Zeugen Jehovas in Sorgerechtsprozessen

Dr. Jerry Bergman ist Autor eines Standardwerkes über das Thema Zeugen Jehovas und seelische Gesundheit. Er wurde von verschiedenen Seiten angegriffen, was die Gültigkeit seiner Aussagen angeht und nimmt in diesem Dokument Stellung dazu.

Eine kurze Antwort auf Singelenbergs Artikel über Vorverurteilung von Zeugen Jehovas in Sorgerechtsprozessen

Von Dr. Jerry Bergman

Einführung

Singelenbergs Artikel “Stigmas and Stereotypes: Child Custody Decisions and Jehovah’s Witnesses’ Parenthood” (veröffentlicht in Religion Staat Gesellschaft Ausgabe 1/2000 auf Seite 41-60 und Online auf http://www.watchtowerinformationservice.org/custodyrs.htm) verfolgt ein Hauptziel, nämlich darzulegen, daß alle Forschungsergebnisse welche besagen, daß die Geisteskrankheitsrate bei Zeugen Jehovas überdurchschnittlich hoch ist, fehlerhaft sind.

Singelenberg wiederholt viele grundlegend falsche Vorstellungen über die Wachtturmreligion und die Erfahrung, als Zeuge aufzuwachsen. Dies erscheint wenig überraschend, berücksichtigt man, daß er nie ein Zeuge war und sich fast vollständig auf Berichte anderer – einschließlich vieler aktiver Zeugen – verlassen muß, um seine Schlußfolgerungen zu formulieren. Er versucht auch, die Aussagen ehemaliger Zeugen zunichte zu machen – und somit eigentlich anzudeuten, daß Menschen, die niemals Zeugen waren, besser beurteilen können, wie das Leben als Zeuge ist! (Seite 56.)

Dies ist eine überraschende Schlußfolgerung eines Anthropologen. Traditionell wird in dieser Disziplin hervorgehoben, daß Außenseiter nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, eine Kultur zu beurteilen und man deshalb auf Mitglieder und ehemalige Mitglieder angewiesen ist, um eine Gesellschaft zu verstehen. Um eine Gesellschaft zu verstehen, bemüht ein Forscher sich deshalb, die Gedanken und Gefühle von Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern zu verstehen (Kottak, 2000). Es ist zwar korrekt, daß einige Zeugen über ihre Erfahrung verbittert sind (was oftmals verständlich ist, berücksichtigt man ihre Lage) und ihre widrigen Erfahrungen möglicherweise übertreiben; nichtsdestotrotz sind Ex-Mitglieder eine notwendige, wertvolle Informationsquelle um eine ausgewogene Einschätzung einer jeden Bewegung, einschließlich der Zeugen, zu erhalten.

Singelenberg deutet an, daß viele Zeugen nicht unter Problemen leiden, da sie die Lehren der Wachtturmgesellschaft nicht glauben (oder praktizieren), von denen die Kritiker behaupten, sie würden Probleme verursachen. Beispielsweise behauptet er sogar, “wenige Zeugen Jehovas der Gegenwart werden die stumpfe Terminologie aus ganzem Herzen unterstützen, daß ungläubige Kinder Opfer einer blutigen Liquidation sein werden”, und folgert, viele würden es sogar als falsch ansehen ihren Kindern Angst vor der Apokalypse einzujagen. Das mag auf manchen Zeugen Jehovas zutreffen, aber für viele, wenn nicht die meisten Zeugen, trifft dies eben nicht zu. Die Wachtturmreligion lehrt in offiziellen Veröffentlichungen die “stumpfe Terminologie”, daß nicht nur ungläubige Kinder, sondern alle Ungläubigen “Opfer einer blutigen Liquidation” in Harmagedon sein werden. Singelenberg impliziert, daß diese Lehre kein Problem ist oder daß es zumindest kleiner ist, als die Kritiker unterstellen, weil die meisten Zeugen ihre Religion nichternstnehmen. Wenn sie ihre Religion allerdings doch ernstnehmen, impliziert er trotzdem korrekterweise, daß verschiedene Wachtturmlehren ein Problem sein werden.

Daraus folgt ironischerweise, daß ergebene Zeugen die meisten Probleme haben – jene, die eher locker sind, werden weniger Probleme haben; diese Beobachtung machten viele Kommentatoren der Bewegung (Bergman, 1992). Wie viele Autoren bemerkten, sind die liberaleren Zeugen, welche die Wachtturmlehren nicht pedantisch befolgen (und die vieles von dem, was die Wachtturmgesellschaft sagt, nicht für bare Münze nehmen), weit weniger gefährdet. Diese Menschen neigen auch dazu, weniger aktiv zu sein (wie solche, die manchmal nicht in die Versammlung gehen) und es ist auch wahrscheinlicher, daß sie sich von der Gesellschaft lösen.

Die Schlußfolgerung, daß Regeln oft (oder sogar üblicherweise) nicht von den Zeugen befolgt werden, wird von Singelenbergs Bemerkung impliziert, daß “solange sie nicht ernsthaft gegen grundlegende Regeln der Gesellschaft verstoßen, scharfe Strafen wie Ausschlüsse nicht angewandt werden” (Seite 45). Singelenberg impliziert, daß Ausschlüsse (er verwendet den unrichtigen Ausdruck Exkommunikation) ausschließlich für Fälle ernsthaften Fehlverhaltens vorbehalten sind – er zitiert das Beispiel vorehelichen Geschlechtsverkehrs – und nur angewandt werden, wenn jemand kein Zeichen von Gewissensbissen zeigt. Es ist wahr, daß sexuelles Fehlverhalten oft der Grund für einen Ausschluß ist, aber oft ist der Grund auch etwas einfaches wie “Feiertage zu feiern” (oder Geschenke der Eltern an einem Feiertag annehmen) oder die Verbote der Wachtturmgesellschaft nicht zu befolgen wie bei Impfungen, Organtransplantationen, Gerinnungsfaktor-VIII-Therapie für Bluter (alle drei Behandlungen werden nun von der Gesellschaft erlaubt). Viele Einzelpersonen wurden aus Gründen ausgeschlossen, die von den meisten Menschen als unglaublich alltäglich angesehen werden und obwohl dies die Ausnahme ist, gibt es doch eine nicht zu vernachlässigende Zahl solcher Fälle. Manche sind gegen die Lehre die “theokratische Kriegslist” genannt wird, welche Zeugen vorschreibt, “die Wahrheit denen, die kein Recht auf sie haben, vorzuenthalten”, beispielsweise vor Gericht oder in einer ähnlichen Situation; eine Bestimmung, die viele Zeugen als Billigung unehrlichen und unmoralischen Verhaltens deuten.

Singelenberg gibt dies zu, wenn er bemerkt daß er persönlich “von mehreren Dutzend Zeugen Jehovas, einschließlich örtlicher Leiter [weiß], die den größten Teil der Lehre der Bewegung und der Politik der Organisation zutiefst ablehnen. Sie bevorzugen es, ihre Gefühle nicht mit ihren Mitgläubigen zu besprechen, aus Angst, daß die resultierenden Strafen familiäre Kontakte und die Verbindung zu Verwandten stören” (Seite 45, Hervorhebung durch mich). Einige mögen in der Lage sein, mit ihren Zweifeln und Sorgen zurückzuhalten, doch viele andere haben das Bedürfnis, darüber zu reden, wenn auch ausschließlich mit ihren Ehepartnern. Außerdem, was passiert, wenn jemand sich im Gespräch verrät und diese “zutiefste” Ablehnung enthüllt wird? Die Antwort darauf ist, daß gut ein Ereignis eintreten kann, von dem Singelenberg bezeugt, daß die Betroffenen es unter allen Umständen verhindern wollen. Nach meiner Erfahrung verraten sich solche Menschen früher oder später und werden ausgeschlossen.

