BBC-Interview zur Blutfrage

Es war wohl eine der ganz seltenen Ausnahmen, in der sich ein Mitglied der Wachtturm-Gesellschaft dazu bereit erklärte, zumindest indirekt mit einem "Abtrünnigen" in den Dialog zu treten. Doch die Hörer von BBC Radio konnten es am 14. Juni 1998 tatsächlich erleben: Ein Interview mit einem "liberalen Ältesten" und Paul Gillies, Sprecher der Watchtower Bible & Tract Society.

Der folgende Text ist die Mitschrift eines Interviews mit einem "liberalen Ältesten" und Paul Gillies, Sprecher der Watchtower Bible & Tract Society, geführt von Roger Bolton in "Sunday" -- BBC Radio 4 am 14. Juni 1998.

Roger Bolton: Wir alle wissen über Jehovas Zeugen, daß sie hin und wieder an unsere Türen klopfen und daß sie Bluttransfusionen ablehnen, manchmal mit verhängnisvollen Folgen. Doch jetzt hatte eine Dissidentengruppe von Jehovas Zeugen via Internet einen Feldzug begonnen, um die ablehnende Haltung dieser religiösen Gruppe zu Bluttransfusionen zu beenden. Diese Rebellen bestehen darauf, anonym zu bleiben, weil sie glauben, wenn sie öffentlich redeten, würde man sie sofort exkommunizieren. Ich sprach zuvor mit einem der anonymen Dissidenten. Er nennt sich selbst "liberaler Ältester" und bat uns, seine Stimme zu verzerren.

Liberaler Ältester: Ich möchte gleich damit beginnen, zu sagen, daß die Lehre der Zeugen zu Blut einer ständigen Änderung unterworfen war. Die meisten Zeugen und Ärzte wissen nicht genau über die Blutpolitik der Wachtturm-Gesellschaft Bescheid, da sie so oft revidiert wurde.

Roger Bolton: Ich meine, was ist nun erlaubt? Ich gewinne den Eindruck, daß Transplantationen erlaubt sind; einige Blutprodukte sind erlaubt; aber Bluttransfusionen sind es nicht. Ist das die Lage?

Liberaler Ältester: Das Thema Organtransplantationen kam 1967 auf, Anfang 1967. Das dauerte 13 Jahre und wurde schließlich 1980 fallengelassen. Bluttransfusionen sind weiterhin verboten.

Roger Bolton: Jehovas Zeugen haben traditionell Apostelgeschichte 15:28-20 als Schlüsseltext angeführt. Sie glauben, daß Christen sich vom Essen von Blut und von Tierfleisch enthalten müssen, das nicht richtig ausgeblutet ist. Wie ist das zur Argumentation verwendet worden, Bluttransfusionen seien nicht erlaubt?

Liberaler Ältester: Die Argumentation ist im wesentlichen, daß eine Bluttransfusion in der Tat dem Essen von Blut gleichwertig sei. Was sie nun gemacht haben, ist, praktisch ein neues Gesetz für Jehovas Zeugen zu schaffen, daß es falsch sei, sein Leben durch Blut zu erhalten. Das ist die Formulierung, die ständig zu hören ist und die im Wachtturm und von den Zeugen verwendet wird. Leider läßt sich diese Formulierung nirgends in der Bibel finden; so haben sie eine Richtlinie, die im Grunde genommen eine Richtlinie der Organisation ist und nicht der Heiligen Schrift.

Roger Bolton: Glauben Sie, daß als Ergebnis dieses Glaubens unnötigerweise Menschen gestorben sind?

Liberaler Ältester: Zweifellos. Wir schätzen, daß es drei Menschen pro Tag sind. Wir reden also von vielleicht 1.000 Zeugen oder mehr pro Jahr.

Roger Bolton: Wieviel Unterstützung haben Sie und Ihre Kollegen dabei?

Liberaler Ältester: Das ist schwer zu beantworten, weil sogar ein Gespräch über dieses Thema dazu führen kann, daß man aus der Versammlung ausgeschlossen wird. Es ist wahrscheinlich fair, zu sagen, daß es Zehntausende sind und die Zahl täglich zunimmt.

