Eröffnungsfeier ohne öffentliches Interesse

Die Wachtturm-Gesellschaft nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um die Zeugen Jehovas in die öffentliche Diskussion zu bringen. Zum Beispiel die Einweihung eines Königreichssaal-Zentrums.

Meist hat sie damit auch Erfolg und erreicht eine positive Pressemeldung aus der Feder eines unzureichend informierten Journalisten. Nicht so in Karlsruhe.

Für die Zeugen Jehovas in der Badenmetropole Karlsruhe war es ein großes Ereignis. Nachdem unzählige freiwillige Helfer monatelang in angeblicher "Nachbarschaftshilfe" geschuftet hatten, war endlich das neue Königreichssaal-Zentrum fertiggestellt. Man ludt extra einen Sprecher aus Brooklyn ein, der viel von Jehovas Segen und wenig über die aufopfernde Arbeitskraft seiner Glaubensbrüder sagte. Und man plante einen großen Tag der offenen Tür, zu dem nicht nur jeder Zeuge Jehovas, sondern auch die interessierte Nachbarschaft, die Presse und Vertreter der Gemeinde eingeladen wurden.

Für letztere hatte man sogar einen eigenen Zeitraum vorgesehen und den lieben Brüdern von der Bühne herab verkündet, sie mögen doch bitte nicht am Samstagmorgen in das neue Saalzentrum kommen. Diese Zeit sei nämlich speziell für die zahlreich eingeladenen Medienvertreter und Honoratioren der Stadt vorbehalten.

Offensichtlich wollte der lokale Informationsdienst unter der Leitung des Heilpraktikers Herbert Neumeister nicht, daß sich allzu viele Mitglieder des gemeinen Fußvolks in der neu geschaffenen Immobilie aufhielten. Hatte man doch schon zu oft erlebt, daß einfältige Zeugen neugierigen Reportern gegenüber Äußerungen gemacht hatten, die nicht unbedingt zum offiziellen Image der Zeugen Jehovas paßten. Es ist eben nicht unproblematisch, wenn man den eigenen Gläubigen Dinge predigt, die man nach außen längst aufgegeben hat.

Doch die Sorge war eigentlich völlig unbegründet. Denn es erschienen weder interessierte Medienvertreter noch Vertreter der Gemeinde Karlsruhe. Überhaupt schien außer den Zeugen Jehovas selbst niemand so recht Notiz von der neuen Kultstätte zu nehmen. Die Erwähnung in den Medien beschränkte sich auf einen kurzen Einspalter, indem betont sachlich auf die Tatsache hingewiesen wurde, daß es in der Karlsruher Weststadt jetzt ein neues Königreichssaal-Zentrum der Zeugen Jehvoas gebe.

Wenige Monate zuvor war schon eine Pressemitteilung verpufft, die der Informationsdienst eigens für die Stadtteil-Zeitung geschrieben hatte. Statt dessen erschien kurz darauf ein ausführlicher Bericht über einen Vortrag mit dem Thema "Die Zeugen Jehovas - eine Sekte mit zwei Gesichtern". Auf dieser Veranstaltung hatte sich auch der gesammelte Informationsdienst der Stadt unter die über einhundert Besucher gemischt. In der Diskussion im Anschluß an den Vortrag hatte man dann versucht, mit persönlichen Angriffen die Referentin zu diffamieren und die Diskussion auf Nebensächlichkeiten zu lenken. Eine Aktion, die allerdings nicht lange gut ging und den heftigen Protest der übrigen Anwesenden auslöste, die mit Sicherheit keine positiven Eindrücke von den Zeugen Jehvas mit nach Hause nahmen.

Das Desinteresse von Medien und Vertretern der Öffentlichkeit war jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Informationspolitik engagierter Sektenaufklärer. Diese hatten nämlich im Vorfeld der Eröffnung des Salzentrums mit den entschiedenden Personen der Karlsruher Medienszene Kontakt aufgenommen und diese mit Hintergrundinformationen versorgt. Auch Stadtverwaltung und Gemeinderat waren umfassend darüber informiert worden, um was für eine Organisation es sich bei den so harmlos auftretenden Zeugen Jehovas handelt.

Ein Beispiel, das Schule machen sollte. Positive Pressemeldungen über die Zeugen Jehovas sind nämlich fast immer das Ergebnis mangelnder Information. Ein Journalist, der den Brief der WTG an Hitler gelesen hat, wird kaum noch bereit sein, das Märchen vom Widerstand im Dritten Reich zu glauben. Ein Redakteur, der über die Nähe der Zeugen Jehovas zu Scientology informiert ist, wird bestimmt keine Lobeshymnen über diese ach so ehrlichen Steuerzahler verbreiten. Und ein Reporter, der die verächtlichen Worte des WT-Vertreters Westphal über die Medien gehört hat, wird eine Pressemitteilung sicher mit anderen Augen lesen.