Es ist bestimmt nicht gesund – besonders für Älteste die einen “größten Teil der Lehre der Bewegung ... zutiefst ablehnen” – gezwungen zu sein, seine Fragen zurückzuhalten “aus Angst, daß die resultierenden Strafen ... familiäre Kontakte und die Verbindung zu Verwandten stören” (Seite 45). Dieser Konflikt kann eine gewaltige Last sein. Man würde meinen, daß er zu einem bestimmten Grad an Elend oder schlimmerem führt. Auch wenn Kulturen sich in ihrer Reaktion auf in ihr selbst auftretende abweichende Meinungen unterscheiden, hebt die amerikanische Kultur besonders hervor, daß jemand “sich selbst treu sein” und “zuerst ehrlich zu sich selbst und dann erst zu allen anderen” sein soll.

Ein weiteres Beispiel, das Singelenberg nennt ist, daß “viele Mitglieder den organisatorischen und doktrinalen Anleitungen der Wachtturmgesellschaft nicht strikt folgeleisten.” Auch ich habe Zeugen Jehovas kennengelernt, die “Geburtstage feiern, an politischen Wahlen teilnehmen und an Weihnachtsfeiern teilnehmen (wenn auch bei geschlossenen Vorhängen), vorehelichen Geschlechtsverkehr haben, das neue Jahr mit einem Feuerwerk begehen und gelegentlich eine Zigarre rauchen...” aber ein solches Doppelleben zu führen wird von Therapeuten nicht als ideale Lösung für ein Problem und üblicherweise als Verhaltensstörung angesehen.

Zweitens, was geschieht, wenn jemand beim Bruch solcher Regeln – alle von ihnen sind oder waren Ausschlußgründe – erwischt wird? Wird jemand sein Doppelleben weiterführen und die Reue nur heucheln, da er oder sie nur bedauert, erwischt worden zu sein? Würde Singelenberg empfehlen, daß Kinder in einer Umgebung aufwachsen, das sie eine Lebensführung lehrt, die man für gewöhnlich als das Leben einer Lüge leben bezeichnet? Tatsächlich haben viele Menschen Schwierigkeiten als Heuchler zu leben, ihr Verhalten zu verheimlichen, das die Organisation, der sie angehören, bis zu einem Grad verurteilt, daß es als Grund für einen Ausschluß betrachtet wird. Die Wachtturmgesellschaft lehrt, daß, wenn Harmagedon kommt, diejenigen, die nicht mehr der Gemeinschaft angehören, ihr ewiges Leben verlieren und mit dem ewigen Zorn Gottes konfrontiert werden. Ein Doppelleben zu führen kann sich auf das Wohlbefinden und die Art und Weise, wie jemand Probleme löst sehr negativ auswirken und auch die physische Gesundheit stark belasten (Ornish, 1998).

Und außerdem stimmen viele grundsätzlich nicht mit der Politik der Wachtturmgesellschaft überein und finden es unangebracht, über diese grundlegende Nichtübereinstimmung hinwegzutäuschen. Ein aktuelles Beispiel: Manche Beobachter finden, daß die Wachtturmgesellschaft Pädophile schützt und viele hochrangige Zeugen haben wegen dieses Themas ihr Amt niedergelegt (und viele andere wurden ausgeschlossen, weil sie ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen). Die Frage ist: “Sollten Personen, für deren pädophile Neigungen Beweise existieren, bei der Polizei angezeigt werden, wie es das Gesetz in vielen Staaten verlangt?”

In Fällen, in denen mehrere Personen aussagen, es liege Pädophilie vor, finden manche, die Person sollte ausgeschlossen und zumindest die Behörden informiert werden. Die Gesellschaft hat dies auch angeordnet, sollte eine Anschuldigung begründet sein, doch wenn kein Geständnis vorliegt, muß es für den speziellen Verstoß mindestens zwei Zeugen geben. Natürlich ist dies in den meisten Fällen dieser Art unwahrscheinlich. Folglich können Anklagen auf Pädophilie leicht abgewiesen werden weil meist höchstens ein Zeuge, das Opfer, die für eine Aussage notwendigen Beweise aus erster Hand hat. Dies ist ein sehr emotionales Thema, bei dem viele Menschen fühlen, daß sie nicht länger Zeuge oder Zeugin bleiben können, besonders wenn sie das Opfer einer sexuellen Belästigung waren. In der Folge müssen diese Zeugen sich entscheiden, ob sie nach bestem Wissen und Gewissen tun, was sie als angemessen empfinden und ob sie deshalb einen Ausschluß aus der Gemeinschaft riskieren.

Auch wenn es stimmt, daß, wie Singelenberg feststellt, in Fällen von Gemeinschaftsentzügen traumatische Auswirkungen nicht zwangsläufig die Folge sein werden (Seite 44), ist es trotzdem Tatsache, daß dies oft der Fall ist. Von den meisten Freunden und Kollegen, in vielen Fällen auch von der ganzen Familie, getrennt zu sein kann außerordentlich traumatisch sein. Wenn der Ehepartner die Sorgen des anderen den Ältesten mitteilt, kann gut ein Ausschluß die Folge sein. Es ist aufschlußreich, daß Singelenberg zugibt, die Angst vor dem Ausschluß sei so groß, daß Zeugen Angst haben, ihrer aufrichtige Ablehnung innerhalb der Wachtturmreligion Ausdruck zu verleihen, und Singelenberg behauptet, dutzende Zeugen Jehovas, einschließlich “örtliche[r] Leiter”, zu kennen, die dieser Kategorie angehören.

Ein sehr wichtiger Faktor im Leben eines Menschen ist sein religiöser Glaube, eine Angelegenheit, von denen viele Menschen glauben, ihr ewiges Glück hänge von ihm ab. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, dieses Thema zu vermeiden und viele werden versuchen, in irgendeiner Weise mit ihren Zweifeln aktiv umzugehen. Es ist nicht ungewöhnlich, daß ein Zeuge mit seinen Zweifeln zu den Ältesten geht um zu versuchen, die Probleme zu lösen und in Folge für etwas ausgeschlossen wird, das er als aufrichtiges Hinterfragen betrachtet (und bei einem ungetauften Neuling kein Problem wäre). Obwohl manche Menschen eine lange Zeit in einer solchen Situation auf einem hohen Niveau kognitiver Dissonanz existieren können, finden viele Menschen das schwierig und leiden schließlich unter einem “Gewissenskonflikt” wie Raymond Franz es tat, und ertappen sich dann selbst dabei, gegen alles zu protestieren, was sie als falsch empfinden (Franz, 1983). Nicht wenige sind von solchen Konfliktenbetroffen. Entsprechend Singelenbergs Schätzung werden weltweit jährlich etwa ein Prozent der aktiven Mitglieder ausgeschlossen; im Jahr 2002 entspricht dies über 60.000 Einzelpersonen, keine geringe Zahl an Menschen, die so hart bestraft werden. Innerhalb von zehn Jahren sind das fast 750.000 Personen, wovon 2 Millionen betroffen wären.