Roger Bolton: Doch wenn sie jetzt an die Öffentlichkeit gingen und wir Sie beim Namen usw. nennen würden, dann denken Sie, wäre ein Ausschluß unvermeidlich?

Liberaler Ältester: Absolut.

Roger Bolton: Warum ist der Wachtturm, wie Sie sagen, so ablehnend gegenüber dieser Form von Debatte? Gibt es in dieser Kirche keine Demokratie?

Liberaler Ältester: Gewiß nicht. Sie glaubt, daß die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas Gottes Mitteilungskanal für Jehovas Zeugen ist. So einfach ist das. Wenn man einmal akzeptiert, daß jemand für Gott spricht, heißt mit dieser Person oder in diesem Fall dieser Gruppe nicht übereinzustimmen, nicht mit Gott übereinzustimmen.

Roger Bolton: Wenn Sie nicht zu Rande kommen und die Wachtturm-Gesellschaft sich nicht bewegt: Würden Sie dann am Ende auch eine Splitterbewegung, eine Splitterkirche, in Betracht ziehen?

Liberaler Ältester: Ich persönlich nicht; das ist nicht meine Absicht. Sie haben sicher das Recht, zu lehren, was sie wollen; das Recht haben sie. Nur leider sind die Wahlmöglichkeiten für Personen, die wie ich in die Organisation hineingeboren wurden, bei denen alle Angehörigen, alle Freunde und in einigen Fällen auch ihre Geschäftspartner Zeugen Jehovas sind, nicht sehr gut. So ist wirklich alles, was wir erwarten, die Möglichkeit, daß wir unsere eigenen Entscheidungen treffen; ohne, wie sie es der Europäischen Menschenrechtskommission zugesagt haben, Sanktionen oder Kontrolle.

Roger Bolton: Und nach ihrem Gewissen handeln?

Liberaler Ältester: Das ist richtig.

Roger Bolton: Bei mir ist jetzt Paul Gillies, Sprecher der Zeugen Jehovas in Großbritannien. Paul, können wir uns zuerst mit der Frage der Demokratie befassen? Wenn Sie wüßten, wer unser vorheriger Interviewpartner war, würde er wegen seiner Ansichten ausgeschlossen werden?

Paul Gillies: Nun, lassen Sie es mich so sagen. Er hat unterstellt, daß wir automatisch jedem die Gemeinschaft entziehen, der ein biblisches Gesetz übertritt. Das ist sicher irreführend und nicht der Fall. Damit wird nicht unser Bemühen um einander hervorgehoben. Es ist doch so: Wenn jemand ein voraussichtlicher Zeuge ist, dann studiert er diese Dinge tiefgehend schon am Anfang und denkt über das biblische Gesetz über Blut nach. Er denkt über alle biblischen Gesetze nach, und bei vielen Zeugen braucht es Monate oder Jahre, diese Dinge im voraus zu studieren, damit sie sich als Zeugen taufen lassen können.

Roger Bolton: Wollen Sie damit sagen, wenn er die Ansicht, diese Ansichten, vertritt, dann sollte er gehen, weil er die falsche Ansicht vertritt?

Paul Gillies: Nun, was wir sagen, ist, daß jeder in medizinischer oder religiöser Hinsicht eigene Entscheidungen treffen kann. Wenn sie das nicht mehr glauben, was sie damals formell gehört haben, dann steht es ihnen frei, die Organisation zu verlassen. Aber wir haben keine automatischen Sanktionen vorgesehen; vorrangig wollen wir den Menschen geistige Hilfe geben und uns um sie kümmern.

Roger Bolton: Aber wenn jemand denkt, Bluttransfusionen seien richtig und Ihre Richtlinien seien verkehrt, sagen Sie dann, daß er nicht in Ihrer Kirche bleiben sollte?

