine Art Verlängerung des Kreislaufs.

Verboten (unabhängig vom persönlichen Gewissen): Vollblut, Plasma, rote oder weiße (Leukozyten) Blutkörperchen, Blutplättchen, gelagertes Blut einschließlich des eigenen.

(Wenn nicht anders vermerkt, stammen alle Zitate aus Publikationen der WTG. Deutsche Quellen - wenn auf der CD-ROM der WTG enthalten - können sich evtl. in das folgende Jahr hinein verschieben.)

Geschichte der ZJ, der Blutfrage und verwandter Themen

Es ist wichtig, die Entwicklung dieses Themas zu untersuchen, weil der Durchschnittszeuge denkt, daß seine Organisation in ihren Lehren über Blut und verwandte Themen Beständigkeit gezeigt hat.

1909

Kommentare des Gründers C.T. Russell, (der Gründer der Religion in den 1870er Jahren) kommentierte Apostelgeschichte 15. In dieser Passage ist die Rede davon, sich gewisser Dingen zu enthalten, darunter des Essens von Blut. Hauptsächlich auf diese Stelle gründen die Zeugen ihren gegenwärtigen Standpunkt. Russell sagte:

Es war nicht beabsichtigt, daß die Enthaltsamkeit von diesen Dingen sie zu Christen machte, denn nur an Christus glauben, sich ihm weihen und sich bemühen, in seinen Fußstapfen zu gehen, konnte sie zu Christen machen ... Die hier empfohlenen Dinge waren notwendig, um weiterhin zu der Gemeinschaft des 'Leibes' aus Juden und Heiden zu gehören ... Etwas Ähnliches trifft auf das Blutverbot zu. Den Juden war es verboten ... Diese Verbote galten nie für die Heiden, denn sie standen nicht unter dem Gesetzesbund; doch die Vorstellungen der Juden hierzu waren so tief verankert, daß um des Friedens der Kirche willen auch die Heiden sich an diese Dinge halten sollten.

Watchtower, 15. April 1909, S. 4374

Die meisten Christen würden heute (anders als die Zeugen Jehovas) dazu neigen, weitestgehend mit Pastor Russells Verständnis von Apostelgeschichte 15 übereinzustimmen. - Mehr zur biblischen Seite in Abschnitt 2.

Die Glaubenssätze der heutigen Zeugen Jehovas bezüglich Bluttransfusionen hatten ihren Anfang im Zusammenhang mit der Frage der Impfung. Blut, wie z.B. Blutwurst, zu essen, hatten sie sich schon immer geweigert - aufgrund ihres Verständnisses von Gottes Gebot an Noah nach 1. Mose, Kapitel 9, das nach ihrem Glauben das Essen nicht ausgebluteter Tiere verbot.

So begann es also im Jahre 1931 mit der Frage der Impfung:

1931

Impfungen

Impfung ist eine direkte Verletzung des ewigen Bundes, den Gott mit Noah nach der Sintflut schloß.

The Golden Age, 4. Februar 1931, Seite 293

Derselbe Artikel verband das Blutessen mit Dämonismus und sexueller Unmoral. Die lose sexuelle Einstellung heute sei vielleicht auf die leichte und ständige Verletzung der göttlichen Gebote zurückzuführen, menschliches und tierisches Blut getrennt voneinander zu halten. Ein Mensch sei nicht normal, wenn in seinen Venen Zellen fremden Blutes strömten; er sei nicht er selbst, sondern es mangele ihm an dem Selbstvertrauen und der Ausgeglichenheit, die zur Selbstbeherrschung gehörten. (Ibid Seite 293).

1935

Da eine Impfung eine direkte Injektion tierischen Materials in den Blutstrom ist, ist eine Impfung eine direkte Verletzung eines göttlichen Gesetzes (Golden Age, 24. April 1935, Seite 465).

Pocken

Pocken waren ein großes Problem. Man erinnere sich daran, daß Pocken eine Mortalitätsrate von bis zu 40% hatten. 1921 gab es allein in den (zivilisierten) USA 100.000 Fälle. 1953 gab es keinen mehr. Das Impfprogramm rettete also buchstäblich Hunderttausende von Leben weltweit.

Ein Zeuge namens William Cetnar forschte auf dem Gebiet der Pockenimpfung genauer nach und fand heraus, daß der Impfstoff überhaupt nicht aus Blut hergestellt wurde. Er schickte seine Befunde an die Weltzentrale der Organisation. Er bekam kein Antwortschreiben, doch im April 1952 publizierte die Gesellschaft schließlich die Aufhebung des Impfverbotes.

Pocken sind hoch ansteckend. Wie viele Personen als Folge der Vorschriften der Organisation starben (oder andere ansteckten), kann man nicht wissen. Kinder ohne Pocken-Impfpaß wurden in keine Schule aufgenommen. Es gab Berichte, daß mitfühlende Ärzte die Haut von Kindern aufkratzten und einen falschen Impfpaß ausstellten. Zeugen konnten andere Länder nicht verlassen oder einreisen. Zeugen im Gefängnis lagen in Einzelzellen. Eine unglaubliche Situation.

Ein moderner Zeuge sieht die Änderung bei Impfungen zweifellos als Beispiel dafür an, daß Gott 'die Dinge nach und nach offenbart oder klarer macht'. Das ist die übliche Erklärung, wenn sich eine Lehre ändert. (Es erklärt aber nicht, warum manche Lehren wieder zu früheren Auffassungen zurückkehren.)

Da Zeugen aber in jedem Fall verpflichtet sind, jederzeit allen gerade gültigen Lehren zu gehorchen, machen sie damit im oben genannten Beispiel eigentlich Gott verantwortlich. Gott möchte, daß sie allen gegenwärtigen Lehren folgen, auch wenn sie sich später als Irrlehren erweisen. Daher wäre es doch zweifellos besser gewesen, wenn Gott sich früher für Impfungen entschieden hätte?

Leider war damals Clayton Woodcock ein wichtiges Glied der Zentrale der Organisation und der Herausgeber der Zeitschrift The Golden Age (der Vorläufer von Consolation [Trost] und dem heutigen Erwachet!). Er haßte den neuzeitlichen medizinischen Fortschritt in Amerika. In anderen Golden Age-Artikeln leugnete er die Theorie der Krankheitsentstehung durch Erreger und machte stattdessen alles mögliche Kochgeschirr aus Aluminium für viele Krankheiten verantwortlich. Die Pockenschutzimpfung nannte er die 'schmutzige Unart, Tiereiter zu injizieren' (in diesem Beispiel).

Viele Zeichnungen in Golden Age bildeten Dinge ab wie Haufen pockennarbiger, durch Impfung geschädigter Babys. Andere Zeichnungen stellten 'Drogenärzte' mit Spritzen mit der Aufschrift 'Eiter' dar.

1945

Transfusionen

1945 wurde erstmals die Haltung der Organisation zu Bluttransfusionen veröffentlicht. Man kam ein bißchen spät damit heraus, denn Transfusionen waren schon seit mehr als 20 Jahren in die medizinische Praxis eingeführt und die erste große Blutbank hatte 1937 in Chicago eröffnet.

Im Watchtower vom 1 Juli, Seiten 198-201, hieß es, daß 'Bluttransfusionen heidnisch und gottentehrend' seien. Alles Blut, Blutprodukte und -bestandteile waren in diese Regelung eingeschlossen.

A. H. Macmillan erzählt am Rande in seinem Buch Faith on the March (Prentice-Hall 1957) - einem der wenigen 'approbierten' Nicht-WTG-Bücher -, eine Erfahrung, die er machte, als er nach dem Zweiten Weltkrieg 4.500 Zeugen Jehovas (Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen) im Gefängnis besuchte. Sie weigerten sich, sich impfen zu lassen und kamen in Einzelhaft. Der Autor, ein höherer Funktionär seiner Organisation, verbrachte über zwei Stunden damit, sie zu überreden, die Impfung anzunehmen (Seiten 188-190).

Einige unserer Leute in einem Gefängnis sahen das genauso an wie eine Bluttransfusion und weigerten sich, sie anzunehmen.

Ich frage mich, woher sie diese Idee hatten? Sie sind nicht von alleine darauf gekommen. Wie auch immer, schließlich nahmen sie die Impfung an. Als der Autor von einem Wärter gefragt wurde, wie er das geschafft habe, entgegnete er:

"Nun, ich wies sie auf ihre Verantwortung hin und zeigte ihnen, daß man die Regierung verantwortlich machen werde, wenn etwas Schlimmes passiert", sagte Macmillan. "Das haben wir ihnen auch gesagt, aber es hat sie nicht überzeugt", sagte der Wärter. "Der Unterschied war, ich redete mit der Bibel zu ihnen, und diesem Buch gehorchen Jehovas Zeugen". "Ja, ich fange an, es zu glauben," war die (ungläubige) Schlußfolgerung des Wärters.

Da in der Bibel offenkundig nichts über Impfungen geschrieben steht, kann ich nur zu dem Schluß kommen, daß die Tatsache, daß die Organisation seit den 1930er Jahren stillschweigend Impfungen akzeptiert hatte, dafür verantwortlich war, daß die Männer ihren Sinn geändert hatten. Leider hatte die Organisation immer noch nicht offen bekanntgemacht, daß man nun den 'schmutzigen Tiereiter' akzeptieren durfte.

1949

Organtransplantationen

Organtransplantationen, so heißt es, sind zulässig. Awake! vom 22. Dezember enthielt einen Artikel mit dem Titel als Blickfang 'Ersatzteile für deinen Körper'. Blut, hieß es, war verkehrt, doch Organ- und Knochentransplantationen waren 'Wunder der modernen Chirurgie'.

1952

Impfungen wie z.B. die oben erörterten Pockenschutzimpfungen werden nun offiziell als zulässig bezeichnet (in einem Brief mit Datum 15. April).

1958

Seren

Im Wachtturm vom 15. November 1958, S. 703 wird die Frage gestellt, ob die Injektion von Seren wie z.B. dem Diphterie-Antitoxin oder von Blutbestandteilen wie dem Gammaglobulin, um das Immunsystem zu stärken, dasselbe sei, als Blut zu trinken oder eine Blut- oder Blutplasmatransfusion zu erhalten? Nein, hieß es, das seien zwei verschiedene Kategorien; verboten sei, es als 'Nahrung' in sich aufzunehmen, und darum gelte der Vorbehalt nur Blut als 'Nahrungsmittel'. Die Injektion von Antikörpern oder die Injektion von Blutbestandteilen, damit der Körper selbst solche Antikörper produzieren könne, sei nicht dasselbe, wie Blut einzunehmen, ob oral oder per Transfusion, damit es als Nahrungsmittel die Körperkräfte stärke. Gott habe zwar Dinge wie Impfungen für den Menschen nicht vorgesehen, aber sie scheinen in dem Blutverbot nicht enthalten zu sein. Es sei daher eine Frage der persönlichen Gewissensentscheidung.

Es ist interessant, daß hier der Hauptgrund für die Ablehnung von Transfusionen genannt wird: sie sei dasselbe, wie Blut zu essen, es als Nahrungsmittel aufzunehmen. Eine andere Wendung, die später von der Organisation aufgebracht wurde und die gegenwärtig in diesem Zusammenhang vorgezogen wird, ist die 'Lebenserhaltung'. Später hat man beide Redewendungen als untereinander austauschbar verwendet, je nach dem, wie man gerade argumentieren wollte.

Im Wachtturm vom 1. Oktober 1958 stand auf Seite 606 eine Frage von Lesern, in der es darum ging, ob einer Schwester, die zum gesalbten Überrest gehört (eine besondere Klasse von Zeugen mit himmlischer Hoffnung) und die eine Bluttransfusion annimmt, erlaubt sein solle, am Gedächtnismahl teilzunehmen (das Abendmahl der Zeugen, bei dem nur die Gesalbten vom Brot und vom Wein nehmen). Die Antwort lautete Ja. Sie sei wohl "als unreif zu betrachten [...] Daher habt ihr auch kein Recht, diese Schwester von der Feier des Abendmahls des Herrn auszuschließen." Diese Haltung sollte nur zwei Jahre Bestand haben - siehe unter 1961.

1959

Das Ausgießen von Blut

Blut muß ausgegossen werden.

Gemäß der Methode, die die Bibel bei der Behandlung von Blut vorschreibe, müsse das Blut, das einem Körper entnommen werde, auf die Erde gegossen und mit Staub bedeckt werden. Das Leben sei in dem Blut und daher gelte das Blut als heilig vor Jehova Gott. Deshalb sei auch eine Entnahme, Lagerung und spätere Rückführung in denselben Köper eine Verletzung biblischer Grundsätze. (Wachtturm, 1. Januar 1960, Seiten 13-30).

Man weist aber nicht darauf hin, daß hier aus 3. Mose 17:13, 14 zitiert wird, einem Teil des alten Gesetzes für Israel, das (wie sie selbst zugeben) nicht mehr auf Christen anwendbar ist. Doch das alte Gesetz für Israel wird oft zitiert, um 'Gottes Ansicht' zu einem Thema anzuzeigen, insbesondere wenn damit eine gerade gültige Lehre gestützt werden kann. Aber die Vorschriften zu Schellfisch und zu Schweinefleisch aus demselben Gesetz werden nicht herangezogen, um 'Gottes Ansicht' aufzuzeigen.

1961

Die Strafe

Blut- oder Blutprodukttransfusionen werden ab jetzt mit einem Gemeinschaftsentzug (Exkommunikation) geahndet (Wachtturm, 15. März 1961, Seiten 190, 191).

Erst seit 1952 wurde der Gemeinschaftsentzug unter dem damaligen Präsidenten N.H. Knorr zu etwas Üblichem. Bis dahin durften Zeugen, solange sie nicht Spaltungen in der Versammlung hervorriefen, manchmal Dinge tun, die die Organisation wohl verboten hatte, aber ohne dafür eine offizielle Bestrafung vorzusehen. Wenn sie dabei entdeckt wurden, haben andere sie zwar nicht als reife Zeugen angesehen, aber bis zum Jahre 1952 führte dies kaum zu weiteren Maßnahmen. Seit 1961 sind viele Zeugen ausgeschlossen worden, weil sie Blut oder Blutprodukte angenommen haben. Einige sind buchstäblich noch auf dem Totenbett ausgeschlossen worden. Ihre ehemaligen Freunde oder Angehörigen wollten (oder durften) danach nicht einmal mehr der Beerdigungsfeier beiwohnen.

Organspenden sind eine Frage des persönlichen Gewissens:

Organspenden nach dem Tod sind eine Frage des persönlichen Gewissens. Es seien keine biblischen Grundsätze berührt. Jeder müsse dies daher für sich selbst entscheiden, und niemand dürfe einen anderen dafür kritisiere.

Watchtower, 1. August 1961

Blut und Persönlichkeit

Der Wachtturm vom 1. Dezember 1961, Seiten 724, 725, stützt die erstaunliche Ansicht, daß mit einer Transfusion auch Persönlichkeitsmerkmale übertragen werden können - daß der Impuls, Suizid oder Mord zu begehen oder zu stehlen, im Blut ist und daher auf eine andere Person, die eine Bluttransfusion annimmt, übertragen werden kann; es findet also eine 'Persönlichkeitstransfusion' statt.

1963

Bestandteile und Seren (wiederum)

Eine Umkehr. Jeder Blutbestandteil wird nun als Nahrungsmittel angesehen und darf bei keiner medizinischen Behandlung verwendet werden. Seren sind daher wieder unzulässig.

Der biblische Grundsatz umfasse nicht nur Vollblut, sondern alles aus Blut Gewonnene, das benutzt wird, Leben zu erhalten oder zu stärken (Wachtturm, 15 Mai 1963, Seite 316).

Man vergleiche dies mit der Aussage aus dem Jahre 1958, nur 5 Jahre zuvor. Offenbar stärken Impfstoffe aus Blut angesichts von Krankheiten nicht, denn sie sind weiterhin ZULÄSSIG. Seren sind es nicht. Man beachte den Gebrauch von 'Leben erhalten oder stärken'.