Singelenberg bemerkt richtigerweise im Zusammenhang mit ausgeschlossenen Kindern, daß “das Verfahren vorschreibt, daß der Kontakt streng auf die Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Kindes beschränkt ist” (2001, Seite 49). Viele empfinden diese Politik nicht nur als schädlich, sondern auch als unmenschlich und als einen Schlag gegen zentrale elterliche Verpflichtungen und die normale Liebe der Eltern für ihre Kinder. Es ist auch richtig, wie Singelenberg schreibt, daß zumindest einige Eltern diese Regeln ignorieren und entsprechend Singelenbergs Überlegung mit ihren Kindern Umgang haben. Trotzdem ignorieren viele (und aus meiner Erfahrung die meisten) diese Regeln nicht, sondern befolgen sie statt dessen strikt. Wenn die Eltern die Regeln ignorieren, werden sie wahrscheinlich ebenfalls ausgeschlossen.

Nochmal: Singelenberg deutet an, daß kaum ein Problem besteht, weil wie bei einem schlechten Gesetz das ohne Gefahr ignoriert werden kann, weil jeder es ignoriert, die Zeugen die Regeln sowieso nicht befolgen. Tatsache ist, die meisten Zeugen ignorieren diese Regeln nicht, entweder aus Angst oder aus Loyalität und der aus diesen Konflikten resultierende Ärger ist enorm. Diese Tatsache erklärt die große Menge Literatur ehemaliger Zeugen, der die Verbitterung anzuerkennen ist, und die vielen hundert Webseiten die dieselben Ungerechtigkeiten und Ereignisse diskutieren, die Singelenberg versucht abzuweisen, indem er schlußfolgert, die Gesetze seien hart, würden aber ignoriert,so daß die Härte der Gesetze nicht relevant sei.

Gleichwohl ist es zutreffend, daß verschiedene harte Verfahrensweisen der Wachtturmgesellschaft nun entspannter behandelt werden, beispielsweise die Verdammung höherer Bildung. Doch die kritische Haltung gegenüber Bildung war ein wichtiger Teil der Bewegung seit Russels Tagen und hat deshalb viele Menschen beeinflußt. Wie Singelenberg bemerkt, machen heute mehr Zeugen College- und Universitätsabschlüsse – und dies wird zweifelsohne die Bewegung völlig verändern, zum guten wie zum schlechten. Singelenberg gibt zu, daß höhere Bildung noch immer “unter einigen orthodoxen Mitgliedern der Bewegung” verurteilt wird und somit, obwohl die Politik nun flexibler ist, das Verbot höherer Bildung noch immer ein Problem sein kann. In zwanzig oder dreißig Jahren mag diese Sorge sich aufgelöst haben, doch war dies für viele Jahre ein Problem und das ist es auch heute noch.

Ich zog mich von der Religion der Wachtturmreligion zurück, weil ich sie als unaufrichtig empfand und ihre Politik wie beispielsweise das Verbot von Organtransplantationen und zahllose andere medizinische Behandlungen (viele dieser Verbote wurden seit meinem Austritt aufgehoben, was meine Schlußfolgerungen stützt) als klar gesundheitsgefährdend. Natürlich mußte ich als Ausgeschlossener behandelt werden, was schwierig war, weil die meisten Familienmitglieder und meine besten Freunde damals Zeugen waren. Einige wenige brachen die Regeln und hielten etwas von den alten Kontakten aufrecht, und doch war die Beziehung extrem gespannt und nicht mehr von derselben Wärme gekennzeichnet wie zuvor. Sogar wenn die Regeln mißachtet wurden (und ich wußte sehr gut, daß meine Mutter und viele meiner Verwandten ausgeschlossen hätten werden können, wäre bekanntgeworden, daß sie mit mir Umgang hatten), veranlaßten uns die Regeln somit doch, unsere Kontakte auf ein Minimum zureduzieren und sogar diese eingeschränkten Kontakte waren angespannt.

Ist die Rate seelischer Erkrankungen bei den Zeugen überdurchschnittlich?

Singelenberg versucht auch zu argumentieren, daß der Beweis für eine überdurchschnittliche Häufigkeit seelischer Krankheiten fehlt. Seine Argumente schließen die Schlußfolgerung ein, daß, wenn die Vermutung korrekt ist, daß ehemalige Zeugen Jehovas Opfer seelischer Probleme (wie psychologischer Traumata) nach einem Ausschluß oder nach einem freiwilligem “Rückzug aus der Bewegung [sind], ... es höchst unwahrscheinlich [ist], daß diese relativ große Gruppe mit solchen Charakteristiken unbemerkt bliebe” (Seite 46). Singelenberg behauptet, daß “keine Berichte staatlicher Dienste für seelische Gesundheit oder des Sozialfürsorgesektors, welche einen stetigen Strom hilfesuchender rebellierender Kinder aus Zeugen-Familien, die unter psychischen Problemen leiden anzeigen, vorliegen” (Seite 46). Das aber ist nicht der Fall, wie die Fülle an Literatur, die sowohl im Internet publiziert wird aber auch in gedruckter Form als Buch oder Artikel vorliegt und die traumatische Erfahrungen nach einem Ausschluß behauptet, bescheinigt.

Geht man nach Singelenbergs eigenen Daten, so ist, da es nur 30.000 aktive Anhänger in den Niederlanden und in den Jahren zwischen 1992 bis 1996 nur etwa 1.300 Ausschlüsse gab, zu erwarten, daß nur eine kleine Zahl der Betroffenen professionelle Hilfe suchen würde. Es ist bekannt, daß die meisten verzweifelten Menschen, besonders Arme mit niedrigem Bildungsniveau – Attribute, welche besonders auf gegenwärtige und ehemalige Zeugen Jehovas zutreffen –, keine Hilfe suchen. Zeugen wird strengstens abgeraten, bei irgendeiner nicht-religiösen, weltlichen Instanz Hilfe zu suchen. Sogar nachdem sie die Wachtturm-Religion verlassen haben, versuchen viele niemals, Hilfe zu bekommen – aus verschiedensten Gründen. Ein Grund ist, daß sie als Zeugen lernten, Experten für seelische Gesundheit zu meiden und viele tragen diese Last auch dann weiter, wenn sie die Religion schon wieder verlassen haben.

Singelenberg argumentiert, daß es keine psychischen Probleme gibt, basierend auf dem Fehlen wissenschaftlicher Beweise, doch man kann keine soliden Schlußfolgerungen machen über Studien, die nicht gemacht wurden. Es kann nicht geschlossen werden, daß es keine psychischen Probleme gibt, wenn keine Hilfe professioneller Therapeuten gesucht wird. Ein psychologisches Interview aller 1300 ausgeschlossenen Zeugen (oder zumindest einer Übersicht über ein paar Hundert von ihnen, die nach dem Zufallsprinzip ausgesucht werden), ist notwendig.

