Das verlogene Bild nach außen

Es wird immer deutlicher, wie sehr die internen Lehren der Zeugen Jehovas und die Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit auseinanderklaffen.

Als Vergleich mögen diese zwei zeitgleich erschienenen Artikel der Zeitschrift "Der Wachtturm" über "Gottes Königreich" dienen. Die Überschriften lauten jeweils:

"Der Wachtturm" für die Öffentlichkeit 1. Mai 2008 - S.16ff., [im Folgenden 'Wachtturm extern' genannt]:

p<>"Was wir von Jesus lernen - Über Gottes Königreich"

versus:

"Der Wachtturm" für die Anhänger vom 15. Mai 2008 - S.12ff., [im Folgenden 'Wachtturm intern' genannt]:

"Die Befreiung durch Gottes Königreich ist nahe!"

Im Wachtturm extern ist ausschließlich von der Zukunft die Rede, nirgends wird auch nur ansatzweise erwähnt, dass das "Königreich bereits aufgerichtet" sei, was aber eine der Hauptlehren von Zeugen Jehovas darstellt. Da ist dann auch klar, dass 1914 in dem einen Artikel kein einziges Mal erwähnt wird, im anderen dafür umso öfter.

In beiden Versionen beginnt die Einleitung mit dem Zitat aus dem Vaterunser „Dein Königreich komme“. Die Interpretation ist aber jeweils eine andere:

Wachtturm extern:

"Gottes Königreich ist eine Regierung, die über die ganze Erde herrschen wird."

Wachtturm intern:

"Wie wird Gottes Königreich eine endgültige Befreiung bewirken?"

Intern wird es so hingestellt, dass es schon regiert und sogar schon eine Befreiung gibt, sie ist aber nur noch nicht endgültig.

Wo befindet sich der Regierungssitz?

Wachtturm extern:

Gottes Königreich regiert vom Himmel aus. Bevor Jesus in den Himmel auffuhr, sagte er zu seinen Jüngern: „Wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und will euch heimnehmen zu mir, damit dort, wo ich bin, auch ihr seid. ... ich gehe zum Vater hin“ (Johannes 14:2,3,12; Daniel 7:13,14).

Auch wenn vom „Stätte bereiten“ die Rede ist, es fehlt der zeitliche Bezug im Sinne der Lehre des "bereits aufgerichteten Königreiches". Es könnte genauso gut seit 33 u.Z. stattfinden, oder eher wie hier dargestellt in der Zukunft.

Wachtturm intern:

In über 100 000 Versammlungen der Zeugen Jehovas beteiligen sich etwa 7 Millionen Diener Gottes an einem weltweiten, beispiellosen Predigtwerk, um publik zu machen, dass das Königreich aufgerichtet worden ist. Und letzteres ist wirklich eine gute Botschaft, denn sie besagt ja, dass Gott im Himmel bereits eine Regierung eingesetzt hat, die bald vollständig die Herrschaft über die Erde übernehmen wird.

Er regiert zwar jetzt schon, aber nur noch nicht vollständig.

Wachtturm extern:

Jesus wird böse Menschen von der Erde beseitigen. Er erklärte: „Wenn der Menschensohn [Jesus] in seiner Herrlichkeit gekommen sein wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron der Herrlichkeit setzen.“

Auf diesem Thron sitzt er also noch gar nicht.

Wachtturm intern:

In den Tagen dieser [der heutigen] Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich [im Himmel] aufrichten, das nie zugrunde gerichtet werden wird. Und das Königreich selbst wird an kein anderes Volk übergehen. Es wird alle diese [heutigen] Königreiche zermalmen...

Naja, wenigstens waren sie so ehrlich und haben selbst die sinnentstellenden eingefügten Phrasen in eckige Klammern gestellt. Ohne diese Zufügungen wäre der Bibeltext wertlos als Argument.

So wir verabschieden uns nun von den Lesern der externen Kost mit einem aufmunternden Gedanken:

Wachtturm extern:

Gottes Königreich wird die Erde in ein Paradies verwandeln.

Folgende Informationen sind nur mehr im internen Wachtturm enthalten:

Als Satan, Adam und Eva gegen Gott rebellierten ... 1600 Jahre später ... Flut ... nach weiteren 1300 Jahren ... und noch 3000 Jahre weiter, kommen wir in unsere Tage. Und die Schlechtigkeit ist weiterhin auf dem Vormarsch.

Das Böse existiert also schon sehr lange. Doch noch nie war die Befreiung durch Gottes Königreich so dringend nötig wie gerade heute. In den letzten 100 Jahren herrschten schlimmere Verhältnisse als je zuvor - aber es geht immer noch weiter bergab.

Die Beweise für diese Behauptungen bleibt man allerdings schuldig.

Wachtturm intern:

Wir können uns sicher sein, dass Jehova sein Volk retten .. wird. ... Jehova kann alle befreien, die seinen Willen tun.

Die Rettung gilt natürlich nicht für alle. Aber wer wie Noah predigt, tut ja seinen Willen. Dann folgt noch die Betonung der Rolle der 144.000, 1914, letzte Tage, große Drangsal, ...

Wachtturm intern:

Welch eine große Freude sollte es also für uns sein, die gute Botschaft zu verkündigen und denen, „die zum ewigen Leben richtig eingestellt“ sind, vor Augen zu führen, dass die Befreiung durch Gottes Königreich nahe ist!

Mein Fazit:

Das Geschickte an der Vorgehensweise ist, dass der externe Wachtturm nicht der internen Lehrmeinung widerspricht, somit ist auch ein aktiver Zeuge Jehovas meist blind für diese Diskrepanz und kann keinen Widerspruch erkennen, da der interne Wachtturm seinen Ausgangspunkt für seine Betrachtungsweise darstellt.

Der interne Wachtturm widerspricht allerdings sehr wohl der beschönigenden Darstellung des externen Wachtturms. Ich hoffe, dass dieser Unterschied so viele denkende Zeugen als möglich zum Nachdenken anregt.

"DerDenker"