1964

Ärzte, die Zeugen Jehovas sind

Die Wachtower-Ausgabe vom 15. November erlaubt erstaunlicherweise Ärzten, die Zeugen Jehovas sind, einem Nichtzeugen eine Bluttransfusion zu geben, wenn ihre Tätigkeit dies erfordert. Auch Fleischer und Händler, die Zeugen sind, dürfen Nichtzeugen Nahrungsmittel mit Blut (Blutpudding usw.) verkaufen. Daß eine Transfusion eine vorherige LAGERUNG und Behandlung von Blut mit sich bringt, scheint vergessen zu sein. Doch diese Lagerung ist der einzige Grund, warum Zeugen keine Eigenblutübertragung haben dürfen - das Blut war nicht 'ausgegossen'; damit würde man Verachtung für Gottes Wort zeigen. Zeugenärzte scheinen von dieser Regel ausgenommen zu sein und dürfen daher Gottes Wort ohne Bestrafung 'verachten'. In anderen Dingen argumentiert die Organisation ganz deutlich, man dürfe den Vorgesetzten (Chef, Regierung usw.) nur gehorchen, wenn dies nicht Gottes Gesetz (wie sie es sieht) widerspreche. Das persönliche Gewissen spielt dabei keine Rolle.

[Um die übliche Starrheit der WTG-Politik zu veranschaulichen: Zur selben Zeit (1964) wurden Zeugen in Malawi, Afrika, vergewaltigt, ermordet und gefoltert, weil sie sich weigerten, für 35 Cent eine Mitgliedskarte der Malawischen Einheitspartei zu kaufen, was sie als politische Parteinahme und damit gegen ihren Glauben, sich 'von der Welt getrennt' zu halten, ansahen.]

Andere Einschränkungen

Awake! vom 8 Mai 1964 verbot den Gebrauch von Kosmetika, bei deren Herstellung Blut verwendet wurde.

Der Wachtturm vom 1. August 1964, Seite 479, aus demselben Jahr verbot

  • Bauern, die Zeugen sind, den Gebrauch von Düngemitteln mit Blutprodukten
  • den Zeugen, Tierärzte ihren Haustieren Blutproduktetransfusionen geben zu lassen
  • den Zeugen den Gebrauch von Tierfutter, das Blut enthielt.

In den späten 1960er Jahren schrieben Zeugen mengenweise Briefe an Lebensmittelhersteller, um herauszufinden, ob sie Blutprodukte verwendeten. Ich erinnere mich an Gerüchte in Großbritannien und damit verbundene Fragezeichen über frischen Hühnchen, Schokoladenriegel und allem möglichen.

1967

Organtransplantation = Kannibalismus

Ein weiterer unglaublicher Rückschritt. Organtransplantationen sind nun Kannibalismus!

Bei einem abgestorbenen oder krankhaften Organ werde die Gesundheit normalerweise dadurch wiederhergestellt, daß ein Körper Nährstoffe zu sich nimmt. Der Körper gebrauche die Nahrung, und das Organ wiederherzustellen oder zu heilen und die Zellen allmählich zu ersetzen. Wenn Wissenschaftler zu dem Schluß kommen, daß dieser Prozeß nicht mehr funktioniere, schlagen sie vor, das Organ zu entnehmen und direkt durch ein Organ eines anderen Menschen zu ersetzen. Aber das sei ein Kurzschluß.

Wer sich solch einer Operation unterziehe, 'ernähre' sich vom Fleisch anderer Menschen. Das sei kannibalisch.

Als Jehova Gott erlaubte, Tierfleisch zu essen, gab er nicht auch Menschen die Erlaubnis, ihr Leben zu verlängern zu versuchen, indem sie in kannibalischer Weise menschliches Fleisch in sich aufnähmen, ob nun zerkaut oder als ganze Organe oder Körperteile von anderen. (Watchtower, 15. November 1967, Seite 702).

Was sechs Jahre lang seit 1961 zulässig war, ist nun Kannibalismus. Was Gott erlaubt hatte, hat die Organisation jetzt klar und deutlich gesagt. Derselbe Artikel drückte sich auch deutlich gegen Organspenden aus, vorher ebenfalls eine Gewissenssache.

1971

Das Herz - mehr als eine Pumpe

Im Wachtturm vom 1. Juni 1971, Seiten 326-331, stand ein umfangreicher Studienartikel, in dem (ungeachtet der medizinischen Meinung) stand, das Herz sei mehr als eine Blutpumpe. Es sei durch Endungen sensorischer Nerven mit dem Gehirn verbunden und eigentlich das Organ, in dem Affekte, Beweggründe, Wünsche und Emotionen buchstäblich geformt würden (Seiten 327-328). Natürlich würde daher eine Organtransplantation auch diese Emotionen usw. mit übertragen. Schwere 'geistige Verwirrung' bei Herztransplantationspatienten sollten wahrscheinlich durch die Transfusion verursacht sein. (Man erinnere sich, daß bis soweit [1971] Organtransplantationen nicht zulässig waren - das war immer noch Kannibalismus.)

1974

Seren

Eine teilweise Wendung. Einige Seren, obwohl aus Blut gewonnen (siehe 1963), sind vielleicht heute wieder eine Gewissenssache. Anders als Impfstoffe enthielten Seren einen Blutbestandteil. Was ist nun mit einem solchen Serum, auch wenn der Bestandteil darin nur ganz winzig sei? Man halte es für die Gewissenssache eines jeden Christen. Einige könnten es nicht als Fehlen von Respekt vor dem Willen Gottes ansehen, andere dagegen würden Seren ganz abweisen. Man halte sich hier mit Lob oder Verurteilung zurück, wo es um das Gewissen des einzelnen gehe, aber man dränge doch alle, ein reines Gewissen vor Gott zu behalten und nie willentlich sein Wort zu mißachten (Wachtturm, 1. September 1974, Seiten 541-542).

Das liest sich zwar so, als könne der Zeuge wirklich nach seinem Gewissen entscheiden, aber er soll doch wohl eher ablehnen als annehmen. Auch sei ein Serum allein dann akzeptabel, wenn es nur einen 'winzigen Bestandteil Blutes' enthielt. Wichtig jedoch: ein Zeuge, der annimmt, würde nicht mehr ausgeschlossen. Gewissen an der Bibel oder durch die WTG geschult?

1975

Bluter

(Über: Der Gewissenskonflikt, Raymond Franz; Claudius-Verlag, München)

Bluter waren in der Organisation in einer prekären Situation. Gerinnungsfaktoren wie z.B. Faktor VIII (und IX)-Präparate können ihr Leben deutlich verlängern. In den 1940er Jahren betrug die durchschnittliche Lebensdauer eines Bluters weniger als 17 Jahre. Heute haben sie fast eine normale Lebensspanne.

Raymond Franz (ein ehemaliges Mitglied der leitenden Körperschaft [Führungsgremium der ZJ]) deckte in seinem Buch Der Gewissenskonflikt auf, daß die Wachtturm-Gesellschaft die Haltung einnahm, nichts Besonderes zu diesen Blutbestandteilen zu veröffentlichen, als sie herauskamen. Wenn aber Bluter die Weltzentrale der Organisation anschrieben oder anriefen, sagte man ihnen, einmal den Bestandteil zu nehmen sei zulässig, aber ihn mehr als einmal nehmen, hieße sich von Blut 'ernähren', und das sei falsch.

Die Vorgehensweise wurde vermutlich irgendwann Anfang der 1970er Jahre geändert, offiziell allerdings erst im Juli 1975. Erstaunlicherweise wurde bis 1978 nichts davon publiziert.

Verwaltungsangestellte hatten zuvor versucht, die Korrespondenzakten durchzugehen und alle Bluter zu kontaktieren. Einige konnten nicht ausfindig gemacht werden - sie hatten mit ihrem Begehren die Gesellschaft angerufen. Es wurde berichtet, daß die Situation bei den Verwaltungsangestellten auf Ablehnung stieß. Das überrascht nicht - es ist durchaus möglich, daß einige Bluter inzwischen gestorben waren, weil sie von der Änderung nichts mitbekommen hatten!

Interessanterweise scheint Awake! vom 22. Februar 1975 die Behandlung von Blutern mit Blutbestandteilen auszuschließen. Aber es gibt (wie oben erwähnt) Hinweise, daß man denjenigen, die in den frühen 1970er Jahren die Weltzentrale anriefen, sagte, eine, aber keine zweite Behandlung sei zulässig.

Eine Sitzung der leitenden Körperschaft am 11. Juni 1975 machte den Wechsel offiziell, und danach wurden Nachfragende informiert, eine Faktor-VIII-Behandlung sei zulässig (oder zumindest dem eigenen Gewissen überlassen). Doch es war erst später, 1978, daß man es offiziell als nicht verboten veröffentlichte.

Das waren also wenigstens 3 Jahre, vielleicht noch mehr, in denen ein hämophiler Zeuge an die Weltzentrale von Gottes einziger sichtbarer Organisation auf Erden schreiben oder dort anrufen mußte, um herauszufinden, ob Faktor VIII sein Leben retten durfte. Man hat es als nicht wichtig genug angesehen, darüber etwas zu veröffentlichen.

Der Wachtturm vom 1. Juli 1975, Seiten 407, 408, scheint Ärzten, die Zeugen sind, wieder zu verbieten, Transfusionen zu verabreichen! (Siehe auch 1964) Der Artikel befaßt sich speziell mit der Kreuzprobe von Blut. Lagerung von Blut und Mißachtung des Gesetzes Gottes scheinen wieder kein Thema zu sein. Man muß zu dem Schluß kommen, daß diese Ärzte jede Hilfe, die sie auf medizinischem Gebiet bekommen können, benötigen. Daher führt man sie an der 'langen Leine'.

Persönlichkeitstransplantation?

Im Wachtturm vom 1. Dezember 1975 wird wieder der Gedanke gestützt, durch Organ- wie durch Bluttransfusionen könnte auch eine Persönlichkeitstransplantation stattfinden (Seite 733). Es wurde das Beispiel eines Nierentransplantationspatienten angeführt, der nach der Operation ebenso aggressiv wurde wie sein Organspender. Der Artikel räumt ein, daß das Problem ganz oder teilweise eine Einstellungssache sein könnte, findet es aber doch interessant, da die Bibel die Nieren mit den Gefühlen verbindet.

1977

Eine neue Broschüre

Eine neue Broschüre - Jehovas Zeugen und die Blutfrage. Weitere Rückschritte.

Bluttransfusionen werden jetzt als Organtransplantationen angesehen. (Bis dahin sind Organtransplantationen noch nicht zulässig.)

Abgesehen von religiösen Zweifeln an der Sache lehnt jetzt vielleicht mancher eine Bluttransfusion ab, weil sie im wesentlichen eine Organtransplantation ist, deren Transplantat sich bestenfalls nur teilweise mit dem körpereigenen Blut verträgt. (Jehovas Zeugen und die Blutfrage, S. 41).

Kinder

Wo Kinder betroffen sind, argumentiert die Broschüre, daß den Eltern erlaubt sein muß, die Transplantation für ihre Kinder abzulehnen. In der Broschüre (Seite 35) heißt es dazu, ob man denn annehmen wolle, daß die Gerichte den Kindern eine andere Religion zuweisen wollten als die der Eltern, wenn Statistiken zeigen, daß die überwältigende Mehrzahl der Kinder tatsächlich in derselben Religion aufwächst und ihr folgt.

In dem Artikel werden zwei Dinge nicht erwähnt. Erstens, die Zeugen verbringen viel Zeit damit, andere zum Wechsel ihrer Religion zu veranlassen, und sie behaupten, daß sie damit großen Erfolg hätten. Zweitens, die Zeugen haben eine recht hohe Fluktuationsrate (mehr als 250.000 Personen haben in den USA die Religion allein in den Jahren von 1976 bis 1978 verlassen) und eine signifikante Anzahl ihrer Kinder verlassen die Religion, wenn sie erwachsen werden. Jeder Zeuge weiß, daß das stimmt.

1978

Seren und das Gewissen

Die Haltung zu Seren wird freundlicher. Seruminjektionen zur Abwehr einer Krankheit sind nicht unbedingt verkehrt. Es ist eine 'graue Zone'. Mit diesen Injektionen wird angesichts von Krankheit offenbar kein 'Leben erhalten'. In dem nachstehend zitierten Artikel wird (gedruckt und jetzt veröffentlicht) Blutern auch zugestanden, Faktor-VIII-Präparate mehr als einmal zu nehmen, wenn sie nicht inzwischen schon an ihren Blutungen gestorben sind. Auszugsweise heißt es:

Wie verhält es sich aber, wenn sich jemand zur Abwehr einer Krankheit [...] Seruminjektionen geben läßt? Diese Frage fällt in eine 'graue Zone' ... Wir (die Organisation) vertreten daher den Standpunkt, daß jeder einzelne diese Frage für sich selbst entscheiden muß. Wir ermuntern alle, danach zu streben, ein reines Gewissen zu bewahren und sich von Gottes Rat, der in seinem Wort zu finden ist, leiten zu lassen. (Wachtturm, 1. Oktober 1978, Seite 31)

Für viele sensible Zeugen wird die Frage, ob man ein Serum oder ein anderes 'zulässiges' Produkt nehmen darf, Anlaß für zukünftige Schuld. Habe ich gesündigt?

1980

Transplantationen

Organtransplantationen. Eine weitere Drehung.

Zurück zur Haltung von vor 1967.

Organ- und Gewebetransplantationen sind nun (wieder) Gewissenssache.

Selbstverständlich gibt es in der Frage der Organverpflanzung unterschiedliche persönliche Ansichten und vom Gewissen bestimmte Empfindungen ... Die Bibel verbietet zwar ausdrücklich die Aufnahme von Blut, nicht aber die Aufnahme von menschlichem Gewebe. Daher muß jeder, der in dieser Frage eine Entscheidung zu treffen hat, sorgfältig und gebetsvoll die Faktoren abwägen und dann nach seinem Gewissen entscheiden, was er vor Gott tun oder nicht tun kann.

Wachtturm, 15. Juni 1980, Seite 31

Erst drei Jahre zuvor hatte man Bluttransfusionen abgelehnt, weil sie eigentlich Organtransplantationen seien! Siehe auch das Zitat von 1967. 13 Jahre zuvor war das Kannibalismus!

Wie viele Zeugen blieben blind, weil sie nicht eine einfache Hornhauttransplantation annehmen konnten? Wie viele starben, als sie noch eine Chance auf Leben, das ihnen angeblich so kostbar ist, hatten?

[...] mit Ausnahme von Bluttransfusionen sind Hornhautverpflanzungen die erfolgreichsten aller Operationen, bei denen eine Gewebeübertragung stattfindet.

Medical Encyclopaedia, Hamlyns 1981

Dies ist nur eines aus einer Unzahl von Zitaten, die die Zeugen normalerweise nicht beachten.

Krankenhausverbindungskomitees

Inzwischen hatten Jehovas Zeugen Hunderte von Krankenhausverbindungskomitees eingerichtet, um besonders in Notfällen Problemen bei der Blutfrage zuvorzukommen. Das Konzept nahm in den frühen 1970er Jahren in Kanada seinen Anfang.

Man tritt systematisch an alle Krankenhäuser heran und erklärt den Standpunkt der Zeugen. Man führt Listen mit sympathisierenden Chirurgen und Ärzten. Unterlagen über blutlose Behandlungsmethoden werden ebenfalls geführt.

Die Komitees versuchen, Ärzte und Sozialdienste zu umgehen, damit Kinder nicht unter gerichtliche Vormundschaft gestellt werden, wenn die Eltern Blut für das Kind ablehnen. Gewöhnlich versuchen sie zuerst, eine blutlose Operation, vielleicht an einem anderen Ort, zu arrangieren, fast mit Sicherheit mit Verzögerung und vermehrtem medizinischen Risiko. Manchmal schalten sich die Verbindungskomitees selbst in einen Rechtsfall ein und bekämpfen Versuche von Ärzten und Sozialdiensten, das Kind zeitweilig aus der Obhut der Eltern zu nehmen, um ihm eine Transfusion zu geben.

1982

Haupt- und Nebenbestandteile

Erwachet! vom 22. September führt die Vorstellung von - nach der Sicht der Organisation - Haupt- und Neben-Bestandteilen (oder Fraktionen) ein und zeigt damit, was zulässig ist und was nicht. Nebenbestandteile sind zulässig, Hauptbestandteile verboten. Zusammengefaßt:

Blut besteht aus 54% Plasma, 45% roten Blutkörperchen, 0,17% Blutplättchen, 0,1% weißen Blutkörperchen. Das Plasma enthält alle komplexen Proteine, Albumin, Gerinnungsfaktoren und Immunglobuline, Fibrinogene usw.

Zur Wiederholung:

Zulässig (abhängig vom persönlichen Gewissen): Albumin, Immunglobulinseren, Faktor VIII u. IX für Bluter, Ableitung und Behandlung von Blut in Dialyse-, Herz-Lungen- usw. -Maschinen (solange sie nicht mit Fremdblut arbeiten) usw.