Hingegen zeigen Umfragen des Autors unter Psychologen, daß die Zahl an Zeugen Jehovas unter den Patienten oft nicht gering ist. Der Autor war mehrere Jahre bei Arlington Psychological Associates und anderen psychiatrischen Kliniken als Therapeut in verschiedenen Positionen angestellt (erst als auszubildender Therapeut [therapist in training, Anm. d. Übers.] und in den späten 1970ern, nachdem ich viele Jahre zuvor meine Lizenz erhalten hatte, als professioneller Therapeut). Obwohl viele meiner Klienten überwiesen worden waren, hatte ich für eine amerikanische Stadt mittlerer Größe wie Toledo trotzdem eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Zeugen als Klienten. Die Feststellung, “noch [würde] die wissenschaftliche Forschung auf ein weitverbreitetes Problem unter Kindern, die den Glauben ihrer Eltern verließen” hinweisen (Seite 46) ist nicht korrekt und es wurde kein wissenschaftlicher Beweis zitiert, die Behauptung zu stützen.

Singelenberg gibt zu, daß “einige Daten mit anekdotischem Charakter auf Probleme mit der ‘psychologischen Anpassung’ hinweisen”, doch behauptet er dann, daß “eine Bestätigung aus klinischen Beweisen fehlt” (Seite 52). Tatsache ist, daß eine große Zahl veröffentlichter wie nicht veröffentlichter Berichte erstellt wurde, die klar dokumentiert, daß klinische Beweise nicht fehlen und tatsächlich reichlich vorhanden sind. Obgleich Singelenberg über Schlußfolgerungen, daß einige Wachtturmlehren klar negative Einflüsse auf die Entwicklung eines Kindes haben, die Ansicht vertritt sie seien “grundlos”, dokumentiert er dennoch selbst eine Anzahl an Bereichen, in denen die Wachtturmlehren und -politik die soziale und psychologische Anpassung nachteilig beeinflussen können und dies oftmals auch tun.

Die Literatur über Verhaltensforschung drückt sich sehr klar darüber aus, wie Anpassungsprobleme in einer solchen Situation auftreten können. Dies rechtfertigt den Versuch nicht, das Problem mit der Behauptung unter den Teppich zu kehren, “jede Sozialisierung in einer Subkultur, deren Werte mit jenen der dominierenden Gesellschaft im Widerspruch stehen, kann eine kognitive Neuorientierung mit sich bringen, wenn das Individuum sich aus eigenem Antrieb von der Minderheit löst” (Seite 53). Diese Behauptung widerlegt die Schlußfolgerungen der vielen Studien eigentlich nicht sondern stützt sie und negiert die Behauptung, daß die “Andeutung, dies würde zu ernsthaften psychiatrischen Krankheiten führen ... grundlos ist” (Seite 53).

Singelenbergs Schlußfolgerung “75% der Studien neigen dazu aufzuzeigen, daß die psychologischen Profile der getesteten Individuen sich innerhalb normaler Grenzen befinden” mag für viele religiöse Bewegungen zutreffend sein, doch die Forschungund Literatur, deren ich mir bewußt bin – etwa 20 Studien – zeigen, daß dies für Menschen, die als Zeugen aufwuchsen, nicht zutrifft (Seite 54). Singelenberg zitiert nicht eine einzige Studie die zeigt, daß die Rate psychischer Erkrankungen unter Zeugen Jehovas dem Durchschnitt entspricht oder darunter liegt. In der Korrespondenz mit mir behauptete er, solche Studien würden existieren und sandte mir eine Anzahl an Referenzen, von denen ich jede überprüft habe – und nicht eine einzige zeigte, daß die Rate psychischer Erkrankungen unter Zeugen durchschnittlich oder unterdurchschnittlich ist.

Singelenberg verwirft die australische Studie mit groben Verallgemeinerungen, beispielsweise mit der unbegründeten Behauptung, sie sei methodologisch unzuverlässig und der Anschuldigung, der Artikel sei “aufgrund seiner unzuverlässigen Grundlage stark kritisiert worden: ‘schwerwiegende methodologische und faktische Fehler’”. Eine Behauptung, die einer genauen Prüfung nicht standhält. Was ist das für eine Reihe von methodologischen und faktischen Fehlern? Singelenberg nennt nicht einmal einen einzigen. Mehrere Studien, die noch in Arbeit sind oder bereits abgeschlossen wurden zeigen, daß psychische Probleme sehr wohl ein schwerwiegendes Problem darstellen (vgl. Potter, 1984 und Malinoski, 2001). Diese Themen werden in einem weiteren Dokument betrachtet.

Es ist von Bedeutung, daß es keine wissenschaftliche Studie gibt, die aufzeigt, daß Kinder, welche die Wachtturmreligion verließen, keine Probleme haben – obgleich einige Studien in diesem Gebiet abgeschlossen wurden (wie Malinoski, 2001), ist das Fehlen umfassender Umfragen ein Problem. Singelenbergs Bemerkung impliziert, daß eine wissenschaftliche Untersuchung abgeschlossen wurde, die keine Hinweise auf “weitverbreitete Probleme unter Kindern” fand, welche die Wachtturmreligion “verließen”, doch das ist zur Zeit nicht der Fall (wahrscheinlich haben sie sich zumindest von ihren Eltern entfremdet). Trotzdem gibt Singelenberg zu, daß er “mehrere Fälle von ehemaligen Zeugen Jehovas kennt, die an ernsten seelischen Problemen leiden, teilweise aufgrund ihrer Erziehung.” Die Forschung zeigt übereinstimmend, daß es nicht wenige Menschen in dieser Situation gibt, dennoch versucht Singelenberg die Behauptung aufzustellen, die Zahl solcher Fälle sei vernachlässigbar.

Singelenberg gibt auch offen zu, daß “einige autobiographische Berichte auf nachteilige Auswirkungen der Erziehung in Zeugen-Familien hinweisen” (2001, Seite 49). Singelenberg versucht diese Berichte herunterzuspielen, indem er erklärt, die Gründe für diese Probleme seien ein Ergebnis “exzessiver Verwicklung in die Politik der Organisation durch eines oder auch beide Elternteile” (Seite 49). Anders formuliert haben weniger engagierte Zeugen weniger Probleme, eine Schlußfolgerung, die wahrscheinlich stimmt, doch was sagt uns dies über die Wachtturmpolitik? Es gibt Anzeichen dafür, daß im liberaleren Holland, in dem Singelenberg schreibt, psychische Probleme ein kleineres Problem sind. Keine Untersuchung hat jemals behauptet, daß alle oder auch nur die meisten Zeugen Jehovas seelische Probleme haben, sondern nur daß dies ein Hauptproblem ist und wahrscheinlich überdurchschnittlich oft auftritt, insbesondere in der Zeit der Ablösung von der Gemeinschaft der Wachtturmreligion und auch einige Zeit danach. Nicht wenige Zeugen wuchsen in einer, wie Singelenberg es nennt, “exzessiven” Zeugen-Umgebung auf, besonders in den Vereinigten Staaten.

