Rückruf einer Broschüre der Zeugen Jehovas

Mit einem Schreiben vom 18. April 1997 hat die "Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland" alle Ältestenschaften aufgefordert, sämtliche noch am Lager vorhandenen Exemplare der Broschüre "Jehovas Zeugen und die Schule" nach Selters/Ts. zurück zu senden. Eine Begründung für diesen Schritt wird nicht gegeben.

Erschienen war diese Publikation erstmals 1983. Sie erlangte in den letzten Jahren traurige Berühmtheit, weil sie auf nur 32 Seiten eine seltene Fülle von Verboten bietet: So wird nicht nur von der Teilnahme an Aktivitäten wie dem Fahnengruß oder dem Singen patriotischer Lieder abgeraten, was im Kontext des Glaubens der Zeugen jehovas noch plausibel wäre, als verpönt gilt auch jegliche Beteiligung an außerschulischem Sport, an Schulbällen, an Theateraufführungen, an Spendenaktionen usw. Mit der Formulierung "jugendliche Zeugen Jehovas mischen sich nicht in die Schulpolitik ein" wird beispielsweise jegliche Mitwirkung an Schülervertretungen oder ähnlichem kategorisch verneint: "Weder lassen sie (gemeint sind Kinder von Zeugen Jehovas) sich in ein Amt wählen, noch wählen sie andere in ein Amt." Überwiegend sind die Verbote in euphemistischer Verpackung präsentiert: "Jehovas Zeugen machen das ganze Jahr über gern Geschenke und kommen gesellig zusammen"', nur eben Geburtstage lehnen sie ab, was "für einen Lehrer etwas befremdend sein (kann)". Wie der Lehrer darüber denkt, mag dessen Problem sein.

Schwerer wiegt, daß die betroffenen Kinder immer als Außenseiter aufwachsen. Der Rückruf dieser Broschüre bedeutet keinesfalls eine Korrektur der eingenommenen Positionen; die Verbote gelten weiter, auch wenn sie in der nunmehr aktuellen Broschüre "Jehovas Zeugen und Schulbildung" (veröffentlicht 1995) nicht mehr so klar benannt sind. Der Stil der neuen Publikation und die Formulierungen zum Thema sind deutlich konzilianter. So stehen jetzt weniger die Verbote im Vordergrund als vielmehr moralische Grundsätze und die eigenen Bildungsideale, wie üblich als "biblische Bildung" apostrophiert. Vereinzelte Bildunterschriften suggerieren dem Leser Toleranz: "Vernünftige Entspannung, Musik, Hobbys, Sport, der Besuch von Museen und Bibliotheken und anderes spielen bei einer ausgewogenen Erziehung eine große Rolle." Oder: "in den Versammlungen wird das Lesen wärmstens empfohlen, und jede Familie wird ermuntert, eine eigene Bibliothek mit einer großen Auswahl an Veröffentlichungen zu haben." Diese Formulierung klingt deshalb so gut, weil sie verschweigt, daß natürlich nur die Literatur der Wachtturmgesellschaft (WTG) Aufnahme ins Bücherregal finden darf.

Damit ist die WTG auf dem seit einiger Zeit eingeschlagenen Weg einen Schritt weiter: Man bemüht sich, in der Außenwahrnehmung das Image einer repressiven und intoleranten Sekte' loszuwerden, und weicht doch intern von den eingenommenen Positionen keinen Zentimeter ab.

Sehr wahrscheinlich werden die zurückgerufenen Broschüren in Selters eingestampft. Das ist in der Geschichte der WTG nichts Neues: Die Watchtower Society in den USA soll wiederholt alte und uralte Publikationen aus dem eigenen Haus vernichtet haben. Diese werden aufgekauft, damit sie "nicht in die falschen Hände gelangen".