Unzulässig (unabhängig vom persönlichen Gewissen): Vollblut, Plasma, rote (Erythrozyten) oder weiße (Leukozyten) Blutkörperchen, Blutplättchen, gelagertes Blut - auch des eigenen.

'Kleine Mengen'

Es soll angemerkt werden, daß auf die Frage, warum nicht alles Blut und die Produkte verboten sind, oft das Argument kommt, daß bei Präparaten usw. nur kleine Mengen Blut ins Spiel kommen, so daß es zu einer 'Gewissenssache' wird. Darum auch läßt ein Zeuge einen Bluttest zu, mit dem normalerweise die verkehrte Praxis verbunden ist, Blut zu lagern statt es 'auszugießen'. Warum? Wer entscheidet? Was genau ist eine 'kleine Menge' - 5ml, 10ml, 200ml? Und wie oft kann man diese 'kleine Menge' erhalten?

Es ist auch interessant, sich die sogenannten Haupt- und Nebenbestandteile näher anzusehen. Viele Ärzte haben darauf hingewiesen, daß Plasma (nicht zulässig) aus etwa 93% Wasser besteht. Die anderen 7% sind das Albumin, die Globuline und Gerinnungsfaktoren usw., die alle zulässig sind. Macht es das Wasser zu etwas Verbotenem? Man entschuldige meinen Sarkasmus, aber diese ständig sich ändernden Regeln und grundlosen Unterschiede sind nicht von mir.

Weiße Blutkörperchen oder Leukozyten (nicht zulässig) machen nur 0,1% des Blutes aus. Viel mehr Leukozyten finden sich in Körperorganen (Transplantationen sind zulässig) und der Muttermilch. Brusternährung ist [dankenswerterweise] noch nicht kritisiert worden.

Albumin, Immunglobulin und Gammaglobulin (alle zulässig) erfordern die Spende von buchstäblich Litern von Blut zur Herstellung einer Dosis. Ausgedehnte Blutbanken werden benutzt, um all dies Blut und die Bestandteile zu lagern und zu verarbeiten.

Die Organisation möchte ihren Standpunkt zu Blut bewahren und gleichzeitig den (inzwischen üblichen) Gebrauch von Seren zulassen. Es wird gnädigerweise zu einer Gewissenssache. Es wird aber nicht gesagt, wie ein durchschnittlicher Zeuge denn sein Gewissen gebrauchen soll, um zu entscheiden, ob er eine Komponente aus einem Komplex von aus Blut gewonnenen Produkten ablehnen oder annehmen soll. Sie sind keine Mediziner oder Wissenschaftler. In Pharmacology in Nursing von Bergersen, 1976, Seite 525 heißt es z.B. (über Gammaglobulin / Immunglobulin):

Gammaglobulin wird aus Blutplasma oder einem Serumpool gewonnen, der für wenigstens 1000 Personen steht.

Das Blut von 1000 Personen! Aber es ist eine Gewissenssache. Keine Strafe. Doch nimm Plasma an und du wirst ausgeschlossen!

Die Blutmenge, die gespendet werden muß, um die Faktor-VIII- oder IX-Präparate zu gewinnen, die ein Bluter sein Leben lang braucht, macht wahrscheinlich Hunderttausende Liter aus und alles Blut wird irgendwann einmal gelagert (nicht 'ausgegossen'). Ein Bluter muß sich selbst mit einer großen Spritze sehr regelmäßig Faktor-VIII- oder IX-Präparate injizieren, vielleicht wöchentlich.

Wie schon erwähnt, schiene es logisch und annehmbar, wenn einer Person für den späteren Gebrauch Blut entnommen würde, wenn z.B. eine zukünftige Operation ins Auge gefaßt wäre. Doch im erwähnten Erwachet! vom 22. September 1982 heißt es, das sei zulässig, wenn das Blut entnommen und kurz darauf wieder rückgeführt werde. Das Gerät zur Entnahme und Rückführung dürfe nicht entfernt werden. Es wird mit einer Erweiterung des Kreislaufs verglichen. Darum sind Dialysegeräte und Herz-Lungen-Maschinen zulässig. Allerding könne keine LAGERUNG von Blut erlaubt sein. Derselbe Artikel in Erwachet! vom 22. September 1982, Seite 256, stellte nochmals fest, daß eine Faktor-VIII-Behandlung für Bluter zulässig sei.

1984

Knochenmark

Es werden Knochenmarktransplantationen erwähnt, und auch sie sind anscheinend wieder Gewissenssache. Allerding wird hier von Zeugen ein Nein erwartet. Es wird eine Verbindung zwischen Knochenmark und dem Essen von Mark hergestellt, letzteres ist erlaubt. Doch Bluttransfusionen sind regelmäßig mit dem Essen von Blut gleichgesetzt ('Ernährung') und auf dieser Basis ausgeschlossen worden.

Wie steht es nun mit Knochenmark. Kann sich ein Christ Knochenmark übertragen lassen? Wie ordnet die Bibel es ein? Wie Blut? Anhand von u.a. Jesaja 25:6 wird gezeigt, daß Knochenmark gegessen werden dürfe. Da Knochenmark von lebenden Spendern geringe Restmengen Blut enthalte, müsse jeder nach seinem Gewissen entscheiden, ob er es wie einfaches Fleisch oder wie nicht ausgeblutetes Gewebe ansehe. Ein Dr. E. Thomas wird mit der Bemerkung angeführt, praktisch alle Knochenmarkempfänger benötigten zusätzlich auch Blutplättchen. Auch hier müsse wieder jeder nach seinem eigenen Gewissen entscheiden. (Watchtower, 15. Mai 1984, Seite 31).

Doch wie? Wie ich es sehe, würde wohl jeder, der die vorangegangenen Zeilen liest, dazu verleitet werden, eher abzulehnen. Doch wer eine Knochenmarktransplantation annähme, würde nicht ausgeschlossen. Hier wird wieder das Gewissen ins Spiel gebracht. So braucht sich die Organisation nicht festzulegen. Man kann Mark, das Blut enthält, essen. Man kann aber nicht Blut essen oder transfundieren. Und warum ist es so wichtig, daß das Mark von lebenden Spendern stammt? Wäre dann Blut von toten Menschen oder Tieren zulässig? Natürlich nicht. Man beachte, wie sich die Gesellschaft in diesem Fall einer Entscheidung enthält, weil einen die Logik dann zu dem Gedanken leiten kann, daß

  1. die Bibel sich widerspricht, oder
  2. die Organisation mit ihren wechselnden Auslegungen von einem Extrem ins andere geht, wenn sie auslegt, was Bibelschreiber vor langer Zeit meinten oder auch nicht meinten.

Im Wachtturm vom 1. September läßt die Gesellschaft auch stillschweigend die Auffassung fallen, das Herz als Organ sei für Affekte, Beweggründe, Emotionen und Wünsche verantwortlich. (Siehe 1971) Statt dessen wird die vernünftigere und verbreitete Ansicht angenommen, das Herz sei ein 'Sinnbild' für diese Regungen.

1985

AIDS

(Aufgrund der Entdeckung von AIDS und seiner Übertragung durch Blut und andere Körperflüssigkeiten wird Blut heute routinemäßig hitzebehandelt.)

Die Organisation greift zum AIDS-Problem, um ihre Haltung bezüglich Blut und Blutprodukten als glaubwürdig darzustellen. Der Wachtturm vom 15. Juni 1985, Seiten 29, 30, stellt fest, daß 70 Millionen Einheiten Faktor-VIII-Präparate aus den USA nach Großbritannien kamen und hierdurch AIDS in den britischen Pool gelangte.

Viele Personen und Organisationen sagen Millionen von Toten für Mitte der 1990er Jahre voraus.

1988

AIDS ist inzwischen zu einem weltweiten Problem geworden. Die Organisation greift es als weiteren Beweis für die Richtigkeit und Fürsorglichkeit ihrer Politik auf. Jeder Zeuge wird diese Ansicht heute unterstützen.

In Erwachet! vom 8. Oktober 1988 heißt es:

Nach Untersuchungen des amerikanischen Seuchenkontrollzentrums in Atlanta waren Anfang 1985 die meisten der 10.000 Amerikaner, die damals an einer schweren Form der Bluterkrankheit litten, mit dem Aidsvirus infiziert worden ... Aids ist am besten zu verhüten, wenn man die Grundsätze, die der Schöpfer für das menschliche Verhalten festgelegt hat, anerkennt.

Bluter und AIDS - diesen Zusammenhang sollte man sich merken.

1989

Eigenblutübertragung?

Im Wachtturm vom 1. März 1989 steht eine interessante 'Frage von Lesern'. Der 'Leser' fragt (wiederum), aus welchen logischen Gründen man als Zeuge kein Blut spenden kann, das dann später bei einer eigenen Operation wiederverwendet wird. Dies wird als eine für Zeugen Jehovas inakzeptable Prozedur verboten. Man greift auf 5. Mose 12:24 (aus dem alten Gesetzesbund) zurück. Das Blut werde dabei nicht 'ausgegossen'. Es wird wieder die Analogie zur Lagerung gezogen. Daher sei es verkehrt. Im selben Artikel heißt es, daß ein Dialysegerät o.ä. in Ordnung sei. Das Blut, das dem Körper entnommen, aufbereitet und wieder rückgeführt wird, befinde sich dabei in einer Art Verlängerung des Kreislaufsystems, und das ist merkwürdigerweise zulässig. Blut darf also den Körper verlassen und eine Maschine passieren, die es aufbereitet und in den Körper zurückführt. Aber man kann das Blut nicht ebenso behandeln und dann etwas später zurückführen. Ob ein Zeuge glaubt, daß dieser Unterschied in der Bibel selbst gelehrt wird?

Ich glaube, der wirkliche Grund, warum die leitende Körperschaft der Organisation diese Behandlung nicht akzeptieren kann, liegt mehr im Praktischen. Wenn sie sie zuließe (zweifellos als Gewissenssache), würden viele von den über 4 Millionen Zeugen ihr Blut für den Notfall lagern lassen wollen. Blutbanken haben aber nicht die Möglichkeiten, alles Blut namentlich zu kennzeichnen, und es könnte auch nicht dahin gebracht werden, wo z.B. ein Autounfall passiert. Das 'Leben aus dem Regal' brächte also Probleme mit sich.

Das Leben erhalten

Der Ausdruck 'Leben erhalten' hat in den Publikationen (inzwischen) die Wendung 'sich vom Blut ernähren' verdrängt. Daß man durch eine Transfusion sein 'Leben erhält', macht sie zu etwas Verkehrtem. Was aber Bluter und andere tun, die die auf den zugelassenen Blutprodukten basierenden Impfungen und Immunisierungen annehmen, wird nicht erwähnt. Sie erhalten doch auch ihr Leben. Oder warum sonst tun sie es?

1990

Noch eine Broschüre

1990 gab es eine neue Broschüre mit dem Titel Wie kann Blut dein Leben retten? Sie präsentiert viele Beweise für die Gefahren und Risiken, die mit Bluttransfusionen verbunden sind. Viele Zitate aus medizinischen Quellen werden gebracht. Doch wie üblich wird der Leser nur einseitig informiert. Da es die neueste Publikation zum Blut ist, wollen wir sie uns näher ansehen.

Seite 8 zitiert die Medical World News vom 11. Dezember 1989, um den Gedanken zu stützen, eine Bluttransfusion sei eine Gewebetransplantation (Kursiv im Original). Des weiteren wird ein Zusammenhang zwischen Krebs und Bluttransfusionen hergestellt. Dies kann relevant sein, es werden aber keine Statistiken angeführt. Vieles hat Verbindungen zu Krebs (auch verbranntes Brot).

Auf Seite 12 steht ein interessantes Zitat von einem Dr. Knud Lund-Olesen:

Da ... bestimmte Angehörige von Risikogruppen freiwillig Blut spenden, weil sie dann automatisch auf Aids untersucht werden, meine ich, ist es begründet, in bezug auf die Einwilligung in eine Bluttransfusion Zurückhaltung zu üben. Jehovas Zeugen verweigern dies seit Jahren. Haben sie in die Zukunft gesehen?

Ugeskrift for Læger [Ärztliche Wochenschrift], 26. September 1988

Hier wird unterstellt, durch ihre Glaubenssätze werde man geschützt.

Auf Seite 16 heißt es:

Einige Zeugen haben keine gewissensmäßigen Bedenken gegen eine Organtransplantation, wenn das Organ ohne Blut transplantiert wird.

Seite 18 sagt, daß Ärzte aller Verantwortung enthoben sind, da die Zeugen sie formell befreien. Es wird eine Risiko/Nutzen-Abwägung getroffen, damit der Patient eine informierte Entscheidung treffen kann, nachdem er alle Aspekte durchdacht hat. Ich kann mir nur kaum vorstellen, wie ein Zeuge all dies, was er in der eigenen Literatur liest, tun kann, wenn nur ein einziger Standpunkt beschrieben wird. Überdies 'erlaubt' das Gewissen eines Zeugen ihm erst seit der Änderung von 1980, Organtransplantationen anzunehmen. Und das ist nun wahrlich keine Gewissensentscheidung. Er folgt damit nur sich ändernden Regeln und Auslegungen.

[Es wird immer von einem 'biblisch geschulten Gewissen' gesprochen. In der Praxis ist es ein 'Wachtturm-geschultes Gewissen'. Das erste, was ein Zeuge tut, wenn er entscheiden soll, ob etwas richtig oder falsch ist: er schaut in die Literatur der Gesellschaft, egal ob das Thema in der Bibel erwähnt wird oder nicht.]

Die Broschüre stellt einige sehr bemühte Analogien auf. Auf Seite 20 wird das Szenario eines Arztes dargestellt, der einen Patienten statt zur alternativen Antibiotikabehandlung zur Mandeloperation bringt. Eine erzwungene Transfusion wird mit erzwungenem Sex oder einer Vergewaltigung gleichgesetzt.

Seite 21, hier geht es um das wichtige Thema Bluttransfusionen und Kinder, man setzt das Risiko der Ablehnung einer Transfusion bei Kindern der Beheizung eines Hauses mit Öl oder Gas oder einer langen Autofahrt gleich! Der Schreiber fragt sich, warum eine Regierung oder die Gerichte Eltern erlauben, Kinder dem Risiko einer Autofahrt auszusetzen, aber nicht dem Risiko, eine Transfusion zu verweigern. Ich kann dazu nur sagen, daß derjenige, der sich in einem Notfall von solch einer Argumentation überzeugen läßt, seine Argumentationsfähigkeit verloren haben muß.

Ich stelle keinesfalls die Liebe und Fürsorge der Eltern für ihre Kinder in Frage. Sie sind nur in einem Strom einseitiger Darstellung einer Gehirnwäsche ausgesetzt gewesen. Ein interessantes Zitat eines Dr. James Fletcher steht auf Seite 22. Er befürchtet,

daß berufsständische Selbstherrlichkeit gesundes medizinisches Urteilsvermögen verdrängt. Behandlungsmethoden, die als die besten von heute gelten, werden morgen verändert oder verworfen. Was ist gefährlicher: religiöse Eltern oder ein überheblicher Arzt, der seine Behandlung für absolut unerläßlich hält?

Pediatrics, Oktober 1988

Eine Empfindung, die manches für sich hat. Leider können einige Ärzte selbstherrlich und unfähig sein, zuzuhören. Und was Behandlungen nach dem Motto 'heute die besten, morgen verworfen' angeht - dieselbe Wendung beschreibt passend die Regeln der WTG und ihre Änderungen.

Ich fürchte, die Antwort auf die gestellte Frage ist: in diesem Fall sind die 'religiösen Eltern' weitaus gefährlicher.

Rhesusfaktor

Der Wachtturm vom 1. Juni 1990, Seiten 30, 31, enthält einen Artikel über die Injektion von Blutbestandteilen wie Albumin oderr Immunglobulinpräparate. Sie werden in dem normalen Fall einer Rh-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Fötus verwendet. (Wenn eine Rh-negative Mutter ein Rh-positives Kind gebiert, wird innerhalb von 72 Stunden nach der Geburt verabreichtes RhIG Immunglobulin die Mutter vor weiteren Problemen bei späteren Geburten schützen.) Es heißt:

Das Immunglobulin einer Schwangeren verfügt über einen Transportmechanismus, durch den etwas von diesem Plasmaprotein in das Blut des Fetus gelangt. Da bei allen Schwangerschaften ein solcher natürlicher Transport von Antikörpern in den Fetus erfolgt, weisen Neugeborene ein gewisses normales Maß an Immunität auf und sind so vor bestimmten Infektionen geschützt ... Daß einige Plasmafraktionen auf natürliche Weise in das Kreislaufsystem einer anderen Person (des Fetus) transportiert werden, mag zu einer weiteren Überlegung Anlaß geben, wenn ein Christ zu entscheiden hat, ob er sich Immunglobulin, Albumin oder eine ähnliche Plasmafraktion injizieren lassen soll oder nicht ... Jeder muß vor Gott die Angelegenheit selbst entscheiden.