Die von Singelenberg zitierten Fälle

Während ich zu den spezifischen von Singelenberg überprüften Gerichtsfällen nichts anmerken kann, scheint besonders sein zweiter Fall einige der immer wieder erhobenen Anklagen gegen die Wachtturmgesellschaft zu bestätigen. Es scheint so, als sei die Aussage des Experten über “Kulte und Weltanschauungen” schlechtgemacht worden, ohne Beweise dafür anzuführen. Es scheint auch, daß das Sorgerecht in diesem Fall an den Vater übertragen werden sollte. Wie kann jemand unter der Annahme, der Bericht sei korrekt, die Ansicht vertreten, daß die Mutter, welche nicht in der Lage war zu erklären, weshalb ihr Kind bewußtlos war und im Krankenhaus behandelt werden mußte, eine ideale Erziehungsberechtigte ist? Angenommen, das im Fall vorgezeigte Material ist korrekt, so ist es nach meiner Erfahrung ein unfaßbarer Vorgang, daß der High Court die Entscheidung teilweise rückgängig machte und der Mutter das Sorgerecht gewährte.

Meine Erfahrung als Berater in mehreren hundert Sorgerechtsprozessen zugrundegelegt, würde eine Mutter ihre Rechte für immer verlieren, das Kind auch nur ohne Aufsicht zu besuchen, geschweige denn daß sie das Sorgerecht erhielte, wenn Beweise vorliegen, daß die Mutter ihr Kind bewußtlos schlug und es ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. In diesem Land müßte eine Mutter wahrscheinlich eine Haftstrafe verbüßen (Eltern landen nicht selten einfach aufgrund von Quetschungen am Körper eines Kindes, die auf Mißbrauch hindeuten, im Gefängnis). Sollte es außerdem Hinweise darauf geben, daß die Frau ihr Kind weiterhin schlagen wird, hätte das Gericht in den Vereinigten Staaten keine andere Wahl haben, als ihr das Sorgerecht wegzunehmen (und der Autor war überrascht, daß die Frau nicht zu einer Haftstrafe verurteilt und jeder Kontakt zu ihrem Kind unterbunden wurde).

Es sollte außerdem hervorgehoben werden, daß (bezogen auf Jehovas Zeugen, Anm. d. Übers.) zumindest in den Vereinigten Staaten an praktisch allen Sorgerechtsprozessen männliche Nicht-Zeugen beteiligt waren, die sich bemühten, das Sorgerecht für ihr Kind von der Zeugen-Mutter zu bekommen. In etwa 90% der Fälle der letzten Zeit wurde das Sorgerecht größtenteils automatisch der Frau übertragen. Nur in extremen Fällen erhielt der Vater das Sorgerecht. Der Vater wird in diesen Fällen wahrscheinlich jedes mögliche Argument benutzen, um das Gericht davon zu überzeugen, daß er die bessere Aufsichtsperson ist und würde zweifelsohne versuchen, den Glauben der Mutter als Zeugin gegen sie zu verwenden. Wie die meisten Richter schnell lernen, sind Sorgerechts- und Scheidungsstreitigkeiten tendenziell am schwierigsten zu beurteilen und bringen oft die wenigsten verläßlichen Aussagen (oft unbestätigte Aussagen über das Verhalten der gegnerischen Partei) mit sich und da in vielen Fällen beide Eltern gleich gut (oder gleich schlecht) scheinen, sind Entscheidungen in solchen Fällen sehr schwer zu fällen.

Männlich zu sein ist in den USA bei Sorgerechtsprozessen ein großer Nachteil und die meisten Männer empfanden dies als außerordentlich frustrierend. Es ist nicht ungewöhnlich, daß die geschiedene Frau wieder heiratet und Hunderte oder sogar Tausende Meilen weit wegzieht und so jeden Kontakt des Vaters mit seinem Kind oder seinen Kindern stark beschränkt. Auch ist es für Väter nicht unüblich, nach mehrjährigem Kampf vor Gericht einfach aufzugeben und wenig Kontakt mir ihren Kindern zu haben. Gewiß sollte in derartigen Situationen die Rolle des Vaters beachtet werden und die Schwierigkeiten, die Väter in Sorgerechtsprozessen haben.

Singelenberg zitierte Wah, einen Anwalt, der die Zeugen bei vielen Prozessen vertrat und einmal feststellte: “Religion ... kann negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit einer Person haben, wenn sie falsch angewandt, mißbraucht oder exzessiv ausgelebt wird” (Seite 50). Singelenberg reagiert darauf mit der Aussage, daß “man verleitet wird, die Handlungsweise wie die Wachtturmgesellschaft sie vertritt, ebenso zu kategorisieren” und gibt zu, daß diese Religion ernsthafte schädliche Auswirkungen auf die seelische Gesundheit ihrer Mitglieder haben kann (Seite 50). Er zitiert dann nochmals Wah, der feststellt, daß die “Beteiligung an der Verbreitung von Gedanken und am Austausch von religiösen oder politischen Idealen durch die Öffentlichkeit ein Grundstein der amerikanischen Demokratie ist. Warum sollte dem Kind die Möglichkeit verwehrt werden, persönlich zu beobachten und teilzuhaben?” (Seite 50). Dennoch gibt Singelenberg zu, daß den Zeugen selbst das Recht, “persönlich” an diesem Austausch teilzunehmen, verweigert wird, weil sie über ihre Zweifel an der Wachtturmgesellschaft aus Angst vor dem Gemeinschaftsentzug schweigen müssen! (Seite 45.)

Auch ist es ihnen unter Androhung des Ausschlusses aus der Gemeinschaft nicht erlaubt, in eine andere Kirche zu gehen und an diesem Austausch “persönlich” teilzuhaben. Weshalb wurde darüber hinaus dieses Recht nicht den “mehreren Dutzend Zeugen Jehovas, einschließlich örtlicher Leiter, die einen größten Teil der Lehre der Bewegung und der Politik der Organisation zutiefst ablehnen” gewährt? (Seite 45.) Die Religion ist ein entscheidender Bereich, der häufig im Zentrum des Lebens eines Menschen steht, doch Singelenberg ignoriert diese Sorge völlig und billigt Zeugen-Älteste und andere, die, man kann es nicht anders ausdrücken, ein Doppelleben führen (was in religiösen Kreisen oft als heuchlerisches Leben bezeichnet wird). Ein weiteres ähnliches Problem entspricht genau Singelenbergs Beschreibung – Kindern von Zeugen Jehovas ist es verboten etwas “anderes zu lesen als das, was die Wachtturmgesellschaft veröffentlicht, da die Außenwelt als satanisch geschildert wird” (Seite 49).

Singelenberg bemerkt, daß der Wachtturm vom 1. November 1999 eine Änderung der Politik gegenüber der Teilnahme an Wahlen verkündete; diese sind nicht länger ein klarer Grund für einen Ausschluß sondern eine “Angelegenheit des ‘persönlichen Gewissens’” (Seite 51). Diese und ähnliche andere Änderungen werden zweifelsohne die Spannungen zwischen der Wachtturmreligion und Außenstehenden und schließlich auch die Häufigkeit innerer seelischer Konflikte und psychischer Krankheiten verringern. Man sollte sich fragen, weshalb wurde diese Änderung gemacht? Der Autor kannte mehrere Menschen, die ausgeschlossen wurden, weil sie über Dinge wie Schulsteuern oder die Wasserwerke mit abgestimmt hatten. Werden nun, da die Teilnahme an Wahlen von der Wachtturmgesellschaft gebilligt wird, Personen welche aus demselben Grund ausgeschlossen wurden, von der Wachtturmgesellschaft eine Entschuldigung und eine Einladung für einen Wiedereintritt erhalten? Wahrscheinlich nicht. Wofür müssen sie um Vergebung bitten? Für das Nichtbefolgen einer nun veralteten, umgestoßenen Politik? Die Wachtturmgesellschaft besteht darauf, daß Mitglieder selbst ungerechten, später geänderten Grundsätzen folgen, solange sie in Kraft sind.