Paul Gillies: Nun, lassen Sie mich eine Veranschaulichung gebrauchen. Wenn jemand Mitglied eines Abstinenzlervereins ist und sich dazu entschließt, rauszugehen und ein Glas Bier zu trinken, dann würde er damit beweisen, daß er nicht mehr dem Abstinenzlerverein angehören will.

Roger Bolton: Ich nehme an, die Frage hier ist, gibt es einen Spielraum für eine demokratische Debatte unter Jehovas Zeugen; ich meine, Sie könnten diskutieren, Sie wissen, Sie haben ihre Einstellung zu Transplantationen geändert, könnten Sie nicht auch ihre Einstellung zu Bluttransfusionen ändern? Sollte es unter Ihren Mitgliedern nicht eine offene Debatte geben?

Paul Gillies: Nun, wir ermuntern zu offenen Diskussionen. Tatsächlich ermutigen wir jedes Familienoberhaupt dazu, mit der Familie alle verschiedenen medizinischen Vorgehensweisen und Implikationen von Blut zu diskutieren, so daß es ihm, wenn die medizinische Situation entsteht, ganz klar ist, welche unterschiedlichen Wahlmöglichkeiten er hat und was er tun kann. Auch bei unseren Zusammenkünften haben wir offene Diskussionen. Und Sie erwähnten, daß die Menschen, das, was sie über Jehovas Zeugen wissen, von ihren Besuchen von Haus zu Haus wissen. Nun verteidigt jedes einzelne Mitglied der Zeugen Jehovas öffentlich seinen Glauben, Tag für Tag, und weil das das einzige ist, das die Leute über Jehovas Zeugen wissen, unsere Ansicht zu Blut, werden Sie finden, daß Jehovas Zeugen dieses Thema Tag für Tag verteidigen.

Roger Bolton: Ja, aber wenn Sie so offen usw. sind, warum glaubt dieser Mann dann, daß er anonym bleiben muß? Warum hat diese Personengruppe, eine bedeutende Zahl, wie man dem Internet entnehmen kann, soviel Angst, die Sache öffentlich zu debattieren? Ich meine, sind sie irregeleitet?

Paul Gillies: Eine sehr gute Frage. Aber ist der Mann, der das behauptet, denn auch ein Zeuge?

Roger Bolton: Nun, wir nehmen ihm das ab. Es ist sicher so, und es gibt eine erhebliche Zahl von Zeugen, die sich anonym im Internet über ihre Vorbehalte gegen Ihre Politik austauschen. Deshalb kann ich das nicht verstehen, auf der einen Seite ihre ruhige, rationale Einstellung: "Wir wollen über diese Dinge reden", und dann deren Furcht.

Paul Gillies: Das ist eine gute Frage. Aber die müssen Sie wirklich ihm selbst stellen. Wir glauben jedoch, daß da wirklich nur Ärger gemacht wird von Exzeugen und Exmitgliedern, die nicht die Ansichten von 6 Millionen Menschen aus 232 Ländern repräsentieren, die über das Thema nachgedacht und eine Entscheidung gemäß dem getroffen haben, was nach ihrem Verständnis die Bibel lehrt.

Roger Bolton: Zum Schluß ganz kurz: Sie haben Ihre Ansicht zu Transplantationen geändert. Ist es möglich, daß Sie je ihre Ansicht zu Bluttransfusionen ändern werden?

Paul Gillies: Der Unterschied ist, daß die Bibel nichts über Organtransplantationen sagt. Wir haben die Bibel durchgeschaut, und sie sagt einfach nichts darüber. Zu Blut sagt sie ausdrücklich etwas. Als Dr. Barnard seine erste Herztransplantation durchführte, gab es einen Aufschrei über die Prozeduren und die Ethik. Wir haben wie jeder andere auch über die Ethik von Organtransplantationen nachgedacht und uns nun auf eine Ansicht geeinigt, von der wir glauben, daß es die richtige ist, aber das ist etwas anderes als Blut, wo seit der Zeit der Schöpfung durch das erste Jahrhundert hindurch bis heute Einigkeit besteht.

Roger Bolton: Paul Gillies, vielen Dank. Also keine Änderung bei Bluttransfusionen.