Wieder stellt sich die Frage, wie dies in der Praxis aussehen soll? Ich weiß nicht, warum man das gesamte Thema Medizin und Blut nicht dem persönlichen Gewissen des einzelnen überläßt. Es wird auch nicht die logische Konsequenz genannt, daß nämlich eine Mutter (Gewissenssache!) aufgrund dieser 'natürlichen Weise des Transports' in die Gebärmutter Blut spenden könnte, das ihrem Kind transfundiert wird. Aber wenn sie es täte, würde sich sich schnell ausgeschlossen finden (selbst dann, wenn sie nur glaubte, es zukünftig tun zu dürfen).

Zuvor auf der Seite 8 wurde behauptet, daß Bluter, die aus Plasma gewonnene Gerinnungsfaktoren zur Behandlung ihrer Hämophilie genommen hatten, in großem Maße geschädigt wurden. Es heißt in dem Artikel, allein in den USA hätten 60%-90% von ihnen AIDS bekommen, ehe die Erhitzung des gespendeten Blutes eingeführt wurde. Es wurde auch zugegeben, daß einige AIDS-Fälle durch Gewebetransplantationen (zulässig) entstanden seien.

Schutz für Bluter?

Inzwischen hat der Leser vielleicht die Diskrepanz in der Frage des AIDS, und ob Jehovas Zeugen davor geschützt sind, bemerkt. Eine der tragischsten Folgen von AIDS, Blut und Medizin zeigt sich im Falle der Bluter. Sie sind wirklich, wie die Organisation sagt, in großem Maße geschädigt worden. Die Organisation häuft bereitwillig Lob auf sich wegen ihrer 'schützenden Politik', aber sie erwähnt nicht, daß die größte Ursache von AIDS durch Blut in Faktor-VIII-Präparaten liegt, die sie für zulässig erklärt! Tatsächlich hat sie diese Präparate schon 1975 erlaubt. Die 10 Jahre bis 1985 waren genau die Zeit, als Bluter sich auf tragische Weise, ohne es zu wissen, mit dem HI-Virus ansteckten: Schutz??

Der von den Zeugen unbegründet hergestellte Zusammenhang des biblischen Verbotes, Blut zu essen, mit einer Transfusion, die auch ein 'Ernähren oder Nähren des Körpers' sei, scheint völlig fallengelassen worden zu sein. Wie schon gesagt, ist der gegenwärtig bevorzugte Ausdruck 'Leben erhalten'. Schon seit langem weiß die medizinische Wissenschaft, daß Blut im Körper zu drei verschiedenen Zwecken verwendet wird:

  1. Zum Transport wichtiger Stoffe (z.B. Sauerstoff)
  2. Zur Aufrechterhaltung des inneren Milieus, der Körpertemperatur usw.
  3. Zur Abwehr über das Immunsystem.

Der Körper gebraucht Blut nicht als Nahrung. Dazu müßte das Blut gegessen werden und den Verdauungstrakt passieren. Erwachet! vom 22. Oktober, Seite 9, scheint mit der Ansicht einigzugehen, daß eine intravenöse Transfusion von Blut keine 'Ernährung von Blut' ist. Es ist vielmehr eine 'Organtransplantation'. Die Organisation hat in der Außenwelt nie viel mit ihrer 'Nahrung/Ernährung'-Erklärung gewinnen können. Wenn transfundiertes Blut als Speise oder Nährstoff benutzt würde und gleichzeitig eine Organtransplantation ist, dann wäre nach dieser Logik eine andere Transplantation, z.B. die einer Niere oder eines Herzens, auch eine 'Speisung' oder 'Ernährung' des Körpers. Hoffentlich doch wohl nicht!

1991

Krankenhausverbindungskomitees

Die englische Ausgabe Unser Königreichsdienst vom März 1991 enthielt eine 4-seitige Beilage, die die Zeugen für den Notfall an einem sicheren Ort aufbewahren sollten. (In Deutschland war die Beilage schon im Dezember 1990 erschienen). Alle Familienangehörigen wurden daran erinnert, daß sie ein medizinisches Dokument, eine Karte, ausfüllen und unterzeichnen sollten. Dies schloß auch solche Karten für ungetaufte Kinder ein. Der Artikel verfolgt eine aggressivere Linie und erörtert Dinge wie

  • Krankenhausverbindungskomitees,
  • die genannten Karten,
  • Gespräche mit dem medizinischen Personal,
  • Patientenrechte,
  • Hilfen,
  • Suggestivfragen usw.

Es wurde berichtet, daß in Großbritannien 20 solcher Komitees gegründet wurden. In dem Artikel wird den Zeugen gesagt, wie sie bestimmte Fragen beantworten sollten. Ich zweifle nicht an ihrer Aufrichtigkeit, aber angesichts des möglichen Ergebnisses ist es falsch, wenn die Gesellschaft ihren Mitgliedern in einem Ausmaß, wie es der Königreichsdienst tut, 'Worte in den Mund legt'.

Zum Beispiel: Es wird vorgeschlagen, daß ein Zeuge bei einer Befragung durch einen Richter sagen soll, eine Bluttransfusion träfe ihn genauso wie eine Vergewaltigung. (Wenn diese Analogie zutrifft, ist es sicher Sache des einzelnen, so zu empfinden und dies zu äußern.)

Einige Zeugen waren in der Vergangenheit möglicherweise insgeheim erleichtert, als ein Gericht ihnen die Entscheidung aus der Hand nahm und eine Bluttransfusion für ein Kind oder einen anderen geliebten Menschen anordnete. Den im Königreichsdienst vorgeschlagenen Antworten auf Suggestivfragen zu folgen, wird keinem Zeugen mit heimlichen Zweifeln helfen. Es ermutigt Zeugenfamilien, Antworten auf trickreiche Fragen von Ärzten oder Richtern vorher einzuüben.

Der gesamte Text der Beilage ist im Anhang abgedruckt.

1992

Blut in der Nahrung?

Der Wachtturm vom 15. Oktober 1992 brachte eine 'Frage von Lesern': 'Inwieweit sollten sich Christen Gedanken darüber machen, daß Nahrungsmitteln Blutbestandteile wie Trockenblutplasma beigefügt werden?' Die Antwort zitiert die Worte des Paulus aus 1. Kor. 10:25: 'Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, eßt weiterhin, ohne um eures Gewissens willen nachzuforschen'.

Man kommt zu dem Schluß, daß 'Christen sich nicht durch die bloße Möglichkeit oder durch Gerüchte verunsichern lassen' sollten. Die Antwort scheint daher anzudeuten, daß es nicht allzu verheerend wäre, wenn ein Zeuge per Zufall Nahrung zu sich nähme, die Blut enthält! Der Artikel fährt fort:

Doch auch bei der Überprüfung der Etiketten oder bei der Befragung von Fleischern ist Vernünftigkeit erforderlich ... Ein Christ könnte sich zunächst fragen: 'Gibt es irgendwelche nachprüfbaren Beweise dafür, daß in diesem Gebiet oder in diesem Land Blut und seine Bestandteile in normalen Nahrungsmitteln verwendet werden?' An den meisten Orten lautet die Antwort nein. Daher sind viele Christen zu dem Schluß gekommen, daß sie persönlich nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwenden werden, auch die letzte Möglichkeit zu überprüfen.

Angesichts allen Durcheinanders, der Unterscheidungen und der Strafen im Zusammenhang mit den Entscheidungen der Gesellschaft zu Blut, zu Transfusionen und Produkten empfinde ich diese neue entspannte Haltung zu der Möglichkeit von Blut in Nahrung als merkwürdig inkonsequent.

1994

RH-Faktor

Erwachet! vom 8. Dezember bringt einen Artikel mit der Überschrift 'Der Rhesusfaktor und seine Bedeutung'. Diskutiert wurden die schon erwähnten (siehe 1990) Anti-Rhesus-Immunglobulininjektionen. Akzeptiert wird, daß diese aus Blut gewonnen werden, aber wieder kommt man zu dem Schluß, das sei Gewissenssache. Es wird erwähnt, daß Paare, die zu dem Schluß kommen, daß die Frau keine RHIG -Injektion haben sollte, besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen, damit sie keine weiteren Kinder mehr bekommt. Der Artikel kommentiert Punkte im Zusammenhang mit dem Mißbrauch von Blut und stellt fest:

In der vorliegenden Zeitschrift sowie der Begleitzeitschrift Der Wachtturm ist stets übereinstimmend zu dieser Frage Stellung genommen worden. (Betonung von mir)

Im Wachtturm vom 1. Oktober steht eine 'Frage von Lesern', ob es angebracht für einen Christen sei, sich Albumin (ein Bestandteil des Plasmas) injizieren zu lassen. Es heißt: 'Das muß jeder Christ, offen gesagt, selbst entscheiden' (keine Änderung). Hinzugefügt wird, daß 'viele Zeugen Jehovas keine Einwände gegen ein Präparat [haben], das eine geringe Menge Albumin enthält'. Was eine 'geringe Menge' ist, wird nicht definiert.

1995

In Unser Königreichsdienst vom Januar wird gefordert, daß die Zeugen nochmals das Januarprogramm vom Vorjahr wiederholen. Das bezieht sich auf die Dezember 1990-Beilage 'Bist du auf eine Glaubensprüfung in Form einer medizinischen Notsituation vorbereitet?' (siehe 1991 und Anhang) Dieses Dokument überfährt die Zeugen in ihrer Entscheidung und diktiert ihnen die der Organisation. Es sagt den Zeugen, was sie tun und sagen sollten.

Reife Minderjährige

Erwachet! vom 22. Januar bringt den Fall des 15-jährigen Joshua, der myeloische Leukämie hatte. Ein Berufungsgericht im kanadischen Neubraunschweig erklärte ihn zu einem 'reifen Minderjährigen' und unterstützte seine Weigerung, sich Bluttransfusionen geben zu lassen. Die Haltung von Joshua und seiner Familie wird zusammengefaßt:

Jeffrey, hör auf zu weinen. Ich bin doch so oder so auf der Siegerseite. Mach dir um mich keine Sorgen.' Er wollte damit sagen, er sei auf der Siegerseite, wenn er wieder gesund werden würde, und wenn er nicht gesund werden würde und sterben müßte, dann aber im Paradies auf der Erde auferweckt werden würde, sei er erst recht auf der Siegerseite ... Als eine Knochenmarktransplantation ins Gespräch kam, bot sich sein Bruder Jerry als erster an, Knochenmark zu spenden.

[Siehe 1984: Knochenmarkstransplantationen]

Der Artikel kam zu dem Schluß, daß der Fall nicht vor Gericht hätte kommen müssen, weil dem Gesetz (über reife Minderjährige in Kanada) entsprochen worden sei. Joshua starb am 4. Oktober 1994. Dieselbe Zeitschrift berichtete über den Fall einer erfolgreichen großen Herzoperation an einer 4-jährigen Japanerin namens Akane. Wegen des geringen Blutvolumens einer Vierjährigen sind solche Operationen sehr schwierig. Der Anästhesist schrieb Akanes Mutter,: 'Meine Ansicht über die Pflicht eines Arztes hat sich dank dieser Erfahrung geändert. Ein Arzt sollte sein gut fundiertes medizinisches Wissen anwenden, um Leben zu retten, aber er sollte auch die Würde und die Wünsche des Patienten achten.' Mich verwirrt das etwas, denn diese Patientin war erst vier Jahre alt.

Im Wachtturm vom 15. Januar stand auf Seite 5 der Artikel 'Das wirkliche Leben schätzen'. Es war die Rede von Bluttransfusionen, die 'von manchen Ärzten als lebensrettend bezeichnet werden' [man beachte die Unterstellung] und davon, daß Ärzte sich der Bedeutung bewußt würden, den ganzen Menschen zu behandeln - physisch, geistig und seelisch. Es wurde die Erfahrung von Kumiko berichtet (Seiten 6-7), die mit 15 Jahren an Leukämie starb, weil sie sich weigerte, ihr Leben durch eine Bluttransfusion 'um ein paar Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre' verlängern zu lassen. Natürlich äußerte sich der Artikel begeistert zu dieser Entscheidung. Kumikos Vater - kein Zeuge - legte eine Karte in den Sarg: 'Ich werde dich im Paradies wiedersehen, Kumiko.' Das ist anrührend, aber der Artikel sprach nicht über den Glauben des beteiligten Vaters - wenn er kein Zeuge Jehovas wird, wird er bald in Harmagedon vernichtet und wird Kumiko nicht wiedersehen.

Erwachet! vom 22. Februar 1995 erzählte die Erfahrung von Mia Bjørndal, die an Lupus erythematodes litt. Sie verweigerte Bluttransfusionen. Im Verlauf der Erkrankung fiel ihr Hämoglobinwert auf 1.4 g/dcl (normal 11-16); der Serumkreatininwert lag bei 682 (55-110 normally); ihre Blutplättchenrate war einmal bei 17.000 pro Kubikmillimeter Blut (150.000 - 450.000 normal). Die Behandlung schloß eine Entnahme von Plasma sowie die Entfernung der problemschaffenden Antikörper aus dem Plasma ein. (Dazu hieß es in einer Fußnote: 'Dieses Verfahren ist als Plasmapherese bekannt und schließt ein erweitertes Blutkreislaufsystem ein. Wie im Wachtturm vom 1. März 1989 auf den Seiten 30 und 31 erklärt wird, bleibt die Entscheidung, ob man dieses Verfahren anwenden läßt, dem Gewissen des einzelnen überlassen'.) Mia verweigerte weiterhin Transfusionen, bis ihr Leben am seidenen Faden hing und der Vater sagte: 'Jetzt hängt es nur noch von Mia und von Jehova ab' (Der Titel des Erwachet!-Artikels).

Auch intravenöse Injektionen von Immunglobulinen wurden versucht - 3 Tage lang, 6 Gramm pro Tag. (Dazu sagte eine weitere Fußnote: Wie im Wachtturm vom 1. Juni 1990 auf den Seiten 30 und 31 gezeigt wird, ist die Verwendung von Immunglobulinen, die aus einer kleinen Plasmafraktion bestehen, eine Gewissensentscheidung.) Mia wurde auch mit Erythropoetin behandelt (das auf aus Plasma gewonnenem Albumin basiert - siehe 1994). Entgegen allen Erwartungen genas sie erstaunlicherweise. Das ist nicht immer der Fall, deshalb überlasse ich dem Leser die Entscheidung, ob die im Titel des Artikels suggerierte Unterstellung stimmt. Im übrigen akzeptierte sie auch eine Medikation und Behandlung, die ein paar Jahre zuvor noch keine Sache der persönlichen Gewissensentscheidung war. Mia kann daher froh sein, daß ihre Krankheit nicht ein paar Jahre früher ausgebrochen war.

Alles, was ich bis hierher getan habe, war, ein Resümee der WT-Glaubenssätze zusammenzutragen, Fülltext wegzulassen und die einzelnen Punkte chronologisch nacheinander zusammenzustellen - mit ein paar auf der Hand liegenden Schlußfolgerungen. Ist der Leser jetzt vielleicht verwirrt? Die Wachtturm-Gesellschaft war über die Jahre gesehen ebenso konfus.

Gott schafft doch nicht Unordnung, sondern Frieden. (1. Kor. 14:33, Die Gute Nachricht)

Doch wie gelangt die Weltzentrale der Zeugen Jehovas - ihre leitende Körperschaft - aus der Bibel zu all den Regeln, Vorschriften und fachlichen Unterscheidungen? Denn ein Zeuge Jehovas verweigert ja schließlich Bluttransfusionen, weil er meint, das fordere Gott von ihm und Gott habe das in seinem Wort - der Bibel - deutlich ausgesprochen.

Ich kann nicht akzeptieren daß alle diese sich ändernden Regeln, Vorschriften und fachlichen Unterscheidungen von Gott stammen. Ich kann auch nicht glauben, daß Gott verlangt, darauf gegründet sein Leben zu opfern. Die Argumente enthalten Fehler - in moralischer und logischer Hinsicht.