Lügen für Gott

Singelenberg erwähnt die “Broschüre für die Vorbereitung auf Sorgerechtsprozesse” und nimmt den Umstand, daß diese sich sehr klar zumindest für die Irreführung des Gerichts ausspricht und von vielen als Befürwortung eines, wie es in den Vereinigten Staaten genannt wird, “perjury” oder Meineids (nicht die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, wie es jemand unter Eid vor Gericht schwört zu tun) verstanden wurde, nur indirekt zur Kenntnis. Singelenberg gibt offen zu, daß die Broschüre “offensichtlich im Widerspruch mit [Wachtturm-]Standard-Literatur steht” und die Organisation von ihren Anhängern fordert, “das genaue Gegenteil [dessen] zu tun”, was diese Wachtturm-Broschüre vorgibt (Seite 52). Bedeutet dies nicht, die Lüge zu befürworten (vgl. Bergman, 2002)? Singelenberg gibt auch zu, daß das Buch über die Vorbereitung auf Sorgerechtsprozesse “viele Kommentare von Kritikern und Gegnern hervorrief, da einiges an seinem Inhalt offensichtlich im Widerspruch zur Standardliteratur der Bewegung stand” (Seite 52).

Die Broschüre befindet sich nicht offensichtlich sondern hervorstechend im Widerspruch mit dem von der Wachtturmreligion von ihren Mitgliedern geforderten Verhalten und wurde von anderen wiederholt als offensichtliche Unehrlichkeit eingestuft. Singelenberg führt von sich aus mehrere Beispiele an, in denen die Organisation “ihre Anhänger [fortlaufend] dazu auffordert, genau das Gegenteil [dessen] zu tun”, was sie in der Broschüre empfiehlt (Seite 52). Trotzdem versucht er diese “Inkonsistenz” durch folgende Feststellung, “im Kontext der Weltsicht der Bewegung ist die Ethik einiger Empfehlungen in der Broschüre zumindest außergewöhnlich”, zu entschuldigen, doch sei es auch möglich Schlußzufolgern, “obgleich zynisch, daß Rollenspiele in unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen alltäglich werden” (Seite 52). Wenn das nächste Mal ein Zeuge beim Kindesmißbrauch ertappt wird, sollte er einfach behaupten, ein Rollenspiel zu spielen! Menschen in vornehmer Gesellschaft bezeichnen dieses Verhalten üblicherweise als “Ausrede”, aber wenn man es exakt formuliert, ist es eine glatte Lüge. Während Singelenberg diese Unehrlichkeit “Rollenspiel” (Seite 52) nennt, gibt er zu, “im Kontext der Weltsicht der Bewegung ist die Ethik einigerEmpfehlungen in der Broschüre zumindest außergewöhnlich” (Seite 52). Sie sind nicht “außergewöhnlich”, sie sind unehrlich.

Die Wachtturmgesellschaft und das Verbrechen

Singelenberg behauptet auch, mein Artikel im Social Compass sei “durchsetzt mit unbegründeten Feststellungen wie jene über eine ‘hohe Quote an Mördern unter den Zeugen’”, ohne eine einzige Studie zu zitieren die zeigt, daß sie tatsächlich im Durchschnitt oder darunter liegt (Seite 53). Bereits abgeschlossene Studien zeigen, daß die Rate überdurchschnittlich hoch ist (Bergman, 1976). Teil meiner Doktorarbeit war es, die Abhängigkeiten und die Verbindung zwischen Kriminalität und Religion auszuwerten. Gemäß meiner Untersuchung dieses Teils der Bevölkerung (die ich mich sehr bemühte ‘wegzuerklären’, da ich zu dieser Zeit aktiver Wachtturmrepräsentant war und verschiedene Autoritätspositionen in der Versammlung innehatte, einschließlich jene des Predigtdienstschulaufsehers) lag die Kriminalitätsrate bedeutend über dem Durchschnitt. Weiters versucht eine große Menge Literatur zu erklären, weshalb die Kriminalitätsrate bei Personen, die als Zeugen aufwuchsen, so hoch erscheint (Kostelnuik, 2000; Rosen, 1996).

Zahllose Studien befanden, daß Personen, die in bestimmten Religionen aufwuchsen, stärker gefährdet sind, in ein Verbrechen verwickelt zu werden (Conyers und Harvey 1996, Seite 46). Andere Forscher kritisieren, daß diese Studien andere auslösende Faktoren wie den sozialwirtschaftlichen Status, die gesellschaftliche Klasse und Rasse nicht berücksichtigen. Der Autor hat viele Fälle bearbeitet, in denen Personen beteiligt waren, deren Eltern ergebene Zeugen waren und die schließlich im Verbrechermillieu landeten (Bergman, 1982). In Kapitel 10 von Bergman (1992) werden Dutzende Fälle von Personen dokumentiert, die als Kinder ergebener ZeugenJehovas aufwuchsen und dann Eingang in die Verbrechensstatistik fanden, darin eingeschlossen sind verschiedene überregional berüchtigte Fälle. Es ist für die Gesellschaft wichtig zu verstehen, weshalb die Kriminalitätsrate in einer Gruppe hoch ist, um mit dem Kriminalitätsproblem besser umgehen zu können.

Einer der berühmt-berüchtigtsten und am besten dokumentierten Fälle, der die Beziehung zwischen Religion und Verbrechen lebhaft vor Augen führt, ereignete sich am 26. Februar 1995 in einem Vorort von Allentown im US-Bundesstaat Pennsylvania. Der siebzehnjährige Bryan Freeman und sein fünfzehnjähriger Bruder David schlitzten zusammen mit ihrem Cousin Ben Birdwell ihrem Vater die Kehle durch, stachen mehrmals auf ihre Mutter ein und ermordeten ihren Bruder Eric mit einem Baseballschläger. Dieses Verbrechen, das in der Gemeinde von Salisbury seinesgleichen sucht, ließ der Welt durch seine Brutalität und schockierende Grausamkeit den Atem stocken. Das neue Buch Blood Crimes (Blutverbrechen, Anm. d. Übers.) erzählt die Geschichte der drei als Zeugen Jehovas aufgewachsenen Jungen, wie und weshalb sie Skinheads wurden und aktiv Haß gegen Schwarze, Juden, “dunkelhäutige Menschen” (das englischsprachige Original verwendet den Ausdruck “’mud people’”, wobei mud auch als Schmutz oder Schlamm wiedergegeben werden kann, Anm. d. Übers.) und andere predigten. Die Arbeit dokumentiert detailliert die Beziehung zwischen Religion und Verbrechen. Eine Erklärung, weshalb sie in die Skinheadszene verwickelt wurden, wird auf Seite 145 gegeben: “Bryan hatte schließlich jemanden gefunden, der ihn akzeptierte. In Hitler fand er einen Ersatzvater, jemanden, der Haß in etwas Konstruktives kanalisiert hatte: in nichts Geringeres als die Vernichtung eines jeden, der anders war. Es war eine Philosophie, welche die Massen ansprach, weshalb sie die Zeit überdauerte und nun, fünfzig Jahre nachdem Hitler gestorben war, sollte dessen Vermächtnisder Haß in Bryan Freemans Herzen sein; Haß, ausgelöst von harten und lieblosen Eltern; Haß, der aus einer Religion geboren war, welche von ihm verlangte, ein Außenseiter zu bleiben; Haß, den Kinder säten, als sich über ihn lustig machten weil er keine Geburtstags- oder Weihnachtsfeier hatte; Haß aufgrund zu vieler Tränen und zu wenig Liebe. Doch jetzt hatte er in der White Aryan Brotherhood of Man eine Heimat gefunden” (Rosen, 1997).