So habt ihr das Wort Gottes außer Kraft gesetzt um eurer Überlieferung willen ... Vergebens aber ehren sie mich, indem sie Menschensatzungen als Lehre vortragen. (Matth. 15:6,9., Herder)

Abschnitt 2: Was die Bibel tatsächlich sagt

Mein Dank gilt David Henke - Watchman Fellowship - für einige der folgenden Argumente.

Die Bibel sagt erstaunlicherweise sehr wenig dazu. Die Zeugenorganisation gründet ihre gegenwärtigen Glaubenssätze zu Blut nur auf ein paar Hauptschriftstellen. Eine aus 1. Mose 9, die andere aus Apg. 15, wiederholt in Apg. 21. Bevor wir weitergehen, müssen wir hier unterscheiden zwischen den Hebräischen und den Griechischen Schriften (Altes und Neues Testament).

Vieles aus dem Alten Testament betrifft das Gesetz, das der Nation Israel, den Juden, von Gott gegeben wurde. Wie die meisten Christen glauben auch die Zeugen, daß Christi Leben auf der Erde und sein Opfer die Notwendigkeit, dem den Israeliten gegebenen Gesetz zu gehorchen, beseitigten. Viele dieser Gesetze zwangen Israel, Tieropfer darzubringen und verschiedene Rituale durchzuführen, und sie untersagten das Essen von Blut oder nicht ausgeblutetem Fleisch, von Tierfett und bestimmten Tieren usw.

Der Grund, warum Gott das Blutverbot an die erste Stelle setzte, wird in 3. Mose 17:11 erklärt: '...denn es ist das Blut, das Sühne leistet für die Seele.' Gott heiligte das Symbol für Leben und die Erlösung des Menschen und setzte es für einen heiligen Zweck beiseite, so daß der Mensch höchste Achtung davor hätte.

Viele heidnische Religionen entweihten das Blut durch die Art ihres Gebrauchs. Beispielsweise herrscht(e) in vielen okkulten Religionen des Altertums wie der Neuzeit die Ansicht, wenn man tierisches oder gar menschliches Fleisch aus einem gerade getöteten Körper ißt, ginge die Stärke oder Lebenskraft des Gegessenen auf einen über. Darum sprach Gott gegenüber Noah und den Israeliten eine solche Einschränkung aus.

In den Opfern des Alten Testamentes sehen wir Tierblut für die Sünden der Menschen vergossen. Diese Opfer waren ein Vorbild für das auf dem Kalvarienberg vergossene Blut Jesu. So wurde Blut deshalb als Symbol geheiligt, weil Jesu Blut heilig war. Doch der Zweck des Vergießens von Blut, ob im Vorbild im Alten oder in der Wirklichkeit Christi im Neuen Testament, war, daß Gott dadurch Leben gab. Daher ist der Wert der Wirklichkeit, des Lebens, höher als der des Symbols, des Blutes.

Es ist doch interessant, daß der Kirche, die Gott mit dem Blut seines Sohnes erkaufte (Apg. 20:28), aufgetragen wird, beim Abendmahl symbolisch sein Blut zu trinken (Johannes 6:53-58).

Im Gesetz der Leviten gab es eine Wertehierarchie. Es war den Israeliten z.B. verboten, am Sabbat Holz zu sammeln. Als der erste Übertreter zur Verurteilung zu Moses gebracht wurde, wurde er auf Gottes Geheiß getötet. Weil es die erste Übertretung und eine direkte Herausforderung eines von Gott gegebenen Gebotes war, mußte die schwerste Strafe verhängt werden.

Doch im Neuen Testament fragt Jesus die Pharisäer: 'Wer von euch hat einen Esel oder Ochsen, der in eine Grube gefallen ist, und er zieht ihm am Sabbat nicht geradewegs wieder heraus?' (Lukas 14:5) Der Unterschied in Jesu Beispiel: hier wird Leben gerettet, auch wenn es nur das eines Tieres ist. Eine Bluttransfusion zu geben, um Leben zu retten, heißt den vorrangigen Wert des Lebens selbst zu erhalten.

Stärkt eine Selbstopferung durch das Verweigern einer Bluttransfusion den Wert, den Gott dem Leben beimißt, oder schwächt es ihn? Ist es eine Sünde, Leben zu erhalten? Es wäre eine Sünde, sich vor einen Lastwagen zu werfen. Aber es wäre keine Sünde, wenn man es täte, um einen anderen Menschen aus der Gefahrenzone zu stoßen. Der Unterschied: Leben - das Leben eines anderen - ist ein sehr hohes Gut, auch wenn sein Erhalten das eigene Leben kostet. Mit einer Bluttransfusion erhält man Leben, ohne daß ein anderer dabei sein Leben läßt. (D.H.)

1. Mose, Kapitel 9

Doch noch vor diesen alten Gesetzen fand die Sintflut statt. Nachdem das Wasser sich verlaufen hatte, sprach Gott zu Noah und seiner Familie (nach der Neuen-Welt-Übersetzung, der zeugeneigenen Bibelübersetzung):

Jedes sich regende Tier, das am Leben ist, möge euch zur Speise dienen. Wie im Fall der grünen Pflanzen gebe ich euch gewiß das alles. Nur Fleisch mit seiner Seele - seinem Blut - sollt ihr nicht essen. [denn im Blut ist das Leben; Die Gute Nachricht] Und außerdem werde ich euer Blut, das eurer Seelen, zurückfordern. Von der Hand jedes lebenden Geschöpfes werde ich es zurückfordern; und von der Hand des Menschen, von der Hand eines jeden, der sein Bruder ist, werde ich die Seele des Menschen zurückfordern. Wer Menschenblut vergießt, dessen eigenes Blut wird durch Menschen vergossen werden, denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht. Und ihr, seid fruchtbar, und werdet viele, laßt die Erde von euch wimmeln, und werdet viele auf ihr. (1. Mose 9:3 -7 (Neue Welt Übersetzung))

Ein Zeuge wird argumentieren, daß dieses Gebot über Blut an Noah und seine Familie für alle Menschen gilt, da alle von ihnen abstammen. Ob dieser Schluß stimmt, wissen wir nicht sicher - die Bibel sagt dazu nichts Besonderes. Einige stimmen dem zu, andere nicht. Viele Gelehrte sehen die Stelle so an, daß Gott dem Menschen nun gestattet, Fleisch zu essen (vorher waren die Menschen Vegetarier), aber das Tier mußte tot sein d.h. ohne Leben, dargestellt im Blut. Nachdem ich diese Verse in einer Anzahl von Übersetzungen gelesen habe, tendiere ich zu der Auffassung der Zeugen, daß sich die Stelle auf nicht ausgeblutete Tiere bezieht. Die Erweiterung auf alle Menschen ist weniger klar.

1. Moses 9:4 ist das erste Verbot, Blut zu essen. Gott gab Noah und seiner Familie die Erlaubnis, Tierfleisch als Speise zu sich zu nehmen, aber er schränkte diese Erlaubnis ein:

Nur Fleisch mit seiner Seele - seinem Blut - sollt ihr nicht essen.

Weil dies noch vor dem mosaischen Gesetz zu Noah und seiner Familie gesagt wurde, damals die einzigen lebenden Menschen, sagt die WTG, diese Einschränkung gelte universal (Jehovas Zeugen und die Blutfrage, Seite 7).

Man muß hier noch zwei weitere Dinge herausstellen:

  1. stehen zwei Arten 'Fleisch' zur Debatte. Das erste ist das von lebenden Tieren, dem 'Fleisch mit dem Leben darin' (Keil & Delitzsch, Kommentar zum Alten Testament), das zweite ist das Fleisch nicht ausgebluteter Tiere. Diese Einschränkung wurde gemacht aus Achtung vor dem Blut von Opfern.
  2. die Behauptung der Zeugen, daß dieses Verbot universal für die ganze Menschheit gilt, ist nicht gerechtfertigt, weil Noah und seine Familie die einzigen Gläubigen waren, die durch die Flut hindurch gerettet wurden. Deshalb könnte das Verbot auch auf Gläubige beschränkt sein. Und Gott inspirierte Moses zu sagen: 'Von irgendeinem Tierleichnam dürft ihr nicht essen; dem Fremdling, der an deinem Orte wohnt, magst du es zum Essen überlassen oder es einem Ausländer verkaufen; denn du bist ein dem Herrn, deinem Gott geweihtes Volk.' (5. Mose 14:21)

Überdies ist die WTG auch inkonsequent, wenn sie sagt, 1. Mose 9:4 gelte universal, aber im Wachtturm vom 15. Januar 1965, Seiten 41-43, heißt es, ein Arzt, der Zeuge ist, dürfe einem Nichtzeugen eine Bluttransfusion verabreichen, weil 5. Mose 14:21 den Israeliten erlaube, den Heiden nicht ausgeblutetes Fleisch zu verkaufen. (David Henke)

Wenn wir akzeptieren, daß Gottes Worte an Noah bis heute der ganzen Menschheit gelten, was ist dann mit dem Rest von 1. Mose 9 (siehe oben), insbesondere mit der Stelle, wo gesagt wird, Noahs Nachkommen sollten 'die Erde von euch wimmeln [lassen] und viele auf ihr [werden]'? 1941 gab die WTG das Buch 'Kinder' heraus. Es entmutigte die Zeugen nachgerade, zu heiraten und Kinder zu bekommen. In vielen weiteren Publikationen und Artikeln werden die Zeugen seither oft ermuntert, den Predigtdienst als wichtiger anzusehen als das Heiraten oder Kinderkriegen.

Heute ist das Hervorbringen von Kindern kein ausdrücklicher Bestandteil der Aufgabe, die Jehova seinem Volk übertragen hat ... Ob ein Ehepaar in der heutigen Zeit des Endes Kinder haben möchte oder nicht, ist eine persönliche Angelegenheit, die jedes Paar selbst entscheiden muß (Wachtturm, 1. März 1988, Seiten 25, 26).

Die WTG scheint sich die Teile aus dem 'universalen Gesetz' an Noah herauszusuchen, die ihr gefallen. Nach dem Verbot, Blut zu essen, wurde Noah gegenüber ein Verbot, zu töten, ausgesprochen (siehe 1. Mose 9, oben zitiert). In typischer WTG-Manier argumentiert die Broschüre 'Jehovas Zeugen und die Blutfrage' auf Seite 8. Später in dem Gesetz an Israel wird gesagt, Jehova Gott habe das Morden verboten und damit bestätigt, daß der Auftrag an Noah immer noch gültig war. (2. Mose 20:13)

Das hat er nicht! Das sind eindeutig zwei verschiedene Dinge - Blut essen und Mord. Mit dieser Argumentation könnte man auch sagen, als Jesus viele Jahre später ebenfalls Mord untersagte, habe er auch alles andere bestätigt, was im Gesetz für Israel stand. Diese Art der Argumentation ist zwar einfach lächerlich, aber sehr verbreitet.

Wie auch immer: das Gebot an Noah untersagt das Essen von entweder unausgebluteten oder noch lebenden Tieren, abhängig davon, wie man den Text liest.

Der alte Gesetzesbund

Später erhielt Israel das Gesetz. Wie gesagt, stimmen die Zeugen dem zu, daß es durch Jesu Loskaufsopfer abgelöst wurde (Röm. 10:4, 6:14; Kol 2:13-14), aber manchmal zitieren sie es noch, wenn es zu ihrer Argumentation paßt.

Ursprünglich macht dieses alte Gesetz an Israel andere Aussagen über Blut und damit in Verbindung stehende Dinge:

Du sollst kein Fleisch mit Blut darin essen. Blut ist das Leben, und du sollst das Leben nicht mit dem Fleisch essen (3. Mose 17:10, 11, 13, 14; siehe auch 5. Mose 12:23-25).

In den Versen 13, 14 spricht die Bibel vom 'Ausgießen', dessen Bedeutung die Organisation willkürlich auf die heutige Zeit überträgt (mit Ausnahmen bei Ärzten, die Zeugen sind, bei Bluttests, Seren und anderen von der WTG so bezeichneten Blutprodukten in 'geringen Mengen').

Das alte Gesetz untersagte auch das Essen von Fett (3. Mose 7:25; 11:2-8) und auf natürliche Weise gestorbenen Tieren (3. Mose 11:39). Es war auch verboten, bestimmte Tiere, wie z.B. Schellfisch, zu essen. Das Gesetz enthielt viele Regeln und Anweisungen an das Volk Israel. Wenn man sich die Zeit nimmt und sich den ganzen Gesetzesbund durchliest, wird man hauptsächlich in 3. Mose und 5. Mose erkennen, daß in den meisten Fällen Blut mit verlorenem Leben in Verbindung steht. Wer Gott ein Tier opferte, mußte das Blut auf den Boden ausgießen weil es für das frühere Leben des nun toten Tieres stand. Darum durften sie es nicht essen. Ein Blutspender stirbt jedoch nicht.

Allerdings hat Jesus Christus, wie wir gesagt haben, den Gesetzesbund mit der Notwendigkeit, viele Dinge zu beachten, hinweggetan. Es sieht so aus, als wolle die WTG ihn wiederherstellen.

3. Mose 17:10

Was irgendeinen Mann vom Hause Israels betrifft oder einen ansässigen Fremdling, der als Fremdling in eurer Mitte weilt, welcher Blut von irgendeiner Art ißt, gegen die Seele, die das Blut ißt, werde ich gewißlich mein Angesicht richten, und ich werde sie in der Tat von den Reihen ihres Volkes abschneiden.

Da dieser Text zum Gesetz gehört, kann nicht gesagt werden, daß er auf alle Menschen zutrifft. Er spricht direkt von dem Vergehen, Blut zu trinken. Weil Blut zum Mittelpunkt des Gesetzesbundes gehörte und das Blut Christi darstellte, brachte das noch eine schlimmere Strafe mit sich, als wenn nicht ausgeblutetes Fleisch gegessen wurde. Wenn man Vers 15 liest, sieht man die sehr milde Strafe für das Essen toter Tiere. Der Grund für den Unterschied: wenn ein Israelit ein Tier tötete, mußte er seine Achtung vor der Sühnung durch Blut zeigen, indem er das Tier ausbluten ließ. Doch das Gesetz und das Vorbild haben sich in Christus erfüllt. Matthew Henry sagt in seinem Kommentar: 'Der Grund ist inzwischen überholt, was andeutet, daß das Gesetz selbst zeremoniell gemeint war und nicht mehr in Kraft ist ...' (Seite 131).

Die striktesten orthodoxen Juden, die sich immer noch an die Speisegebote des Alten Testamentes halten, haben nie eine Bluttransfusion mit dem Essen von Blut gleichgesetzt. Unter allen Sekten, die den Anspruch erheben, Christus nachzufolgen, stehen Jehovas Zeugen in diesem Punkt allein da. Keiner sonst sieht irgendeine Verbindung, Blut zu essen oder es zu transfundieren.

Apostelgeschichte, Kapitel 15

Soweit zum Gesetz Gottes an Noah nach 1. Mose 9. Die zweite Schriftstelle, die die Zeugen heranziehen, steht in Apostelgeschichte 15:19-21. Im Kontext geht es um einen Streit, der 49 n.Chr. als Ergebnis einer Lehre aufkam, nichtjüdische (Heiden-) Christen müßten sich (wie die Juden) beschneiden lassen, um keine Reibereien auszulösen oder Mißfallen zu erregen. Die Apostel und die älteren Männer in Jerusalem besprachen die Angelegenheit, und Jakobus sagte (in der entscheidenden Schriftstelle), daß sie sich ...

... von den Dingen, die durch Götzen verunreinigt waren, enthalten sollten, sowie von Hurerei und von Erwürgtem und von Blut.

Die Organisation wird argumentieren, sich vom Blut zu enthalten bedeute, Blut in jeder Form zu meiden, ob durch Essen oder eine Transfusion. Wie wir sahen, hat sie bei vielen Gelegenheiten versucht, beides zu verbinden, indem sie Transfusionen mit 'Ernährung' gleichsetzte. Das griechische Wort, das mit 'sich enthalten' übersetzt ist, bedeutet einfach 'wegbleiben von etwas'. Einige andere Übersetzungen wie Die Gute Nachricht sagen hier bloß:  'Genießt kein Blut', denn im Kontext der Bibelstelle ist von einem Essen von Blut und vom Frieden in der Versammlung mit den Juden die Rede, denen das Essen des Blutes vom Gesetz verboten war. Im 1. Jahrhundert gab es keine andere Verwendung für Blut, und die Organisation macht viel zu viel aus dem Wort 'enthalten'. In 1. Petrus 2:11 wird dasselbe griechische Wort verwendet - 'enthaltet euch der fleischlichen Begierden'. Offensichtlich meint dies nicht, alle Bedürfnisse des Fleisches zu meiden, darunter das Schlafen, Atmen und Essen! Und wenn das Wort in dieser umfassenden Bedeutung zu gebrauchen wäre, müßte man sich auch von Bluttests, aus Blut gewonnenen Seren, Impfstoffen und vielem anderen enthalten. Es wäre höchst wichtig, 100% sicherzugehen, daß jede Nahrung frei von Blut ist, insbesondere von Blutproduktebeimengungen. (Siehe 1992)

Was sagte noch Charles Taze Russell, der Gründer der Religion? Viele Bibelkommentare seither haben dasselbe gesagt. Bezüglich Apostelgeschichte 15 hieß es:

Es war nicht beabsichtigt, daß die Enthaltsamkeit von diesen Dingen sie zu Christen machte, denn nur an Christus glauben, sich ihm weihen und sich bemühen, in seinen Fußstapfen zu gehen, konnte sie zu Christen machen ... Die hier empfohlenen Dinge waren notwendig, um weiterhin zu der Gemeinschaft des 'Leibes' aus Juden und Heiden zu gehören ... Etwas Ähnliches trifft auf das Blutverbot zu. Den Juden war es verboten ... Diese Verbote galten nie für die Heiden, denn sie standen nicht unter dem Gesetzesbund; doch die Vorstellungen der Juden hierzu waren so tief verankert, daß um des Friedens der Kirche willen auch die Heiden sich an diese Dinge halten sollte.

Watchtower, 15. April 1909, S. 4374

In der Broschüre Jehovas Zeugen und die Blutfrage (1977), Seite 17, wird das Gebot an Noah nach der Flut besprochen; darauf folgen Jakobus' Worte aus Apg. 15. Dann kommt die Schlußfolgerung, dies sei nicht zeitlich gemeint, da es in Apg 21:25 wiederholt werde, also etwa 10 Jahre später. Aber Apg. 21 sagt einfach dasselbe wie Apg. 15, und in dem Text geht es sehr eindeutig um dasselbe Thema (Judenchristen/Heidenchristen).

Nach der Besprechung von 1. Mose 9 und Apg. 15 wird dann ganz offen auf Seite 17 gesagt, 'man habe bis jetzt folgendes festgestellt: Ein Mensch dürfe sein Leben nicht mit dem Blut eines anderen erhalten.

Sie haben nichts dergleichen festgestellt! Was sie bisher gesagt haben, ist:

  1. Gott untersagte Noah, nicht ausgeblutete (und möglicherweise noch lebende) Tiere zu essen.
  2. Um die Judenchristen nicht zum Straucheln zu bringen, wurden Heidenchristen im 1. Jahrhundert ermahnt, sich gewisser im jüdischen Gesetz genannter Dinge, darunter Blut, zu enthalten. Das bezog sich offensichtlich auf das Essen von Blut oder von nicht ausgebluteten Tieren.

Und das ist alles, was sie festgestellt haben, denn die Bibel hat zu diesem Thema nicht mehr zu sagen.

Die Wendung 'sein Leben nicht mit Blut erhalten' ist ganz von der WTG eingeführt worden und dient als falsche Fährte ohne biblische Stütze. In jedem Fall wäre es Erhalten von Leben, Fleisch mit oder ohne Blut darin zu essen. Das 'Erhalten des Lebens' wird nicht erwähnt und spielt auch in Notfällen keine Rolle.

In derselben Broschüre wird auch die Frage gestellt, ob man Gottes Gesetz in Notfällen beiseiteschieben könne (mit der Unterstellung 'Transfusion im Notfall' - das Wort 'Notfall' kommt hier sehr zupaß). Natürlich lautet die Antwort 'Nein'. Der Leser wird auf 1. Samuel 14:31-35 verwiesen, wo einige israelitische Soldaten nach einer langen Schlacht hungrig waren, einige Schafe schlachteten und sie gierig aßen, ohne sicherzugehen, daß sie ganz ausgeblutet waren. Die Broschüre versäumt, darauf hinzuweisen, daß das hier genannte 'Gesetz Gottes über Blut' das alte Gesetz an die Israeliten war, von dem die Zeugen selbst sagen, daß es durch Christus abgelöst wurde. Es wird auch nicht erklärt, warum 'Hunger nach einer Schlacht' ein 'Notfall' sein soll. Ich nehme einmal an, daß ein Kind mit schwerem Blutverlust und einem niedrigen Hämatokritwert ein Notfall ist. Eine Gruppe hungriger Soldaten ist es nicht! Das Argument und die Unterstellung der WTG sind höchst verwirrend.

Es gibt noch zwei weitere Schriftstellen (die die Zeugen im Zusammenhang mit Blut nicht nennen), die einer Betrachtung wert sind. Beide stehen im Neuen Testament und treffen daher auf Christen zu. Sie zeigen, daß die zahllosen Speisevorschriften des alten Bundes nicht mehr gelten.

Höret mich alle und verstehet: Nichts, was von außen in den Menschen kommt, kann ihn unrein machen, sondern das, was aus dem Menschen herauskommt, das ist es, was den Menschen unrein macht ... (Markus 7:14-19)

Wir werden Gott nicht durch Speise empfohlen; wir sind weder schlimmer, wenn wir nicht essen, noch besser, wenn wir essen. (1. Kor. 8:8)

Ich hoffe, daß ich bis hierher zeigen konnte, daß viele Argumente der WTG einer näheren Prüfung nicht standhalten. Sie stellt Regeln auf, die befolgt werden müssen, ändert sie, ohne darauf hinzuweisen, und wenn sie in ein Dilemma gerät, hält sie sich bedeckt und überläßt alles dem persönlichen Gewissen. Sie zeigt eine fast schon atemberaubende Anmaßung. Wenn es nicht um etwas so Ernstes ginge, wäre alles schon fast komisch.

Sie hätten uns gerne wieder unter das Gesetz gezwungen. (Galater 2:4; Die Gute Nachricht)

Geliebte, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind (1. Johannes 4:1; Herder)

Abschnitt 3: Erfahrungen

Bezüglich der Blutfrage gibt es in Publikationen der Zeugen immer wieder sogenannte 'Erfahrungen', die beweisen sollen, daß ihre Haltung auch aus medizinischer Sicht die beste ist. Ein durchschnittlicher Zeuge wird wohl denken, daß die Lebenserwartung in die Höhe geht, wenn es ab morgen keine Transfusionen mehr gäbe!

Erwachet! vom 8. März 1991, Seite 13, bringt z.B. Sonjas und Jonathans Erfahrungen:

Sonja war ein aufgewecktes Mädchen von 13 Jahren, als sie Anfang 1989 erfuhr, daß sie unter einem Auge ein Karzinom hatte. Ein Chirurg erklärte Sonja und ihren Eltern, daß eine Operation unbedingt notwendig sei. Da sich der Tumor rasch ausbreite, dürfe die Operation nicht aufgeschoben werden. Anschließend sei wahrscheinlich eine Chemotherapie nötig. Der Arzt sagte, daß die Eltern die Erlaubnis für Bluttransfusionen geben müßten. Doch sie konnten wegen ihrer religiösen Überzeugung nicht einwilligen. Die für Sonja zuständige tüchtige Chirurgin war bereit, das Karzinom zu entfernen, und sie war überzeugt, daß sie dabei ohne Bluttransfusion auskommen würde. Aufgrund der in dem Krankenhaus üblichen Verfahrensweise konnte die Chirurgin allerdings keinen Anästhesisten finden.

Tatsächlich hatte diese Chirurgin Sonja so liebgewonnen, daß sie sich anbot, im Operationsteam mitzuwirken, ganz gleich, wo die Operation durchgeführt werden würde. Eine Verlegung war jedoch gar nicht erforderlich. Mitglieder des Komitees konnten das dortige medizinische Personal dazu bewegen, mit der Chirurgin zusammenzuarbeiten. Wie sie berichtete, waren Sonjas erste Worte nach der achteinhalb Stunden dauernden Operation die besorgte Frage, ob man ihr gegen ihren Willen Blut gegeben habe. Wie sich Sonja freute, zu erfahren, daß dies nicht so war!

In dem Artikel hielt man es nicht für nötig, uns das Ergebnis der Operation oder den Zustand von Sonja 1991, zwei Jahre später, mitzuteilen. Ich denke, ihnen kam es nur auf einen Punkt an - und den brachten sie. Man achte auch auf das Wort 'tüchtig'; es verleitet zu dem Schluß, daß die unwilligen Ärzte inkompetent waren. Die WTG gebraucht häufig diese subtile Art von Unterstellung. Das zweite Beispiel auf derselben Seite dreht sich um Jonathan:

Jonathan ist der älteste Sohn von Michael und Valerie. Ende 1989, als er 16 Jahre alt war, stellten Ärzte bei ihm eine große Wucherung an der Milz fest. Sie hatten gewisse Bedenken, ohne die Verwendung von Blut zu operieren, respektierten aber den religiösen Standpunkt der Familie und wagten die Operation. Danach kam es zu ernsten Komplikationen. Jonathans Blutdruck sank stark ab, und seine Blutwerte fielen. Bei einer zweiten Operation verlor er viel Blut, so daß sein Hämoglobinwert auf 5,5 sank -- etwa ein Drittel des Normalwertes. Der Internist alarmierte die Eltern: Der Zustand Ihres Sohnes verschlechtert sich. Die Lage ist aussichtslos. Wenn er kein Blut erhält, kann er sterben!" Was nun?

... In Jonathans Fall waren die Ärzte, als sein Hämoglobinwert nach zwei Operationen auf 5,5 gesunken war, überzeugt, daß eine Bluttransfusion notwendig sei, um ihm das Leben zu retten. Sie wollten einen Gerichtsbeschluß erwirken, um ihm Blut aufzuzwingen. Doch durch Jonathans festen Glauben und seinen Widerstand gegen die Verwendung von Blut verzögerte sich die Angelegenheit. Jonathan erzählte: Ich packte Dr. ... beim Kragen, blickte ihm in die Augen und sagte: ,Kein Blut und keine Blutprodukte, BITTE!' " Das Komitee von geschulten Mitgläubigen half, Vorkehrungen zu treffen, damit Jonathan mit dem Hubschrauber in eine größere medizinische Einrichtung gebracht werden konnte. Als er ankam, war ein Mitglied des Komitees im Krankenhaus und hatte bereits mit den behandelnden Ärzten gesprochen. Am nächsten Tag stabilisierte sich Jonathans Hämoglobinwert. Seine Blutwerte verbesserten sich stetig, und 15 Tage nach der ersten Operation wurde er aus dem Krankenhaus entlassen.

Das sind nur zwei der vielen hundert Erfahrungen, die ein Durchschnittszeuge über die Jahre hört. Ich halte es wirklich für unmoralisch, ständig positive Erfahrungen zu berichten, bei denen alles gut ausgeht. Sie verführen den Leser zu dem Gedanken, daß die Ablehnung von Blut allein schon aus medizinischen Gründen in Ordnung ist. In Wirklichkeit finden jeden Tag viele Tausende von Bluttransfusionen statt. Statistisch gesehen sind Probleme dabei sehr gering und nicht von medizinischer Bedeutung, obwohl in den Publikationen der Zeugen dazu ständig Minderheitenmeinungen veröffentlicht werden. Auf der anderen Seite sterben jährlich Hunderte Zeugen, weil sie Blut ablehnten. Natürlich kann man nicht mit Sicherheit sagen, daß es ihr Leben gerettet oder verlängert hätte, aber statistisch gesehen hätte es das wohl in vielen Fällen. Wenn von Fällen von sterbenden Zeugen nach einer Verweigerung einer Transfusion berichtet wird, wird der Text immer bei Dingen verweilen wie:

  1. Der Glaubenstreue des Zeugen; besonders, wenn es ein Kind war,
  2. Positiven Aussagen des medizinischen Personals über ihren Glauben,
  3. Der Auferstehungshoffnung und Aussagen des verstorbenen Patienten zur Auferstehung. (PS: Die gegenwärtige Lehre über die Auferstehung ist in der kurzen 120-jährigen Geschichte der Zeugen ebenfalls vielen Änderungen unterworfen gewesen.)

Über die Zweifel, die Sorgen, die Panik, die Tränen und das Trauma der Lage wird nicht genügend oder unvoreingenommen in solchen Artikeln berichtet.

Alle Zeugen lesen die laufenden Publikationen der Gesellschaft und glauben ihnen völlig und ohne Zweifel. Sie müssen. Sie sind nicht in der Lage, etwas ernsthaft in Frage zu stellen. Man gibt ihnen einseitige Darstellungen als Grundlage für eine Entscheidung, die sie vielleicht ihr Leben kostet.

Eine ganz andere Erfahrung

Die Zeitschrift Discover von August 1988, Seiten 28-30, brachte einen Artikel von Dr. Elisabeth Rosenthal mit dem Titel 'Blinded by the Light' [Vom Licht geblendet]. Er betraf eine Frau Peyton, eine 42-jährige Zeugin, der man im Verlauf einer Anzahl von Jahren mehrere Blasentumoren entfernt hatte. Sie hatte starke Blutungen und mußte operiert werden. Sie verweigerte eine Bluttransfusion, und die Ärzte und Chirurgen taten ihr Bestes. Raymond Franz: Auf der Suche nach christlicher Freiheit, (1997 Aslan-Verlag, 1997 CD-ROM Aslan-Raab):

Als ihre Blutwerte weiter sanken, kam Frau Peyton allmählich in Atemnot. Die Körperorgane benötigen zur Funktion eine gewisse Menge Sauerstoff. Dieser Sauerstoff wird durch Hämoglobinmoleküle in den roten Blutkörperchen aus den Lungen an die Peripherie transportiert. ... Das medizinische Team verabreichte Frau Peyton zusätzlichen Sauerstoff durch eine Atemmaske, bis sie praktisch reines O2 einatmete. Die wenigen roten Blutkörperchen, die sie noch hatte, waren voll beladen - doch es gab nicht genug davon. um den von ihrem Körper benötigten Brennstoff zu transportieren. Ihr Lufthunger nahm zu und ihre Atemfrequenz stieg. Sie wurde immer benommener, und schließlich machten - zwangsläufig - die Herzmuskelfasern klar, wie verzweifelt sie Sauerstoff nötig hätten. Sie bekam schwerste, lebensbedrohliche Brustschmerzen. Als ich in den Raum ging, [...] war ich erschreckt über die Szene, die ich da vor mir hatte. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller war eine große Frau mit einer Sauerstoffmaske, die nach Luft schnappte und schneller atmete, als es menschenmöglich schien. Am Kopfende des Bettes waren drei Bekannte, Mitverbundene ihrer Kirche [Zeugen], die ihr beistanden. ... An ihrer Seite standen mehrere Ärzte - einer überwachte ihren sinkenden Blutdruck, ein weiterer entnahm einer Arterie etwas Blut. Die Flüssigkeit, die langsam die Kanüle füllte, hatte die Konsistenz von Hawaii-Punsch; ihre Untersuchungergab einen Hämatokrit-Wert von nur 9 [normal wäre 40 gewesen]. Vom Bettgeländer hing ein Beutel mit kirschrotem Urin. Die Frau lag im Sterben. Ihre EKG-Kurven wiesen die tiefen Abfälle auf, die auf ein gepeinigtes Herz hinweisen. Es wäre nur eine Sache von Stunden, und der Schaden, für den sie standen, würde irreversibel werden.'

Die Frau erlitt einen Herzstillstand. Ein Team von Ärzten begann mit kardiopulmonaler Reanimation, gab Epinephrin und Atropin, dann eine Elektrostimulation. Das Herz fing an zu schlagen, hörte dann wieder auf. Noch eine kardiopulmonale Reanimation, weiteres Epinephrin und Atropin, nochmals Elektrostimulation und wieder kardiopulmonale Reanimation. Das ging eine Stunde lang so weiter, bis keine Hoffnung mehr bestand und es keinen Sinn mehr hatte. Die Patientin war tot und konnte nicht wiederbelebt werden.

Man achte auf den Hämatokritwert 9. Die meisten Zeugen denken, ein Transfusion sei noch unnötig bis zu einem Hämatokritwert so niedrig wie 5. In vielen Erfahrungen, die sie hören, stabilisiert sich der Wert und der Patient genest wieder!