Was auf den ersten Blick wie eine Wendung um 180 Grad vom Heiligen zum Sünder erscheint, war tatsächlich eine Wiederbesinnung auf die von der Wachtturmreligion gelehrten Werte. Sowohl die Zeugen Jehovas als die Skinheads sind Gruppen des Hasses; der Unterschied ist das Ziel ihres Hasses und wie sich ihr Haß darstellt. Eine Untersuchung über Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs enthüllt einen der Gründe dafür, daß es zwischen Zeugen und Nazis so oft zu Streitigkeiten kam: sie waren sich in vielen Dingen sehr ähnlich – bei beiden handelte es sich um höchst autoritäre Gruppen die überzeugt waren, nur sie hätten die Wahrheit und die Antworten auf die Weltprobleme. Sie beide lehrten, daß Gegner eliminiert werden würden; für die Nazis war es unabwendbare Bestimmung und Schicksal ihrer Gegner, und die Zeugen lehrten (und lehren) die Vernichtung durch Jehova Gott.

Fred Rosen (1997) zeigt sehr geschickt den gefährlichen Einfluß der Wachtturmlehre auf die Morde der Jungen an ihren Eltern und ihrem Bruder. Das Buch dokumentiert beredt nicht nur das Versagen der Wachtturmgesellschaft sondern auch jenes weltlicher Sozialdienste. Die Familie bat verschiedene Sozialdienste um Hilfe, als ihnen klar wurde, daß sie die Kontrolle über die Jungen verloren hatten und in einer staatlichen Einrichtung entdeckte einer der Jungen der Freemans erstmals die Philosophie der Skinheads, welche alle drei bald ehrfürchtig annahmen. Als ihre Mutter Brenda realisierte, daß sie die Kontrolle verloren hatte, versuchte sie alles – und ging, obwohl sie Zeugin war, sogar zu von der Wachtturmreligion nicht empfohlenen Beratungsstellen und Institutionen wie Psychologen und der Anti-Defamation League.

Die Rebellion der Jungen begann 1991, als Bryan dreizehn war und David elf. Die Jungen entschieden sich, die Veranstaltungen der Wachtturmreligion nicht mehr zu besuchen. Sie wurden deshalb als schlechte Gesellschaft gebrandmarkt und folglich von der gesamten Versammlung zurückgewiesen. Bis dahin hatten sie bereits viel Ablehnung erfahren, weil sie an vielen Schulaktivitäten, einschließlich dem Flaggengruß, Geburtstagsfeiern und vielen anderen Wachtturmtabus nicht teilnahmen – ein Verhalten, das sie von ihren Schulkameraden stark entfremdete. Der Rest der Welt war falsch, sollte Brenda den Jungen erzählen – die einzige für Gott annehmbare Religion ist die Wachtturmreligion; daher mußten sie akzeptieren, von ihren Schulkameraden abgelehnt zu werden. Rosen stellt fest, daß es ihnen verboten worden war, Feiertage zu feiern und daß “die Freeman-Brüder nie Geburtstagsgeschenke erhielten, da Geburtstagsfeiern von der Wachtturmdoktrin verboten waren. Sie mußten sich die Geschichten ihrer Freunde anhören, wie wunderbar ihre Eltern sie an ihren Geburtstagen behandelten. Den Brüdern wurde gesagt, ihr Geschenk sei, “in der Wahrheit” (wie Zeugen ihren Glauben untereinander nennen) zu sein (Rosen, Seite 99).

Zusammenfassend heißt es: “Das Leben der Jungen außerhalb der Familie gestaltete sich aufgrund des elterlichen religiösen Glaubens schwierig. Kinder, die als Zeugen Jehovas aufwachsen, tun dies in einer Atmosphäre der Isolation. Es ist ihnen verboten, sich an außerschulischen Freizeitaktivitäten zu beteiligen. Freundschaften mit Kindern, die keine Zeugen sind, werden abgelehnt. Bei den seltenen Gelegenheiten, an denen David und Brian den Glauben ihrer Eltern, der ihnen aufgedrängt worden war, anzweifelten, wurde ihnen mit Zitaten aus der Bibel-Übersetzung der Zeugen geantwortet, die diesen Glauben stützten. Gehorsam war das Schlüsselwort” (Rosen, Seite 98).

Der Vater, ebenfalls Zeuge, gab nachweislich seine Versuche auf, die Jungen zu disziplinieren, obwohl er über sechs Fuß (etwa 1,82m, Anm. d. Übers.) groß und nicht von schmächtiger Statur war und übertrug den Großteil der Erziehung seiner zierlichen Frau. Zu dieser Zeit war es schon zu spät. Im Inneren David Freemans “entzündete sich Haß auf die Autoritätspersonen in seinem Leben, besonders auf seine Mutter, seinen Vater und die Wachtturmreligion. Dieser Haß durchdrang jede Facette seines Lebens” (Rosen, Seite 123).

Hatten die Jungen die Härte, die ihnen von anderen schon so lange Zeit aufgrund ihrer Religion entgegengebracht wurde verinnerlicht, so daß sie hart gegenüber den Gefühlen anderer wurden? Obwohl ihre Eltern gegen die Wachtturmpolitik verstießen und Hilfe von Außen suchten, fragte Rosen sich, ob, hätten sie früher “gemeinsam um Hilfe gebeten und an einer Therapie teilgenommen, die Dinge sich anders entwickelt hätten. Doch das zu tun, hätte bedeutet zuzugeben, daß die Lehren der Zeugen Jehovas nicht ausreichten, um die Familienkrise zu überwinden. Dies wäre einem Verstoß gegen die Regeln der Religion gleichgekommen und hätte bedeutet, den Ausschluß aus der Gesellschaft und die Verdammung zu riskieren” (Seite 126).

Manche Kinder sind in der Lage, mit den vielen Konflikten zwischen ihrer Religion und ihrer gesellschaftlichen Umgebung umzugehen. Bryan war dazu erwiesenermaßen nicht in der Lage, da er “lange einsame Nächte damit verbrachte, andie Decke zu starren, sich ungeliebt und ungewollt fühlte und sich fragte, was er so falsches getan hatte, um schließlich von seinen Eltern und ihrem Glauben entfremdet zu sein; einem Glauben, der weiterhin dazu beitrug, ihn von seinen Schulkameraden zu entfremden... Er gehörte nirgendwohin...” (Seite 127). Zu dieser Zeit trat der Skinhead Seth Monroe in sein Leben und Bryan konvertierte. Bald wurden auch sein Bruder sowie sein Cousin Ben Birdwell (letzterer wuchs ebenso in der Wachtturmreligion auf) Skinheads. Mark Thomas, der Mann, dem sie nun folgten, war ein “sehr intelligenter Mann der seinen antisemitischen, rassistischen Glauben aufbauend auf logischen Argumentationen, die von der Bibel ‘abgeleitet’ waren, formulierte. Für Kinder wie die Freemans und deren Cousin, die mit der Bibel aufgewachsen waren und sie vorwärts und rückwärts kannten und die ein pervertiertes Wertesystem besaßen, war Thomas’ Interpretation der Schriften dieselbe wie jenes der Zeugen – nur schmackhafter” (Seite 150).

Schon bald folgten David, Bryan und Ben ebenso unkritisch der Rhetorik Thomas’, wie die Zeugen der Wachtturmgesellschaft unkritisch folgen. Rosen behauptet, daß “David und Bryan Freeman und Ben Birdwell unter jenen gläubigen Anhängern waren die alles absorbierten, was Thomas predigte” (Seite 170). Ironischerweise waren zu ihrer Zeit als Zeugen Drogen und Rauchen ein großes Problem – doch als sie Skinheads wurden, hörte der Drogenmißbrauch auf denn “wenn du ein Skinhead bist, trinkst du, aber du nimmst keine Drogen [weil] Skinheads total gegen Drogen sind” (Seite 155). Nachdem die Jungen ihre alte autoritäre Glaubensstruktur durch eine neue ersetzt hatten, waren sie ihrer neuen Skinheadphilosophie treu, wie sie es einmal ihrer alten Philosophie gewesen waren. Aufgrund ihrer isolierten Erziehung als Zeugen waren ihre sozialen Fähigkeiten mangelhaft und ungeachtet ihrer Anpassung an die Skinheadphilosophie waren Konflikte mit anderen Skinheads zweifelsohne nicht unüblich.

Ihre Freunde glaubten, daß die Jungen “Skinheads wurden weil sie sich ausgeschlossen fühlten, weil ihre Familien sich nicht um sie kümmerten” (Seite 155). Von ihren Eltern wurde gesagt, intelligente Menschen zu sein und “es war unmöglich, daß ihnen nicht bewußt war, wie ihre Söhne sich fühlten, dennoch taten sie offensichtlich nichts um ihnen Liebe zu geben.” (Seite 156.) Derselbe Freund beobachtete, daß ihr jüngerer Bruder Eric bevorzugt behandelt wurde, weil er der Wachtturmreligion hörig war (Seite 156).

Es ist nicht ungewöhnlich, eine autoritäre Religion für eine andere zu verlassen und der Ähnlichkeiten der neuen Gruppe, mit der die Freemans sich einließen mit der Wachtturmreligion sind viele. Beispielsweise lehrt die Wachtturmreligion, Harmagedon sei eine Schlacht zwischen Gott und bösen, sündigen Menschen – und die Skinheads lehren, daß Harmagedon eine Schlacht zwischen guten Menschen und den Menschen Satans ist, und daß Gott die guten Menschen, die Weißen, befehligt um die Menschen Satans – einschließlich Schwarze, Juden und andere – auszurotten (Seite 170). Das Königreich der Zeugen wird bald auf der Erde errichtet und von der Wachtturmreligion regiert werden. Das Königreich der Skinheads wird ebenfalls bald auf Erden errichtet sein, doch wird es von weißen Angelsachsen, dem wahren Volk Israels und Gottes, regiert werden (Seite 170).

Die Morde waren gemäß den Aussagen im Prozeß geplant. Die Jungen gingen zuerst ins Kino um “Murder in the First” zu sehen und planten dann offenbar in einem Restaurant der Wendys-Kette die Morde, bevor sie nach Hause gingen um ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Es gibt widersprüchliche Berichte über das, was geschah, und natürlich kennen nur die Jungen die Wahrheit. Doch drei Menschen wurden ermordet und alle drei Jungen waren in die Morde verwickelt. Von vereinzelten Ungenauigkeiten bezüglich der Wachtturmlehren abgesehen hat der Autor seine Hausaufgaben gemacht und legt eine ausgezeichnete Kritik der Wachtturmtheologie vor. Das Buch wäre sogar sehr gut geeignet für alle, die die Wachtturmreligion und die Folgen ihrer Lehre kennenlernen möchten. Dies ist nicht der erste Fall eines Vatermords unter Zeugen – der Autor kennt viele weitere –, noch wird es der letzte sein.

Singelenberg merkt an, daß ich aus psychiatrischen Untersuchungen von Zeugen zitiere, welche aus Gewissensgründen verweigerten und behauptet, daß in der Zeit, in welcher diese Artikel geschrieben wurden, die Gesellschaft die Verweigerung des Militärdienstes aus Gewissensgründen als psychisches Problem ansah (Seite 53). Diese Personen wurden nicht aufgrund ihrer Gewissensverweigerung als Menschen mit psychischen Problemen angesehen, statt dessen stellen die Berichte klar, daß die Forscher allgemeingültige psychiatrische Kriterien anwandten. Es ist wahr, daß ihr Status als Gewissensverweigerer die Bewertung beeinflußt haben mag und daß jemand, der nicht viel Erfahrung mit der Arbeit in diesem Bereich hat, verschiedene psychiatrische Schlußfolgerungen möglicherweise als extrem empfindet. Trotzdem wurden diese Schlußfolgerungen von qualifizierten Ärzten in Ausführung ihrer Pflicht durchgeführt und man muß ihre Schlußfolgerungen zumindest berücksichtigen.

Schlußfolgerungen

Wenn jemand mit dem Ergebnis einer Studie im Bereich der Verhaltensforschung nicht übereinstimmt, ist es nicht schwer, einen (scheinbaren) Grund zu finden, sie zurückzuweisen; als Beispiel sei die vage Anklage methodologischer Probleme genannt. Singelenberg impliziert, daß jede Studie unberücksichtigt bleiben sollte, die mit Mängeln, oder was er dafür ansieht, behaftet ist. Diese Denkweise könnte angewandt werden, um die meisten Studien im Bereich der Verhaltenswissenschaften nicht zu berücksichtigen. Im Forschungsbereich der krebsauslösenden Faktoren, in dem der Autor gegenwärtig tätig ist, speziell jener des Lungenkrebses, wurden Tausende Studien angefertigt die aus verschiedensten Gründen jahrelang routinemäßig nicht berücksichtigt wurden (einige der Hauptkritiker waren Spitzenwissenschaftler im Bereich Genetik), doch die überwältigende Zahl an Beweisen, die immer noch größer wird (es gibt schätzungsweise 30.000 Studien, welche auf eine bedeutsame Beziehung zwischen Rauchen und einer breiten Vielfalt an Krankheiten hindeutet) beginnt nun alle, mit Ausnahme der widerspenstigsten Beobachter, zu überzeugen. Wird mit den Studien über die seelische Gesundheit der Zeugen Jehovas dasselbe passieren?

Referenzen

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Anmerkung zur deutschen Übersetzung:

Die im englischen Original verwendeten Zitate wurden ohne Rücksicht auf möglicherweise bereits existierende Übersetzungen wiedergegeben. Die Angabe deutscher Übersetzungen referenzierter Titel erfolgt ohne Gewähr, Rücksicht auf Verfügbarkeit oder Anspruch auf Vollständigkeit.