Ein anderer Fall ist der von Yvonne Leighton von Tyne & Wear. Er wurde 1993 im Daily Telegraph berichtet. Yvonne war gerade 28 und hatte ihr zweites Kind geboren. Während einer einfachen Operation zwei Tage nach ihrer Geburt bekam sie plätzlich schwere Blutungen. Ihr Hämatokritwert fiel. Man gab Bluterstatzstoffe, die aber nicht halfen. Ohne Erfolg verbrachten die Ärzte Stunden damit, Yvonne zu einer Transfusion zu bewegen. Die Zeugen warnten die Ärzte, wenn sie Yvonne eine Transfusion gegen ihren Willen gäben, würden sie Strafanzeige erstatten. Traurigerweise verblutete Yvonne.

Nach dem Willen der WTG starb sie, weil sie das 'Symbol für Leben' - Blut - verweigerte. Und doch starb sie - bereitwillig.

Sie war zu dem Glauben verleitet worden, das 'Symbol' sei wichtiger als das, wofür dieses Symbol steht.

Es gibt viele weitere ähnliche Fälle. Doch weitere Beispiele dienen keinem Zwck. Ich habe nur zwei von Zeugen gutgeheißene 'Erfahrungen' berichtet und anschließend zwei andere.

Schlußfolgerungen

  • Ist die WTG qualifiziert dazu, Regeln aufzustellen und sie zu ändern, an denen Leben oder Tod hängen?
  • Ist sie konsequent?
  • Wie sieht die Beweislage aus?

Wenn man der Organisation Diskrepanzen und inkonsequentes Verhalten nachweisen kann, ist die übliche Erklärung, Gott lasse alles klarer werden - wie Licht, das immer heller wird. Sprüche 4:18 wird oft zitiert (falsch angewandt und aus dem Zusammenhang gerissen). Der Vers erklärt nicht, warum manche Lehren nur klarer (heller?) werden, um dann zu einem Glaubenssatz von vor ein paar Jahren zurückzugehen.

  • Ist das der Weg, auf dem ein Gott der Liebe durch seinen einzigen Kanal mit seinem Volk gehen würde?
  • Möchte Gott wirklich, daß sie fehlgeleitet werden oder Irrlehren folgen - so daß er seine einzige irdische Organisation solche Vorstellungen hervorbringen läßt?
  • Möchte er wirklich, daß jeder diese Organisation in Frage stellt, um dann als todeswürdig von ihr abgeschnitten zu werden?

Das hört sich für mich nicht nach dem Gott der Bibel an.

In einem Erwachet!-Artikel, der auf Lutheraner abzielte, wird ausgedrückt:

Falls jemand mit dem, was er sieht, nach einer ehrlichen Prüfung alles andere als zufrieden ist, ist es nicht damit getan, daß er sich über den Mißstand beschwert. Ein Journalist, der die Worte Karl Barths kommentierte, wonach die Gläubigen selbst ja die Kirche seien, kam zu folgendem logischen Schluß: Wer zur Kirche gehört, ist ... dafür verantwortlich, was die Kirche sagt und tut." Man sollte sich daher fragen: Bin ich bereit, die Verantwortung für alles mit zu übernehmen, was meine Kirche sagt und tut? Kann ich auf alle Mitglieder meiner Kirche stolz sein?

Erwachet!, 8. September 1987

Warum greift die WTG, wenn man ihre Glaubenssätze und Auslegungen in Zweifel zieht, dazu, die Quelle der Zweifel anzugreifen - statt einfach zur Bibel zu greifen und die vorgetragenen Beweise zu widerlegen?

Man kann die Beweggründe eines Zweiflers in Frage stellen - aber man darf nicht die Fragen und Zweifel ignorieren! Eine einfache Zurückweisung der Vermutungen und Behauptungen anhand der Bibel wäre viel sinnvoller. Warum können die Zeugen ihre Glaubenssätze nicht einer einfachen Prüfung unterziehen lassen, was die Bibel selbst fordert und was sie selbst auch von anderen fordern?

Was die Geschichte der Zeugen und des Blutes betrifft, ist der Grund dafür offensichtlich. Jerry Bergman berichtet in seinem Buch Jehovah's Witnesses and the Problems of Mental Health von der Unterhaltung mit einem ehemaligen Zeugen, der früher zur Redaktion von Erwachet! gehört hatte. (In der deutschen Ausgabe des Buches sind die Erfahrungen nicht enthalten; es handelt sich um eine gekürzte Ausgabe.) Diese Person gab Dr. Bergman gegenüber zu, daß einige höhere Funktionäre die Ansichten und Auslegungen zu Blut, der Bibel und Transfusionen für Irrlehren hielten. Sie sind jedoch unfähig (oder unwillig), die Politik zu ändern, da sie so fest etabliert ist und eine Änderung einen peinlichen Gesichtsverlust bedeutet. So viele haben in der Vergangenheit so viel verloren, weil sie an den Ansichten der Organisation festhielten - das kann doch nicht alles umsonst gewesen sein!

Die Geschichte der wechselnden Richtlinien und der von der WTG getroffenen Unterscheidungen scheint die konfuse Reaktion einer Personengruppe zu sein. Aufrichtig: das muß man ihnen zugestehen; aber meiner Meinung nach auch in tragischer Weise irregeleitet.

Ich könnte daher ein Kind von mir nicht sterben lassen - aufgrund ihrer 'gegenwärtigen Glaubensansichten', die eigentlich nur die Regeln einer Organisation sind.

Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude. (2. Korinther 1:24; Einheitsübersetzung)

Prüft aber alles, und das Gute behaltet. (1. Thess 5:21; Luther)

Anhang: Beilage zu "Unser Königreichsdienst", Dezember 1990, (herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft)

Bist du auf eine Glaubensprüfung in Form einer medizinischen Notsituation vorbereitet?

Bewahre diese Informationen an einer Stelle auf, wo du sie nötigenfalls schnell findest.

1 Niemand denkt ernsthaft über die Möglichkeit nach, heute oder morgen im Krankenhaus zu liegen. Doch 'Zeit und unvorhergesehenes Geschehen trifft uns alle' (Pred. 9:11). Du wirst zwar keine medizinische Behandlung annehmen wollen, mit der du nicht einverstanden bist, aber was tust du, um dich vor einer unerwünschten Bluttransfusion zu schützen, wenn du nach einem Unfall bewußtlos ins Krankenhaus eingeliefert wirst? Ja, zufolge eines Unfalls oder einer plötzlichen Verschlechterung des Gesundheitszustands kannst du unversehens in eine Glaubensprüfung geraten.

2 Was wirst du tun, um deine Lauterkeit zu bewahren, wenn du aus irgendeinem Grund im Krankenhaus liegst und jemand dir sagt, daß du ohne Bluttransfusion sterben wirst? Wirst du übereilt annehmen, daß es wirklich so schlimm um deinen Zustand bestellt ist, wie behauptet wird? Bist du völlig davon überzeugt, daß du kein Blut willst? Bist du bereit, dich dieser Glaubensprüfung zu stellen und dich 'des Blutes zu enthalten'? (Apg. 15:28, 29).

3 Es setzt eine feste Überzeugung voraus, einer unerwünschten, geistig verunreinigenden Bluttransfusion erfolgreich zu widerstehen. Eine solche Überzeugung muß auf ein klares Verständnis dessen gestützt sein, was die Bibel über das Blut sagt. Sonst könntest du in deiner augenblicklichen Gemütsverfassung leicht von jemandem in Furcht versetzt werden, der behauptet, mehr über deinen Zustand zu wissen als du. Würdest du dich zu dem Gedanken verleiten lassen, daß Ärzte vielleicht mehr über das Blut wissen als Gott? Unter solchen Umständen wirst du bestimmt fest entschlossen sein", das zu tun, was recht ist" in den Augen Jehovas, ganz gleich, was Menschen sagen mögen (5. Mo. 12:23-25). Aber stehstdu in dieser Prüfung ganz allein? (Pred. 4:9-12).

KRANKENHAUSINFORMATIONSDIENST UND KRANKENHAUS-VERBINDUNGSKOMITEES

4 Um denjenigen zu helfen, die Probleme in Verbindung mit Bluttransfusionen haben, hat die Gesellschaft in Selters einen Krankenhausinformationsdienst eingerichtet. Sie hat außerdem in mehreren Städten Krankenhaus-Verbindungskomitees eingesetzt. Jedem Komitee gehören 5 Älteste an, die für diese Aufgabe speziell geschult wurden. Dementsprechend wurden auch die bisherigen Ältestenkomitees für Krankenbetreuung geändert und erweitert.

5 Weltweit kann der Krankenhausinformationsdienst in über 3 600 medizinischen Zeitschriften nachforschen, um Informationen über die Verfügbarkeit und Wirksamkeit vieler Formen der blutlosen Chirurgie und Behandlung ausfindig zu machen. Er versorgt dann die Krankenhaus-Verbindungskomitees und einige Ärzte mit Informationen über diese Fortschritte. (Manchmal hat der Krankenhausinformationsdienst medizinische Artikel versandt, in denen gezeigt wurde, was ohne Blut möglich ist, und dadurch eine Konfrontation, zu der es in einem Krankenhaus gekommen war, entschärft.) Er hält die Komitees über günstige Gerichtsentscheide auf dem laufenden, die Richtern helfen werden, unsere Fälle mit vermehrter Einsicht zu betrachten. Des weiteren besitzt er ein Verzeichnis von Ärzten, die zur Zusammenarbeit bereit sind, so daß die Komitees aktuelle Aufzeichnungen verwenden können, wenn Probleme in Verbindung mit Bluttransfusionen entstehen.

6 Der Krankenhausinformationsdienst beaufsichtigt auch die Schulung und die Tätigkeit der Krankenhaus-Verbindungskomitees. In den Städten, wo sie eingesetzt sind, werden sie Kontakte mit dem Krankenhauspersonal pflegen, um für ein gutes Verhältnis zu sorgen. Sie werden sich auch darum bemühen, weitere Ärzte zu finden, die uns ohne Blut behandeln. Diese Brüder stehen bereit, dir zu helfen, aber die entscheidenden ersten Schritte mußt du selbst getan haben, damit sie eine Grundlage haben und dir so wirkungsvoll wie möglich beistehen können.

DIE ENTSCHEIDENDEN ERSTEN SCHRITTE -- HAST DU SIE GETAN?

7 Vergewissert euch als erstes, ob jeder in der Familie sein persönliches Dokument zur ärztlichen Versorgung vollständig ausgefüllt hat -- mit Datum versehen, unterschrieben und beglaubigt. Bei einigen Brüdern, die mit einem undatierten und/oder nicht beglaubigten Dokument ins Krankenhaus kamen, wurde dessen Gültigkeit angezweifelt.

8 Solange jemand bei Bewußtsein ist und seinen Willen, kein Blut zu erhalten, klar darlegen kann, sind die Ärzte rechtlich verpflichtet, seine Erklärungen als verbindlich zu beachten. Allerdings kann es zu Problemen kommen, wenn jemand bewußtlos ist, da er in diesem Fall selbst keine Erklärungen abgeben kann. Es ist schon vorgekommen, daß das Dokument zur ärztlichen Versorgung von Ärzten nicht beachtet wurde, weil niemand da war, der rechtlich verbindlich für den bewußtlosen Patienten weitere notwendige Erklärungen abgeben konnte. Auch sind die Ärzte rechtlich nicht an die Erklärungen von anderen Personen gebunden, selbst wenn es sich um nahe Angehörige oder den Ehepartner handelt, sofern diese Person nicht ausdrücklich bevollmächtigt ist. Um auch für diesen Fall Vorsorge zu treffen, kann jeder sein Dokument zur ärztlichen Versorgung ergänzen. An freier Stelle auf Seite 3 könnte man einfügen: Um zu gewährleisten, daß mein Wille auch im Fall einer Bewußtlosigkeit beachtet wird, habe ich eine Vertrauensperson bevollmächtigt, in diesen Situationen meinen Willen durchzusetzen."

9 Die Person, die ihr für diesen besonderen Fall bevollmächtigt, kann ein naher Angehöriger sein und zusätzlich eine zweite Person eures Vertrauens für den Fall, daß der Angehörige mit euch in einen Unfall verwickelt werden mag. Jeder dieser Personen ist eine schriftliche Vollmacht auszuhändigen, die der Bevollmächtigte zu verwahren hat, damiter sie, wenn sie benötigt wird, vorlegen kann. Formulare für solche Vollmachten stellen wir euch über die Versammlungen zur Verfügung. Die Adressen dieser Personen können ohne weiteren Zusatz auf Seite 4 des Dokuments unter Im Notfall verständigen Sie bitte" angegeben werden.

10 Haben eure ungetauften Kinder alle eine ausgefüllte Ausweiskarte? Wenn nicht, woher soll das Krankenhauspersonal bei einem Unfall eures Kindes sonst wissen, wie ihr zum Blut eingestellt seid und wen es anrufen muß?

11 Sorgt dann dafür, daß alle diese Dokumente JEDERZEIT bei sich haben. Kontrolliert es bei euren Kindern jeden Tag, bevor sie zur Schule gehen, ja auch wenn sie auf einen Spielplatz oder ein Freizeitgelände gehen. Wir sollten uns alle vergewissern, daß wir das Dokument auf der Arbeit, im Urlaub oder auf einem christlichen Kongreß dabeihaben. Geht nie ohne dieses Dokument aus dem Haus!

12 Überlege einmal, was geschehen könnte, wenn du in einem kritischen Zustand in der Notaufnahme eines Krankenhauses eintriffst, bewußtlos bist und/oder nicht selbst für dich sprechen kannst. Wenn du kein Dokument bei dir hast und noch kein Verwandter, Bevollmächtigter oder Ältester im Krankenhaus ist, um für dich zu sprechen, und man der Auffassung ist, daß du Blut benötigst", wirst du wahrscheinlich eine Bluttransfusion erhalten. Einigen ist es leider so ergangen. Wenn du jedoch das Dokument dabeihast, spricht es für dich und legt deinen Willen dar.

13 Aus diesem Grund ist ein Dokument zur ärztlichen Versorgung besser als ein Armband oder eine Halskette mit medizinischen Angaben. Letztere legen nicht die biblischen Gründe für unsere Einstellung dar, und es sind keine Unterschriften darauf, die das Gesagte beurkunden. Ein kanadischer Gerichtshof sagte über das Dokument einer Schwester: [Die Patientin] hat für den Fall, daß sie bewußtlos oder auch anderweitig nicht in der Lage sein sollte, ihre Wünsche mitzuteilen, den einzig möglichen Weg gewählt, um Ärzte und andere Personen, die mit der Gesundheitsfürsorge zutun haben, davon zu unterrichten, daß sie keiner Bluttransfusion zustimmt." Sei also nie ohne Karte.

14 Da unser Dokument zur ärztlichen Versorgung hauptsächlich für Notfälle gedacht ist, ist es bei einer planbaren Operation weise, deine eigenen, vollständigeren Anweisungen (gestützt auf unser Dokument oder gemäß dem Vordruck in der Broschüre Jehovas Zeugen und die Blutfrage, Seite 29) aufzuschreiben, so daß du Einzelheiten aufführen kannst wie die Art der Operation und die Namen der Ärzte und den Namen des Krankenhauses. Du hast das Recht, das zu tun und auf diese Weise die Behandlung deiner Wahl sicherzustellen. Selbst wenn du und der Arzt keine ernsten Probleme erwarten, solltest du erklären, daß diese Anweisung bei irgendwelchen unerwarteten Entwicklungen zu befolgen ist (Spr. 22:3).

15 Der nächste wichtige Schritt besteht darin, mit den behandelnden Ärzten zu sprechen, mit denen du bei einer planbaren Operation oder einer Notfallbehandlung zu tun hast. Mit wem solltest du vor allem reden?

GESPRÄCH MIT DEM MEDIZINISCHEN PERSONAL

16 DAS OPERATIONSTEAM: In einer solchen Zeit darf man keine Menschenfurcht haben (Spr. 29:25). Wenn du einen unsicheren Eindruck machst, könnte man schlußfolgern, daß du es nicht ernst meinst. Bei einer notwendigen Operation, geplant oder Notfall, mußt du oder ein naher Verwandter mit Entschlossenheit dem Chef des Operationsteams einige deutliche Fragen stellen. Eine wichtige Frage ist: Wird das Team die Wünsche des Patienten respektieren und ihn unter allen Umständen ohne Blut operieren? Ohne diese Zusicherung bist du nicht gut geschützt.

17 Lege deutlich und mit würdevoller Überzeugung deine Wünsche dar. Mache deutlich, daß du eine alternative blutlose medizinische Behandlung deines Falles wünschst. Besprich ruhig und überzeugend deine eigenen ausführlichen medizinischen Bedingungen undauch das Formular über die Haftungsbefreiung des Krankenhauses, die sich allerdings nur auf den Teil der Behandlung ohne Blut beziehen sollte. Wenn die Chirurgen nicht bereit sind, auf deine Wünsche einzugehen, wirst du Zeit sparen, wenn du das Krankenhaus-Verbindungskomitee bittest, für dich einen anderen Arzt zu benennen. Das gehört zu seinen Aufgaben.

18 ANÄSTHESIST: Wenn du vor der Operation mit dem medizinischen Team sprichst, DARFST DU NICHT VERSÄUMEN, MIT DIESEM ARZT ZU REDEN. Der Anästhesist hat die Aufgabe, dich am Leben zu erhalten, wenn der Chirurg operiert, und er trifft unter anderem auch die Entscheidung über die Verwendung von Blut. Daher bist du nicht völlig geschützt, wenn du nur mit dem Chirurgen sprichst. Du mußt daher auch mit dem Anästhesisten reden und ihn von deiner Haltung zu überzeugen suchen, um feststellen zu können, ob sie respektiert werden wird oder nicht. (Vergleiche Lukas 18:3-5.)

19 Es scheint üblich zu sein, daß der Anästhesist den Patienten ziemlich spät am Abend vor der Operation kurz aufsucht -- zu spät, wenn er sich deiner Einstellung zu Blut widersetzt. Bestehe darauf,daß der Chirurg bereits vorher einen Anästhesisten auswählt, der zur Zusammenarbeit bereit ist, mit dem du rechtzeitig vor dem geplanten Eingriff sprechen kannst. Falls dieser nicht bereit ist, deinen Wünschen zu entsprechen, wird dann noch Zeit sein, einen anderen zu suchen. Laß dir von niemandem das Recht absprechen, den Anästhesisten für deine Operation abzulehnen.

20 Allen diesen Personen mußt du deinen unumstößlichen Standpunkt klarmachen: KEIN BLUT. Bitte um eine alternative blutlose medizinische Behandlung deines Falls. Erwähne dir bekannte Alternativen zum Blut für deine Situation. Wenn das Operationsteam der Ansicht ist, diese seien in deinem Fall nicht anwendbar, bitte darum, in der medizinischen Literatur nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Versichere ihnen, daß du einige Informationen besorgen kannst, falls sie das wünschen,wenn du die Ältesten bittest, sich mit einem benachbarten Krankenhaus-Verbindungskomitee in Verbindung zu setzen.

MACHE VON DEINEN RECHTEN GEBRAUCH

21 Untersuche sorgfältig das Haftungsbefreiungsformular (das sich nur auf die Behandlung ohne Blut beziehen sollte) und die Einverständniserklärung, die du bei der Aufnahme ins Krankenhaus unterschreiben sollst. Manchmal heißt es in einem Absatz, der unmittelbar ihrer Erklärung folgt, sie würden unsere Wünsche respektieren, daß der Unterzeichner mit lebensrettenden" Maßnahmen, die das Krankenhaus ergreifen kann, falls Probleme auftreten, einverstanden ist. Dazu kann auch Blut gehören. Du hast das Recht, solche Erklärungen zu ändern, um Blut auszuschließen, oder sie insgesamt auszustreichen. Es mag dir vielleicht jemand sagen, daß das nicht möglich ist, aber du kannst es tun. Erkläre ihnen, daß durch das Ausfüllen eines solchen Formulars ein Vertrag mit dem Krankenhaus entsteht und daß du keinen Vertrag unterschreibst, dem du nicht zustimmen kannst. Wenn man versuchen sollte, dich zu zwingen, gegen deinen Willen zu unterschreiben, bitte darum, mit dem verantwortlichen Arzt zu sprechen.

22 Kannst du das tun? Ja, ganz bestimmt. Sei dir daher deiner Rechte als Patient bewußt. Diese Menschenrechte enden nicht an der Eingangstür des Krankenhauses. Du mußt nicht auf sie verzichten, um behandelt zu werden. Laß dir von niemandem etwas anderes erzählen.

23 Eines dieser Rechte ist das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, wonach jeder ärztliche Eingriff (Operation) nach hinreichender Aufklärung der Einwilligung bedarf, was bedeutet, daß an dir ohne deine Zustimmung keine Behandlung irgendwelcher Art vorgenommen werden darf. Du kannst sogar jegliche Behandlung ablehnen, wenn du willst. Deiner Einwilligung zur Behandlung muß eine genaue Aufklärung über das vorangehen, was das Operationsteam zu tun beabsichtigt, einschließlich aller Risiken. Als nächstes muß man dir irgendwelche verfügbaren Alternativen nennen. Nachdem man dich darüber aufgeklärt hat, wählst du die gewünschte Behandlung.

24 Um sicherzugehen, worin du einwilligst, MUSST du zu allem, was du nicht verstehst, gute Fragen stellen, besonders wenn das Krankenhauspersonal lange Worte oder medizinische Begriffe verwendet. Wenn ein Arzt beispielsweise sagt, daß er Plasma" verwenden möchte, könntest du arglos folgern, er meine Plasmavolumenexpander", aber das muß nicht sein. Frage, bevor du einwilligst: Ist das ein Blutbestandteil?" Frage bei allen seinen Ausführungen: Schließt diese Behandlung die Verwendung von Blutprodukten ein?" Wenn er einige Geräte beschreibt, die er benutzen wird, frage: Wird mein Blut während der Verwendung dieses Gerätes zu irgendeiner Zeit gelagert?"

25 Doch was solltest du tun, wenn du alles getan hast, was oben aufgeführt ist, und trotzdem keine Zusammenarbeit möglich ist oder man sich deiner Einstellung widersetzt? Zögere nicht, um Hilfe zubitten. Einige haben zu lange gewartet, bis sie Hilfe erbaten, und ihr Leben dadurch gefährdet.

WERTVOLLE HILFE IN EINER ZEIT DER NOT

26 Gehe wie folgt vor, wenn du Hilfe benötigst: 1. Sobald du oder ein Angehöriger vor einem planbaren Eingriff oder einer Notoperation stehen und es zu einer Konfrontation kommt, weil das Krankenhaus Blut verwenden will, oder 2. wenn sich dein Gesundheitszustand oder der deines Angehörigen ernsthaft verschlechtert oder 3. wenn im Fall eines Kindes (oder eines Erwachsenen) der Arzt sagt, daß er einen Gerichtsbeschluß erwirken will, dann:

27 RUF DIE ÄLTESTEN DEINER VERSAMMLUNG AN, wenn du es noch nicht getan hast. (Wegen unserer Einstellung zum Blut ist es sogar weise, unsere Ältesten immer davon in Kenntnis zu setzen, wenn wir ins Krankenhaus müssen.) Falls es für notwendig erachtet wird, WERDEN DIE ÄLTESTEN DAS NÄCHSTE KRANKENHAUS-VERBINDUNGSKOMITEE ANRUFEN. Wenn du es wünschst, werden dann einige Mitglieder des Krankenhaus-Verbindungskomitees ins Krankenhaus kommen, um dir zu helfen (Jes. 32:1, 2).

28 Die Ältesten des Krankenhaus-Verbindungskomitees kennen in eurem Gebiet die kooperativen Ärzte und können dich mit ihnen in Verbindung bringen, oder sie können sich an andere Ärzte oder Krankenhäuser um Hilfe wenden. Ist das am Ort nicht möglich, werden die Ältesten zu einem Nachbarkomitee Kontakt aufnehmen. Und wenn das keinen Erfolg hat, werden sie den Krankenhausinformationsdienst in Selters anrufen. Vielleicht können sie auch die Beratung eines kooperativen Arztes vereinbaren, der dem Operationsteam, das für dich vorgesehen ist, erklären kann, was ohne Blut möglich ist. Die Brüder des Krankenhaus-Verbindungskomitees wurden geschult, solche Situationen zu meistern.

29 Die Mitglieder des Krankenhaus-Verbindungskomitees sind auch bereit, dir oder einem Verwandten zu helfen, mit einem Arzt zu sprechen, aber du mußt um diese Hilfe bitten. Diese Brüder können für dich natürlich keine Entscheidungen treffen, aber oft können sie dir beistehen, die Grundsätze der Bibel zu bestimmten Dingen zu berücksichtigen, und dich auf deine medizinische und rechtliche Entscheidungsfreiheit hinweisen.

30 Wenn das Operationsteam weiterhin nicht zur Zusammenarbeit bereit ist, dann sprich mit den Ältesten, die sich bemühen werden, ein anderes Krankenhaus zu finden. NUR wenn du eine festeVereinbarung mit einem anderen Chirurgen an anderer Stelle getroffen hast und transportfähig bist, ist es sinnvoll, das Krankenhaus zu verlassen.

31 Kannst du das tun? Ja, du hast das Recht dazu. Durch dein konsequentes Handeln kann möglicherweise auch in ethischer Hinsicht der Weg geöffnet werden, daß sich andere Chirurgen melden und dir ihre Dienste anbieten. Und, was am wichtigsten ist, du kannst dadurch die nötige medizinische Behandlung erhalten, bevor sich dein Zustand gefährlich verschlechtert. Warte nicht zu lange!

SUGGESTIVFRAGEN, BEI DENEN MAN SICH IN ACHT NEHMEN MUSS

32 Du mußt wissen, daß es einige Fragen gibt, die Ärzte und andere nicht unbedingt aus guten Beweggründen heraus an uns richten. Die Frage, die von Ärzten (und von einigen Richtern) am häufigsten gestellt wird, lautet:

Möchten Sie lieber sterben (oder Ihr Kind sterben lassen), als eine lebensrettende Bluttransfusion' anzunehmen?"

33 Wenn du sie mit Ja beantwortest, hättest du in religiöser Hinsicht recht. Aber diese Antwort wird oft mißverstanden und führt manchmal sogar zu abschlägigen Gerichtsentscheiden. Du mußt bedenken, daß du in dieser Situation nicht im Predigtdienst bist. Du sprichst vielmehr über eine nötige medizinische Behandlung. Daher mußt du dich deinen Zuhörern, seien es Mediziner oder Richter, anpassen (Ps. 39:1; Kol. 4:5, 6).

34 Ein Arzt oder Richter kann in diesem Fall ein Ja so deuten, daß du ein Märtyrer sein oder dein Kind für deinen Glauben opfern willst. Ihnen in dieser Situation von deinem festen Glauben an die Auferstehung zu erzählen, wird gewöhnlich nichts nützen. Sie werden dich als religiösen Fanatiker brandmarken, der keine vernünftigen Entscheidungen treffen kann, wenn Leben auf dem Spiel steht. Im Fall von Kindern mag es sein, daß man durch Gerichtsbeschluß dir das Sorgerecht für dein Kind entzieht, weil du eine angeblich lebensrettende" medizinische Behandlung verweigerst.

35 Aber du lehnst ja eine medizinische Behandlung als solche NICHT ab. Du hast mit dem Arzt nur Differenzen über die ART der Behandlung. Diese Einstellung wird für sie und für dich oft das gesamte Bild verändern. Außerdem ist es ihrerseits irreführend, Blut so hinzustellen, als sei es sicher und die EINZIGE lebensrettende" Behandlung. (Siehe Wie kann Blut dein Leben retten? Seite 7 bis 22.) Daher mußt du diesen Punkt deutlich herausstellen. Wie kannst du das tun? Du könntest antworten:

Ich möchte nicht sterben (oder daß mein Kind stirbt). Wenn ich sterben wollte (mein Kind sterben lassen wollte), wäre ich zu Hause geblieben. Statt dessen bin ich wegen einer medizinischen Behandlung hierhergekommen, damit ich weiterlebe (mein Kind weiterlebt). Was ich wünsche, ist eine alternative blutlose medizinische Behandlung meines Falls (des Falls meines Kindes). Es gibt Alternativen."

36 Einige andere Fragen, die häufig von Ärzten oder Richtern gestellt werden, lauten:

Was geschieht, wenn Ihnen durch einen Gerichtsbeschluß eine Bluttransfusion aufgezwungen wird? Werden Sie dafür zur Verantwortung gezogen?"

Würden Sie wegen der Annahme einer Transfusion oder wegen einer aufgezwungenen Transfusion aus ihrer Glaubensgemeinschaft ausgestoßen werden oder das ewige Leben verlieren? Wie würden Sie von Ihrer Versammlung betrachtet werden?"

37 Eine Schwester sagte einem Richter, daß sie in einem solchen Fall nicht dafür verantwortlich sei, was er entscheidet. Das war in gewisser Hinsicht zwar richtig, aber den Richter verleitete es zu der Auffassung, daß er ihr die Verantwortung abnehmen müßte, damit man sie nicht zur Rechenschaft ziehen könne. Er ordnete eine Bluttransfusion an.

38 Du mußt verstehen, daß einige durch diese Fragen gewöhnlich nach einer Möglichkeit suchen, deine Weigerung, Blut zu nehmen, zu umgehen. Gewähre ihnen nicht unabsichtlich diese Möglichkeit! Wie kann man dieses Mißverständnis vermeiden? Du könntest antworten:

Wenn mir Blut in irgendeiner Form aufgezwungen wird, wäre es für mich genauso, als würde man mich vergewaltigen. Ich würde für den Rest meines Lebens unter den emotionellen und geistigen Folgen dieses unerwünschten Angriffs auf meine Person leiden. Ich würde mich mit aller Kraft einer solchen Verletzung meines Körpers ohne meine Einwilligung widersetzen. Ich würde wie ineinem Fall von Vergewaltigung alles unternehmen, diejenigen, die mich angegriffen haben, gerichtlich zu belangen."

39 Es muß der starke, anschauliche Eindruck vermittelt werden, daß für dich eine erzwungene Transfusion eine unerträgliche Verletzung deines Körpers ist. Es handelt sich nicht um eine Nebensächlichkeit. Rücke daher von deiner Position nicht ab. Betone, daß du eine alternative blutlose medizinische Behandlung wünschst.

WAS WIRST DU TUN, UM VORBEREITET ZU SEIN?

40 Wir haben einige Dinge besprochen, die du tun mußt, um dich und deine Angehörigen vor einer unerwünschten Bluttransfusion zu schützen. (Wir hoffen, später weitere Einzelheiten liefern zu können, wie Probleme gehandhabt werden können, wenn bei Säuglingen und Kindern eine Transfusion angedroht wird.) Wir haben auch gesehen, was die Gesellschaft liebevollerweise tut, um in der Zeit der Not Hilfe zu leisten. Was mußt du mit diesen Informationen tun, um sicher zu sein, daß du auf eine Glaubensprüfung in Form einer medizinischen Notsituation vorbereitet bist?

Erstens: Sprecht im Familienkreis diese Dinge durch und arbeitet heraus, was ihr - vor allem in einem Notfall - sagen und tun werdet.

Zweitens: Sorgt dafür, daß ihr alle notwendigen Dokumente habt.

Drittens: Macht es zum Gegenstand eurer ernsten Gebete, daß Jehova euch in eurem festen Entschluß stärken möge, euch 'des Blutes zu enthalten'. Sein Gesetz über das Blut zu beachten sichert uns seine Gunst zu, damit wir ewiges Leben erhalten können (Apg. 15:29; Spr. 27:11, 12).

[Kasten auf Seite 5]:

Wenn sich der Gesundheitszustand so ernsthaft verschlechtert, daß eine Bluttransfusion angedroht wird, stelle anhand dieses Kastens fest, was zu tun ist:

  1. Rufe die Ältesten deiner Versammlung an, und bitte sie, dir zu helfen.
  2. Laß die Ältesten nötigenfalls das nächste Krankenhaus-Verbindungskomitee anrufen.
  3. Das Krankenhaus-Verbindungskomitee kann dir bei Gesprächen mit Ärzten und anderen beistehen.
  4. Das Krankenhaus-Verbindungskomitee kann dir helfen, mit anderen Ärzten Verbindung aufzunehmen, damit diese die bisherigen Chirurgen über Alternativen beraten.
  5. Das Krankenhaus-Verbindungskomitee kann dir auch helfen, in ein Krankenhaus überwiesen zu werden, in dem deine Wünsche respektiert werden, damit du die nötige Behandlung erhältst.
Jehovas Zeugen und die Blutfrage